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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-01-10 · 2 (10.1.1902) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
2 (10.1.1902)
Date
1902-01-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 18 Dr. Blorh's Wochenschrift. atr. 2 bei kleinen Kindern sehr verbreitet ist. namentlich bei Mädchen ... Es handelt sich also gar nicht um eine vereinzelte Thatsache, die erst belegt und erwiesen werden müßte, sondern ein Jeder kann sich in seiner Umgebung von ihr überzeugen. Interessant ist, daß es die kleinsten Kinder sind, solche, denen der Begriff Jude noch völlig fremd ist, bei denen die Racenantipathie sich am sichersten und heftigsten kund thut, später stumpft sich der Jnstinct ab". Und das sagt der Mann mit vollem Ernst! Mit noch größerem Zorn als gegen Beaulieu fährt er (in der Beilage zur „Allgem. Zeitung", München, 6. November) gegen einige jüdische Gelehrte los, welche ihm vorwarfen, daß er (2. 373 seines Werkes) dem Montefiore eine sehr unmoralische Angabe zugeschrieben hat, welche sich in dessen Buch UeliZiou ok tde aneient Hebrews gar nicht findet. Hier sucht er sehr ungeschickt die Schuld auf seine Copistin zu schieben, muß aber gestehen, daß er die Worte „Auch Montefiore bezeugt" selbst hinzugefügt hat. Dabei benützt er natürlich die Gelegenheit, um die Juden zu verleumden, und fügt dann noch hinzu: „Zugleich aber erhebe ich dagegen Einspruch, daß man einen Gelehrten von dem Werthe eines Robertson Smith, blos weil er kein Jude war, in eine zweite Kategorie herabsetzt; es ist dies eine Impertinenz, die nicht scharf genug zurückgewiesen werden kann". Ja, nicht scharf genug kann die Impertinenz zurückgewiesen werden, nicht bbos wenn man irgend einen englischen Gelehrten minder hoch schätzt, als es Herr Chamberlain thut, sondern auch wenn man viel höher stehende deutsche Gelehrte ersten Ranges mit bubenhafter Keckheit schmäht und höhnt, wenn man einen Ranke den „angeblich" größten Historiker des 19. Jahrhunderts nennt, ihm vorwirft, die Geschichte principiell zu fälschen und ihn „gewissenloser Perfidie" beschuldigt (Grundlagen S. 91—2. 109, 142, 147, 241). Dabei nennt er ihn mit Vorliebe Herr Ranke oder Leopold von Ranke, führt gegen ihn die Autorität eines Professors Leonhard an und benutzt die Gelegenheit, mittelst einer schlecht übersetzten Bibelstelle den Juden eins anzuhängen (Nachträge S. 25). obwohl bei Ranke und Leonhard von Juden gar nicht die Rede ist. Wie Dr. Hans Helmolt (in „Zukunft" vom 20. April 1901) sagt, hat Chamberlain, ein außerordentlicher Geist, mühelos die Höhe erklommen, die Andere nur in dämmernder Ferne ahnen. Bon diesen Höhen also sieht der „Höhemnensch" (ich bitte nicht Höhlenmensch zu drucken) wohlwollend auf Virchow herab, den er einen der fleißigsten Anthropologen und Ethnographen unseres Jahrhunderts, auch sonst einen vielerfahrenen und gelehrten Mann nennt, der nur nicht immer recht Bescheid weiß, vor der Gleichheit seinen Bonzendienst verrichtet und dem das politische Borurtheil den Bl'ck trübt (Grundlagen S. 264, 266, 486). Im Vergleich mit diesen deutschen Gelehrten kommt der Jude Spinoza noch verdältnißmäßig gut weg. Von ihm wird nur gesagt (S. 223, 408 und 684), seine Ethik sei „eine falsche, todtgeborene Anwendung eines genialen und schöpferisch productiven Gedankens von Descartes", daß sein Gehirn manchen Vorstellungen „völlig unzugänglich blieb" und er „weder die Mathemathik noch die Wissenschaft*) um einen einzigen productiven Gedanken bereichert hat." Andererseits wurden ihm, dem übereifrigen Wagnerianer, auch Plagiate au seinem hochverehrten Meister vorgeworfen (im „Literarischen Centralblatt"), und dies mußte ihn um so schärfer treffen, als sonst die wohlerngeübte Claque der Wagnerianer ihre Hände eifrig für ihn in Bewegung gesetzt hat. Gegen diese Anschuldigung vertheidigt er sich in seinem Vorworte zur dritten Auflage (S. 5—17) in sehr gewundener und weitschweifiger Weise. Der Kern der Vertheidigung ist, daß Richard Wagner selbst seine Weisheit bei Schopenhauer und beim'Grafen Gobineau (aus dessen Werk über die Ungleichheit der Menschenracen) geschöpft habe. Ich habe glücklicher Weise die Werke Wagner's nicht gelesen und kann daher in dieser Sache kein Urlheil abgeben. Mögen die Jünger des Meisters die Sache unter sich ausmachen. Aber in dieser Vertheidigung sagt Chamberlain unter Anderem: „Es gibt nur wenige Stellen, wo ich mich mit Gobineau und seiner Welt auch nur berühre", und reißt diesen auch sonst herunter. „Wagner", sagte er, „habe ohne jegliche Kritik die ihm völlig neuen Ideen Gobineau's als nachgewiesene, offenkundige restlose Wahrheit ausgenommen" (S. 11—13). Auch in seinen „Grundlagen" hat er hie und da Gobineau mit einer gewissen herablassenden Anerkennung erwähnt. Er nannte aber auch sein Werk eine wissenschaftliche Phantasmagorie (S. 267) und führte Manches daraus als Beweis an „zu welchen unsinnigen Annahmen man durch falsche, künstliche, der Geschichte und der Naturbeobachtung widersprechende Grundhypothesen gedrängt wird." (S. 280 Anm.) Man fühlt sich da zu dem Ausspruch versucht: Jeder dieser Judenfeinde wird vom andern abgethan. Aber es kommt noch besser: In der „Münchener Allgemeinen Zeitung" spricht Herr Ludwig Schemann, sonst ein großer Bewunderer Chamberlain's und besonders von dessen Judenfeindlichkeit über sein Werk und sagt unter Anderem: „Seit Gobineau wandeln wir in einer neuen Luft und hier tritt nun auch noch eine neue Beleuchtung hinzu. Aber jene Luft ist die Lebenslust auch Chamberlain's; die Gobineau allereigensten Wahrheiten spielen bei diesem die gleiche Hauptrolle wie dort. Nur leider hat er selbst dies mit keiner Silbe angedeutet, sondern jene Wahrheiten durchwegs als selbstgefundene vorgetragen, womit er sich im Gegensätze zu der schönen Loyalität der neueren Landsleute Gobineau's, eines Lapouge und Grafen Lcuße, die Erinnerung an das Verfahren der älteren heraufbeschwört, denen die Entdeckungen des damals noch völlig Unbekannten einfach als vogelfreie Waare galten." Schon jetzt lehren unzweideutige Beispiele, welche Verirrungen jenes Verschweigen Chamberlain's Hervorrufen konnte, während es wie, wenn irgendwo, in dieser, einer der Lebensfragen der heutigen germanischen Menschheit, unbedingt geboten erscheint, den geistigen Besitzstand im Namen der Gerechtigkeit abzugrenzen." Nachdem er mehrere von Chamberlain aus Gobineau entlehnte Stellen angeführt hat, sagt Schemann, es komme in erster Linie auf die ganze Anschauung, die leitenden Ideen an und diese — Völkerchaos, Germanen als Repräsentanten der Rasse, als Neuordner, als Träger aller ferneren Cultur, Kampf des Romanismus und Germanismus als Hauptinhalt der neueren Geschichte — sind und bleiben von Gobineau." Aus diesem Verhältnisse ließen sich vielleicht manche der vielen Widersprüche erklären, die man Chamberlain vorgeworfen bat. An der einen Stelle gibt er seine eigenen Gedanken, an der anderen die des ungenannt bleibenden Gobineau. Chamberlain hat sich beeilt, auf die Anklage wegen eines unrichtigen Citats aus Montefiore, wie bereits oben erwähnt wurde, in der „Allgemeinen Zeitung" vom 6. November in recht scharfer Weise zu antworten. Auf die noch am 12. Juni 1901 in der Beilage dieses Blattes enthaltene, viel schwerere Anschuldigung Schemann's hat er bis jetzt nicht geantwortet. Das ist der Mann, der sich in der Vorrede seiner ehrlichen Arbeit, seiner unbedingten Achtung vor den Thatsachen rühmt. Jo, einer feiner Verehrer (in „Neue Züricher Zeitung", 1900, Nr. 47), der ihn unendlich hoch über den „Götzen Nietzsche" stellt, spricht von den „lichten Höhen, die einem dieser Geist weist." Ein anderer (im „Berliner Tageblatt" vom 11. November 1901) stempelt ihn sogar zum „Erzieher". Es lohnte sich also wohl der Mühe, „klopfenden Herzens" auf die lichten Höhen zu steigen, um den „Zauber der Persönlichkeit", wie der Züricher Enthusiast sagt, zu empfinden, seinen Beruf zum „Erzieher" des deutschen, vielleicht gar auch des jüdischen Volkes zu prüfen. Welches Resultat diese Prüfung ergibt und ob der Verfasser der „Grundlagen" wirklich ein so edler und braver Germane ist. ob nicht Mendelssohn und Rießer, Börne und Auerbach bessere und echtere Deutsche waren, als der in England geborene, in Frankreich erzogene Chamberlain, das möge der unbefangene Leser entscheiden. Und der schreiblustige Mann hat sich beeilt, diese Entscheidung zu erleichtern. Nachdem er so viele Größen der Wissenschaft geschmäht und herabgesetzt hat, greift er nun auch den greisen Mommsen, der sich in den „Grundlagen" noch seiner Gunst erfreute, mit seiner ganzen ungezügelten Keckheit an. Und zu diesem Angriff bedient er sich der „Fackel"! Und die „daitsche" Zeitung (vom 6. December 1901) beeilt sich, seine ganze Salbaderei nachzudrucken. Der Pangermane Chamberlain Arm in Arm mit dem gewesenen Juden Krauß und dem christlich-socialen Wahner, das ist ein Kleeblatt, das noch zwerchfellerschütternder wirkt, als das bekannte im „Lumpacivagabundus". Unser Unterrichtsminister wird aber nun nicht umhin können, dem „Grnndleger" die ersehnte Professur zu verleihen, sonst verdirbt er es mit Lueger und Schönerer zugleich. ') Ist Mathematik keine Wissenschaft? M.

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