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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-12-27 · 52 (27.12.1901) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
52 (27.12.1901)
Date
1901-12-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 856 Dr. Bloches Wochenschrift' Nr. 52 Kriegsministers bei dem Landesvertheidigungsminister Grafen Welsersheimb keine Nachahmung finden wird. Landesverth eidigungsminister Graf Welsersheimb ist ein gerechter Beamter, frei von allen Vorurtheilen, der sich bei allen feinen Handlungen nur rein von sachlichen Motiven leiten läßt. Wir empfehlen daher den jüdischen Medicinern, die zum Eintritt in den Landwehrdienst sich geeignet finden, unverweilt ihre Gesuche betreffenden Orts einzureichen und sie dürfen sich wohl mit der Hoffnung tragen, daß ihre Confessiou keinen Stein des Anstoßes bilden wird. Eduard Be er. Robert v. Mohl und die „Doppelnationalität" der Juden. Von Dr. Josef Hoff, Rabbiner in B i s e n z. Aus fast allen Theilen der civilisirten Welt erhebt der grausame Judenhaß seine Hydra-Köpfe, bildet eine Art internationale Liga gegen die Juden und halt Berathungen in Versammlungen und auf Cöngreffen, um deren Demüthigung durchzuführen. Von den Einen wird die Religion, von den Anderen die Race, von den Dritten wiederum die angebliche Macht und der Aufschwung der Juden auf dem Geldmärkte und in der Presse zum Vorwand genommen. Es ist traurig, zu sehen, wie man bei der Beurtheilung des Judenthums immer wieder und wieder das reproducirt, was Eisenmenger, Schudt e tutti quanti über dasseble ausgestreut haben. Das Urtheil über dasselbe baut sich keineswegs aus tieferen, eingehenden Studien auf, es ist gewöhnlich bereits fertig, und zwar schon a priori. Für solche Dunkelmänner, die in der Geschichte weit zurückgeblieben sind, die da tief bedauern, daß unser Jahrhundert mit der Ziffer 19 beginnt und lieber 11 oder 12 am Anfang unserer Jahreszahl sehen möchten, für solche ist das Judenthum ganz unberechtigt und die Bekenner desselben sind ihnen ein nothwendiges Uebel; nothwendig deshalb, weil man ihr Geld zu wohlthätigen Zwecken gerne entgegennimmt, Uebel aber, wenn es sich darum handelt, die Fähigkeit des Juden im staatlichen Leben zu verwerthen. Eine Hauptanklage über die Unleidüchkeit der Juden bildet jedoch ihre Absonderung von ihrer heterogenen Umgebung. Schon von Cicero und Tacitus angefangen bis auf unsere „heil—heulenden" Alldeutschen, die trotz ihres „Schmul Leb Kohn- Anführers" alles Nichtdeutsche mit Stumpf und Stiel ausrotten wollen, wird der Vorwurf wiederholt, daß die Juden einen „Staat im Staate" bilden. Da heißt es immer, die Juden seien eine Nation in der Nation, sie bewahren sich durch ihre Religion und Gebräuche, durch ihre exclusive Beschäftigung, insbesondere aber durch ihre nur unter sich stattfindende Fortpflanzung eine für das Staatsleben ungesunde Sonderstellung, sie haben kein Vaterland, daher auch keine Vaterlandsliebe. — So muß der alte Sündenbock der Jahrhunderte wieder herhalten, um mit aller Schuld für die mannigfachen Schäden, die in der heutigen Gesellschaft herrschen, beladen zu werden. Man nimmt, da man mit der Wahrheit nach Belieben umspringen kann, zur Lüge und zur Verleumdung seine Zuflucht. Als Beispiel solch' vorurtheilsvoller Verleumdung ist M o h l's Theorie von der „Doppelnationalität" der Juden anzusehen, der wir es zu verdanken haben, daß der Paria-Zustand der Juden noch heute fortbesteht. — Der ehemalige Professor der Staatswissenschasten in Tübingen und Heidelberg, Robert v. Mohl, äußert sich nämlich wörtlich in seinen politischen Aufsätzen*): „Der Jude kann kein ungetheiltes vaterländisches Gefühl besitzen, da er nicht Deutscher allein, sondern auch Jude ist; ja er ist dies sogar vor Allem und ehe er Deutscher ist und sich als solcher fühlt. Schon der Sprachgebrauch fühlt dies.mit feinem Tacte heraus. Man sagt nicht: ein jüdischer Deutscher, Franzose u. s. w., sondern ein deutscher, französischer, englischer Jude. Auf den Juden wird der Accent geleg!, weil man weiß, daß diese Nationalität die wahre, die vorherrschende Eigenschaft, die andere aber nur eine leichte Modificirung derselben ist." Die Einwendung, daß auch außer den Juden noch ftemde Bestandtheile in den deutschen Staaten sich befinden, sucht Mohl damit zurückzuweisen, daß diese fremden Nationalitäten in kurzer Zeit in der Mehrheit vollkommen aufgehen, während die Juden selbst nach Jahrhunderten vollkommen getrennt und verschiedenartig bleiben. „Denn der Nachkomme eines französischen Refugie ist in Berlin durchaus ein Preuße, in Amsterdam ein Holländer; die Berliner, Frankfurter, Mannheimer Juden sind dagegen vor Allem noch Juden, wenn sie auch deutsch sprechen." — Was nun die Sonderstellung der Juden anbelangt, so muß man doch fragen, wer hat sie denn in diese Stellung gedrängt? Im finsteren Mittelalter und auch schon früher und bis vor einem halben Jahrhundert haben sich die Juden in den christlichen Staaten weder ansiedeln, noch in öffentliche Dienste treten dürfen. Es war ihnen also verboten, sich als Deutsche zu geriren und unter die Anderen sich als Deutsche zu mischen im Verkehre des täglichen Lebens, wie in den Geschäften des Staates. Wo einmal jedoch die hemmende Schranke fiel, da zeigte es sich, und zwar im gleichen Maße, daß jene treue und edle Begeisterung, die man durch zwei furchtbare Jahrtausende hindurch dem alten, *) Staatsrecht, Volksrecht und Politik. HI. Bd. Politik II. Tübingen 1869. lebendigen Gotte Israels gehalten, auch für das Vaterland, mithin auch für Deutschland vorhanden war. Es ist höchlichst zu verwundern, wie Herr v. Mohl, der sonst so besonnene und nüchterne Mann, die historische Thatsache, die er ja selbst miterlebt hat, übersehen konnte, daß im großen Freiheitskampfe von 1813 in Deutschlands Heeren eine große Anzahl von Juden für die Abschüttelung des so verhaßten Joches als todesmuthige Krieger stritten, obgleich sie wohl wußten, daß sich ihre Glaubensgenossen unter der Herrschaft Napoleons des Genusses aller bürgerlichen Rechte erfreuen durften. Diese jüdischen Krieger unter Blücher und Jork halten vom Standpunkte des deutschen Juden vielleicht unklug gehandelt, vom Standpunkte des jüdischen Deutschen aber kannten sie edlere Beweggründe und enthielten sich solch' schnöder, egoistischer Berechnung. M o h l's Theorie von der „Doppelnationalität" der Juden, die er aus der jüdischen Vaterlandslosigkeit hervorgehen läßt, scheiterte an dem gesunden Sinn der badischen Kammer. Robert v. Mohl, dieser hochangesehene Publicist und Politiker, dessen Verdienste auf staatsrechtlichem Gebiete die Literatur-Zeitung der „Neuen Freien Presse" erst vor wenigen Tagen in Form von „Erinnerungen" rühmend hervorgehoben hat, mußte es mitansehen, daß, trotz seiner int siegesgewissen Tone vorgebrachten Argumentation, die Juden-Emancipation ihren ungestörten Gang nahm. Hungernde und Frierende in Mir«. So weit hat es also die vielgepriesene Wirtschaft des „Herrn" von Wien gebracht, daß dreißigtausend Arbeitslose nicht wissen, woher sie Beschäftigung, Nahrung, Kleidung nehmen sollen; daß in einem Bezirke allein die gemaßregelten Lehrer ein Hilfscomite ohne, nein, gegen die Gemeinde einsetzen, weil von 21.000 Schulkindern dieses einen Bezirkes mehr als die Hälfte hungert und friert! Man sage nicht, daß die Gemeinde die Schuld trägt, wenn durch eine wirthschaftliche Krise Arbeitsmangel hervorgerufen wird. Für eine solche Ursache würden wir sie auch nicht verantwortlich machen, wenngleich eine weitblickende und von menschlichem Wohlwollen erfüllte Gemeindevertretung vorschauend und vorbeugend sich bemühen müßte und sollte, daß auch im Falle einer durch sie nicht verschuldeten Krise nicht über einen so großen Theil der* Bevölkerung unverschuldete Noth hereinbricht. Allein an der wirthschaftichen Krise, die jetzt in Wien herrscht und so viele fleißige Hände zum Müßiggänge zwingt, ist die Gemeinde Wien so ganz unschuldig nicht. Wenn man sich vergegenwärtigt, in welcher Weise durch den allerdings nominell als Bezirkshauptmannschaft fungirenden, in der That aber doch nur den Willen der Gemeinderäthe vollstreckenden Magistrat die Gewerbegesetzgebuug gehandhabt wird, mit Chicanen diejenigen malträtirt werden, denen man auf anderem Wege nicht beikommen kann, wie die Erwerbsteuerpflichtigen drangsalirt werden, denen man nach Race oder Confession die Steuer an den Leib mißt, wenn man den Geist verfolgt, mit welchem dem Handel begegnet wird, wenn man ins Auge faßt, welche Schwierigkeiten den Industriellen in den Weg gelegt werden, wenn man sieht, wie den Unternehmern begegnet wird, deren Energie und Thatkraft — selbstverständlich nicht mit dem Zwecke des Verlustes — allein große arbeitschaffende Einrichtungen Hervorbringen kann, welche die öffentlichen Aemter aus eigener Initiative niemals schaffen, wenn man weiter die Feindschaft gegen das belebende Capital in Erwägung zieht und die brutalen Angriffe, denen das Capital, nicht um seiner selbstwillen — wie es seitens der Socialdemokraten geschieht — sondern als lebendige Kraft ausgesetzt ist, und die empörenden Beschimpfungen der Capitalisten hört — wer darf sich daun wundern/daß in einer Stadt, wo eine solche Richtung dominirt, geschäftliche Stagnation eintritt und ein Arbeitsmangel herrscht, der Tausende von Familien brotlos macht! Nicht die wirthschaftliche Conjunctur allein ist also die Ursache der Arbeitslosigkeit, das Thun und Lassen der Gemeindevertretung und der Partei, die sie repräsentirt, sind ein nicht minder wichtiger Factor. lieber Deutschland ist auch eine schwere wirthschaftliche Krise hereingebrochen, die finanziellen Zusammenbrüche

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