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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-12-27 · 52 (27.12.1901) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
52 (27.12.1901)
Date
1901-12-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 858 Dr. Bl .rch's Wvchenjrlrrrsk. Nr. 52 Dagegen ist er über Anderes sehr im Unklaren. Abraham ist ihm einmal (S. 350) nur die Personification einer Beduinenfamilie oder eines Stammes, dann wieder (S. 362) eine bestimmte einzelne Person, mit einer Frau Sara und dem Sohne Isaak. Auch über die Stellung und Bedeutung der Propheten ist er sich nicht ganz klar. Hesekiel, „eine ganz ehrliche Natur, aber ein bornirter in den engen Standesanschauungen des Priesters ausgewachsener Mensch", hat das specifische Judenthum gegründet, dessen Glaube „nicht der Glaube eines gesunden, freien, um seine Existenz im ehrlichen Wettbewerbe kämpfenden Volkes ist" (S. 427). Wie oft die Juden für ihren Glauben gekämpft haben, vergißt Chamberlain hier ganz. Doch nein, er vergißt nickt, aber er nennt sie die „sich ewig gegen jede Staatsordnung, selbst gegen die langmüthigen (!) Römer auflehnenden Juden" (S. 142-143). Aus Seite 215 sind es wieder nur die Galiläer, welche, nach ihm, keine Racejuden sind, „zwischen denen und den Juden eine unüberbrückbare Trennung" bestand (Nachtrag S. 26), welche tapfer gegen die Römer gekämpft haben. Und wenn wir genauer zusehen, finden wir, daß wir Juden eigentlich gar keine Religion haben. „Keine Menschen der Welt sind so bettelarm an echter Religion wie die Semiten und wie speciell ihre Halbbrüder — die Juden" (S. 18). Hundertsechs Seiten später sind die Juden wieder Polytheisten, und S. 634 spricht er wieder von „der erhabenen Einfachheit des allem Aberglauben feindlichen Judenthums." Freilich, die originelle Größe und erhabene reine Moral der jüdischen Propheten, die das Recht anders auffaßten als die Römer, „denen nichts heiliger dünkt als der Besitz" (S. 47), muß er auch, anerkennen. Ja, er sieht von ihnen nebst anderen eine fortlaufende Entwicklung, „bis ein erhabenster Prophet sich aus Liebe ans Kreuz schlügen läßt." Aber diese Concession nimmt er bald zurück und versteigt sich zu der Behauptung, daß Jesus kein Jude der Race nach war (S. 214). Ich kann seine Behauptungen und angeblichen Beweise (besonders S. 218), daß er ein Galiläer, vielleicht germanischer Abkunft, war, hier aus begreiflichen Gründen nicht wiedergeben. Aber aus mehr als einer Stelle des Neuen Testaments ist ersichtlich, daß der Mensch Jesus sich als Jude gab und benahm, daß seine Erziehung eine jüdische war. Ja, Chamberlain sagt einmal (S. 241). daß er bei ihm das ganze jüdische. Vorherrschen des Willens überall antraf. Und das ist doch nach den „Grundlagen" speciell jüdische Raceneigenschast (S. 569). In einem vor Kurzem im Posen'schen geführten Proceffe sagte eine arme Polin: „Christus habe wahrscheinlich polnisch gesprochen, denn er war ja Jude." Auf nicht viel höherem Standpunkte steht Chamberlain, der beinahe zu glauben scheint, er habe germanisch gesprochen. Auch dem Apostel Paulus möchte er gern wenigstens eine griechische Mutter verschaffen (S. 581). Kurios ist es auch, wie der den modernsten Hyperkritikern der Bibel folgende „Grundleger", wenn es ihm paßt, wieder zum veralteten Standpunkt der Rationalisten des 18. Jahrhunderts zurückkehrt und die jüdische Religion als von einigen herrschsüchtigen Priestern willkürlich fabric.rte darstellt. Freilich möchte er auch eine speciell germanische Religion (also hatten die alten Germanen keine?) und, wenn es angeht, eine arische Race neuschofftn (S. 645, Nachträge S. 27). Ebenso interessant ist es. wie er mit verzückter christlicher Mystik und Schmähung des Christenthums abwechselt. Aber ich habe hier nicht die Vertheidigung des Christenthums und des Neuen Testaments gegen Chamberlain zu führen und möchte nur darauf Hinweisen, wie er stets bemüht ist, das nach seiner Auffaffung darin Schlechte den Juden, das Gute fremden Einflüssen zuzuschreiben. Aus dem reichen Vorrath solcher auf Unkenntniß oder vorgefaßter Meinung beruhenden schiefen und falschen Darstellungen möge cs genügen. Einiges hervorzuheben. Wir können hier ebenso wenig Alles wiedergeben, als seine zahllosen Widersprüche aufzählen. So spricht er (S. 572) von der „principiellen Unduldsamkeit" der Juden, denen nur die Macht zur Verfolgung fehlte, und macht sie für die Intoleranz und Verfolgungssncht des Christenthums verantwortlich (591/2 und 571). In der That war aber das Christenthum, so lange es sich noch nicht ganz vom Judenthum losgelöst hatte, in den Zeiten seiner Schwäche noch sehr duldsam und forderte nur Toleranz. Verfolgungssüchtig ward es erst, als es. seit Kaiser Konstantin, die Staatsreligion geworden und sich d-s welilichen Armes bedienen konnte. Und alle diese Juden und Andersgläubige verfolgenden Kaiser seit Konstantin bis zum Untergange des oströmischen Reiches waren. Griechen. Slaven, Thracier, Macedonier, also durchwegs Arier. Reiner Germane war Karl der Große, welcher durch langjährige schonungslose Kriege den heidnischen Sachsen das Christenthum aufzwang; die grausamsten Gesetze gegen die Ketzer hat der große Hohenstause Kaiser Friedrich II. erlassen, obwohl er selbst sehr wenig gläubig war. In Spanien begannen die Ketzer- und Judenverfolgungen schon im vierten Jahrhundert unter der Herrschaft der Gothen, des edelsten germanischen Stammes. Grausamkeit und andere Laster der Deutschen wagt Chamberlain freilich nicht immer abzuleugüen, aber bei diesen waren sie nur „die sicherste Grundlage zum Höchsten und Sittlichsten". (S. 726.) Die Juden aber beschuldigt er der Undankbarkeit gegen den Gothenkönig, „der sie mit Wohlthaten überhäuft hatte" (?) und daß sie die stammverwandten Araber (waren diese etwa Hethiter?) aus Afrika herüberriefen, „ohne Haß, nur weil sie dabei zu. profitiren hofften." (S. 334.) Nach der Tradition war es aber ein vom Könige in seiner Ehre gekränkter christlicher Graf, der die Araber herbeirief. Wenn dies auch nicht wahr wäre, so kann doch jedenfalls von einem Berrath der Juden nicht die Rede sein. Wie die Gothen, Suaven, Vandalen, Langobarden, Franken und andere barbarische Völker ungerufen zum Plündern und Erobern ins römische Reich einfielen, so brauchten auch die Araber, bei denen überdies der religiöse Fanatismus hinzukam, nicht gerufen zu werden. Und dann waren diese Semiten viel toleranter als die Gothen vor dem Einfalle der Araber und nach deren gänzlicher Vertreibung. Seile 806 nennt Chamberlain die Juden ironisch „ein Volk, das während Jahrtausenden, ohne jemals etwas gelernt zu haben, Alles gewußt hat und Seite 790 spricht er von dem, was „der berühmte Botaniker Julius Sachs in Folge seines beschränkten charakteristisch-jüdischen Gesichtskreises nicht einsieht." Und vor solchen dummen Juden fürchteten sich die großen Germanen! Mit Behagen citirt er (S. 336), was Bismarck und Herder Böses von den Juden gesagt haben. Aber Bismarck hat auch gesagt, daß der Deutsche sich gern zum Sittenrichter der ganzen Welt aufwirft, obwohl er Chamberlain gar nicht gekannt hat. Und Herder hat an der citirten Stelle (Adrastra 6) auch manches Gute von den Juden gesagt und erklärt: „wo also Juden sind, muß die Verbefferung bei ehrlosen Christen angefangen werden, die den Ebräer mißbrauchen." Das verschweigt Chamberlain. Seite 326, Anmerkung 3 citirt er den Anthropologen Ranke, um die Absonderung der Juden als Race vor den Germanen zu beweisen; was derselbe Ranke (Der Mensch, 2. Aufl. II. S. 93—98) von der somatischen Uebereinstimmung der Juden mit den Völkern, unter denen sie wohnten, sagt, das verschweigt er ebenfalls. Aber er hat entdeckt, wie die Juden die Jndoeuropäer mit jüdischen« Blut „inficiren", indem sie ihre Töchter an Christen verheiraten; „kein Sohn (eines Juden) hat je eine Europäerin geehelicht", fügt er hinzu (S. 326). Das ist einfach nicht wahr. Ec verschweigt die Leistungen der Juden auf dem Gebiete der Musik und thut, als ob die Psalmen gar nicht existirten. Dagegen weiß er (S. 959), daß seine Germanen „selbst zu Pferd die Harfe nicht aus der Hand gaben." Während ernsthafte Gelehrte noch darüber streiten, ob der Brand in Rom im Jahre 64 von Nero oder von den Christen gelegt worden sei, behauptet Chamberlain ohne jeden Beweis, die angeblich zum Judenthum bekehrte Gemahlin Nero's und der jüdische Schauspieler Alityrus seien die moralischen Urheber der Christenverfolgung in jenem Jahre gewesen. (S. 134.) In maßlosen Schmähungen der Juden und unberechtigten Anklagen ergeht er sich besonders Seite 330—32 und 339—40, 458. Und doch muß er zugeben (S. 824—27), daß die vom Judenthum noch nicht „inficirten" Fugger und ihre Genoffen viel ärgere Ausbeuter waren, als selbst nach antisemitischer Darstellung die Juden. Aber Chamberlain ist. was auch manche seiner Bewunderer zugeben, ein Mystiker, und er selbst sagt, „jeder Mystiker ist (ob er's will oder nicht) ein geborener Antisemit." (S. 878.) Aber dieser verzückte Mystiker hetzt mitunter gegen die Juden, wie der ordinärste Gassenantisemit. Und doch haßt er vielleicht den Katholizismus noch mehr als das Judenthum. Freilich ist er auch mit Luther nicht ganz einverstanden; er findet ihn in mancher Beziehung „vollständig im religiösen Materialismus befangen" (S. 750) und stimmt Harnack zu, welcher die lutherische Kirchenlehre „eine kümmerliche Doublette zur katholischen Kirche" nennt.. (Sr 846.) Ich.glaube, dieAntipathie

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