Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 51 (20.12.1901)
- Date
- 1901-12-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 51 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 837 Luxus, diese „wahre Tugend des Reichthums", treibt oder nicht, ist vollständig nebensächlich. Maßgebend ist der Grund und der Zweck einer mit blödsinnigen Uebertreibungen ausgestatteten Untersuchung der Bermögensverhältniffe eines reichen Juden. Die „Reichspost", die natürlich die Berganischen Enthüllungen mit Begierde übernimmt, bemerkt sehr richtig, daß nach der im „Deutschen Volksblatt" aufgestellten Bilanz Baron Rothschild allein jährlich die größere Hälfte des Gesammteinkommens, von ganz Wien beziehen müßte, aber die wahnsinnige Behauptung, Baron Rothschild' besitze elf Milliarden, hält das kleine, in der Dämmerung erscheinende Abendblättchen doch nicht ab, diesen angeblichen Reichthum Rothschilds gelten zu lassen und in seinem Sinne zu verwerthen, obgleich es selbst die Mittheilung unmöglich für wahr halten kann. Ernst genommen wurde der Artikel des Verganiblattes überhaupt nur von einem einzigen Menschen, und das ist für die Tendenz desselben bezeichnend, nämlich von einem Denuncianten. Der famose Abgeordnete Herzog, ein arisch-germanischer Muster-Ehrenmann, dessen interessante Biographie bereits in den Gerichtsacten unverwischbar festgelegt ist, hat an den Finanzminister eine Interpellation gerichtet, ob Baron Albert Rothschild seine Einkommensteuer richtig satirt — es ist dieselbe Anfrage, in welche auch der Vergani'sche Artikel ausklingt. Der clericale Geschäftsantisemit und der alldeutsche, als Denunciant gebrandmarkte antisemitische Streber — hier verstanden sie sich gleich. Der voraussichtliche Verlauf dieser heiteren Campagne ist folgender. Die Bergani'schen Enthüllungen werden durch alle Antisemitenblätter die Runde machen und ein großer Theil ihrer Leser wird an ihre Wahrheit glauben. Dasselbe wird der Fall sein mit der Anfrage, ob Baron Rothschild seine Einkommensteuer richtig fatire, und obgleich der Finanzminister die Herzog'sche Interpellation dahin beantwortet hat, daß die Mittheilungen Bergamos durchwegs erlogen sind, so bleibt es doch in den Blättern der antisemitischen Geschichte eingetragen : Baron Albert Rothschild besitzt 11.116,594.672 Kronen und 12 Heller. Diese Milliarden sind und bleiben ein heiteres, finanzielles Blutmärchen; es sind Ritual-Milliarden, ein kostbares Stück des antisemitischen Inventars. * * * Der Schlußaccord, mit welchem vor einigen Tagen ein Schimpfconcert im Parlament seinen Abschluß fand, wird als ein Symptom für die Verwilderung der parlamentarischen Sitten viel besprochen. Die Antisemiten haben nicht das geringste Recht, sich darüber zu beklagen; sie waren es, welche den rohen Faustkampf und die schmutzige persönliche Beschimpfung als Kampfmittel in das politische Leben eingeführt haben. So pöbelhaft, wie ein Ernst Schneider, Josef Strobach, Gregorig u. A. im Gemeinderath, im Landtag und im Reichsrath sich benommen haben, ist noch keine andere Partei in Oesterreich ausgetreten. Der elastische Ausspruch Schumeier's ist nicht zu billigen, aber zu begreifen. Wenn man Leuten gegenübersteht, die mit wiffentlich falschen Angaben und Argumenten arbeiten, sachlichen Erwägungen unzugänglich bleiben, längst widerlegte Lügen immer von Neuem wiederholen und sich absolut nicht belehren lasten, so geräth man leicht dazu, sich resignirt in jenen Gedankengang hineinzufinden, der dem Schumeier'schen Ausspruche zugrunde liegt. Nur schickt es sich nicht, es laut zu sagen; man muß damit vorlieb nehmen, es still bei sich zu denken. * * * Was soll man beispielsweise denken, wenn ein unbedeutender Advocat, der an den Rockschößen des Dr. Lueger, in den Gemeinderathssaal gelangt ist, in öffentlicher Sitzung das Wort nimmt, um zu erklären, er habe vor jüdischen Richtern keinen Respect? Soll man Herrn Dr. Wesselsky darüber b-lehren, daß darin eine ebenso frivole als freche Beleidigung jener Richter gelegen ist, die trotz ihrer jüdischen Concession die richterliche Würde errungen haben? Herr Dr. Weffelsky weiß ja das selbst; er will ja die jüdischen Richter und auch damit die Juden beleidigen. Dieser Herr hat im Ehrenbeleidigungsproceste des Dr. v. Ofenheim gegen den Bicebürgermeister Dr. Neumayer den letzteren vertheidigt; die Milderungsgründe, die der Kläger für Herrn Dr. Neumayer reclamirte, konnten auch dem.Bertheidiger zugestanden werden. Herr Dr. Wesselsky erklärt, er habe vor jüdischen Richtern keinen Respect. So spricht ein Hof- und Gerichtsadvocat, ein Mann des Rechtes. Was soll man ihm darauf erwidern, und ist es der Mühe werth, ihm die Verwerflichkeit und Niedrigkeit einer solchen Auslastung darzuthun? Behalten wir lieber im Stillen, was wir darüber denken, denn ob der Dr. Wesselsky vor irgend Jemand Respect hat oder nicht, ist wahrhaftig sehr nebensächlich. * * * Die Segnungen der christlich-socialen Herrschaft treten immer strahlender in die Erscheinung und jeder Tag bringt uns neue Beweise von der Fürsorge tiefer Partei für den kleinen Mann. Im Landesausschuß arbeiten sie daran, durchzusitzm, daß die Verehelichung der Lehrerinnen die freiwillige Verzicht leistung auf die Lehrerstelle zur Folge habe. Sie wollen also den Cölibat der Lehrerinnen erzwingen oder den Lehrern die weibliche Concurrenz vom Halse schaffen. Vom Standpunkt des Rechtes und der Menschlichkeit ist das eine so grausam wie das andere, weil die Frau das gleiche Recht hat, im Unterricht ihren Beruf zu finden und auszufüllen wie der Mann. Aber der eine große Unterschied besteht zwischen beiden: Die Lehrer sind Wähler und die Lehrerinnen nicht. Grund genug für die christlich-socialen Macher, daß sie versuchen, für eine von der Regierung abgelehnte Bestimmung durch sogenannte Erhebungen über die Urlaube der verheirateten Lehrerinnen Propaganda zu machen. Der Lehrer, der seiner Stelle sicher sein will, muß christlich-socialer Agitator sein, sonst wird er als Socialdemokrat oder Schönerianer betrachtet und als solcher weder angestellt noch befördert. Es ist bekannt und oft gesagt worden, daß die Errichtung des städtischen Gaswerkes keine wirthschaftliche, sondern eine parteipolitische Maßregel des Dr. Lueger war. Dieser Tage brachte eine Versammlung, in welcher darüber Klage geführt wurde, daß jeder städtische Gasarbeiter nach vierwöchentlicher Krankheit entlassen werden kann, die Thatsache zur allgemeinen Kenntniß, daß auch die Gasarbeiter zur christlich-socialen Agitation gepreßt werden. Den Christlich-Socialen werden es in erster Linie einige 2000 christliche Gebäckausträger zu verdanken haben, daß sie brotlos werden und die Vernichtung der Existenz jener armen Frauen, die man in Wien euphemistisch „Blumenmädel" nennt, bildet den Ehrgeiz des Ernst Schneider und des Dr. Weißkirchner. Diese Blumenmädchen sind ebenfalls christlich, aber sie sind keine Wähler. Wenn in die Wohnungen der Erwerblosen, denen eine reactionäre Gesetzgebnng die Möglichkeit raubt, sich und ihre Kinder zu ernähren, das Elend und der Hunger einkehren wird, dann wird der Lueger-Marsch nicht laut genug erklingen können, um die Entrüstungsrufe der Enterbten zu übertönen. Isegrimm. Gin mnthiges Wort ans Tirol. „Der Tiroler Wastl", Jllustrirte Monatsblätter für für Politik, Kunst und Leben, herausgegeben und redigirt von dem bekannten freisinnigen Schriftsteller Rudolf Christoph Jenny in Innsbruck-Willen, brachte in Nr. 89 einen Artikel, welcher werth ist, die weiteste Verbreitung zu erlangen. Wir bringen denselben deswegen vollinhaltlich zur Kenntniß unserer Leser: Wer ist freisinnig? Diese Frage scheint, da sich im geselligen Leben fast Alles um sie dreht, sehr überflüssig zu sein, ist es aber in Wahrheit nicht, denn viele von denen, die für freisinnig gelten wollen und tatsächlich dafür angesehen werden, haben vom Inhalt dieses besonders gegenwärtig viel mißbrauchten Wortes keine Ahnung. Wenn man mitten im Gedränge der Straße, wo ein Zufall viele Menschen angesammelt, diese Frage aufwürfe, würden alle Nichtclericalen sich im lauten Chorus als freisinnig bekennen und damit fast ebenso viele Lügen aussprechen, als Antworten, denn heute hält sich schon jeder freche Gottesleugner, frech, weil er etwas leugnet, worüber er sich gar nie einen Gedanken gemacht, eben seines Unglaubens wegen für freisinnig und bringt damit das schöne Worte in Mißkredit. Der Glaube an einen Gott überhaupt oder an einen nach irgend einem Dogma hat in Wahrheit mit dem Freisinn nichts, rein gar nichts zu thun, denn der strenggläubigste Anhänger des Christenthums kann, ja muß sogar, wofern er befolgt, was er glaubt, freisinnig sein, denn Niemand war freisinniger und duldsamer gegen Andersgläubige als Christus selbst, den die Herkunft oder der Glaube eines Menschen nichts, dessen That aber Alles galt. Er frug weder nach dem Stammbaum, noch nach dem Glauben derer, die ihm folgen wollten, und dadurch unterschied er sich sehr wesentlich von den modernen Christen aller Schattirungen. Denen ist das, was einer thut und treibt, völlig gleichgiltig; was er sagt, ist Alles. Dies gilt nicht nur von den von der Regierung anerkannten Patentchristen, den Alt- und Neuclericalen, sondern auch von den Christen neuerer Prägung, den deutschnationalen Alleinchristen. Sie alle fragen nicht, ist der Mensch, von dem die Rede geht, ein wirklicher Anhänger Christi, sondern sie fragen nur, WilÜBi