Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 51 (20.12.1901)
- Date
- 1901-12-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021437--11382-3035917- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
»ana:;?aria;S Ur. 51 Dr■ Bloch’s Jahrgang XV11I Centralorgsn für die gessmmten Inirreffen des Iudenthums. U K. ft. Posisparcaffen-Amt Clearing-Verkehr Nr. 610.976. Nrdsrtton und Administration: Wien IX/1, Berggasse Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. =3* =3* -—-^- Wien, 20. December 1901. Erscheint jeden Freitag. -•» ■<. —-4.- Brief-Adresie: Wien, IX/1» Berggafse 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift» Wien. Srrugsprri» kür Oesterreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 56 Heller, Firr's Ausland; Halbjährig 16 Kronen. Ganzjährig 26 . A nzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. Hk-— ----- -- =m Inhalt. Leitartikel: Sigmund Mayer zu seinem siebzigsten Geburtstage. — Vom Jahrmarkt des-Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Ein muthiges Wort aus Tirol. — Nationaler und confessioneller Boycott. — Die Orgelfrage in Köln a. Rh. — Correspondenzen: Oeffentliche Sitzung des Vorstandes der Wiener israelitischen Cultusgemeinde. Wien, Jungbunzlau, Lemberg, Raab, Troppau, Boskowitz, Nagy-Tapolcsany, Neutitschein, Ein Nachspiel aus Könitz, Hamburg. Köln a. Nh., Moskau, Petersburg, London, Sir Moses Ezeliel. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Ch.'wra-Kadischa in Wien. Wien, Proßnitz, Zagreb, Nachod, Kopenhagen. — Feuilleton: Meines Vaters erste Thräne. — Moderne Wohlthätigkeit. — Briefkasten. — Aufruf. — Inserate. Sigmund Mayer zu seinem siebzigsten Geburtstage. Ein Beitrag zur Geschichte des Kampfes gegen den Antisemitismus. Von Dr. Jos. S. Bloch. .Einer Stadt Gedeihen liegt nicht allein daran, daß man große Schätze sammle, schöne Häuser zeige, sondern das ist einer Stadt bestes und allerreichstes Gedeihen, Heil und Kraft, daß sie viel feiner, gelehrter, vernünftiger» ehrbarer Bürger hat." Diese treffenden Worte des Ahnherrn unseres Kaiserhauses, Kaiser Max I., stellen wir an die Spitze dieser einem trefflichen jüdischen Bürger gewidmeten Zeilen, weil sie allgemein giltig sind, weil sie für jedes Gemeinwesen, für die Judengemeinden nicht weniger gelten, als für die Stadtgemeinden. Auch die Wiener Judengemeinde verdankt, was sie geworden, was sie ist, den vielen vorzüglichen Männern, die zu allen Zeiten unter ihren Mitgliedern zu finden waren. In der Gegenwart zählen wir zu den besten derselben den Jubilar, dessen siebzigsten Geburtstag die „Neue Freie Presse" vor wenigen Tagen in einem glänzenden geistreichen Artikel gefeiert hat. So viel Gutes und Wahres nun auch in demselben über Herrn Mayer als Industriellen, Communalpolitiker und namentlich als ökonomischen Schriftsteller gesagt worden ist — unsere Leser werden nichtsdestoweniger in der Ausführung des großen Blattes eine deutliche Lücke finden. Für uns Juden hat die Thätigkeit des Herrn Mayer noch eine zweite uns hauptsächlich interessirende Seite, seine Stellung als „Jude". Allerdings, wollen wir nun gleich sagen, ist Herr Sigmund Mayer kein Jude nach Norm und Schablone. Allerdings besteht zwischen seinen Anschauungen und denen vieler, vielleicht der Mehrzahl unserer Glaubensgenossen, eine wesentliche Distanz. Er.ist nicht nur kein orthodoxer Jude — er ist seiner ganzen politischen und publicistischen Vergangenheit nach, wenn er früher überhaupt Veranlassung genommen, über Juden und Judenthum zu denken, „Assimilant" gewesen; und da Männer von diesem Denkgewicht die Gesinnung nicht ändern, wohl dem Wesen nach geblieben. Umso höher schätzen wir die vornehm ethische Gesinnung, mit der er sich im Momente, als der Kampf gegen die Juden ausgebrochen, fofort. nicht nur in Reih und Glied zum Kampfe gestellt, sondern an den entscheidendsten Punkten die Führung übernommen hat. In einem gefährlichen Momente, als bei einer Landtagswahl die liberale Partei des zweiten Bezirkes in ihrer Sicherheit von dem ersten antisemitischen Ansturm überrascht wurde und Professor Ed. Sueß zu unterliegen drohte, nahm er mitten in der Schlacht mit einem raschen Griff die Zügel der Wählleitung aus den müden Händen des bisherigen Wahlleiters und führte den liberalen Candidaten zum glänzenden Siege. Von da ab behielt er diese Leitung sowohl der alljährlichen Gemeinderaths-, wie der Landtags- und Reichsrathswahlen durch mehr als ein Decennium in seiner kräftigen Hand und wußte den Bezirk, so lange er diese Wahlen leitete, zu halten, auch dann noch, als nicht nur sämmtliche Vorstädte ganz, sondern auch selbst die Innere Stadt zum Theil verloren gegangen waren. Das war nur dadurch erreicht worden, daß Herr Mayer ganz abweichend von der bisherigen Uebung, an die Wahlen nur kurz vor denselben zu denken, diese das ganze Jahr hindurch systematisch vorbereitete und dann bei der Wahl selbst die Wählerschaft mit wahrem Feldherrntalente führte. Die Summe von Arbeit, die hier von Herrn Mayer geleistet wurde, kann nur ermessen, wer auch nur wenige Tage hier mitzuthun Gelegenheit hatte. Später als auf dem Wahlplatze, gelangte der Kampf im Gemeinderathe zum Ausbruche und Herr Mayer in die Kampslinie. Dort war nämlich von dem Bürgermeister Uhl und der liberalen Partei die Parole ausgegeben worden, aus die Angriffe der antisemitischen Gemeinderäthe nicht zu antworten. Die christlichen liberalen Gemeinderäthe hatten diese Ordre selbstverständlich gefunden; aber sie war auch von jüdischen Gemeinderäthen befolgt worden, bis Herr Mayer, die Ordre wie die Einwendungen der' jüdischen Collegen bei Seite schiebend, den Kampf mit einem scharf motivirten Anträge gegen die Professoren an den communalen Mittelschulen eröffnete. Ueber diese Schulen hatte die Communal- Verwaltung jede Herrschaft verloren. Die Herren Professoren