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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-12-13 · 50 (13.12.1901) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
50 (13.12.1901)
Date
1901-12-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 50 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 831 secundirt worden ist. so ist es wohl am Platze, der Faselei von der Ueberflnthung Wiens mit Juden entgegenzutreten. Gegnerischerseits wird behauptet, daß die jüdischeBevölkerung Wiens, die zu Anfang des vorigen Jahrhunderts ungefähr 20.000 Seelen betragen haben soll, im letzten Jahrhundert auf 150.000 angewächsen sei. Nun hat aber die Gesammtbevölkerung Wiens Anfangs des 19. Jahrhunderts 150.000 betragen, während sie Ende des 19. Jahrhunderts auf 1.500.000 angewachsen ist, demnach sich um das Zehnfache vermehrte. Die jüdische Bevölkerung würde dann, wenn sie in der Vermehrung gleichen Schritt gehalten hätte, 20.000X10=200.000 betragen müssen. Stampiglius Schneider gibt aber selbst zu, daß die gegenwärtige jüdische Bevölkerung Wiens nur 150.000 beträgt, daher ein Minus von 50.000 Juden vorhanden ist, das der Aufklärung bedarf. Stampiglius Schneider stellt weiter die Behauptung auf, daß die Volksvermehrung bei den Juden um 7/io größer sei. Mit Rücksicht auf die größere Volksvermehrung müßte aber die jüdische Bevölkerung Wiens derzeit nahezu 250.000 betragen. Thatsächlich zählt aber Wien rund nur 150.000 Juden, es ergibt sich demnach ein Minus von 100.000 Juden. Die Wahrheit ist, daß die jüdische Bevölkerung weder relativ noch absolut im gleichen Maße wie die arische zugenommen hat und zunimmt. Und das ist auf die desolaten Verhältnisse zurückzuführen, unter welchen die Juden im Vormärz zu leiden hatten, und auf die Drangsalirung, die ihnen die neue Aera zufügt. Die Juden haben die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien niemals als das Dorado betrachtet, nach dem sich ihr Herz hingezogen hätte. Im Vormärz wurden sie als Hausknechte betrachtet, in der neuen Aera dagegen werden sie wie Parias behandelt. Stets halten sie mit Widerwärtigkeiten zu kämpfen, Friktionen zu bestehen, Weiterungen zu begegnen. Nur mit dem Aufwande aller ihnen zu Gebote stehenden physischen und intellectuellen Kräfte konnte es den Juden gelingen, sich eine Position zu schaffen. Es mag ja richtig sein, daß von den derzeit in Wien domicilirenden Juden nahezu 3/4 Theil verarmt ist, allein daran sind nicht die Juden, sondern ihre Feinde schuld, die ihnen die Möglichkeit nehmen, sich in ehrlicher Weise einen Erwerb zu schaffen, oder sie von ihrem Erwerbszweige mit Gewalt hinausdrängen. Dagegen kann kühn behauptet werden, daß die oberen Zehntausend der Wiener Juden der Reichshaupt- und Residenzstadt zur Ehre gereichen. Denn diese oberen Zehntausend repräsentiren in excellenter Weise die Intelligenz, die Wissenschaft, die Forschung- und die Kunst, Industrie und Gewerbe, Handel und Verkehr. Es ist geradezu eine auffallende Thatsache, daß der Zuzug von Juden nach Wien geringer ist als der der arischen Bevölkerung, und da kommen wir wieder an die wunde Stelle, an der Wien krankt, dessen Stagnation, dessen Niedergang verschuldet. Es ist dies der seit nahezu zwei Jahrzehnte währende Racenhaß. Der arme und wenig bemittelte Jude kann in Wien sein Fortkommen nicht finden, daher er es zu meiden gezwungen ist. Die besser situirten Juden aber wollen von Wien schon gar nichts wiffen, sie bleiben lieber in der Provinz, wo sie den Anfeindungen des antisemitischen Mobs weniger ausgesetzt sind. Paris ist die Millionenstadt geworden, weil es das Ideal und das Ziel des Franzosen aus der Provinz ist, nach längerer geschäftlicher Thätigkeit in die Residenzstadt zu ziehen und daselbst einen behäbigen - Hausstand zu gründen. Wien jedoch wird von der Provinz gemieden, nicht nur von jüdischen, sondern auch von arischen Bürgern, weil Allen Ruhe ein Bedürsniß ist und weil Alle die ewige Racenhetze anwidert. Daß hiebei Handel und Verkehr leiden muß. liegt wohl auf der Hand. Es ist ein offenes Geheimniß, daß Wien stagnirt, daß es im Niedergange sich befindet. Das Aeußerliche mag wohl blenden, die tiefer Sehenden aber sind schon längst darin einig, daß Wien einer Katastrophe zueilt, wenn nicht sehr bald Ruhe und Ordnung geschaffen werden wird. Da erweist es sich vor Allem nothwendig, daß der antisemitischen Hetze mit aller Macht und Energie das Handwerk gelegt wird. Eduard Beer. Gras Dzicduszycki und die galizische Judennoth. Die preußische Pvlenpolitik verdient die schärfste Berurtheilung jedes redlichen Menschen. Kinder ihrer Muttersprache zu berauben, ist ein barbarisches Unterfangen; Eltern, die sich dem widersetzen und den Schergen Trotz bieten, sind Märtyrer einer edlen Sache und verdienen die Sympathien des gebildeten Europa. Die traurigen Vorgänge in Wreschen haben denn auch allenthalben peinliches Aufsehen erregt und ungeheuchelte Sympathien wenden sich den Opfern preußischer Willkür zu. Umso begreiflicher ist die Entrüstung, welche sich der Polen aller Länder bemächtigt, angesichts der Verfolgung ihrer Stammes gen offen in der Provinz Posen. In dem österreichischen Abgeordnetenhause hat am 11. December bei Gelegenheit der Budgetberathung Graf Dzicduszycki, ein hervorragender Führer des Polenclubs vie Vorgänge in der Provinz Posen zur Sprache gebracht. Er sagte wörtlich: „Dann hat man erfahren, daß mitten in Europa eine Colonisations-Commission eingesetzt wurde, welche zu ihrem Zwecke auch die Steuern der polnischen Bevölkerung heranzieht, zu dem Zwecke, die Güter der polnischen Bevölkerung wegzukaufen und an Andere zu verkaufen unter dem Motto der Vertilgung und der Ausrottung der Polen. (Entrüstungsrufe bei den Polen.) Was für ein Halloh hätte es im Parlamente und in allen Gassen gegeben, wenn ein anderes Volk etwas Derartiges erlitten hatte." Der edle Herr Graf fügte hinzu: „Die Megalomanie, die Selbstüberhebung, ist der Anfang des Sturzes. Gerade die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts hat Exempel dazu geliefert. Am schrecklichsten aber ist die Ueberhebung über das Sittengesetz. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht, hat ein großer deutscher Mann gesagt. Wo die lleberhebung über das Sittengesetz stattfindet, da bedarf es nicht einmal eines Sturmwindes von Außen, da greift die Verderbnib von Innen immer weiter, da verlieren sich die edlen Tugenden, die den Menschen zum Culturmenschen machen, die finanziellen Schwierigkeiten, die durch den Leichtsinn hervorgerufen wurden, da. verliert Alles, selbst die Wissenschaft, an ihrem Ernste, sie wird zum Handwerk, und Gott bewahre die Welt vor dem Gerichte, was dann kommt." Diese Worte des edlen Grafen Dzicduszycki enthalten unbezweifelte Wahrheiten. Allein wir gestatten uns an den edlen Herrn Grafen folgende bescheidene Anfrage: Wenn der galizische Landesausschuß die Steuergelder der verarmten nothleidenden und hungernden galizischen Juden heranzieht, um in jedem Städtchen, in jedem Dorf, in jedem Marktflecken Galiziens Kölka i-olnicze, landwirthschaftliche Verbände, und Sklepiki chrzesciänske, das sind christliche Gewölbe, zu errichten, mit dem ausgesprochenen Zweck, die ohnehin nothleidenden und darbenden Juden ihres letzten Erwerbes zu berauben und die Existenz ihnen unmöglich zu machen: verdient diese polnische Judenpolitik eine andere Charakterisirung als das Vorgehen der preußischen Colonisirungscommiffion? Warum erhebt der edle Graf im galizischen Landtag nicht seine Stimme zu einer Anklage gegen den galizischen Landesausschuß? Und wenn jüdischen Familien Kinder geraubt und in Klöstern mit Gewalt zurückgehalten werden — ist das vereinbar mit dem Sittengesetz? „Was Du nicht willst, das man Dir thu', das füg' auch keinem Andern zu!" Das ist nicht blos ein göttliches Sittengebot, der Satz enthält auch hohe politische Weisheit zur Beherzigung der Völker wie der Individuen. Der nationale Egoismus welcher derart brutale Formen annimmt, ist gleich verabfcheuungswürdig, ob er von Preußen gegen die Polen oder von diesen gegen die Juden sich äußert. Jacob L. Teitel der einzige jüdische Untersuchungsrichter in Rußland. Jakob L. Teitel, der einzige jüdische Untersuchungsrichter in Rußland, hat am 3. December sein 25jähriges Amtsjubiläum gefeiert. Taitel hat auf der Moskauer Universität studirt und daselbst die Zuneigung einiger einflußreicher Profefforen gewonnen, auf deren Empfehlung er zum Untersuchungsrichter in Ssamara ernannt wurde. Die unter der Regierung des liberalen Kaiser Alexander U. erfolgte Ernennung konnte unter der antisemitischen Regierung seines Nachfolgers zwar nicht mehr rückgängig gemacht werden, es wurde jedoch dafür gesorgt, daß der jüdische Richter bei allen Beförderungen übergangen werde und über die bescheidene Stellung eines simplen Landrichters im fernen Ssamara an der Wolga nicht hinauskommt. Aber selbst auf diesem einsamen und verlorenen Posten wußte Jacob Teitel sich seinen verfolgten Stammesgenossen im hohen Grade nützlich zu machen. Er war correspondirendes Mitglied einiger großer jüdischer Vereine, suchte jüdische Handwerker aus dem Anfiedlungsrayon nach Ssamara und den andern größeren Plätzen am untern Laufe der Wolga zu verpflanzen und gründete aus diesen Handwerkern und den ausgedienten

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