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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-12-20 · 51 (20.12.1901) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
51 (20.12.1901)
Date
1901-12-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 842 Dr. Bloch's Wochenschrift. J»r. 51 wenn die Talmud-Thoraschule nach ihrer definitiven Ausgestaltung das nöthige Schülermaterial liefern wird. Die Diction der Propheten ist mustergiltig für alle Zeiten geworden. Cultusvorsteher G e w i t s ch dankt dem Collegen Doctor Marcus Spitzer für seine Anregungen. Das Hebräische ist nicht eine todte Sprache wie die griechische, sondern die Verkehrssprache von Millionen Juden. Sie hat nicht blos eine reiche, neue Literatur und befriedigt das Bildungsbedürfniß unserer Stammesgenoffen im Osten, es erscheinen auch täglich Zeitungen in dieser Sprache. Nachdem kais. Rath Moritz Hirsch auf die Ausführungen der Vorredner reflectirt hat, wird Abschnitt A des Budgets nach den Vorschlägen des Referenten einstimmig angenommen. Zum Abschnitt B Unterrichtswesen ergreift das Wort Cultusvorsteher G e w i t s ch. Redner beruft sich auf die Worte des verehrten Präsidenten, daß die Schulcommission in echt jüdischem Geiste arbeite. Redner kann dies dankend bestätigen und gibt schließlich dem Wunsche Ausdruck, das Inventar der Gemeindebibliothek vergrößert und die Anzahl der Bibliotheksstunden von 2V2 auf 5 erhöht zu sehen. Vicepräsident Landesschulrath Dr. Gustav Kohn verspricht, demnächst mit hierauf bezüglichen Anträgen an das Plenum heranzutreten. Cultusvorsteher kais. Rath P 0 l l a k bespricht die Lehrmethode beim Religions- und hebräischen Sprachunterricht in den Mittelschulen und hebt deren zahlreiche Mängel hervor, über welche die Familienväter Klage führen. „Vor mir liegt sowohl die alte, als die neue Instruction für den Religionsunterricht; bei einem blos oberflächlichen Blick in dieselbe muß man zugestehen, daß sie seitens der Mittelschullehrer auf den Kopf gestellt wird. Dieses Vorgehen ist aber gee gnet, die Jugend dem Judenthume eher zu entfremden, als wirkliche Religiosität, wirkliche Begeisterung für die angestammte Religion bei den Mittelschülern zu erwecken. Ich begrüße daher den Schritt, der gemacht werden soll, und wenn es auch für die Cultusgemeinde mit größeren Geldopfern verbunden sein sollte, die Mittelschullehrer in ein gewisses Verhältniß zur Cultusgemeinde zu bringen. Ich erwartete von dem Eintritt eines hervorragenden Schulmannes in den Cultusvorstand Großes auf diesem Gebiete, glaube aber, daß er durch die Behandlung des Stoffes im Vorstande arbeitsmüde geworden ist. Die Ueberwachung des Unterrichtes durch Schulinspectoren, in deren Reihen sich ausgezeichnete Männer befinden, ist ungenügend, denn die Jnspectoren sind durch Unterricht und andere amtliche Functionen verhindert, ihren Obliegenheiten in jener Weise nachzukommen,. welche die Wichtigkeit der Sache erheischt. In Deutschland ist man längst darauf gekorimen, die Schulinspectoren von jeder anderen Beschäftigung loszuschälen, damit dieselben sich diesem Berufe voll und ganz widmen können. Ich halte cs als Pflicht der Cultusgemeinde, gerade bei der Schule zu beginnen, ihr Hauptaugenmerk auf diese erste Stätte -m lenken, damit die Jugend, erfüllt von den Aufgaben des Judenthums, gekräftigt durch die historische Bedeutung desselben, auf den schweren Weg durchs Leben vorbereitet, nicht aber durch bloßes Auswendiglernen .von Vocabeln und grammatikalischem Ballast, eine Sprachkenntniß erwerbend, der wahren Religion entfremdet werde. Die Kinder können oft trotz papageienhaft eingedrillter Vocabeln bei Trauerfällen kaum Kadisch sagen und sind über die wichtigsten Vorkommnisse der Liturgie im Unklaren. Ein fernerer Uebelstand ist es, daß das Princip: Sechs Tage sollst du arbeiten und am siebenten Tage ruhen, bei den jüdischen Schulkindern nicht zur Geltung kommt. Wenn wir auch als Minorität im Staate nicht verlangen können, daß der Samstag geheiligt werde, so konnte doch der Sonntag für die Schulkinder bei einigem guten Willen und Inanspruchnahme des Säckels der Cultusgemeinde durch Vermehrung der Lehrer freigehalten und so der Ruhetag geschaffen werden, dessen die in der Entwicklung befindliche Jugend so sehr bedarf. — Wenn das jüdische Kind im Leben naturgemäß einen schwereren Kampf zu bestehen haben wird, so muß man doch dafür formen, daß es nicht -schon in der Schule hart empfindet, daß ihm größere Lasten auferlegt sind, als den übrigen Staubgebornen. Und die Schüler sollen auch wissen, daß der Cultusvorstand ein warmes Herz für ihre Empfindungen und Bedürfnisse hat; der Gemeinde wird es sicherlich zur Ehre gereichen, wenn sie speciell für die Schuljugend ihre ganzen Kräfte einsetzt. Ich erwarte von den neuen Vorstandsmitgliedern, welche wir so freudig an der .Arbeit theilnehmen sehen, daß sie auch in dieser Richtung ihren neuen Geist und ihren mächtigen Einfluß zu Gunsten der Jugend geltend machen werden. Der Vorsitzende kaiserl. Rath K l i n g e r glaubt, daß es nicht die Absicht des Vorredners sein könne, die Mittelschullehrer anzugreifen; dies seien Männer, welche die unbedingte Achtung verdienen und die ihre schwere Aufgabe mit Gewissenhaftigkeit erfüllen. — Der Präsident müffe immer, nach wie vor, darauf zurückkommen, daß die Grundlage für den israelitischen Religionsunterricht und mancher Widerstand gegen denselben in der Familie selbst zu suchen sei. Herr kaiserl. Rath Pollak sei Mitglied der Schulcommiffion und habe dort Gelegenheit, seine Beschwerden vorzubringen und Verbesserungen zu beantragen. Cultusvorsteher Director Simon anerkennt, daß viele Uebelstände noch vorhanden sind, aber die Schuld liegt in unseren financiellen Verhältnissen. Einzelne Lehrer haben 30 Unterrichtsstunden wöchentlich und häufig noch an mehreren Anstalten. Ein solcher Zustand könne ohne Uebelstände nicht bleiben. In allen civilisirten Staaten ist man zur Erkenntniß gelangt, daß die Schulinspection nicht ein Nebenamt sein kann. Wir verharren bei dieser Art Jusprction aus financiellen Gründen. Demnach ist es das Plenum, welches die Verantwortlichkeit für die noch bestehenden Uebelstände zu tragen hat. Cultusvorsteher Baurath Wilhelm S t i a ß n y : Zwei Aeußerungen des Collegen kaiserl. Rathes Wilhelm Pollak veranlassen mich zu kurzer Erwiderung. Zuerst sem Ausspruch über die Qualität mancher unserer Religionslehrer. Ich beschäftige mich seit länger als zwei Decennien mit dem Unterrichtswesen und habe viele abfällige Bemerkungen über Lehrpersonen gehört, aber noch nicht eine einzige über unsere Religionslehrer, die sich bei ihren jüdischen Collegen und Vorgesetzten ungetheilter Achtung zu erfreuen haben. Sodann muß ich auf den Vorwurf zurückkommen, als würden in unseren Religionsschulen zu viele hebräische Vocabeln gelehrt! Ich wüßte aber nicht, wie eine Sprache erlernt werden soll, wenn man sich nicht früher einen Wortschatz in derselben erworben hat. Da aber heute schon von einigen geehrten Vorrednern über das Studium der hebräischen Sprache und den Werth der letzteren gegenüber der griechischen Sprache gesprochen wurde, so möchte ich mir doch erlauben, auch meine Meinung über diese wichtige Angelegenheit auszudrücken. Ich fühle mich einigermaßen hiezu berechtigt, weil ich ja, wie Sie wissen, der beiden Sprachen so ziemlich mächtig und unter den geehrten Anwesenden wahrscheinlich der Einzige bin. der sich schon am heutigen Tage mit beiden Sprachen beschäftigt hat; ich lese nämlich stetsin den ersten Morgen,runden in meiner Polyglotten-Bibel. Lassen Sie mich, meine Herren, Ihnen ein Gleichniß aus dem griechischen Mythos erzählen. — Tiresias wandelte einst über Feld. Da traf er auf zwei Schlangen, die sich brünstig umfingen. Wie er mit seinem Stabe zwischen die Schlangen schlug, ward er in eine Frau verwandelt. — Nach längerer Zeit traf er wieder lustwandelnd auf ein Schlangenpaar in ähnlicher Verfassung,; nochmals schlug er dazwischen und siehe, er wurde wieder in einen Mann verwandelt. — Daher war Tiresias competent, das Vergnügen des Mannes gegen das der Frau abzuwägen (Lebhafte Heiterkeit) Meine Herren! Ich bin nun in der Lage, das Vergnügen bei der Lectüre griechischer Classiker und bei dem Lesen unserer hebräischen heiligen Schriften zu beurtheilen, — und trotz meiner begeisterten Verehrung für die Schönheit der Sprache und der Diction der hellenischen Meisterwerke kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß der Genuß beim Lesen der Psalmen und der Propheten ein hundertfach größerer ist. — Ich kenne nichts in der Literatur aller Völker, was an die Erhabenheit der Weissagungen des Jesaias, an die Schönheit und Lebenswahrheit der Schilderungen im Pentateuch heranreicht. Es ist früher die Bemerkung gefallen, daß unsere Kinder das Gebot der Sabbathheiligung in der Schule lernen sollen. Nun bin ich gewiß derselben Ansicht. Es freut mich sicher, wenn mein Sohn recitiren kann: (Redner citirt den griechischen Vers.) Aber ich bin noch weit mehr erfreut, wenn er mir in der Sprache, die wir Alle kennen und ehren, sagt: „Wajiichboth bajom haschwii mikol melachto ascher ossoh“. , Im vorigen Jahre hat im jüdischen Museum ein berühmter protestantischer Gelehrter aus Deutschland einen glänzenden Vortrag über „Schir haschirim“ gehalten und dabei offen erklärt, daß die Schönheit des Urtextes in keiner, auch noch so guten Uedersetzung erreicht werden kann. Wiederholt wurde heute die hebräische Sprache als eine todte bezeichnet. Ich muß dieser Behauptung entschieden entgegentreten. Noch immer gibt es gegen zwei Millionen Juden in Rußland, der Türkei und Indien, in England, Amerika, Deutschland und an anderen Orten, die die neue hebräische Literatur zu lesen vermögen, und unter diesen befinden sich viele, welche ihre gesummten Kenntnisse, ihr Wissen in politischen und socialen Fragen aus hebräischen Werken und Schriftstücken schöpfen, ihre ganze geschäftliche Correspondenz in hebräischer Sprache führen. Da können wir doch nicht die hebräische Sprache eine todte nennen! Meine Herren! Die Wiener jüdische Gemeinde mit ihren 160.000 Seelen ist gewiß berufen, einen Einfluß auf die Geschicke des Judenthums auszuüben. Aber die Entscheidung über diese Geschicke liegt doch nicht in unserer Hand. Der stolze Bau des Juden thums ist auf einer weitaus größeren Grundlage aufgerichtet, und zu den werthvollsten, tragfähigsten Grundsteinen, welche in diese Basis eingemauert sind, gehören Studium und Pflege unserer herrlichen hebräischen Sprache. Damit schließe ich. (Beifall und Händeklatschen.)

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