Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-01-10 · 2 (10.1.1902) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
2 (10.1.1902)
Date
1902-01-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021439-3021442--11442-3035980
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 2 Dr. Bloch's Wochenschrift. Gerte IS Nerfalsungssorgrn. Nach einem alten Aberglauben ahnen die Eulen den herannahenden Tod eines Menschen, und das Käuzlein meldet durch Klopfen an Dach und Fenster an, daß eine Seele im Verscheiden sei Wir werden an diesen Aberglauben durch das Treiben gewisser Persönlichkeiten erinnert, die mit eulenartigem Krächzen das Sterben der Verfassung prognosticiren wollen. Es sind nicht blos einzelne Personen, die das traurige Handwerk des Todesverkündigers prakticiren, sondern man erkennt durch Vergleichung der über das ganze Reich verbreiteten Kundgebungen, daß sie alle — so verschiedenartig sie auch zu sein scheinen, doch aus einem und demselben Lager stammen. Wir meinen jedoch, daß sie das Zügenglöcklein zu früh angezogen haben, da gerade die unverhüllte Genugthuung Derjenigen, die den Tod der Verfassung kaum erwarten können, weil sie hoffen, daß sie das Erbe antreten werden, die Aerzte aneifern wird, das Aeußerste aufzubieten, um die allerdings schwer kranke Verfassung zu retten. Dr. Koerber hat mit anerkennenswerther Aufrichtigkeit die Abgeordneten dreimal und immer nachdrücklicher aus die Gefahr aufmerksam gemacht, von welcher die Grundlage bedroht ist, auf der ihre parlamentarische Existenz beruht, wenn sie nicht Einkehr und Umkehr halten und durch Ausübung der Parlamentsrechte und Parlamentspflichten selbst zu allererst die Wunden heilen, die sie vor allen Anderen der Verfassung geschlagen haben. Kurzsichtige oder von der Eitelkeit verblendete Rathgeber haben zwar gemeint, der Warnungsruf sei zu früh erklungen, es hat jedoch nicht blos der Gang der Ereignisse den Beweis erbracht, daß der Warnungsruf rechtzeitig erscholl, sondern es haben seither die Stimmen der Todtenvögel sich immer lauter vernehmbar gemacht und das nahe Ende prognosticirt. Man hört sie auf dem christlich-socialen Parteitage, sie erheben ihren Ruf im böhmischen Landtage, in Mähren und in Kram, in Tirol und in Oberösterreich melden sich die Eulen und Uhus. Mag auch hie und da noch ein Wort der Hoffnung mit durchklingen, so hört man doch aus allen Stimmen die Wünsche heraus, daß nämlich das System zu Grabe getragen werde, das 40 Jahre lang wenigstens formell das herrschende war. Sowie es vor 40 Jahren, den Feudalen und Clericalen als ein Dorn im Auge, den Einzug gehalten hat, so ist es auch von ihnen seither theils im Geheimen, theils in offenem Kampfe untergraben worden, und wenn es wirklich zu Falle käme, so wären sie nicht blos deshalb als die unmittelbaren Urheber des Sturzes anzusehen, weil ihre Thätigkeit am meisten dazu beigetragen hat, sondern auch deshalb, weil sie es gar nicht verbergen und nicht verleugnen können, daß sie sich als die lachenden Erben betrachten. Sie haben sich in Böhmen von den hussitischen Czechen, die sich allezeit als Knechte der Reaction verwenden ließen, die Kastanien aus dem Feuer holen lassen, sie haben die Ausgleichsaction in Mähren Hintertrieben, ihr Dr. Schlindra führt in Kram die Zügel der Reaction, und sie sind es, als deren Marionetten die Wiener Christlich-Socialen die Comödie des Deutschthums und der Verfassungstreue aufspielen, während sie bekanntlich schon im Jahre 1897 angefangen haben, die Aufhebung der Verfassung zu begehren und planmäßig die Staatsgrundgesetze und die Verfassung zu discreditiren. Die „Sprache der Canaille", welche von dieser Partei in die niederösterreichische Landesstube und in den griechischen Tempel am Franzensring getragen wurde, war nicht blos der Ausdruck des Bildungs- und Culturgrades der Individuen, sondern man muß darin ein beabsichtigtes systematisches Attentat erkennen, durch welches in der Bevölkerung die Achtung vor dem Parlament untergraben, die Verfassung discreditirt, der Glaube an den Parlamentarismus erschüttert werden sollte. Die Masse mußte mit der ihr eigenen Sprache geködert werden, daß sie mit dem Respect vor der Versammlung auch den Glauben an die Wirksamkeit der Staatsgrundgesetze verliere, und die Urtheils fähigen oder die sogenannten gebildeten Elemente sollten nicht nur angewidert, sondern gleichgiltig gemacht werden, wenn einem „System" das Lebenslicht ausgeblasen wird, das solche Alrsgeburten angeblich zeitigt. Wo die christlich-sociale Partei das Werk der Clericalen, deren Drittel zum Zweck sie ist, vollbringt, da hat sie wirklich den Ekel hervorgerusen, und wo der Nationalismus, der deutsche, czechische oder slovenische, als Mauerbrecher benützt wird, da wurde der Haß gegen die Verfassung g züchtet, welche durch den Liberalismus hervorgerufen wurde und den man mit ihr endgiltig ins Grab legen will. Was man mit der Erdrosselung der Verfassung von clerical-antisemitisch-nationaler Seite beabsichtigt, das ist leicht erklärlich. Die durch die Staatsgrundgesetze gewährleisteten Grundrechte sind wenigstens theoretisch ein Hinderniß für die Ausbreitung ihrer Macht. Je durchsichtiger aber gerade in dieser Richtung ihre Pläne sind, desto mehr, sollte man meinen, müßte die Bevölkerung 'zur Erkenntniß gelangen, daß sie den dümmsten Streich macht, wenn sie das letzte Bollwerk, das dem Concordatssystem sich noch entgegenstellt, fällen läßt, ja sogar sei es freudig, wie die dumme Menge, fei es theilnahmslos, wie die sogenannten Gebildeten zusieht, daß das Selbstbestimmungsrecht des Volkes ihm durch eine solche Escamotage entzogen werden soll. Die Krankheit des Parlamentes, so schwer sie auch sein mag, wäre nicht unbesieglich. Was aber unsere Hoffnung auf eine Genesung tief herabstimmt, das ist die Krankheit des Volksgeistes. Dieser müßte erst gesunden, damit auch das Parlament wieder lebensfähig werde. Die Lethargie und Apathie müßte besiegt werden, in der sich ein großer und einflußreicher Theil der Bevölkerung dem gesammten öffentlichen Leben gegenüber befindet, das von den Christlich-Socialen dem Volke eingeimpfte Gift müßte aus dem Körper entfernt werden — wenn das geschähe, brauchte uns um die Verfassung nicht bange zu sein. Leider sehen wir aber keine Anzeichen, daß dieser Gesundungsproceß schon im Gange oder auch nur in seinen Anfängen vorhanden sei, und deshalb halten wir die Krankheit des Parlamentes für eine so gefahrdrohende. Aber sterben muß es darum noch lange nicht. Wohl haben die Todtengräber schon die Schaufeln eingesetzt — aber es ist doch noch eine Macht vorhanden, die ihnen die Schaufeln aus der Hand schlagen wird. Nicht etwa Ungarn, noch weniger der Liberalismus, nein, die Nothwendigkeit, die eiserne Nothwendigkeit, welche Oesterreich gebietet, um seiner Existenz willen nicht die Experimente von Belcredi und Hohenwarth ein drittesmal zu wagen, Experimente, die nicht blos die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.