Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 50 (13.12.1901)
- Date
- 1901-12-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021436--11370-3035904- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 822 Dr. Vlqch?s Wochenftlzrifft Nr. 50 jüdischen Soldaten und deren Nachkommen in Ssamara eine ansehnliche jüdische Gemeinde. Namentlich um diese jüdischen Soldaten hat sich Teitel sehr verdient gemacht. Seinen Bemühungen haben sie es nämlich zu verdanken, daß die Regierung ihnen am Fuße des Urals große Ländereien zuwies, auf denen sie einige jüdische Ackerbaucolonien gründeten. Für diese Colonien ist Untersuchungsrichter Teitel nun unausgesetzt thätig. indem er für sie Sammlungen veranstaltet und auch die Jewish Colonisation Association zu interessiren gewußt hat. Wäre Teitel kein treuer Jude geblieben, es würden ihm Orden und Ehren in reicher Fülle zu Theil werden, dem treuen, für sein unterdrücktes Volk warm fühlenden Juden blühen in Rußland keine Orden und für ihn existiren keine Belohnungen. Der bescheidene Jubilar begnügt sich aber mit dem Bewußtsein, 25 Jahre lang für seine Glaubensgenoffen das Beste gewollt und Vieles erreicht zu haben. Der Conrurs -des Dresdener Spar- und VorschnßveremeS trifft die antisemitischen Kreise Dresdens in erster Linie. Das Bankinstitut ist gegründet worden, um gerade den kleinen Handwerker, Händler und Bauunternehmer, die Stützen der antisemitischen Partei, gegenüber den Kaufleuten und Großgewerbetreibenden financiell zu unterstützen. Der Spar- und Vorschußverein war der Creditgeber derjenigen Leute, aus deren Kreisen alljährlich der Ruf ertönte: „Kauft nicht bei Juden!* Deshalb haben gerade die antisemitischen Stadtverordneten sich bemüht, trytz der Mißwirthschaft im Spar- und Borschußverein, diesen vor dem Zusammenbruch zu bewahren, wobei sich namentlich der durch die antisemitischen Bilderbogen berüchtigte Stadtverordnete Glöß hervorgethan hat. Nachdem die Sanirungsprojecte gescheitert waren, hat der antisemitische Stadtverordnete Hartwig eine Anfrage an den Rath gerichtet, ob und wie eine Hilfsaktion für die Kunden dieser . Bank eingeleitet worden sei. Es entbehrt nicht des Humors, daß diese Hilfe anscheinend in der Form erfolgen wird, daß die Deutsche und Dresdener Bank Einlagen beim Spar- und Vorschußverein bevorschuffen werden. Jedenfalls sind auch bei der Mißwirthschaft. die in diesem Institut geherrscht hat, keine jüdischen Kreise, sondern ausgesprochene Antisemiten betheiligt. Das Blutmärchen in China. Eine junge Dame aus einer angesehenen Wiener Familie, die seit einiger Zeit mit ihrem Gatten in China, und zwar in Chefoo, lebt, sendet der „Neuen Freien Presse" sehr bemerkenswerthe Mittbeilungcn über die Erfahrungen und Beobachtungen, die sie während ihres bisherige n Aufenthaltes in China gemacht hat. Zu ihrer nicht geringen Uebcrraschung entdeckte sie, daß auch bei den Chinesen das Blutmärchen von Ritualmord verbreitet ist und die Volksmassen in große Aufregung versetzt, nur mit dem Unterschied, daß es in China gegen die Christen gerichtet und zur Schürung des Hasses der Bevölkerung gegen die christlichen Europäer benützt wird. Die Wiener Dame schreibt hierüber in ihrem vom 22. Oktober datirtcn Briefe: In den letzten Tagen wurde von Seite der chinesischen Behörden der Provinz Honan eine Proclamation erlassen, welche znm Zweck hat, den das Volk aufreizenden Gerüchten von christlichen Ritualmorden energisch entgegenzntreten. Fm Monat August hatte sich nämlich in Changsha. der Hauptstadt der Provinz Honan, folgender Vorfall zugetragen: Ein Individuum Namens Choutingchm, gebürtig aus Changsha, stellte sich bei der englischen Missions-Gesellschaft vor, gab sich daselbst fälschlich für einen Christen aus und bat um Ueberlaffung christlichcr Bücher zum Zweck weiterer Bekehrungen. Seinem Ansuchen wurde bcreüwilligst willfahrt und cs wurden ihm 27 Bücher ansgefolgt. Mit diesen begab sich Cboutingchiu zu einem .chinesischen Geldwechsler und hier ms zum Oder-Constabler des Schanshua- Districtes. Er bot Beiden die Bücher zum Kauf an mit der Erklärung, er sei ein von der briti'chen Misiion ausgcsendeter Colporteur. Gleichzeitig benützte er die Gelegenheit, um das Gerücht auszustreuen, daß er Augenzeuge gewesen sei, wie zwei von den Christen gefangen genommene Chin-senkinder geschlachtet und, nachdem man ihnen die Augen ausgerissen hatte, unter dem Hauptaltar begraben worden seien. An verschiedenen Orten wiederholte Choutingchm dieselbe Erzählung, bis er endlich durch Pastor Suro Pehiang festgenommen und zur Bestrafung der Behörde überliefert wurde. Die christlichen Bücher hatte er sich nur zu dem Zwecke ausgeliehen, um sei en Angaben größere Glaubwürdigkeit zu geben. Immer wieder taucht hier dies Märchen auf, daß die Europäer die Chiiiesenkinder fangen, um ihnen die Augen herauszunehmen, und es dient dazu, um in den breiten Schichten der Bevölkerung.einen maßlosen Haß gegen die Fremden zu nähren und sie zu Unruhen anzustiften. Jüdische Gesandte. Die kürzlich erfolgte Ernennung des jüdischen Cavaliere de Polacco zum Gesandten Italiens in Bulgarien veranlaßt die „Israelitische Wochenschrift*, die Erinnerung an andere Glaubensgenossen wachzurufen, die in früheren Zeiten im Auftrag ihrer Regierungen an fremdländische Höfe gegangen sind. Im Jahre 1780 kam Jakob Jbn Abraham Berider als Gesandter des Kaisers von Marokko nach England. .In dem von ihm überreichten Einführungsschreiben ist zu lesen, daß der Gesandte sich der vollen Achtung und Gunst seines kaiserlichen Herrn erfreute und daß dieser „za seiner Kenntniß der öffentlichen Angelegenheiten und seinem Berständniß und-seiner Aufmerksamkeit in Bezug auf die beiderseitigen Geschäfte das Zutrauen habe, daß er die Verhandlungen mit der Regierung Eurer Majestät zu gtücklichem Ende führen werde/ Die marokkanische Regierung hat noch bei zwei späteren Gelegenheiten jüdische Gesandte nach London abgeordnet, 1794 den I. H. Sumbal und einige Jahre später Masahod Cohen Macnin. Der Chacham Jakob Sasportas, Rabbiner in Fez in Marokko, war ebenfalls als Gesandter der marokkanischen Regierung, speciell des Prinzen Benbukar, nach Spanien geschickt worden, um den Beistand dieser Regierung zur Bekämpfung einer in Marokko ausgebrochenen Revolution anzuruien. Auch auf der iberischen Halbinsel selbst haben in vergangenen Jahrhunderten die Herrscher sich jüdischer Diplomaten bedient. Alfons VJ. von Castilien und Leon hat im elften Jahrhundert den jüdischen Staatsmann Amram den Jsaac ibn Schalbib in Staatsangelegenheiten zu dem lrtzten in Sev-lla restdirenden Abassidenkalifeu Almu'lamio entsandt. Seine Mission hat ein sehr trauriges Ende genommen; er gerieth in Zwistigkeiten mit dem Kalrfen, in deren Verfolg er erschlagen wurde. Ungefähr vierhundert Jahre später wollte Alfons V. von Portugal dem Papst Sixtus IV. zu seiner Wahl eine Glückwunschdeputation senden und ihm gleichzeitig seinen Sieg über die Mauren in Afrika vermelden lassen. Zum Haupt dieser Deputation wurde der Jude Lopez d'Almeida gewählt. Diese Wahl war wahrscheinlich durch den damals sehr einflußi'eichen Don Jsaac Abrabanel veranlaßt, der durch Bwmittlung dieses Gesandten gleichzeitig eine Berbefferung der Lage der Juden in den päpstlichen Staaten herbeiführen wollte. In der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts ernannte die portugiesische Regierung einen marokkanischen Juden namens Duarte Nunes d'Acosta zum ständigen Gesandten bei der freien Stadt Hamburg, und bis zur gänzlichen Abschaffung dieses Postens blieb er in der Familie des ersten Gesandten. Das Königreich Polen hatte ebenfalls nacheinander zwei jüdische Gesandte in Hamburg, Daniel und Jakob Avensur, wahrscheinlich Vater und Sohn. Der erstgenannte, der 1711 starb, ist portugiesischer Abkunft gewesen und hatte dem König.von Polen bedeutende Geldsummen geliehen. Der erste europäische Hera scher, der einen Juden für einen Gesandtschaftsposten Verwender hat, war unstreitig Karl der G-oße. Als er den Wunsch hatte, Verhandlungen mit dem Kalifen Harun al Raschid anzuknüpfen, sandte er eine Deputation nach Bagdad, an deren Spitze er einen Rabbi Jsaac stellte. Die Abgeordneten wurden von dem orientalischen Fürsten glänzend empfangen und mit reichen Geschenken entlassen. Die Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika hat in jüngster Züt zweimal einen der bedeutendsten jüdischen Bürger New-Iorks, den Hon. Oskar Straus als Gesandten bei der Hohen Pforte accreditirt, wo er sich großer Beliebtheit erfreut hat. Zur Rabbinerwähl in Brünn. (Zuschrift aus Fachkreisen an den „Mährisch-Schlesischen Eorrespondenten", vom.4. Tecember ) Anläßlich der in der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde bevorstehenden Rabbinerwahl dürfte im Hinblicke auf die verschiedentlich auftauchenden Fragen über die Jngereuz des mähri-- schen Landes- und Brunner Local-Oberrabbinates auf dieselbe die von autoritativer Seite eingelangte Information von sicherem Belang sein. Artikel I, §6 der jüdischen Polizei-Ordnung vom Jahre 1754 lautet: „Keine Judengemeinde soll eine Rabbinerstelle für sich allein vergeben, weder auch Jemand ein solches Amt eher anzunehmen befugt sein, bevor er nicht von dem Landes-Rabbiner oder dessen Vertreter gehörig examinirt und hiezu für tauglich erklärt sein werde." Hiezu Anhang vom 13. Mai 1763: „Wo es um die Einsetzung eines Local-Rabbiners zu thun ist, da hat die betreffende Gemeinde dem Ober-Landesrabbiner das Subjectum zu der erledigten Localrabbinerftelle vorzuschlagen, der Ober-Landesra! biner hingegen selbtes behörig zu prüfen und es nach dem Befunde entweder für tauglich zu erkennen oder als unecht zu verwerfen."