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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-12-20 · 51 (20.12.1901) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
51 (20.12.1901)
Date
1901-12-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 838 Dr. Bloches Wochenschrift. Nr. 51 ob er ins Hauptlager der von der Regierung anerkannten Patentchristen gehört, oder nicht, und je nachdem die Antwort ausfällt, wird er hier anerkannt, dort aber verdammt und gerichtet. All diese Christen, die jeden anderen Namen eher verdienen als den eines Anhängers Christi, fragen nie und nimmer nach den inneren Charakterqualitäten eines Menschen, denn es ist ihnen ganz; und gar gleichgiltig. ob und wie einer sein Cbristenthum in Thaten umsetzt. Die That ist nichts, das laute Bekennen Alles. Wer das unterläßt, weiter sich entweder für keine der bestehenden religiös-politischen Parteien zu entscheiden vermag, oder aber, weil er von Geburt aus einer nichtchristlichen Religionsgemeinde angehört, der ist. mag er auch noch so human und anständig sein, in den Augen aller Patentchristen ein nichtswürdiges, mindestens aber ein höchst verdächtiges Individuum, das sich jeden Augenblick als Erzgauner entpuppm kann. Ist dieser Unglücksmensch noch obendrein ein Jude, dann blindlings ins Feuer mit ihm, denn irgend etwas wird schon an ihm sein, das das Verbrennen rechtfertigt. Diese Art, die Menschen einzig und allein nur nach ihrer Zugehörigkeit zu irgend einer religiös-politischen Partei zu beurtheilen, ist seit der Zeit, in der die christlich-sociale Partei in Wien die Oberhand gewann, so allgemein geworden, daß der in den Revolutionsjahren geborene Freisinn allenthalben fast so gut wie todt ist. Wer heute in den Augen der Menschen irgend eines der vielen christlichen Parteilager als ein halbwegs anständiger Mensch gelten will, der muß sich von Juden nähren, und wären sie noch so selten, wie es in Tirol der Fall ist. Selbst Dr. Erler, dessen Rechtschaffenheit und politische Ehrlichkeit vor aller Welt mackellos dasteht, mußte, obgleich er der deutschfortschrittlichen Partei, die das bischen Freisinn gesäet, das in Tirol aufgegangen ist, angebört, nothgedrungen das Versprechen abgeben, einen Üebergewichtsjuden zu fressen, obwohl ganz Tirol kein einziges solches Exemplar aufzuweisen hat. Der einzige Jude, der je in Tirol einem öffentlichen Vertretunzskörper, nämlich dem Gemeinderath von Innsbruck, angehörte. ist sehr zu seinem persönlichen Vortheil und zum Glück Ecler's nach mehr als zwanzigjähriger eifriger Thätigkeit über Betreiben seiner College» von der Wählerschaft abgehalftert worden, denn wenn er noch im Gemeinderathe wäre und Erler ihn nun infolge seines Versprechens auffressen müßte, könnte es leicht geschehen, daß Ecler's Magen, Hirn und Herz des Aufgefreffenen nicht zu verdauen vermöchte, denn Dank der gesunden Beschaffenheit beider hat Dannhauser nicht nur den ersten Turnverein Innsbrucks gegründet, sondern auch mit vieler Mühe den Bau der Turnhalle durchgesetzt, eine That, die die heutige Turnerschaft damit lohnt, daß sie keinen Juden mehr in den Verein aufnimmt und der Wohlthaten theilhaftig werden läßt, die in erster Linie Dann Hauser zu verdanken sind. Das sind nackte Thatsachen, die angesichts der pöbelhaften Rüpeleien der Christlich-Socialen endlich einmal frei herausgesagt werden müssen. Es ist dies zwar nicht just meine Pflicht, sondern vielmehr die des „Tiroler Tagblattcs", des officiellen Organes der Freisinnigen Tirols. Da aber dieses Blatt, das sein Dasein und Fortbestehen nicht zum kleinsten Theil der Innsbrucker Judenschaft zu verdanken hat, wohl aus Furcht, einige Abonnenten zu verlieren, kein Wort der Abwehr wagt, will ich es thun, und ich stehe nicht an, zu erklären, daß solch ein ödes, neiderfülltes Begeifern und Beschimpfen wehrloser Mitbürger, wie mans unlängst in Brixen gehört, ekelhaft feig und bodenlos niederträchtig ist. Wem diese meine.Erklärung nicht paßt, der mag kommen und mich auffreffen, ab-r dies wird so wenig geschehen, als die seinerzeit bei der Geburt der christlich-socialen „Post" mit so großem Pomp angekündigte Judenfrefferei zur Thatsache geworden ist. Dem Programm dieses Blattes nach zu schließen, dürfte man mit vollem Recht erwarten, daß in jeder Nummer mindestens ein Jude splitternackt ausgezogen und mit seinen ungeheueren Schandthaten und Verbrechen an das Tageslicht würde gebracht werden, aber siehe da! Obwohl dieses Blatt seit seinem Bestände nur vom Judenfraß en gros sein kümmerliches Dasein fristet, ist es über die allgemeine Schimpfouverture noch immer nicht hinausgekommen und hat noch nicht die allerkleinste Ungeheuerlichkeit in einem besonderen Falle nachgewiesen oder aufgedeckt. Muß man da nicht zum logischen Schluß kommen, daß unsere jüdischen Mitbürger sich nichts zu Schulden kommen laffen, was des Aufdcckens werth wäre? Es muß wohl so sein, wofern man dem dazu berufenen Organ, der „Post^, nur einen Schein von Existenzberechtigung zuerkennen will. Sicher ist, daß Jeder, der wahrhaft freisinnig denkt, solche niederträchtige Verunglimpfungen und Pauschalbeschimpfungen Wehrloser Mitbürger nur verurtheilen kann, und diese Zeilen sollen dem denunciatorischen christlich-socialen Gesindel ein deutlicher Beweis sein, daß der Freisinn in Tirol nicht nur noch nicht ausgestorben ist, sondern daß es auch noch Leute gibt, die den Muth haben, sich als Freisinnige zu bekennen. Leicht ist einem dies freilich nicht gemacht, denn in Tirol zählen gerade Jene, welche fast ausschließlich jüdische Firmen vertreten und davon gut leben, zu den allerärgsten Judenhassern und Hetzern und-werden nicht müde, all' Jene, die den Juden wie auch jeden anderen Menschen weder nach seinem Stammbaum, noch nach seinem Glauben oder Unglauben, sondern nur nach seinen persönlichen Eigenschaften und der Natur seiner Handlungen beurtheilen und behandeln, frech und unverfroren als Volksverräther verschreien. Sei's drum! Mich soll auch dieser Titel nicht abhalten, insolange meine Meinung im „Wastl" niederzulegen, als sich genug Menschen finden, die die Wahrheit hören wollen. Und stirbt das Häuflein, wie die „Tiroler Stimmen"-Leute es hoffen, unter dem Hochdruck natiökaler und pfäffischer Fanatiker einmal aus, schnüre ich mein Bündel und d^ehe dem Schauplatz, auf dem das große Trauerspiel des Tiroler Volkes sich abspielt, den Rücken und nehme als einziges frohes Andenken die Erinnerung an die herrliche Scenerie und die frische Natürlichkeit der Leute mit, die um kargen Lohn die Scene beleben helfen, doch nicht wissen, was sie thun. Die peinigende Tragödie aber, in der ich gegenwärtig nahe den Rampen mitagire, die will ich sammt den mir so freigebig verliehenen Titulaturen vergessen und es getrost der Nachwelt überlassen, sie zu sichten und mir jene zuzufchreiben, die ich verdiene. Vorläufig stehe ich aber noch ungebeugt und unerschrocken mitten im Kampfe, und es soll meinen Gegnern nicht so leicht werden, mir die Waffe zu entwinden, die ich mir selbst geschmiedet und zur Freude all' Jener führe, die den wahren Freimuth und die nackte Wahrheit lieben. Nationaler und confeslroneller Koyrolt. In Deutschlands Ostprovinzen haben die Polen einen completeu Bvycott gegen die deutschen Kauflente inscenirt. „Kauft nicht bei Deutschen" ist das Schlagwort, mit dem die polnischen Frauen und Männer den deutschen Handel zu ruiniren bestrebt sind, der deutschen Industrie den Absatzmarkt entreißen wollen. Das gleiche „Princip" verfolgen die Czechen in Böhmen und Mähren. Svüj k svernu — „Jeder zu dem Seinigeu" wird als Parole ausgegeben und befolgt. Und die Wirkung? Es wird nicht blos der Einzelne geschädigt, es wird nicht nur materieller Schaden zugefügt, es wird die Bevölkerung verhetzt, es wird eine sicherheitsgefährliche Verbitterung hervorgerufen, es werden Gegensätze geschürt und die in jeder Stadt und in jedem Staate notwendige innere Ruhe, Eintracht, Unternehmungs- und Schaffensfreudigkeit untergraben. Es ist selbstverständlich, daß im Staatsinteresse jede Regierung gegen jeden solchen Boycott mit aller Entschiedenheit auftreten und es als ihre Pflicht betrachten müßte, den zerstörenden Wirkungen einer solchen Agitation vorzubeugen. Allein wir begegnen leider einem so systematischen Vorgehen nicht. Wo es den Regierungen in den Kram paßt, sich eine Zeit lang energisch zu zeigen, da kehren sie die rauhe Seite hervor und anderwärts wieder spielen sie den todten Hasen und thun, als ob sie nichts sehen und nichts hören würden, was doch unmittelbar vor ihren Ohren gesprochen wird, was unter ihren Augen geschieht. So inconsequent die Regierungen sind, so inconsequent sindauch die Parteien. In allen Fällen, wo sich die Agitation gegen sie. richtet, da bäumen sie sich auf,, verlangen sie Regierungsintervention, rufen sie um Hilfe — und dieselben Parteien geben die Parole aus „Kauft nicht bei Juden" oder bei Anderen, wie es ihnen gerade in den Kram paßt. Sie sehen gar nicht, daß das „Heute mir, morgen

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