Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 51 (20.12.1901)
- Date
- 1901-12-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 836 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 51 fragen zu sehen, lag es ihm im Gegentheile sehr nahe, auch in der Judeufrage deren tiefsten, deren socialen Kern zu suchen. War doch gar kein Zweifel, daß die Judennoth in Galizien der leise rinnende, aber nie aufhörende Zustrom nach Wien zu einer nicht unbedeutenden Quelle des Antisemitismus geworden. Die von der „Union" veranstaltete galizische Enquete, an der fast alle politisch bedeutenden Männer Galiziens sich betheiligten, hatte in Herrn Mayer ein praktisches Programm, die Schaffung von Arbeit für die hungernden Juden dieser Provinz gereift. In der „Union" wurde zur Durchführung ein „Jndustrie-Comite" eingesetzt, an die „Jka" in Paris ein Memoire eingesendet, von dieser wurden die Unterstützungen in Aussicht gestellt. Inzwischen hatten die „Benai Brith" den glücklichen Gedanken, dieser Hilfsidee für Galizien in einem von ihr gegründeten „galizischen Hilfsverein" selbstständig Körper und Gestaltzu geben. Selbstverständlich war wieder die Industrie-Idee der Kern der Sache, war Herr Mayer, welcher als zweiter Präsident in die Verwaltung des Hilfsvereines trat, der gegebene Leiter. Der Verein setzte sofort da ein, wo das frühere Comite der „Union" stehen geblieben. Es ist seither allgemein bekannt geworden, mit welch' praktischem Geschick, mit welchem Erfolg der Hilfsverem feinen ersten Versuch gekrönt sieht. Nicht nur, daß dieses erste Gelingen schon an sich in hohem Grade erfreulich ist, dieser erste Erfolg wird die Unterstützung für weitere Unternehmungen herbeiführen. Was hier angestrebt wird, ist der Aufforstung eines wirthschaftlich öden Karstgebietes zu vergleichen; der Fortschritt kann nur ein allmäliges, langsames Fortschreiten sein; nichtsdestoweniger haben wir den lichten Ausblick gewonnen, daß sich auf diese Weise die Lösung eines bisher für unlösbar gehaltenen wirthschaftlichen Problems vorbereitet.Soll aber das Werk gelingen, so müssen sich allerdings noch weiter viele und viel jüngere Männer finden, in denen ein stark humaner Sinn sich mit praktischem Geschäfts- Verstände zusammenfindet, wie sie dem von uns mit dem bisherigen gezeichneten Mann seinen eigenen Typus verleiht. Die Zeichnung wäre aber nicht vollständig, wenn wir einen charakteristischen Zug in denselben fehlen ließen. Diese reiche Thätigkeit — aus dem Ganzen in die Theile strebend — ist von einer ganz speciellen Gleichgiltigkeit gegen das begleitet, was ach! so Vielen so viele Freude bereitet, von einer vollständigen Gleichgiltigkeit gegen alle Befriedigung der Eitelkeit. Das sichere Reichsrathsmandat an der Stelle des Dr. Jaques hat er, da die liberale Partei den Kampf in der Gewerbefrage nicht führen wollte, abgelehnt, in all' den Corporationen, zuderen Spiritus reetor er geworden, besteht erdarauf, daß ein Anderer die erste Stelle einnimmt; und als einer seiner Freunde, ein gewesener Generalconsul, Minister geworden war, und dieser Minister, welcher unseren Jubilar als exportirenden Industriellen und als ökonomischen Schriftsteller gleich hoch schätzte, ihm eine Auszeichnung zugedachte, lehnte er lächelnd ab: „Es gibt zweierlei Leute: die sich auszeichnen und die ausgezeichnet werden, rauben Sie mir nicht die Illusion, zu den Ersteren zu gehören". „Sie haben Recht", sagte der Minister. Wohl — Beide hatten Recht. Herr Mayer bedarf keiner Auszeichnung! Ihm ist jene höchste Guadeubezeugung zutheil geworden, die allerdings nur verleihen kann, der unser Aller Herr ist. Liest oder hört man nämlich diesen „Allen", immer sprühen die Funken des Geistes, immer tönt die Rede aus einem warm gebliebenen Herzen. Herr Mayer hat es verstanden, alt zu werden, ohne es zu sein, ohne zu altern. Wir wünschen, wir und alle seine Freunde mit uns hoffen, er wird, ein Beispiel den Allen, ein Vorbild den Jungen, dieses beste aller Talente noch lange ausüben, ein lebendes Pendant zu dem vor mehr als einem Jahrhundert Niedergeschriebenen von Schiller: „War es immer wie jetzt? Ich kann das Geschlecht nicht begreifen, „Nur das Alter ist jung, und ach, die Jugend ist alt!" Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Die Milliarden Rothschild's. - Die „Aufschlüsse" Bergani's. — Das Denken in der Stille. — Vom kleinenMann.) Vom alten Baron Königswarter rührt das Witzwort her: Jeder Schnorrer, der eine Million hat, glaubt, er ist ein Millionär. Millionen imponiren heutzutage längst nicht mehr. Wer nicht wenigstens eine Milliarde hat, ist eine finanzielle Null, und wie komisch mag dem Baron Albert Rothschild das Gehaben der amerikanischen „Schnorrer" von der Sorte Carnegie, Mackay, Jay Gould rc. Vorkommen, die in ihrem Größenwahn, obgleich kaum einer von ihnen über mehr als 500—600 Millionen verfügt, sich für Milliardäre halten. Wie groß das Vermögen des Baron Albert Rothschild eigentlich ist, haben wir authentisch bisher nicht gewußt. In Finanzkreisen schätzte man das Vermögen des Wiener Hauses Rothschild, nämlich das der Firma und das Privatvermögen der Brüder Albert und Nathaniel zusammen, auf ungefähr 500 Millionen Gulden. Wir konnten auch nach dieser Schätzung die Rothschilds als eine ziemlich wohlhabende Familie gelten lassen; auch wenn die Lebensmittel noch theuerer werden sollten, ist sie ziemlich geschützt vor Nahrungssorgen. Aber alle unsere Vorstellungen von dem Rothschild'schen Reichthume, der bisher auch dem ärmsten jüdischen Hausirer zum Vorwurfe gemacht wurde, als Beweis dafür, daß alles Capital sich in Judenhänden befinde, sind hinter der verblüffenden Wirklichkeit weit zurückgeblieben. Aus dem „Deutschen Volksblatt" erst erfährt die staunende Welt, wie es mit dem Vermögen Rothschild's wirklich bestellt ist. Die Semestralbilanz vom 30. Juni ergibt einen Besitz von 11.116,594.672 Kronen 12 Heller. Der Gewährsmann des „Deutschen Volksblatt" hat uns nicht blos die bis auf 12 Heller genaue Summe genannt, sondern auch eine Specification dieses Besitzes geliefert: soundsoviel Mairente, Silberrente, Goldrente und 2374 Millionen englische Papiere. Zunächst würde es uns interessiren, zu wissen: Woher weiß das der Ernst Vergani? Hat er Rothschild's Geld gezählt? Im Interesse des aufrechten Bestandes der in der Renngasse etablirten Firma hoffen wir, daß Vergani das Geld nicht gezählt hat — es wäre jetzt schon bedeutend weniger. Was sind die paar hundert Gulden Obligationen, die Herr Ernst Vergani in Mühldorf so lange abzählen durfte, gegen 11.116,594.672 Kronen 12 Heller! Welch' verführerischer reizender Gedanke . . . Ueber 200 Millionen Silberrenten-Obligationen .... 120.000 Creditactien ... Da würde sich eine „kleine verzeihliche Schlamperei" doch wenigstens rentiren. Ein einziges Bedenken steigt uns bei der Betrachtung der Vergani'schen Ziffern freilich auf, und das ist das Datum der angeblichen Semestralbilanz. Nur bei den allerwenigsten Bankinstituten ist es überhaupt üblich, eine Semestralbilanz aufzustellen, und bei privaten Bankhäusern überhaupt nicht. Im Hause Rothschild mögen wohl am Jahresschluß von den einzelnen Unternehmungen Einzelbilanzen vorliegen, aber die Gesammtbilanz dürfte außer dem Chef des Hauses höchstens einer oder zwei Personen bekannt sein. Nun ist angesichts der verblüffenden Ziffern, die das Antisemitenblatt bekanntgibt, nur zweierlei möglich. Entweder hat ein Spaßvogel die „Schriftleitung" mystificirt oder die Ziffern werden im Bewußtsein dessen, daß sie erdichtet sind, den Lesern des „Deutschen Volksblatt" aufgetischt, in der Voraussetzung, daß sie unkundig und dumm genug sind, daran zu glauben. Es wird dem Baron Albert Rothschild auch zum Vorwurf gemacht, daß er, der Besitzer von elftausend Millionen, nicht dem Luxus fröhnt, den Herr Vergani als „die wahre Tugend des Reichthums" bezeichnet; es wird ihm auch ferner nachgesagt, daß er für wohlthätige Zwecke „nur wenige Tausender im Jahr" verwendet. Man wird uns die Geschmacklosigkeit nicht zumuthen, als unberufene und muthmaßlich unwillkommene Bertheidiger des Baron Rothschild auf Anwürfe eines Vergani einzugehen. Jnfoferne jedoch eine plumpe Erdichtung und eine daran geknüpfte Denunciation als antisemitisches Agitationsmittel benützt wird, brauchen wir nicht dazu zu schweigen, weil sie einen vielfachen Millionär betrifft. Es gibt keine humanitäre Anstalt, bei welcher nicht Baron Rothschild die Pflichten des Reichthums mindestens so großherzig erfüllen würde, wie irgend einer der ebenso reichen Cavaliere des feudalen Adels. Aber die Frage, ob Baron Rothschild genug Wohlthaten übt und ob er nach Ansicht Vergani's hinreichenden