Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 52 (27.12.1901)
- Date
- 1901-12-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 862 Wochenschrift. Nr. 52 Der Redner citirt nun einzelne Schriftsteller, welche das ehen Gesagte vollauf bestätigen und wirft die Frage auf, welche Mittel dagegen anzuwenden wären. Es wäre insbesondere zu erwägen, ob man der jetzigen oder der kommenden Generation beistehen solle, ob man die Kinder unterrichten oder die Erwachsenen in den Stand setzen solle, sich selbst zu erhalten. Der Vortragende erwähnt, daß er sich mit der-ganzen Kraft seiner Urberzeuqung für das letztere aussprechen müffe. Der Redner verwahrt sich aber dagegen, daß er etwa die von der Hirsch-Stiftung eingerichteten Schulen bemängeln wolle; im Gegentbeile wünsche er denselben Gutes, da ja in dies?» Schulen den Kindern der Unglaube ausgetrieben und ihnen Selbstgefühl und Selbstachtung ein geprägt wird. Durch die Errichtung dieser Schulen sei aber noch lange nicht Alles gethan; dringender als all dies ist die wirlhschastliche Hebung der heutigen Bevölkerung, die Erziehung der Erwachsenen, unter denen noch gefährliche Borurtheile und Unwissenheit auf manchen Gebieten verbreitet ist. Frauen und Mädchen verstehen nichts von der Hauswirthschaft, vom Kochen und Nähen, und es wäre daher in erster Reihe die Gründung von Häushaltungsschulen in Angriff zu nehmen, in zweiter Reihe die Errichtung jüdischer Turnverein e. Es sei also nach zwei Richtungen hin erforderlich, einzugreifen, nämlich auf Linderung der momentanen Noth und weiters auf dauernde Sanirüng der Verhält»iffe. Der Redner empfiehlt sodann, solche Maßregeln zu treffen, durch welche die galizischen Juden in die Hausindustrie eingeführt werden. Er betont, daß diese wohl viele Gefahren in sich, berge, daß es aber immerhin schon einen Fortschritt bedeute. So habe der galizische Hilfsverein die Hausweberei eingesührt, wodurch bei 700 Frauen und Mädcken Erwerbe haben, ein vielversprechender Anfang. Die Korbflechterei, Bürstenbinderei und Cartonnagewaaren-Erzengung seien ebenfalls zu berücksichtigen, zumal sie den dabei Beschäftigten Sauberkeit und Genauigkeit zur Pflicht mache. Ein weiteres Mittel sei die Belebung und Förderung des Handwerkes. Um aber dem Ganzen ein Rückgrat zu geben, sei die Errichtung von Spar- und Borfchußcaffen unbedingt nothweudig, da diese dem Einzelnen Vertrauen geben. Mit unglaublich geringen Mitteln könnten Hunderte von Familien erhalten werden, da z. B. das Betriebscapital eines galizischen Gemüsehändlers nicht mehr wie zwei Gulden betrag". Redner erinnert an die geradezu märchenhaften Erfolge, die die neu begründete Prager Borschuß-Caffa erzielt, welche nach kaum anderthalbjährigem Bestände bereits 505 Mitglieder mit einem Capitale von K 48.000 zähle. Als letztes Mittel wäre die Gründung jüdischer Consumvereine zu empfehle», weil hiedurch die Solidarität unter den Juden wesentlich gestärkt werde. Unter den Rumänen und Ruthenen, ja unter den Huzulen bestehen bereits Reiffeisencaffen, Creditgenoffeuschaften u. s. w. — unter den galizischen Juden aber nicht. (?) Der galizische H'lssverein hat im § 4 der Statuten die Einrichtung und Förderung der Landwirthschaft empfohlen. Dem stimme Redner, welcher die Stelle eines General-Secretärs im „Deutschen Verein zur Förderung der Bodencultur unter den Juden Deutschlands" bekleide, voll zu, denn nur an einen jüdischen Bauernstand werde sich ein jüdischer Handwerkerstand leicht angliedern. Dort, wo die Juden in der Urproduction thätig seien, werden sie wirklich auf festem Boden stehen, trotzdem dagegen mannigfache Einwendungen erhoben worden seien. In dem vom Redner seinerzeit in der „Oesterreichischen Wochenschrift" veröffentlichten Artikel sei genau ausgeführt, wie die galizischen Juden zur Landwirthschaft überzuführen seien, wenngleich der polnische Adel viele Schwierigkeiten bereiten würde. Es sei dies möglich in der Form der jüdischen Siedlungs-Genossenschaften; hieran würde sich die jüdische Industrie, die jüdischen Consumvereine anreihen und dann wäre der Ring geschloffen. Zur Hebung der jüdischen Bevölkerung sei jüdisches Geld, jüdische Intelligenz und jüdischer Enthusiasmus erforderlich; das Fehlen eines dieser drei Factoren mache das Werk unmöglich. Dadurch, daß der galizische Hilfsverein diese drei Factoren in den -Dienst der Sache gestellt, habe er sich unauslöschliche Verdienste erworben. Der gebildete Jude des Westens studire jetzt das Antlitz des polnischen Juden, und finde dabei zu seinem größten Erstaunen innig bekannte Züge und eine Unsumme von Intelligenz. Dies sei die erste Etappe der Verständigung, und eine Folge hievon sei die Bildung des galizischen Hilfsvereines, dessen Wirken ein kulturelles Wirken ersten Ranges sei. .Seine Sache sei eine. Volkssache und Jeder, der Jude heiße, müsse diesem Werke steuern. Der Redner erwähnt, daß die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" mit dem galizischen Hilfsverein durch mehrfache Personalunion verbunden sei, und es mögen überall Ortsgruppen gebildet werden, die sich aber nicht blos mit dem Einsammeln der Beiträge zu befassen hätten. Das galizische Hilfswerk ist alles weniger, als ein Wohlthätigkeitswerk; es soll eine innige Verbindung zwischen den verschiedenen Classen innerhalb der Judenschaft Herstellen. Die persönliche Betheiligung sei hiebei unbedingt nothwendig, sie sei der Kern des Werkes. Trotz der Schmach und des Elends, in dem sich die galizischen Juden befinden, scheine das Morgenroth über sie aufzusteigen, eine neue Epoche der Judenschaft zu beginnen, deren Devise laute: „Juden aller Länder vereinigt Euch zu Eurer eigenen Hebung!" Alle, Alle werden kommen, denn noch nie gab es eine größere Aufgabe für die gesammte Judenschaft: ein freies, ein selbstbewußtes, ein stolzes Juda! (Beifall.) Zur Kanitz-Feier. In besonders erhebender Weise fand Samstag den 21. d. M. im Restaurant Khuner, I.. Adlergaffe, die Kanitz-Feier statt. Ihre besondere Weihe erhielt sie durch die Anwesenheit des gesammten Vorstands-Präsidiums der israelitischen Cultusgemeinde, und zwar des Herrn Präses, kais. Rath Heinrich Kling er und der beiden Präses-Stellvertreter Dr. Alfred Stern und Landesschulrath Dr. Gustav K o h n. Ferner betheiligten sich an derselben die Vorstandsmitglieder Herr Dr. Marcus Spitzer. Dr. Alfred Berger und Dr. Simon, kais. Rath Dr. Lieben, Secretä'. Doctor Adler, Herr Julius Braun, sowie auch mehrere Religiou-profefforen der Mittelschulen, geführt von dem Obmanne des Mtttelschulreligionslehrerverbandes Dr. Adolf Weiß, Reqierunasrath Dr. Jul. S ch l a g, u. A. m. Der Obmann des Festcomites Herr Benj. F u ch s begrüßte die Festgäste namens der Religionslehrer der Volks- und Bürgerschulen, worauf der Rlligionsinspector Hwr Dr. Leopold Langfelder in begeisterter forn vollendeter Rede die Verdienste des Jubilars hervorhob. Der Jubilar war tief ergriffen, dankte in inniger Weise für die ihm dargebrachte Ovation, betonte über, daß er diese Ehrung nicht auf sich , beziehe, sondern auf den heiligen Gegenstand, in dessen Dienste er stehe. Hierauf überreichte ihm der Schriftführer des Versorgungs¬ und Unterstützungsvereines der Religionslehrer „Palme" das Diplom der Ehrenmitgliedschaft des Vereines. Herr Religionslehrer Rotter trug ein von ihm selbst verfaßtes Gelegenheitsgedicht vor. An den officiellen Theil der Feier schloß sich ein gemüthlicher Abend an, zu dessen Verherrlichung die Damen Helene Ascher, Frl. Anna Faltitschek durch ihre ausgezeichneten Claviervorträge, die Herren Hermann Ascher und Rudolf Kohn durch ihren schönen Gesang nicht wenig beitrugen. Die Zwischenpausen wurden durch zahlreiche Toaste auf den Jubilar und dessen Gemahlin, sowie auf die Lehrerschaft ausgefüllt, und erst in später Nachtstunde schieden die Gäste, denen dieser Abend unvergeßlich bleiben wird. Das Comitß der Kanitz-Feier. Wien. (K r a n k e n-^ W i t w e n- und Waise n-U n te rst ü tz u n g s v e r e i n „C h es ed sc hei eines“.) : Dieser stets auf das Wohl seiner Mitglieder bedachte Verein geht eben daran, einen Witwen- und Waisenfond zu gründen, welcher den Witwen verstorbener Mitglieder ein — im Verhältniß zur Beitragsleistung für diesen Fond — ziemlich namhaftes Capital garantirt und es der Witwe ermöglicht, sich mit diesem Capitale eine bescheidene Existenz zu gründen. Während der Verein bis nun bei einem Sterbefalle von den Mitgliedern je 40 Heller einhob und aus diesen Beiträgen die Witwe mit 100 Kronen abfertigte, sollen jetzt — nach dem neuen Statut — nach einem Sterbefalle per Mitglied 1 Krone 20 Heller eingehobeu und der Witwe der gegen früher ungleich höhere Betrag von 400 Kronen ausgefolgt werden. Gleichzeitig arbeitet die zielbewußte Vereinsleitung daran, eine für die Mitglieder wichtige und besonders einschneidende Aufgabe zur endgiltigen Lösung zu bringen. Es handelt sich darum, den Mitgliedern im Erkrankungsfalle die Behandlung eines Arztes zu sichern, ohne die Mitglieds-Beiträge zu erhöben und würde das erkrankte Mitglied nur für jede ärztliche Visite den gewiß verschwindend kleinen Betrag von 20 Hkllern an die Vereinscassa zu entrichten haben. Der Verein „Chesed schel emes“ bietet seinen Mitgliedern im Verhältniß zur Einzahlung