Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 52 (27.12.1901)
- Date
- 1901-12-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021438--11407-3035943- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 52 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 857 haben auch dort enorm viele Existenzen zu Grunde gerichtet, im Reich der „frommen Sitte" ist es, wie die Facten beweisen, mit der Moral — wenigstens auf wirtschaftlichem Gebiete — auch nicht gut bestellt, auf eine industrielle Ueberproduction ist dort gleichfalls eine Periode des Rückganges erfolgt — aber solcher Einbrüche in die Wirthschaftssphäre, wie sie hier seitens öffentlicher Corporationen erfolgen, macht man sich draußen im Reiche nicht schuldig, und trotz allem Antisemitismus wird man einer Ungleichheit in der Behandlung, im behördlichen Verkehre gewiß nicht begegnen. Drei Factoren, die bei uns lähmend wirken, läßt man dort keinen Spielraum, und so werden trotz aller Depression in Berlin vielleicht in einem Monat mehr Dampfmaschinen anfgestellt, wie in Wien in einem Jahre. Diese Dampfmaschinen nehmen aber nicht etwa den fleißigen Händen die Arbeit ab, sondern sie führen sie ihnen zu. Und deshalb hört man in Berlin nicht von — Tausenden hungernden und frierenden Kindern. — Die Stadtverwaltungen in Deutschland haben auch für Arbeitsvermittlung und Fürsorge für Arbeitslose systematischere und unparteiischere Organisationen geschaffen, sie behandeln die Arbeitslosen nicht blos mit Menschlichkeit, sondern auch ohne deren Gesinnung oder Glauben zur Bedingung der Hilfeleistung zu machen, und Klagen, wie man sie hier zu hören bekommt, sind dort überhaupt nie verursacht worden. Wir glauben auch nicht, daß jemals eine andere Gemeindevertretung als eben die Wiener die Constatirung der Roth unter den Kindern zu einem agitatorischen Act stempeln und von den Erhebungen über diese Roth gerade jene Personen ausschließen würde, die den Kindern nach den Eltern zunächst stehen. Wenn in einem einzigen Bezirke, der überdies nicht der ärmste ist, einige tausend hungernde und frierende Kinder gezählt wurden — wie mag es erst in den Bezirken Brigittenau und Favoriten und in anderen aussehen? Wie groß mag die Zahl der hungernden und frierenden Kinder in Wien sein? Man sollte wohl glauben, daß es eine pflichtbewußte Gemeindevertretung gar nicht darauf ankommen lassen werde, daran gemahnt zu werden, daß sie nicht blos aus Menschlichkeit, sondern dem. Gesetze zufolge, sich der Armen annehmen muß.' Allein bei uns werden die Lehrer, die auf die Roth aufmerksam machen, abgekanzelt — wenn nicht gar disciplinariter behandelt — ihre Aussagen werden verdächtigt und statt daß man sich bemühe, rasch zuzugreifen, den Hunger zu stillen und die Frierenden zu wärmen, schlägt man den langen Erhebungsweg ein, beruft Comitös, läßt Berichte fabriciren und — thut gar Mchts. Wie viel Menschen vielleicht diesem Beginnen geopfert werden, wird man freilich niemals abzählen können, aber wenn auch die Zahl nicht statistisch festgestellt werden kann, das Gewissen Derjenigen belastet sie doch, welche man als die mittelbaren oder unmittelbaren Urheber der Roth bezeichnen muß. A. W i e n e r. , Houston Stewart Chamberlain.*) (Fortsetzung). Zu dieser gehört vorzüglich seine Theorie der Racenbildung, für die er fünf Principien als grundlegend annimmt, 1. die - Qualität des Materials, von dem er selbst eingesteht (S. 277), er wisse nicht, woher es komme; 2. die Inzucht; 3. die Zuchtwahl; 4. die Blutmischung; 5. die Beschränkung der Blutmischung. (S. 277—287.) Denken wir uns diese fünf Principien auf Würfel geschrieben, so wird höchst wahrscheinlich bei jedem Wurf eine andere Combination herauskommen. Aber was beim Spiel dem Zufall überlassen bleibt, das ordnet Chamberläin willkürlich, je nachdem es ihm gerade für die im Augenblick aufgestellte These paßt. Aber auch damit reicht er nicht aus. Er bedarf noch des Racenbewußt- *) Wiewohl wir über das tendenziöse Buch bereits eine Besprechung publicirt haben, stehen wir nicht an, vorstehenden Beitrag eines geschätzten Mitarbeiters neuerdings unseren Lesern zu bieten. seins und der nationalen Jndividualifirung (S. 271—272, 290—291). Daß es Racen gibt, und soweit historische Kenntniß zurückreicht, stets gegeben hat, das läßt sich nicht bestreiten; aber für Chamberlain handelt es sich vorzüglich darum, den ungeheuer großen Vorzug der einen Race, der germanischen, vor allen andern zu beweisen. Deshalb macht er einen Abschnitt in der Weltgeschichte, so vor 18 oder 19 Jahrhunderten mit dem „Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte", und läßt mit ihrer Säuberung des „raceulosen Völkerchaos" eine neue Welt entstehen. Es ist die alte Geschichte von der Corruption des römischen Reiches, und wie die „sittenreinen, edlen Völker" des Nordens in Verbindung mit dem Christenthum erst den Sündenpfuhl Roms geläutert haben. Daß diese germanischen und keltischen Völker, denn nach Chamberlain sind ja auch die Kelten und Slaven Germanen, schon ein paar Jahrhunderte früher, als Rom und Griechenland noch ganz gesund und sittenrein waren, als zerstörende und raubende nomadische Barbaren in die civilifirten und reichen südlichen Länder eingefallen sind, das übersieht er. Ebenso wie es dann noch ein paar Jahrhunderte nach ihrem „Eintritt" dauerte, bis sie halbwegs civilisirt und für eine reinere Religion gewonnen wurden. Wir widerstehen jedoch der Versuchung, darzulegen, wie Chamberlain berühmte hervorragende Männer anderer Nationen willkürlich zu Germanen macht, sowie eine richtigere Schilderung des sittlichen und culturellen Zustandes der Germanen in den ersten sechs Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung zu geben. Daß diese im Laufe der Zeit eine höhere Stufe der Cultur und Sittlichkeit erreicht haben als Griechen, Römer und andere Völker des Alterthums, das kommt zum größten Theil davon her, daß die Menschheit im steten Forischreiten begriffen ist. Uebrigens werde ich auf den Culturstand und die Sittlichkeit der Germanen bei ihrem „Eintritt in die Weltgeschichte" ein anderes Mal, nicht zur Freude der Heilodeutschen, zurückkommen. Hier aber haben wir es vorzüglich mit Chamberlain's Stellungnahme zum Judenthum zu thun und zu zeigen, wie er die Racenfrage, die eine rein wissenschaftliche bleiben sollte, mit der Tagespolitik verquickt, wie er — ich verfalle unwillkürlich in seinen bilderreichen Styl — zwischen „der steilen Scylla der reinen Wissenschaft und der Charybdis der (antisemitischen) Verflachung" hin und her zappelt. Wenn er es nicht selbst mit einem gewissen Stolz betheuern würde, daß er nur Dilettant ist, aus seiner Darstellung des Judenthums allein würde es deutlich erhellen. Mehr als in den übrigen Partien seines enorm angeschwollenen Buches zeigt sich hier das Mangelhafte seiner historischen Bildung und Kritik. Mit der naiven Gläubigkeit und dem Enthusiasmus des Dilettanten nimmt er die kühnsten Hypothesen moderner Bibelkritike'r als erwiesene Wahrheiten an und constatirt „drei Thatsachen, welche nicht der Besitz einer gelehrten Minderheit bleiben dürfen, sondern dem Bewußtsein aller Gebildeten einverleibt werden müffen" (S. 347). Demnach ist: 1. das israelitische Volk aus der Bastardirung durchaus verschiedener Menschentypen hervorgegangen. 2. Von diesem Mischmasch bildete das semitische Element kaum die Hälfte. 3. „Der eigentliche Jude entstand erst im Laufe der Jahrhunderte durch allmälige physische Ausscheidung aus der übrigen israelitischen Familie, sowie durch progressive Ausbildung einzelner Geistesanlagen und systematisch e Verkümmerung anderer; er ist nicht das Ergebniß eines nationalen Lebens, sondern gewiffermaßen ein künstliches Product, erzeugt durch eine Priesterkaste, welche dem widerstrebenden Volke mit Hilfe fremder Herrscher eine priesterliche Gesetzgebung und einen priesterlichen Glauben auszwang." Die israelitische Mischung ist, nach ihm, aus drei, vielleicht vier Menschentypen — der semitischen, hethitischen, indoeuropäischen, möglicherweise auch turanischen — entstanden. Das weiß unser Deutsch-Engländer so gut, als ob er die paar Jahrtausende, während deren diese Fabrication vor sich ging, mit durchlebt hätte, und das will er dem Leser ganz kl ar machen. Ja, noch mehr. Er weiß sogar, was diese „Völkertypen, im Detail zum Judenthum beigetragen" haben. So haben wir den Hethitern nicht blos den tapfer» Uria zu verdanken, sondern „selbst die Anlage des jüdischen Tempels, des äußern und innern Hofes, des Vorhanges vor dem Allerheiligsten, sowie das Privilegium des Hohepriesters, diesen Raum zu betreten, das alles (angeblich Moses am Sinai von Gott vorgeschrieben!) sind genaue Nachahmungen des uralten hethitischen Ritus (S. 377 Anm.).