Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 51 (20.12.1901)
- Date
- 1901-12-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 841 Um dieses größere Deficit des vorliegenden Budgets aufzuklären. will ich von den vielen differenzirenden Zahlen nur hervorheben, daß im vorigen Jahre an außerordentlicher Investition blos der Baukostenrest des Siechenhauses mit K 60.000'— eingestellt war, während in dem diesjährigen Voranschlag an außerordentlicher Investition der Annex zum Spitalsbau, das ist jener Bau, welcher das alte Spital mit dem neuerbauten chirurgischen Pavillon (einer großherzigen Schenkung der Freiherrn von Rothschild) verbindet, im Betrage von K 100.000'— erscheint. Die weiteren baulichen Herstellungen des vorigen Jahres erwähne ich nicht, weil diese sich mit jenen in diesem Jahre bis auf wenige tausend Kronen balancireu. Ich will nun, wenn Sie es gestatten, an der Hand Ihrer Vorlagen, wie ich schon eingangs erwähnt habe, die einzelnen Abschnitte einer Vergleichung gegen das Vorjahr unterziehen und, sollte es gewünscht werden, es den geehrten Herren Obmännern der einzelnen Commissionen anheimstellen, weitere -Aufklärungen zu ertheilen. Ziffermäßig richtig stellt sich der gegen das Jahr 1901 erforderliche Mehrbetrag von X 81.994 durch Anführung der im vorliegenden Budget nachgewiesenen Wehr- und Mindererfordernisse, und zwar ergibt sich bei Abschnitt A für Bethäuser, Cultus und rituelle Angelegenheiten ein Mehrerforderniß von X 15.700. Dieses erklärt sich durch Mindereinnahmen von etwas über X 6000, welche sich der Hauptsache nach aus folgenden Posten zusammensetzen: für Betsitze im Stadttempel X 500.—, für Aufgebote im Stadttempel X 400.—, für Trauungstaxen im Stadttempel X 5000.—, ferner durch Mehrausgaben im Betrage von X 10.000.—, welche sich aus der Post „Renovirung der Bethäuser im XV. und XVI. Bezirke" und aus der Post „Fleischregie" mit Beträgen von je X 5000.— ergeben. Bei Abschnitt 6, Unterrichtswesen, resultirt scheinbar ein geringeres Erforderniß von X 1460, in der That jedoch ein Mehrerforderniß von X 16.340, da im vorliegenden Budget aus einem Legate X 17.800 in den Einnahmen erscheinen, was im Jahre 1901 nicht der Fall war. Das factische Mehrerforderniß erklärt sich durch die Verringerung der Einnahmen aus dem Bezirksschulfonde mit X 3000, und die Vermehrung der Ausgaben bei den Posten „Lehrer-Honorare" mit X 5000, „Reserve" X 2000, „Jugendgottesdienst" mit X 1500, „Cottfirmation" mit X 600, historische Commission mit X 3000 „Lämmelscbule in Jerusalem" X 2500, Beitrag an arme Schüler mit X 2000 und „Reserve für Bibliothek" mit X 1000; dagegen verringern sich die Ausgaben bei den Posten „Leseübungsschule" um X 1500, „Schulaufsicht" um X 400, „Schuldiener" um X 1500, „Schülerlade der Mittelschulen" um X 300 und „Brann'sches Lehrbuch" um X 400. Abschnitt 6, Armenwesen und Wohlthätigkeitsanstalten, weist ein Mehrerforderniß von X 82.804 auf. Es verringern sich die Ausgaben bei der Post „Wohlihätigkeitsamt" um X 3600, ferner entfallen die Posten „Restliche Siechenhausbaukosten" per X 60.000 und „Altersversorgungshaus-Adoptirungskosten" per X 16.000; dagegen ergeben sich Mehrausgaben, bei den folgenden Posten „Unterstützungen" mit X 4000, „rituelle Verköstigung" mit X 1000, „Siechenhaus- und Altersvrrsorgungshaus-Erhaltungskosten" mit X 5000 (nachdem schon im Vorjahre für diesen Zweck X 40.000 mehr im Budget vorgesehen waren), ferner durch Mehrausgaben für Erhaltung des Spitals inclusive des neuen Pavillons mit X 51.700 und für die Adaptirung und Renovirung des alten Spitals X 100.000 und für diverse kleine Posten mit X 700. Es verschlechtert sich daher das Präliminare dieses Abschnittes um X 162.400 und verbessert sich um X 79.600. Abschnitt D, Finanzen und Controle, ergibt eine Berbefferung von Kronen 30.968. Diese erklärt sich erstens durch Erhöhung der'Einnahmen von Cultussteuern per X 50.000, wozu ich mir zu bemerken erlaube, daß diese Erhöhung auf Grund des Ergebnisses des laufenden Jahres eingestellt wurde. Ob diese Mehreinnahme im kommenden Jahre auch wirklich eintreten wird, erscheint mir allerdings fraglich, zumal einerseits eine Anzahl Hochbesteuerter uns leider durch den Tod entrissen wurde und andererseits auch in Anbetracht der tristen Erwerbsverhältnisse eine große Zahl von Steuernachlässen und Abschreibungen voraussichtlich wird stattfinden müssen. Zweitens erscheint eine Erhöhung der Einnahmen bei Post „Contocorrent-Zinsen" rc. per X 6000. Mehrausgaben erscheinen bei Capitel 25, Gemeindeverwaltung, Per X 6000, Capitel 26, Pensionszulagen, per X 2400, bei Capitel 27, Gnadengaben, per X 700, bei Capitel 28, Gebäude-Verwaltung, infolge Adaptirungskosten und Staats - Steuer-Erhöhung per X 4000 und bei Capitel 31, Erhöhung der allgemeinen Reserve, um X 10.000. Es verschlechtert sich das Präliminare dieses Abschnittes um X 23.100 und verbessert sich um X 56.000. Abschnitt E, administrative und Rechtsangelegenheiten, weist eine Verschlechterung von X 211 auf, die durch kleine Verwaltungsspefen herbeigeführt wird. Bei Abschnitt E, Friedhof- und Beerdigungswesen, erklärt sich der geringere Ueberschuß von X 15.663 durch die im nächsten Jahre erforderlichen baulichen Herstellungen auf dem Centralfriedhofe und durch geringere Einnahmen an Friedhoftaxen. Angesichts dieser budgetären Lage werden Sie mir es gewiß nicht übel nehmen, wenn ich sage, daß sich meiner eine gewisse Unruhe bemächtigt. Die einzelnen Erfordernisse sind knapp nach dem Ergebnisse des laufenden Jahres aufgestellt und es wird Ihrer ununterbrochenen Anstrengung bedürfen, Ersparnisse zu erzielen; die Betriebskosten des neuen Spital-Pavillons sind nur für einen Theil des kommenden Jahres bemeffen, während der Betrieb im darauf folgenden Kalenderjahre noch größere Mittel erfordern wird, auf welchen Umstand ich schon jetzt Ihre besondere Aufmerksamkeit gelenkt haben will. Das Nothwendige und Wünschenswerthe haben Sie bereits in Ausführung georacht und Sie dürfen sich nicht verleiten lassen, Wünsche und Bestrebungen, so billigeuswerth diese an sich ' auch sein mögen, leichten Herzens zu erfüllen, sondern müssen scharf rechnen und nur das unumgänglich Nothwendige und Unabweisliche in den Kreis Ihrer Betrachtung ziehen, um endlich das Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben herzustellen, durch welches allein die Grundlage einer gesunden Wirthschaftsgebahrung gewährleistet wird. Ich bitte Sie um Genehmigung dieses Voranschlages. Cultusvorst-Her G e w i t s ch ergreift das Wort, um der Besorgniß für die Zukunft der Gemeinde Ausdruck zu geben, er bespricht die beunruhigenden Symptome einer zunehmenden Verarmung des jüdischen Mittelstandes, die zahlreichen Selbstmorde der letzten Z it, und hebt hervor, daß diese Situation sich immer mehr verschlechtert. Das Resultat gewisser Gesetze ist ein steter Zuzug armer Juden aus der Provinz nach der Hauptstadt und die voraussichtlichen Wirkungen des Gesetzentwurfes über die landwirthschaftlichen Genossenschaften, oder jenes über die Aufhebung des Terminhandels werden sich für die Gemeinde sehr fühlbar machen. Es sei nothwendig, eine Reserve anzulegen für eine unausbleibliche böse Situation in der nächsten Zukunft. Cultusvorsteher Dr. Marcus Spitzer weist darauf hin, daß 50 Percent der Steuern der Cultusgemeinde für Zwecke der Wohlthätigkeit verwendet werden, während für Cultus und Unterricht kaum zwei Drittel dieses Betrages gewidmet erscheinen. Auf Cultus und Unterricht beruht aber die Zukunft des Judenthums. Aufgabe der Gemeinde wäre es, die Ausgestaltung des Gottesdienstes und der Cultusanstalten auf der Höhe der edlen Traditionen eines Mannheimer und Jellinek zu erhalten. Redner bespricht ausführlich die Resultate des Religionsunterrichtes, die eminenten Schwierigkeiten, in zwei Stunden wöchentlich der Jugend die Kenntniß der hebräischen Sprache und jüdischen Literatur beizubringen, er erwähnt die Nothwendigkeit öffentlicher Vorträge über jüdische Geschichte, nach welchen das Publicum mit Heißhunger verlangt. Es herrscht in Wahrheit ein Hunger und Durst nach öffentlicher Belehrung, und man sollte die Institute, welche diesem Bedürfniß entgegenkommen, ausgiebig unterstützen. Im weiteren Verlauf seiner Rede urgirt Herr Dr. Spitzer die Bildung eigener Religivnsschulen zur weiteren Ausbildung der Jugend in der hebräischen Sprache, welche nicht blos erhabener und schöner, sondern auch für uns ungleich wichtiger ist als die griechische Sprache und Literatur. Ohne Kenntniß der jüdischen Geschichte und Literatur ist eine Begeisterung für das Judenthum nicht möglich. Endlich erneuert Redner seine Mahnung zur Gründung von Lehrerpräparandien behufs Ausbildung tüchtiger, modern geschulter Religionslehrer. Cultusvorsteher Salo Cohn: Bei aller Anerkennung des hohen Werthes und der poetischen Erhabenheit der hebräischen Sprache und Literatur als Grundlage der Ethik und die Quelle des Sittengesetzes, darf man doch nicht vergessen, daß das Griechische die Grundlage unserer gesammten modernen Bildung geworden, der Kunst und Aesthetik, und daß unsere Jugend auch nach dieser Richtung gut ausgerüstet werden muß. Cultusvorsteher Dr. Berger: Die Errichtung einer Präparandie kann erst die Aufgabe einer späteren Zukunft sein.