Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 52 (27.12.1901)
- Date
- 1901-12-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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-' > 'inn i1! i riaiiii nnnnwur» * t i i urwr ii*th~»1i.h Nr. 52 Dr. Bloches Wochenschrift. Sette 861 ja bei der zweiten Verurteilung ausgesprochen worden, daß kein Ritualmord vorliege. In zahlreichen Fällen konnte sogar direct nachgewiesen werden, daß das Verschwinden von Christenkindern erdichtet war, lediglich um aus habsüchtigen Motiven die übliche Beschuldigung gegen die Juden erheben zu können. Das Ergebniß seiner Untersuchung faßt Pfarrer Frank zum Schluß in einigen prägnanten Sätzen zusammen ivorir er nochmals hervorhebt, daß bisher keiner von allen angeführten Beweisfällen die Prüfung vor einem nach den Anforderungen der strengen Gerechtigkeitspflege zusammengesetzten Gerichtshof bestehen könnte. Er knüpft daran die Erwartung, daß, wenn dies der Jugend vorgetragen und eingeprägt werde, man bald nichts mehr von der nach den Aussprüchen des a p o st o l i s ch e n S t u h l e s falschen, boshaften, verleumderischen Anklage gegen dieJuden wegenRitualmordes hören werde. Jüdisches Frauenstift zu Frankfurt a. Nt. Aus Frankfurt a. M. wird gemeldet: Die Erben des verstorbenen Baron Wilhelm Rothschild seligen Andenkens haben den hochherzigen Entschluß gefaßt, das auf der Zeil gelegene,, ihnen zugefallene Wohnhaus in ein 24 Insassen fassendes Stift für Frauen umzuwandeln. Durch diese Stiftung wird alleinstehenden Damen (Witwen und älteren Fräulein) gegen ein mäßiges Entgelt es möglich, ein Heim aufzusuchen, in dem sie ruhig leben können und in dem ihnen alle Annehmlichkeiten eines sorgenlosen Daseins geboten werden. Wie wir hören, wird dieses Stift bald eröffnet werden, und Interessenten dürfte zu rathen sein, ihre Bewerbungen baldmöglichst einzureichen. Herr Michael M. Mainz hier, der mit der Ordnung dieser Angelegenheit seitens der Familie betraut worden ist, ist gern erbötig, auf Anfragen Auskunft zu geben und die näheren Bedingungen mitzutheilen. * * * Zum Andenken an den verstorbenen Baron Willy von Rothschild in Frankfurt a. M. hat wie der »Confect." mittheilt, die Baronin Edmonde de Rothschild in Paris eine Summe von 50.000 Pfund Sterling (1 Million Mark) zur Gründung eines israelitischen Hospitals für Lungenschwindsüchtige im Taunus bestimmt. Correspondenzen. Oesterreichifch-Jfraelilifche Union. Die erste diesjährige Vereinsversammlung der »Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" fand Samstag den 14. d. M. im Festsaale des Kaufmännischen Vereines statt und vereinigte ein zahlreiches, den besten Kreisen angehörendes Publicum. Galt es doch, einen geschätzten Gast aus Berlin, den Secretär der Gesellschaft zur Beförderung der Bodencultur unter den deutschen Juden, Herrn Dr. Ernst Tuch, über eine ■ der brennendsten Fragen: »Das Massenelend der galizischenJuden und dieBestrebungen zuihrerRettung", zu hören. Unter den Anwesenden bemerkten wir die Reichsrathsabgeordneten Dr. Byk und Dr. Strauch er, den Vicepräsidenten der Wiener Eultusgemeinde Dr. Gustav Kohn und die Cultusvorsteher Dr. Adolf Stein, Dr. Grünfeld, Salo Cohn, Dr. Alfred Berger, kaiserl. Rath Moriz Hirsch, Dr. Marcus Spitzer, Oberfinanzrath Dr. Rappaport, kais. Rath Dr. Lieben, die Rabbiner Dr. Gelbhaus Dr. Taglicht, und Dr. Kaminka, die Vorstandsmitglieder des Galizischen Hilfsvereines Teltscher, Dr. Edmund Kohn, Dr. W. Pappenheim, B. Rotter, Director der Länderbank Kux und Gottlieb Lederer, ferner Hofrath Kareis, Pros. Graubart, die Directvren Heller und Fischer, den Obmann des Jüdischen Volksvereins Richard Rappaport, den Obmannstellvertreter des Politischen Volksvereines Dr. Marcell Hoffmann. den Obmann des Vereins zur Hebung der Gewerbe S. Brod, den Obmann des Tempelvereines im IX. Bezirk Gottlieb Bettelheim, die Vereinssecretäre Dr. Birnbaum, Dr. Halberstam und Dr. Pollak u. v. A. Präsident Maximilian Paul-Schiff eröffnete die Versammlung mit einer längeren Ansprache, in welcher er unter lebhaftem Beifalle erklärte, daß er mit aller Kraft bestrebt sein werde, die »Union" auf der bisherigen Höhe der Entwicklung zu erhalten und namentlich die Rechtsschutz-Institution weiter auszubauen. Eine Besserung sei aber nur zu erhoffen, wenn wir Juden fest Zusammenhalten, nicht in Zersplitterung aufgehen und keine Sonderinteressen, geltend machen. Die »Union" befinde fich auf dem innerlichen und äußeren Bekenntnisse zum Judenthum, d. h. sie erkenne neben der Aufrechthaltung des Glaubens und der ethischen Cultur den Schutz der Verfolgten als ihre Pflicht. Auf dieser Basis hoffe sie die gesammte österreichische Judenschaft um sich zu schaaren. (Beifall.) Redner erstattet kurzen Bericht über den Fortgang der Heimatsrechtsaction, über die Actionen, betreffend die Zurücksetzung der jüdischen Rechtspraktikanten, ferner die Controle der vom Magistrate zu verleihenden interconfessionellen Stiftungen und über die jüngsten Wanderversammlungen in den Bezirken Mariahilf. Neubau, Wieden, Margarethen und in Proßnitz^ durch welche dem Verein 2°/« neue Mitglieder erwachsen sind. (Lebhafter Beifall.) Auf das Vortragsthema des heutigen Abends übergehend, erwähnte Herr Paul-Schiff die seinerzeit von der »Union" veranstaltete Enqußte über das galizische Judenelend, deren theoretische Ergebnisse der nunmehr von den Bne Brith - Logen gegründete »Galizische Hilfsverein" in praktische That umsetze. »Wir dürfen uns", sagt Redner, »keinem Zweifel hingeben, daß wir erst am Anfänge einer Bewegung stehen, die unsere bedauernswerten galizischen Glaubensgenoffen continuirlich und wachsend westwärts, speciell aber nach Wien zieht, eine Bewegung, deren Consequenzen geradezu unabsehbar werden, wenn wir nicht mit allen Mitteln der Opferwilligkeit, der Erfahrung und Ausdauer den Hebel am richtigen Punkte ansetzen." Der Präsident gedachte schließlich der hervorragenden Qualification des Vortragenden zur Behandlung der galizischen Frage, der in Folge seiner außerordentlichen Kenntnisse und seiner trefflichen Beurtheilung der Verhältnisse der berufenste Interpret sei, (Andauernder Beifall) und ertheilte sodann Herrn Dr. Ernst Tuch das Wort. Der Vortragende erwähnt einleitend, daß es in Galizien 300.000 Juden gebe, die direct auf Almosen angewiesen seien, daß weitere 300.000 Juden nicht viel beffer wie diese fituirt seien und daß blos 200.000 Juden sich in günstigeren Lagen befinden. Der Redner bespricht die Thätigkeit des Adels und der Kirche, welche beide ein eminentes Interesse daran haben, den Haß der Bevölkerung gegen die Juden zu schüren und großzuziehen, und führt hiezu viele Beispiele aus der Geschichte an. Namentlich die Verpachtung der Zölle und Steuern an die Juden sei die Quelle vieler Uebel geworden. Unter diesen Abgaben waren aber auch solche, die speciell den Juden auferlegt waren, so z. B. die Steuer auf die Lichter, welche Freitag und Samstag in den Häusern der Juden brennen, und selbst diese Lichter wurden von den jüdischen Steuerpächtern gepfändet, wodurch Uneinigkeit unter der jüdischen Bevölkerung entstand. Ausgeschlossen von jeder Cultur, mußte sich der Jude naturgemäß auf das Studium der Gesetze verlegen; er verstand es, die kleinsten, alltäglichen Handlungen unter das Gesetz zu stellen, wodurch aber das Leben verbittert wurde und der Geisteskreis der Juden eine große Einschränkung erfuhr. Zur Besprechung des wirthschaftlichen Elends übergehend, erwähnt Redner, daß die Juden den neunten Theil der galizischen Bevölkerung ausmachen und, soweit sie nicht Bettler find, dem Handels- und Gewerbestande angehören. Es muß also jeder zehnte Marin in Galizien von neun anderen, die aber selbst arm sind, leben. Diese wenigen Ziffern lassen den Haß der Bevölkerung gegen die Juden erklärlich erscheinen, und es ist nur natürlich, daß unter solchen Berhältniffen der Antisemitismus leicht Wurzel schlagen kann. Zur Abwehr des als schädlich bezeichneten jüdischen Zwischenhandels werden Consumvereine, sogenannte »Kolka rolnicze“, gegründet und diese haben bereits einen gewaltigen Zulauf zu verzeichnen, wodurch die Nothlage der Juden wieder er ne größere geworden ist. Die Regierung unterstützt diese Bewegung wenn auch nicht offen, so doch indirect. Durch die Entziehung des Salzhandels und der Propinationspachtungen wurden ' wieder viele Tausende jüdische Familien brodlos. Die Schuld an diesen Ereigniffen liegt aber nicht au den Menschen der heutigen Generation, sie liegt in der ganzen Entwicklung, welche die Berhältniffe so geschaffen hat, wie sie heute sind.