Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 51 (20.12.1901)
- Date
- 1901-12-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite^834 Dr. Bloch's Wochenschrist. Nr. 51 dort halten die politische Carriere eingeschlagen, saßen im Neichsrath. Natürlich waren sie „deutschuartoual-anufemtufch!'; natürlich waren sie Menschen und nicht im Stande, wenn sie da» Parlament mit der Schule vertauschten, im Borzimmer mit ihrem Ueberzieher zugleich dre antisemitische Gesinnung an den 9iagel zu hängen. Selbst die besseren unter ihnen übten das Talent, ourch bte israelitischen Schüler gleichsam hindurch zu sehen, sie als Lust zu betrachten. In diesen Mißstand hinein'wirkte nun der Antrag wie ein Gewitter. Drei Tage nachdem er eingebracht worden war, griff der Minister Gautsch im Sinne desselben ein; er erließ eine Verfügung, in welcher er die politische Parteithätigkeit mit dem erzieherischen Beruf in einer Mittelschule für unvereinbar erklärte und die Lehrer vor die Nöthlguug stellte, zwischen Beruf und.Politik zu wählen. Der Antragsteller drang dann in der Rechtssection des Gemeinderathes mit seinen weiteren Anträgen, welche aus dieser Verordnung für das rechtliche Verhältuiß zwischen Gemeinde und diesen Lehrern die schärfsten Consequenzeu zogen, gegen die Zweifelnden durch; der Conflict endete mit der Ueoernahme der communalen Mittelschulen in die ungleich straffere Verwaltung des Staates. Die)er Sieg war leider der einzige wirkliche Erfolg, der im Gemeiuderathe erreicht wurde, trotzdem zu der Zeit die Majorität in demselben noch eine „liberale“ war und von da ab auch die anderen jüdischen Gemeiuderathe sich zur Wehre setzten. Ihnen voran blieb aber auch weiterhin Herr Sigmund Mayer; nicht nur mit werthvollen sachlichen Auseinandersetzungen, in denen er die ökonomische Naivetät und Kenntnißlvsigkeit der antisemitischen Gemeinderäthe bloßlegte sondern immer schlagfertig durch schneidige prompte Entgegnungen, von denen mehr als eine in den politischen Citatenschatz Wiens übergegangen ist. Als ein antisemitisches Mitglied sich auf die Volksstimmung, auf das Anwachsen der antisemitischen Partei berief, erwiderte Herr Mayer: „Nur u atürlich! Wenn einer sonst schon gar nichts ist, wird er ein Antisemit!“ Und als ein Anderer auf die „Fehler der Juden" hinwies, replicirte er treffend: „Angenommen, wenn auch g e w i ß n i ch t z u g egeben, daß „jüdische Fehler" existir en, so haben nicht die Fehler der Juden den Antisemitismus geschaffen, sondern umgekehrt ihre Vorzüge". Und einem dritten Gememdeweisen, welcher erklärte, daß die Juden für die wirkliche Emaucipation noch nicht reff seien, antwortete er scharf und bitter: „Wir Juden siud reif für die Emaucipation, wer für sie nicht reif ist, sind Sie meine Herren!" Ein deutschuationaler Gesiuuuugsprotze hatte sich wegwerfend geäußert: „Das Deutschthum ist zu gut als Culturdüuger für Slaven und Juden" — drastisch rief ihm Herr Mayer entgegen: „Das antisemitische Deutsch thum ist Dünger ohne C u l t u r." Und als Dr. Lueger am Beginn seiner antisemitischen Laufbahn die von ihm vollzogene Schwenkung jovial damit zu begründen vermeinte: „m Wien gefiele es chm nicht mehr, weil schon zu viele Juden hier seien", antwortete ihm Herr Mayer ebenso launig wie bündig: „Dann wandern Sie nach Jerusalem aus, wir Juden bleiben h ier, uns gefällt es in W ien besser". Bald hierauf zog die autlsemitische Majorität' in den Rathssaal eiu uud unser Freund schied aus demselben. Eine wirkliche Thätlgkeit in seinem Sinne war von nun au dort ausgeschlossen, uuh sich in fruchtlosem Wortgeplänkel zu verschwenden, war er zu zweckgesinnt. Ward ihm doch inzwischen eine andere Aufgabe geworden, in einer Frage nämlich Stellung zu nehmen, welche die materielle Existenz der Juden bedrohte. Mit scharfem Auge hatte er in der beantragten neuen Gewerbeordnung neben der allgemeinen reactionären Tendenz noch speciell ein anonymes Judeugesetz erkannt. Die Bekämpfung derselben mit allen Waffen des Geistes und Gedankens, mit dem ganzen Rüstzeug seiner unvergleichlichen Kenntuiß des Gewerbeweseus und der Gewerbegesetzgebnng seit Jahrhunderten füllteAhn durch einige^Jahre vollständig aus. Wie und mit welchem publictftischen "Erfolge ihm das gelungen, uue sinne Ausführungen für die öffentliche Meinung, und wenn auch nicht für die unsere, so doch für die deutsche Regierung maßgebend geworden, hat die „Neue Freie Presse" in ihrem letzten Artikel: „Der Geist in der Arbeit" treffend dargelegt. So groß auch das htedurch erworbene Verdienst dieses damals schon alten Mannes geworden sein mag — ethische Naturen wägen ihre Pflicht nicht an den erreichten Erfolgen, sondern au dem, was ihnen noch zu leisten möglich erscheint. Er wurde von uns angeregt, in die „Union" einzutreten, der er bis dahin ganz fremd gestanden. Vom Vorstande nur als Consiliarius seinen Berathungen zugezogen, gab er nichtsdestoweniger dem ganzen Verein sofort einen anderen Charakter und einen anderen Curs. Ueber den Antrag des Consiliarius wurde ein specielles politisches Comite eingesetzt, von diesem ein von Herrn Mayer vorgelegtes politisches Memorandum acceptirt. Letzteres entwirft ein vollständiges Programm politischer Taktik für die Juden, ist vielfach noch heute actuell und bildet jedesfalls ein merkwürdiges Zeitdocument. „Vor Allem", heißt es in demselben, „müsse Klarheit über die Situation der Juden geschaffen werden; Klarheit gegenüber den sämmtlichen politisch in Betracht kommenden Zactoren, d. h. sowohl der Bevölkerung, wie der Regierung, wie den politischen Parteien gegenüber. Der Bevölkerung vis-a-vis sei die Situation ganz unzweifelhaft. In Wien zeige sich die antisemitische Belvegung nicht nur un ständigen Wachsen, es sei eine Illusion, deren valdiges Erlöschen zu erhoffen. Denn in einer und derselben Generation ändere sich überhaupt nicht Stimmung und Strömung, sondern jede Generation bringe eine andere. Die alte Generation werde immer dünner, indolenter, die neue stärker, bis die anwachseude Zahl der Jungen und mit ihr die neue Strömung die Oberhand gewinnt. Noch leerer fei die Hoffnung, der Bewegung mit Gründen der Vernunft, des Rechtes, der Humanität beikommen zu können. Denn der Antisemitismus von heute ist keine Frucht des Glaubensfanatismus und in Wirklichkeit auch keine der Racenautipathie. Die Bevölkerung will nur die Spannung, unter der wir ja alle leben müssen, die.Concurrenz, sich dadurch erleichtern, daß sie zumindest die Concurrenz durch die Juden aufheben will. Gegen diesen materiellen Hintergrund kommt man mit Gründen der Vernunft und Moral ebenso wenig bei dem Advocaten und Beamten auf, wie bei dem Schuster und Schneider. Von der Bevölkerung heraus sei noch in zwei Decennieu — man schrieb damals 1884 — nichts zu erwarten. Vielleicht mehr von der Regierung? Von dem derzeit regierenden Coalitionsministerium — führte Herr Mayer aus — hätten bte Juden nicht mehr zu hoffen, als den knappsten Schutz von Person uud Eigenthum; mehr als dieses, schon wegen der Reputation im Auslande nöthtge Mintmum gewährt den Juden kein österreichisches Mtmstermm, ob Peter oder Zappel; die österreichischen Regieruugeu „gewähren" überhaupt nur denen, die sie fürchten oder brauchen; keines von beiden treffe heute bei den Juden zu. Bliebe uns demnach nur die Hoffnung auf die „liberale Partei!" lieber den Charakter dieser Partei spricht das Memorandum klar. „Der Liberalismus der heutigen „liberalen Partei" ist nicht der Liberalismus an sich, sondern nur ein specieller enger Partei-Liberalismus, ein Liberalismus zum Gebrauche einzig der Partei; er besteht überhaupt nur, insoweit er in demJnteressenkreis der Parteimitglieder Platz findet. Die Linke theilt eben das moralische und geistige Schicksal jeder Partei, die sich gegen neue Ideen und gegen neue Kräfte absperrt, sie wird aus einer „Partei" eine „Clique", sie gelangt zu einem politischen Pfründnerthum, wie es thatsächlich heute die Linke des Parlamentes darstellt." Noch nüchterner urtheilt Herr Mayer über die Machtstellung der Liberalen. „Ueber die Machtlosigkeit dieser