Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-12-20 · 51 (20.12.1901) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
51 (20.12.1901)
Date
1901-12-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021385-3021437--11384-3035919
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 51 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 835 Partei innerhalb der Wiener Bevölkerung — liest man in dem Memoire weiter — kann kein Zweifel mehr bestehen. Sie hat sich in Wien durch das Festhalten an dem exclusiv deutschen Charakter fast um jeden Einfluß gebracht. Wiens aus allen Theilen des Reiches zusammenstießenden Bewohner bilden national kein chemisches Product, sondern nur ein mechanisches Gemenge; die Slovaken und Polaken, Magyaren und Croaten, Czechen und Slovenen werden entnationalisirt, aber nicht deutsch, und sind darum für die deutsche Bewegung nicht zu erwärmen. Blind für diese Verhältnisse, hat die liberale Partei es abgelehnt, sich zumindest in Wien zu einer social-liberalen umzugestalten, und hat sich auf diese Weise von den Christlich-Socialen, welche den ganzen Heerbann des kleinen Mannes hinter sich Herzogen, den Wind vollständig aus den Segeln nehmen lassen. In der Masse sei sie vollständig caput. Und der ihr innerlich drohende Marasmus zeigte sich am allerdeutlichst'N darin, daß sie seit Deceunien keinen nur irgend bedeutenden Nachwuchs an Männern erfahren hat, die sich über das politische Gigerlthum einiger jüngerer Salön-Professoren oder über ein gewisses Kleingewerbethum der Politik hinausheben. Bliebe nur noch die Frage, ob sie, deren „bester Mann" Plener ja im Ministerium saß, nicht von diesem eine bessere Haltung gegenüber den Juden, resp. eine entschiedenere gegenüber dem Antisemitismus zu erreichen in der Lage wäre". Herr Mayer war zwar über die Beantwortung dieser Frage keinen Moment im Zweifel. Aber immerhin mußte diese Antwort sozusagen Schwarz auf Weiß vvrliegeu. Die -Conferenz mit den liberalen Führern fand nun ihatsächlich statt; sie ergab sofort, was man nüchterner Weise nicht erst zu fragen gebraucht hätte; daß nämlich die Partei, trotz Plener, zwar vollständig ohne Einfluß im Ministerium, aber auch ohne guten Willen war. Dieses Ergebniß pnblicirte Herr Mayer in den zwei sensationell wirkenden Artikeln in der „Oesterreichischen Wochenschrift", „Die Coalition und die Juden" im September 1894, welche eine geradezu vernichtende Kritik dieser Haltung der liberalen Fahrer gaben. Mau wußte nun aber genau und sicher, wie man mit allen den drei ob genannten Factoren stand. Mit dieser Klarheit war auch der Moment für jene Taktik gekommen, wie sie, von Herrn Mayer im Memoraudnm definirt, der leitende Faden in der politischen Thätigkeit des Vereines geworden und geblieben ist. Sie bestimmt: „erstens, der Regierung keine unnöthige oder irgend präjudizirende Opposition zu Gunsten von Parteien zu machen, von denen keine uns Freund sein mag; wir haben von der Regierung noch immer viel weniger zu befürchten, als-von der Bevölkerung — es genügt, wenn wir ersterer gegenüber eine kühle, beobachtende Reserve einhalten; zweitens, möglichste Ausschaltung des Juden aus den nationalen Kämpfen, die immer auf unserem Rücken ausgeklopft werden. Verbleiben die Juden Böhmens und Mährens mit in dem Kampfe zwischen Deutschen und Czechen, so müssen sie zu dem deutschen Antisemitismus, den sie schon haben, den czechischen dazu bekommen; drittens: Auflösung der Solidarität mit der heute pseudoliberal gewordenen deutschen Fortschrittspartei; letzteres schon aus rein praktischen Gründen. Girirt man einen schwachen Wechsel, so wird der schwache Acceptant nicht stärker, sondern der Girant schwächer." Als positive Thätigkeit aber wird die entschlossene Unterstützung jedes Gegners der Antisemiten, selbst der- Socialdemokraten schärfstens empfohlen. „Nicht diese letzteren seien zu fürchten, denn was die Socialisten grundsätzlich anstreben, sei unmöglich, und das Unmögliche ist nie zu fürchten; was dagegen zu fürchten, sind die Wünsche der Antisemiten, deren Erfüllung sei möglich. Was übrigens die socialistische Bewegung immer wirklich bringen könnte, die stärkste Belastung der Industrie, des Capitals überhaupt, selbst die vorläufig äußerste, in absehbarer Zeit mögliche Forderung, jene nach einer starken Erbschaftssteuer oder selbst nach einer Beschränkung des Erbrechtes auf Die directe Linie, es könnte nichts Aergeres sein, als was uns ein Erfolg der antisemitischen Bewegung sicher in Aussicht stellt: Die Aussicht, in unserer Heimat Heloten zu sein, Kinder zu zeugen, die schon bei ihrer Geburt den gelben Fleck mit auf die Welt bringen und trotz aller Erziehung weniger sind als das Kind des letzten Vagabunden unter unseren christlichen Mitbürgern. Und den erreichbaren vernünftigen Zielen der social-reformatorischen Bestrebungen, den vernünftigen Forderungen des vierten Standes : nach einem kürzeren Arbeitstag, nach Unfall-, nach einer wirklichen Altersversorgung, nach einer wahren Theilnahme an der politischen Gesetzgebung, kann heute von Seiten der bürgerlichen Parteien ohne Schaden für sie selbst micht widerstrebt werden. Aber ganz abgesehen davon, daß es thöricht wäre, wenn das Dach über dem Kopfe brennt, sich erst zu besinnen, ob dies oder jenes Wasser zu wählen, bedeutet ja eine Unterstützung der einzigen Kampfpartei gegen die Clericalen und Christlich-Socialen noch keine Solidarität mit derselben. Von einer solchen kann nie die Rede sein. Denn auch diese Partei läßt sich unsere Unterstützung mit dem Stimmzettel gefallen, ist aber keineswegs unsere Freundin. Ist nun aber nach dieser Sachlage heute überhaupt keine Partei auf dem Platze, der wir uns'wirklich anschließen können, so müssen wir uns darauf beschränken, zäh, eisern, unerschütterlich die Rechte, welche wir gesetzlich besitzen, festzuhalten, dafür zu sorgen, daß kein Unrecht unwidersprochen präjudizirliche Gewalt gewinnt. Und darum müssen wir vor Allem eine Organisation des Rechtsschutzes und der Abwehr füralle Juden und in allen Facten antisemitischer Bedrängung schaffen". Das Memorandum selbst war nicht über den kleinen Kreis des politischen Comitüs hinausgekommen, sein Inhalt aber von Herrn Mayer in den Plenarversammlungen der „Uniou" in einer Reihe glänzender Referate vertreten und hiedurch in den jüdischen Wählerkreisen verbreitet worden: Vollständig durchgegriffen hat in denselben der dritte Punkt, der Appell, die soc aldemokratischen Candidaten zu unterstützen. Der andere Hauptpunkt dieses Programmes, die Ausschaltung der Juden aus den nationalen Kämpfen Böhmens und Mährens, wurde vergebens angestrebt. Die dortigen Glaubensgenossen waren trotz des schmählichen Undanks von Seiten der Deutschen nicht im Stande, sich von der eingelebten Tradition gemeinsamen Kampfes mit den Deutsch-Liberalen zu emancipiren. Das macht ihrem Charakter alle Ehre, aber nicht ihrer Voraussicht; es ist eingetceten, was das Memorandum ihnen vorausgesagt hat. Während bis zur letzten Landtagsergünzungswahl Olmütz-Proßnitz, bei welcher die Stimmen der Juden wieder für den deutschen Candidaten Engel eitt)djtei)eit, alle Czechen bereit waren, wir können dies mit aller Bestimmtheit behaupten, für die Neutralität der jüdischen Wähler in 7 mährischen Laudtagswahlbezirken jede antisemitische Bewegung in ihren Reihen zu unterdrücken, haben seit dieser letzten Wahl Olmütz-Proßnitz die durch sie enttäuschten Czechen ohne Unterschied den Antisemitismus in ihr taktisches Programm ausgenommen, und werden die Juden jetzt auf deutsch und böhmisch geplündert und boycottirt. Desto energischere Thätigkeit entwickelte, desto mehr Erfolge erzielte das auf Antrag des Herrn Mayer eingesetzte und seither von ihm als dessen Obmann geführte Rechtsschutzbureau. In diesem concentrirt sich heute nahezu die ganze Bedeutung der „Union"; durch den Rechtsschutz, den sie dem letzten Juden im letzten Winkel Galiziens angedeihen läßt, hat sie nicht nur, über ganz Oesterreich zerstreut, eine Mitgliederzahl von nahezu 5000 erreicht, sondern durch die Gewöhnung der Provinz, diesen Schutz aus Wien herzuholen, bereitet sich allmälig die Gewöhnung vor, auch für das politische Verhalten, zumindest bis zu einen gewissen Grade, sich in Wien Raths git erholen. Es lag aber in dem Wesen dieses unseres „alten Herrn", sich mit der rein politischen Thätigkeit nicht zu begnügen. Vom Hause aus ein ganz moderner Nationalökonom, d. h. ein Mann, der gewohnt fft, in der Politik nur die Form, nur den Ausdruck der materiellen und socialen Existenz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.