Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 1 (3.1.1902)
- Date
- 1902-01-03
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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2>U. 1 Dr. Vloch's Wochenschrift. Serie 15 und siehe, wie herabgewürdigt. ich bin. Nie, o ihr Wanderer Alle! nie ist solches Unglück Euch begegnet. Schaut nur her und sehet, ob auch der Wunden Eine meiner Wunde gleicht, die der Ewige mir geschlagen, die er mich am Tage seines Grimmes fühlen ließ! Gleichsam als wollte das Schicksal die einsame Frau, welche an diesem Freudentage mit den Worten des trauernden Propheten Jeremias klagte, Lügen strafen, klopfte es an die Thüre, und obwohl die mit ihren düstern Gedanken beschäftigte Frau es versäumte, das einladende Herein zu sprechen, öffnete sich die Thüre dennoch und ins Zimmer trat ein junges Mädchen, in der Hand ein zierliches Körbchen tragend. „Guten Tag, Frau Ahrons", sagte die Eintretende „und Gut Purim!" „Willkommen, Fräulein Fanni", antwortete die Frau, welche wir Frau Ahrons nennen hörten, „was führt Sw so früh her zu mir?" „Ei, wissen Sie denn nicht, daß heute Purim ist und daß sich au diesem Tage die Freunde beschenken dürfen? Oder wäre cs bei Ihnen im „Reiche", draußen nicht der Fall?" „Gewiß, es ist auch dort so eingesührt. Wir in Deutschland halten doch fester an den alten, schönen Gebräuchen, wie es hierin Böhmen geschieht." „Also, schön nennen Sie den Gebrauch, Frau Ahrons? Dann werden Sie sicherlich auch das Schelach Munes, das ich Ihnen da darbringe, nicht verschmähen und sich es gut nmuDeit lassen. Nach diesen Worten öffnete Fanni das Körbchen und entnahm daraus einige Stücke seines Gebäck und ein Fläschchen Liqneur." „Verschmähen? Nein, das darf ich nicht; das hieße Ihren guten Willen zurückwecsen, was Sie gewiß als Beleidigung ausnehmen würden, und beleidigen wollte ich Sie um Alles in der Welt nicht, das hätten Sie nicht von mir verdient. Aber wie kann ich mich Ihnen revanchiren in meinen jetzigen traurigen Berhälluissen, dafür daß Sie, welche ja auch nichts Uebriges haben, sich meinetwegen solche Auslagen verursachten?" — „Genießen Sie diese Kleinigkeit nur frohen Muthes; es hat mir gar keine Auslagen gemacht. Mein Vater hat von seinen Wohlthätern so viel solches.Zeug bekommen, daß ich mit einem kleinen Theil davon auch den alten Gebrauch erfüllen kann, ohne daß wir etwas vermissen." „Sie sind ein braves Kind, liebe Fanni! und Gott gebe mir, daß ich Ihnen einst einen kleinen Theil von all der Treue abzahlen kann, welche Sie mir, der Fremden, bewiesen haben. Aber ich fürchte sehr, daß ich dies nie werde thun können. Es ist wenig Aussicht dazu vorhanden." „Warum denn, Frau Ahrons. Eine so gebildete, tüchtige Frau ist in der Welt niemals verloren. Werden Sie nur erst gänzlich gesund, dann werden Sie gewiß eine lohnende Beschäftigung finden, welche Sie erhält, ohne fremde Hilfe, vor der Ihnen so graut, anrufen zu müssen. Ich, liebe Frau Ahrons, bin in dieser Art leider abgestumpft, bin von früher Jugend das Almosen nehmen gewöhnt. Mein Vater war Schamcs in der hiesigen Gemeinde, und da ist er einmal beim Lampenputzen von der Leiter gestürzt, ist dienstuntauglich, ja was ärger cst, zeitlebens ein Krüppel geworden. Pension oder Versicherung gab es damals nicht, wenigstens für unsereins, und so dlreben wir auf das Almosennehmen angewiesen. Dabei kränkt mich das Eine, wenn die Killeleute daraus Hinweisen, daß ich, ein starkes achtzehnjähriges Mädchen, die Gnadengaben, welche man den verkrüppelten Vater gerne gönnt, mit verzehren helfe. Aber wie könnte ich den hilflosen Kranken verlassen, welcher durch die aufopfernde Treue meiner seligen-Mutter jv sehr an weibliche Pflege verwöhnt ist? Um so größeren Dank muß ich Ihnen daher wissen, .daß Sie jetzt meine Stelle beim kranken Vater vertreten und ihn statt meiner pflegen werden, wenn ich sortgehe. Es ist ja ein solches Glück für mich, daß ich den Posten in Prag bekommen habe, um nicht ferner das Gnadenbrot in der Kille essen zu müssen. Dafür verspreche ich Ihnen auch, daß ich den ganzen Lohn dem Vater schicken werde." „Das ist schön von Ihnen. Gott wird Sie dafür segnen, liebste Fanni! Mir aber danken Sie nicht. Wenn ich die Pflege Ihres armen Vaters übernehme, so ist es eine geringe Abschlagszahlung für all das Gute, welches Sie der armen Fremden er- ' wiesen haben, als sie krank und hilflos hier angelangt war." „Aber bitte, Frau Ahrons, wer wird denn davon sprechen. Das haben Sie reichlich damit vergolten, daß Sie mich, welche in früher Jugend die Mutter verloren hatte und ohne weibliche Erziehung aufgewachsen war, in den nothwendigen weiblichen Handarbeiten und Dienstleistungen unterwiesen, so daß ich statt ats ganz gewöhnliche Magd in den Dienst zu gehen, befähigt bin, eine Stelle als Stütze der Hausfrau in einem großen, vornehmen Haushalte anzuneymen." „Eine Hand wäscht die anders", meinte ablehnend Frau Ahrons. „Jede thaten wir für die andere, was in unseren Kräften stand. Wenn dies alle armen Leute thäten, wieviel des Elendes könnte gemildert werden, ohne erst die miidthätige Hand der Reichen heranzieheu zu müssen, wie viele Demüthigungen könnten Vielen erspart werden." „O, wie Sie zu sprechen verstehen, liebe Frau Ahrons! Ich könnte Ihnen tagelang zuhören. Aber ich fürchte sehr, daß der heutige Tag der letzte ist, wo uns eine ungestörte Aussprache gegönnt ist. denn gleich nach Prcrim heißt's für mich streng arbeiten, das ganze Haus auf Pessach in Ordnung zu bringen, weil ich schon nächste Woche meinen Posten in Prag antreten muß, um auch dort ordentlich Pessach machen zu können. Darum bitte, erzählen Sie mir, wieso es kam, daß Sie so mutterseelenallein hieher in die Fremde kamen, und was der Grund Ihrer unaufhörlichen tiefen Trauer ist. Sie haben mir diese Mittheilung versprochen und wissen sehr wohl, daß ich nicht aus Neugierde, sondern aus innigster Theilnahme für Sie frage.", „Ich weiß dies, liebes Kind, und deswegen werde ich auch die Abneigung, welche mir die Erinnerung an meine Vergangenheit einflößt, überwinden und Ihnen Alles sagen. Mein Leben an der Seite meines verewigten Gatten konnte ein glückliches genannt werden, trotzdem er auf einer weit niederen Bildung stand als ich. Aber dasjenige, was ihm an geistiger Bildung, an äußerem Schliffe abging, ersetzte seine eminente Rechtschaffenheit, seine vor keinem Opfer zurückschreckende Frömmigkeit. Wenn ich manchesmal unter seinem aufbrausenden Temperamente zu leiden halte, so tröstete ich mich damit, daß es kerne Rosen ohne Dornen gibt, und da ich seinem Ungestüm immer Sanftmuth und Nachgiebigkeit entgegensetzte, so kam es nur selten zu einem heftigen Lecdenschaftsausbruch, der, wie ich wußte, unberechenbare Folgen haben könne. Zwei brave, talentirte, vielversprechende. Knaben bildeten unser höchstes Glück. Der ältere, V'.cior, hatte das heftige, unnachgiebige Temperament seines Vaters, dabei einen schrankenlosen Wiffensdrang. Lesen und Lernen, das war das Ziel seines jungen Lebens. Wir mußten gar oft aus Geheiß des Arztes seine Bücher unter Verschluß bringen, um dem übermäßigen, seine zarte Gesundheit schädigenden Lerneifer Schranken zu setzen. Der andere, Jacob, war em stiller, einfacher Knabe, der dazu auserlesen zu sein schien, das Geschäftshaus Samuel Ahrons weiter zu führen. Beide Kinder studirteu. Elfterer besuchte ein Gymnasium, letzterer die Realschule. Als Victor die Matura mit Auszeichnung zurückgelegt hatte, trat für ihn die Frage heran, welchen Beruf er wählen sollte. Bei meinem Manne war es eine ausgemachte Sache, daß Bictor bei dem großen Talmudwiffen, das er besaß, Rabbiner werden solle. Er selber aber wollte davon nichts wissen. Während feiner ganzen Gymnafialzeit hatte er sich mit dem Gedanken getragen, Medicin zu studiren, als Arzt der leidenden Menschheit nützlich zu werden. Aber da kam er schön bei dem Vater au! Dieser konnte den Gedanken nicht fassen, daß sein Erstgeborner, ein Abkömmling des Priesterstammes, Arzt werde, sich schon als Student a<t Leichen verunreinigen, das Sabbatbgebot nicht beobachten werde. Kein ahnenstolzer Ritter, dessen Stammbaum bis weit zurück in die Kreuzzüge reichte, konnte so stolz auf seine Abkunst sein, als es mein seliger Mann aus seine Würde als Koben, als Priesterstämmling war. Die beiden Männer waren gleichen Geistes, und so wollte kein Theil nachgeben, und ich armes Weib machte furchtbare, wenn auch leider vergebliche Anstrengungen, ausgleichend, vermittelnd einzugreifen. Der an keinen Widerspruch gewöhnte Vater stieß in einer unglückseligen Stunde den schrecklichen Fluch aus, daß er diesen seinen erstgeborenen Sohn niemals im Leben Wiedersehen wolle, wenn er seinem Verbote zum Trotz Medicin studirte. Auch mir verbot er mit einem Eidschwur den Verkehr mit dem ungerathenen Sohne, den er in seinem unbändigen Grimme einen Len Loren u More nannte. Victor verließ in folgender Nacht die Heimat, um in Berlin seine medicinischen Studien zu beginnen. Wie er sich fortbewegte, woher er die Mittel zu seiner Existenz nahm, das kann ich nickt sagen, denn ich erfuhr nichts davon. Da kam der Krieg von 1866. Einer der ersten Freiwilligen, die gegen Oesterreich ins Feld zogen, war mein Sohn Victor. Dies wurde uns amtlich zugestellt. Seitdem sind drei Jahre verfloffen und ich