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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-01-10 · 2 (10.1.1902) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
2 (10.1.1902)
Date
1902-01-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ur. 2 Dr. Bioch’s Jahrgang XIX Centralorgsm für die gesammien Interessen des Iudenthums. — K. k. Pofisparraffrn-Arnl Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Ardarlion und Administration: fit» IX/1, Berggasse Nr. 89. Telephon Nr. 14.847. Wien, 10. Jänner 1902. 4— *= Erscheint jeden Freitag. - 'H11^ -- Brief-Adresse: Wien, IX/1» Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. VrprV^nrri» sttr Irstrrrrich: Halbjährig 8 Ikonen. Stazetex-inplare SO Heller. Für'» Ausland: Halbjährig IO Kronen. Ganzjährig 20 , Anzeigen: Die4malgoipaltene Petitzeile 24 Heller. X- Jnhalt: Leitartikel: Houston Stewart'Chamberlain.— Verfassungssorgen. — Vom Jahrmarkt des Leobens: Glossen zur Tagesgeschichte. Die socialen und wirthschaftlichen Interessen der ungarischen Staatsangehörigen in Oesterreich. — C orrespondenzen: Oeffentliche Sitzung des Vorstandes der Wiener israelitischen Cultusgemeinde. Wien, Prag, Lemberg, Krakau, Neutra, Innsbruck, Budapest, Berlin, London. — Vermischtes: Wien, Kranzablösungsspenden zu Gunsten der „Chewra-Kadischa" in Wien, Wien, Austerlitz, Holleschau, Krakau. — Feuilleton: Naemi und Ruth. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Houston Stewart Chamberlain.*) (Schluß.) Da ist vor Allem die in diesen Blättern (S. 659) bereits erwähnte Anekdote von der vierjährigen Enkelin Paul Leroy- Beaulieu's, des „berühmten Gelehrten", welche im Luxemburg- Garten „jämmerlich zu heulen beginnt, sobald ein Jude oder eine Jüdin in ihre Nähe kommt", und die kleine Dame täuscht sich nie. Woran sie den Juden erkennt, sagt Mr. Chamberlain jetzt nicht, aber als gewisienhafter Mann gibt er in einer Anmerkung an: „In dem aus Artikeln der Revue des deux mondes zusammengesetzten Buche ist es mir nicht gelungen, die Anekdote wiederzufinden; vielleicht hat sie der Autor inzwischen unterdrückt". Unterdrückt! Damit soll wohl angedeutet werden — aus Furcht vor den Juden oder von ihnen bestochen; läßt sich doch der Gentleman von den „lichten Höhen" eine noch schlimmere Verdächtigung Renan's (S. 218 Anm. und 327 Anm.) zu schulden kommen. Merkwürdigerweise wiederholt er nicht die alte Fabel, daß Lefsing von den Amsterdamer Juden um 1000 Ducaten erkauft wurde. Und dies wäre ja auch ganz ungefährlich, denn Lessing und Renan sind todt und können sich nicht vertheidigen. Herr Beaulieu aber lebt und erklärt feierlich (in der Frankfurter Zeitung vom 14. October 1900), daß sich eine solche Anekdote in keinem seiner Werke finde. Ja er beschuldigt sogar den biedern Germanen eines manque de conscience, der audace et niaiserie. Als einer niedrigeren Race ungehöriger Semit wagte ich nicht zwischen den zwei Ariern zu entscheiden und suchte, eingedenk der Anmerkung Chamberlain's (S. 498) in der Revue des deux mondes nach den Artikeln Beaulieu's über die Juden. Da fand ich nun im Hefte Vom 1. Mai 1891, Band 105, S. 201 in Bezug auf die Absonderung der Juden Von den Christen folgende Stelle, die ich wörtlich im Original wredergebe: Le reproche que nous Iui adressons, le juif peut, ici encore, nous le retourner. Si, en tant de pays, il persiste ä former une tribu ou une societe ä part, c’est, en grande partie, que nous l’y avons force ou habituö. Aujourd’ hui meine que nous lui avons donne la cle du ghetto, lui ouvronsnous toujours spontanöment, notre porte? Framjais, Allemands, Slaves, Hongrois, Roumains, l’engageons-nous volontiers ä s’asseoir ä notre table? Ge qui nous arrete, ce n’est plus pourtant le defaut de langue commune pour nous *) Vergl. Nr. 50 und 52 vom vorigen Jahrgang der „Oesterreichischen Wochenschrift". entretenir avec lui, ou le regret de ne pouvoir lui faire manger Lacher. — „Pour quoi ne jouez-vous pas avec cette petite fille?“ entendais — je un jour, au pare Monceau, demander ä des enfans. — „Maman, parce quelle est juive“. De quel cote, surtout, vient l’exclusivisme aujourd' hui? Wie man sieht, ist hier weder von einer Enkelin Beaulieu's noch von einem instinctartigen Erkennen des Judenkindes, „das einen ganzen anthropologischen Congreß aufwiegt", wie Chamberlain so witzig sagt, die Rede. Bei solchem Thatbestand blieb ihm nichts übrig, als die Abfertigung schweigend einzustecken oder unter Entschuldigung seinen — sagen wir — Jrrthum einzugestehen. Aber der edle Germane findet einen anderen Ausweg. In den Nachträgen zur dritten Auflage seines Werkes München, F. Bruckmann 1901, S. 32) schimpft er auf Beaulieu und sagt, er brauchte eigentlich von seiner Berichtigung keine Notiz zu nehmen, „denn er wendet sich ausschließlich an die Inden, durch Vermittlung eines ihrer Hauptorgane, welches ebenso wenig wie die übrige jüdische Tagespresse von meinen Grundlagen Notiz genommen hatte"?) Nun geht er zu einem Anonymus in Paris, der ihm aus allen Nöthen hilft, indem er ihm mittheilt, er habe die Anekdote in der Revue des deux mondes gelesen, erzählt von Leroy- Beanlieu, dann fährt er fort: „Daß die Anekdote gedruckt ist, unterliegt also keinem Zweifel, und es muß irgend eine merkwürdig zwingende Gedankenassociation auf Lervy-Beaulieu führen. Vielleicht gelingt es bis zur nächsten Auflage, die wirkliche Quelle aufzufinden". Wo die Anekdote gedruckt ist und wie sie in Wahrheit lautet, habe ich oben gezeigt. Der Leser wird auch daraus ersitzen haben, wie Chamberlain — sei es aus Mangel an Gedächtniß, sei es aus Ueberfluß an Phantasie, aus der judenfreundlichen Anekdote eine antisemitische gemacht hat. Der unbefangene Leser wird aber auch vermuthen, die kleine Pariserin habe die Confession ihrer verschmähten Spielkameradin von der Bonne erfahren. Aber der gelehrte Deutsch-Engländer, der das Gras wachsen hört, Pardon, der den Saft m den Pflanzen aussteigen sieht, weiß auch, woran die kleinen Arierinnen den Juden erkennen — aus Jnstinet. „Ich habe seitdem erfahren", fährt er fort, „daß die Gabe, den Racenjuden sofort instinctiv zu erkennen, ') Hinc illae lacrimae. Nach den Artikeln in dieser Wochenschrift wird sich Herr Chamberlain über Todtschweigen seitens der jüdischen Presse wohl nicht mehr zu beklagen haben.

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