Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-01-10 · 2 (10.1.1902) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
2 (10.1.1902)
Date
1902-01-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021439-3021442--11443-3035981
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 20 Dr. Bloches Wochenschrift. Nr. 2 Verfassung tödten, sondern den Lebensnerv der Monarchie durchschneiden könnten. Das müssen Diejenigen am besten wissen, die die Nächsten an der Quelle sind, um die Gefahr zu beurtheilen, und denen man daher nicht erst zuzurufen braucht: Caveant consules, ne quid detrimenti res publica Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffeu zur Tagesgeschichte. (Luegerbilder im Papierkorb. — Der christlichsociale Parteitag. — Die Schulden von Wien. — Vergani lobt die Inden.) Weder christlich noch social, so nennt auch der hervorragende Schulmann Professor Vernaleken die Partei, die in Niederösterreich einen Theil der Bevölkerung bethört hat. Da wird seit einiger Zeit, wie ans den Tagesblättern schon bekannt, an die Schulkinder eine angebliche Jugendschrift vertheilt, betitelt „Wiener Kinder". Das erste Heft dieser famosen Zeitung war mit dem Bilde des Dr. Lueger geschmückt und mit einem diesen Mann verherrlichenden Texte versehen. Die Lueger-Anbetung wird schon den Schulkindern beigebracht. Dann enthielt das Heft Beiträge von Profesior R ü s ch und von Professor Vernaleken. Beide Herren protestirten gegen diesen Mißbrauch ihres Namens, Professor Vernaleken mit dem Bemerken, er habe das Heft, als er das Bild L u e g e r's sah, sofort in den Papierkorb geworfen, wohin es gehört, und er würde niemals seinen Namen einer Partei zur Verfügung stellen, die sich christlichsocial nennt, aber weder christlich noch social ist. * * * An der Hand dieser von einer geistig hochstehenden Persönlichkeit als vollgiltig anerkannten Definition der christlichsocialen Sippe wird man den politischen oder culturellen Werth des sogenannten Parteitages zu beurtheilen vermögen, von welchem die Antisemttenblätter ganz verzückt zu melden wissen, daß er den großen und den kleinen Musikvereinssaal dicht gefüllt hat. Man stelle sich nur vor: den großen und den ' kleinen Musikvereinssaal, und wir müssen gestehen, daß wir von der soliden Bauart der beiden Säle eine hohe Meinung erlangt haben, nachdem sie alle die Dummheiten und alle die Lügen, die da zum Besten gegeben wurden, ohne Schaden ausgehalten haben. Die ländliche Bevölkerung hatte man herbeigezogen, um ihr einen blauen Dunst vorzumachen, und Dr. Lueger sprach sogar über äußere Politik und über den Burenkrieg. Die armen Bauern, denen er seinen Schwefel vormachte, konnten gar nicht anders glauben, als daß der Bürgermeister von Wien der Reichskanzler von Oesterreich sei, auf dessen Meinung die Völker Europas horchen, und der Mechanikus Schneider bewies wieder einmal, daß die Juden an Allem schuld seien und nächst ihnen der.Sectionschef Baron Weigelsperg. Posiirlich wie immer war Herr Bielohlawek. Er referirte über die Presse, ein Thema, das der gewesene Greisler zu beurtheilen gewiß berufen ist. Er zetterte gegen die „Judenpresse" und beklagte, daß die „christliche" Presse so wenig Verbreitung finde. Nein, lieber Herr Bielohlawek, die angeblich christliche, in Wahrheit antisemitische Presse, die Sie meinen, hat heute und für alle Zeit gar geringe Chancen. Ihre Verbreitung scheitert an der Intelligenz des lesenden Publicums. Jenes Publicum, das keine Zeitungen liest, das ist freilich für die christlich-sociale Partei zu gewinnen, und ihm kann man auch einreden, wie es auf dem Parteitage geschehen ist, daß die wirthschastlichen Anschauungen eines Ernst Schneider, wenn sie allgemeine Geltung erlangen, der Noth des Kleingewerbes und der Noth der Landwirthschaft abzuhelfen geeignet sind. Ueberblickt man den Verlauf dieses Parteitages, auf welchem alles mögliche und unmögliche Zeug zusammengesprochen wurde, ohne daß irgend ein neuer Gesichtspunkt oder irgend ein neuer Gedanke von den Concertrednern der Christlich-Socialen vorgebracht worden wäre, so weiß man wirklich nicht, wozu die ganze Comödie eigentlich aufgeführt wurde. Die ganze Veranstaltung hatte eben keinen anderen Zweck, als das schäbig gewordene Renommee der Christlich-Socialen, welchem die unerschrockene Action des Abgeordneten B ö l k l aus dem flachen Lande empfindlich Abbruch gethan, ein wenig auszubügeln. Das bewährte Recept, die Vergeudung des Wiener Communalvermögens als ein Verdienst und das Schuldenmachen im großen Styl als einen Triumph der Verwaltungskunst hinzustellen, wurde von den Christlich-Socialen im Gemeinderath und Landtag auch anläßlich des 285 Millioneu-Anlehens in Anwendung gebracht. Mit größerer Leichtfertigkeit hat wohl noch niemals eine für das Geld der Steuerträger verantwortliche Gemeindeverwaltung ein Anlehen votirt, über dessen Tragweite sie absolut nicht informirt ist. Schwebende Schulden, die zur Bestreitung laufender Auslagen ausgenommen wurden, zahlreiche Herstellungen, die in die gleiche Kategorie gehören, werden aus diesem großen Darlehen bestritten werden, welches für eine Reihe von Jahren das kommunale Deficit vertuschen soll. Leichten Herzens entrirt diese Majorität waghalsige Unternehmungen für Rechnung der Gemeinde und das bleibende Andenken an diese Aera wird eine Schuldenlast sein, wie sie keine Metropole der Welt aufzuweisen hat. Für das Rechtsgefühl dieser Partei bezeichnend ist eine Aeußerung des Herrn A x m a n n, mit welcher er eigentlich recht unvorsichtig aus der Schule geschwätzt hat. Er sagte: „Durch den ersten Vertrag, als die Tramwaygesellschaft in Bau- und Betriebs gesellschaft umgewandelt wurde, haben wir bewiesen, daß wir eine capitalistische Gesellschaft zu Grunde richten wollen, die auch thatsächlich im Interesse der Bevölkerung zu Grunde gerichtet wurde." Wenn dieses Geständniß einer schönen Seele, wie nicht zu zweifeln , ist, den Anschauungen des christlich-socialen Regimes entspricht, so begegnen wir da in der Hauptstadt eines civilisirten Staates Rechtsanschauungen, die in den Abruzzen auf allgemeinen Beifall rechnen dürfen. . -i- * * Das Jahrbuch der Stadt Wien erfüllt das edle Herz Bergani's mit tiefem Kummer; er entnimmt daraus, trauernd und erschreckend, die fortschreitende „Berjudung Wiens". Wenn das so weiter geht, wird die Druckerei des „Deutschen Volksblatt" ihren Vorrath an Ausrufungszeichen vermehren müssen. In seiner Bestürzung darüber, daß die Juden, wie er behauptet, in Wien sich dreimal so rasch vermehren als die übrigen Bewohner, verliert er so weit das Bewußtsein, daß er den Juden unfreiwillig Reclame macht. Er constatirt nämlich, daß die Zahl der jüdischen Studirenden an der Universität in steter Zunahme begriffen ist, und sagt: „Die Juden lassen ihren Kindern die sorgfältigste Erziehung angedeihen, indem sie dieselben in unsere Mittelschulen senden." Herr Vergani vergißt nur, ausdrücklich hinzuzufügen, daß dieses Streben nach Bildung und nach sorgfältiger Erziehung den Juden zur Ehre gereicht und sie zu nützlicheren und werthvolleren Mitgliedern der bürgerlichen Gemeinschaft heranbildet, als dies ohne diesen Bildungstrieb möglich wäre. Isegrim. Die socialen und wirthschastlichen Interessen der ungarischen Staatsangehörigen in Oesterreich. Unter vorstehender Ueberschrift hat die „Oesterreichische Wochenschrift" in Nr. 45 vom 8. November v. I. an die Ausländer in Wien einen Mahnruf ergehen lassen, sich zu einer gemeinsamen Schutzaction zusammenzuthun. Die meisten von ihnen sind kaum ngch durch die Erinnerung mit ihrer alten Heimat verknüpft, ja sie sind im vollen Sinne des Wortes heimatlose Juden, denn durch die mehr als zehnjährige Abwesenheit von Ungarn haben sie ihre Zugehörigkeit zum ungarischen Staatsverbande verloren, ohne das österreichische Staatsbürgerrecht erworben zu haben. Dieser Zustand der Heimatlosigkeit birgt eine ernste Gefahr in sich. Nicht nur deshalb, weil die Nachlässigkeit der Eltern sich an den Kindern bitter rächen muß, die gewisse Berufe und Erwerbszweige, deren Ausübung an die Bedingung der Staatsangehörigkeit geknüpft ist, nicht ergreifen können, sondern mehr noch deshalb, weil all' diese aus Ungarn stammenden Juden eines Tages unsanft aus der vermeintlichen Sicherheit ihrer Existenz aufgescheucht werden können. Wir leben in ernsten Zeiten! Der nationale Haß nimmt immer brutalere Formen an, der Antisemitismus scheut vor Gewaltthätigkeiten nicht zurück. Wenn es möglich ist, daß trotz allen Völkerrechts österreichische und russische Staatsangehörige aus dem Deutschen Reiche ausgewiesen werden, lediglich aus dem Grunde, weil sie dort „lästig" fallen, wer bürgt dafür, daß nicht morgen oder übermorgen die österreichische Staatsgewalt, dem sanften Drucke der christlich-socialen öffentlichen Meinung nachgebend, mit den ausländischen Juden in gleicher Weise verfährt?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.