Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 50 (13.12.1901)
- Date
- 1901-12-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 820 Dr Vloch's Wochsnschrifi. Nr. 50 einheit eingewirkt hat, und Bamberger als den Reformator des deutschen Wirthschastslebens. Diese beiden Männer, hervorragend an Geist und Wissen, verehrungswürdig in ihrer Selbstlosigkeit, ein weithin leuchtendes Beispiel edeln patriotischen Wirkens und selbstloser Hingebung an das öffentliche Wohl, sie waren Juden, und die ganze Verruchtheit und Nichtswürdigkeit der antisemitischen Bewegung spiegelt sich darin wieder, daß nach der insbesondere von Wien aus propagirten antisemitischen Theorie auch Eduard Lasker und Ludwig Bamberger verabscheuungswürdige Individuen wären, die man niemals über die Grenze lasten dürfte, oder wenn sie schon hier wären, durch alle möglichen Mittel dazu bringen müßte, wieder wegzugehen. Wie lächerlich nimmt sich da der Chauvinismus unserer österreichischen Alldeutschen aus, die einen Lasker oder Bamberger als unwürdig ihres Umganges erklärt hätten, während das deutsche Reich stolz ist auf diese seine Mitbürger Mischer Confession. Wie verächtlich erscheint an dem Maßstabe dieser zwei in unvergeßlichem Ruhme strahlenden Namen das Treiben der Liechtenstein und Lueger, die jetzt unmittelbar vor den Weihnachtsfeiertagen die christliche Bevölkerung gegen ihre jüdischen Mitbürger aufzuhetzen unternehmen. * * * * Es ist ein an dieser Stelle wiederholt gebrandmarkter öffentlicher Scandal. daß der Bürgermeister der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, der Chef jener politischen Behörde, welche die Steuern einhebt, also auch die Juden Pfändet, wenn sie ihre Steuern nicht bezahlen, an dieser schmutzigen und unmoralischen Action theilnimmt. Die Lectüre der betreffenden Bersammlungsberichte ist ungemein lehrreich, und es ist hochkomisch zu lesen, was da nach der Angabe der antisemitischen Blätter Alles »nachgewiesen" wird. Der und jener Redner »weist" also beispielsweise »nach", daß die Juden die Congregationen aus Frankreich vertrieben haben, daß sie in Rußland eine Revolution vorbereiten, daß sie die Christen betrügen, daß sie alles mobile Vermögen in ihre Hände bringen, daß sie in Ungarn, Frankreich, Italien und Spanien regieren, daß sie die Weltherrschaft anstreben rc. rc. Alle diese und noch Hunderte anderer Dinge werden in den Versammlungen christlicher Frauen den Juden vom Butterhändler Oppenberger vom Karmeliterplatz und von Geschichtskennern ähnlicher Qualität »n a ch g e w i e s e n". Eine wunderschöne Versammlung dieser Art war da »beim Swoboda". Unter den Augen der Frau Ruziczka brachte da jener Alois, den wir kürzlich erst der bewußten Lüge geziehen haben, abermals eine Reihe von lügenhaften, gegen die Juden gerichteten Behauptungen vor, und ihm folgte dann unser geehrter Herr Bürgermei st er. Wie gewöhnlich, wurde er »mit frenetischem Jubel begrüßt", und wir erfahren, daß er zunächst »in launigen Worten" die Verdienste der Frau Ruziczka um die christliche Bewegung hervorgehoben hat. Es ist ja richtig, die Frau Ruziczka, der unser geehrter Herr Bürgermeister launige Worte widmet, hat sich im Sinne der antisemitischen Bewegung hervorgethan, aber es wäre die Frage an diese so rührige und gewandte Dame angezeigt, ob sie niemals von jüdischen Kunden Geld angenommen hat oder annehmen würde und ebenso müßte man auch Herrn Oppenberger fragen. Nun aber zu unserem geehrten Herrn Bürgermeister, der mit dem Aufwande großer Beredtsamkeit die Frauen zu bewegen sucht, ja nichts bei Juden zu kaufen. Wenn das geschieht, meint unser geehrter Herr Bürgermeister, dann sei die sogenannte Judenfrage gelöst, dann brauchen wir uns nicht den Kopf zu zerbrechen, dann geht Alles am Schnür!. „Wenn der p. t. Jude nichts verdient, dann geht er ohnehin!" Wir sind nicht gesonnen, geehrter Herr Bürgermeister, diesem Ihrem verwerflichen Treiben zuzusehen, ohne dagegen laut und energisch Protest zu erheben. Man erwäge doch einmal den Sinn und die Bedeutung dessen, was der p. t. Bürgermeister über die p. t. Juden seinem Auditorium beibringen will. Der endgiltige Zweck und Sinn der Action ist: die Juden sollen dadurch, daß man ihnen allen und jeden Erwerb entzieht, zur Auswanderung genöthigt werden. Der wirtschaftliche Boycott soll uns Juden nöthigen, unser Vaterland zu verlassen und in die Fremde zu ziehen. Wenn das der Alois sagt oder einer seiner Collegen, wie z. B. der Mittermayer oder der Vergani, nun so haben diese Burschen doch kein öffentliches Amt und sie haben keinen Eid geschworen, der sie verpflichtet, die Rechte ihrer Mitbürger zu respectiren oder überhaupt die Gesetze zu halten. Der p. t. Lueger aber ist der beeidete Bürgermeister von Wien, dessen verfluchte Pflicht und Schuldigkeit es wäre, zu verhindern, daß irgend einem Bewohner dieser Stadt seiner Nationalität oder seiner Confession irgend eine Beeinträchtigung widerfahre. Sehr richtig hat Dr. von O f e n h e i m bezüglich des Vicebürgermeisters Dr. von Neumayer gesagt, derselbe sei verpflichtet, die Bewohner in ihrer Rechtssicherheit, also auch in ihrer Ehre zu schützen. Und nun erst das Oberhaupt der Stadt, der erste ihrer Bürger — der schämt sich nicht, unter den Auspicien der Frau Ruziczka vor eine Anzahl schlichter und seinen Worten gläubig lauschender und vertrauender Frauen hinzutreten und sie zum wirthschaftlichen Boycott der „p. t. Juden" anszureizen, damit diese gezwungen seien, die Stadt nnd das Land zu verlassen. Da ist vor einigen Tagen eine Flugschrift von Herrn Davis erschienen, betitelt »Blitzblaue Briefe" und adressirt an die »sehr gescheidten Herren Juden." Herr Davis erörtert da, warum in der christlichen Bevölkerung der irrige Glaube von einer internationalen Organisation der Juden und von ihrer geplanten Weltherrschaft rc. sich festgesetzt habe, und ertheilt ihnen einige Rathschläge, bei deren Befolgung wir dahin gelangen könnten, nicht mehr als Juden, sondern einfach als Menschen nach den Staatsgrundgesetzen gleichberechtigt behandelt zu werden. Abgesehen davon, daß wir selbst einige Kisten voll der verschiedenartigsten Rathschläge auf dem Boden stehen haben, möchten wir die gewiß gut gemeinten Vorhalte des Herrn Davis mit dem Hinweise auf das eben gekennzeichnete Vorgehen unseres geehrten Herrn Bürgermeisters beantworten. Dieser Mann weiß es ganz genau, wie es mit der Weltherrschaft und der internationalen Organisation des Judenthums aussieht, und er hat überdies den Eid auf die Staatsgrundgesetze abgelegt. Nach welchem göttlichen oder menschlichen Rechte darf es dieser Mann wagen, die nach vielen Tausenden zählenden jüdischen Bewohner der seiner Verwaltung anvertrauten Stadt öffentlich zu verhöhnen und zum wirthschaftlichen Boycott gegen sie aufzureizen? Was hat dieser empörende unmoralische und unerlaubte Vorgang mit der Parteizugehörigkeit der Juden zu thün, mit der Frage, ob sie den Liberalismus oder die Socialdemokratie unterstützen? Die blitzblauen Rathschläge des Herrn Davis sind besser geschrieben als gemeint; der geschätzte Autor übersieht nämlich, daß auch der jüdische Staatsbürger a priori das Recht hat, genau so wie seine christlichen Mitbürger sich jener Partei zuzuwenden, zu welcher er nach seiner Ueberzeugung hinneigt, und dieses Recht laffen wir uns nicht bestreiten. Dem Elephanten vom Senegal ist übrigens die Sache bekanntlich ganz egal, dem echten Antisemiten ist es alleseins, ob die Juden liberal oder socialdemokratisch sind. Nicht einmal wenn die Juden Antisemiten wären, könnte es ihnen etwas nützen, denn die Interessenten des Geschäftsantisemitismus und des Streberthums können auf die agitatorisch so werthvolle Judenhatz nicht verzichten. Darum sehen wir insbesondere in diesen Weihnachtstagen die öffentlichen Lügner und die Volksbetrüger an der Arbeit. Eduard Lasker und Ludwig Bamberger wären nach der Ansicht des p. t. Neumayer nicht satisfactionsfähig, denn sie sind Juden. Die Taktlosigkeit des Bürgermeisters, öffentlich über die Vorgänge bei einer Herausforderung zu berichten, hat zu einem neuen Proceß Anlaß gegeben, in welchem die kniffige Art der von Dr. Neumayer versuchten Rechtfertigung am .interessantesten war. »Jude", meint er, das ist keine Beleidigung, und satisfaetionsunsähig, das heißt so viel als unfähig sein, ein Verbrechen zu begehen. Zuerst einem Mann eine diffamirende Beschimpfung zufügen und dann, wenn man für dieselbe einstehen soll, mit sophistischen Auslegungen auskneifen, das ist echter Verganismus, und für ein so feiges Vorgehen ist auch die »schwächere Intelligenz" kein Milderungsgrund. Die Beleidigung sollte ja übrigens nicht dem Dr. Ofenheim persönlich gelten; der Anlaß sollte nur benützt werden, um den Juden Eines anzuhängen. Zufällig sind die Herren Dr. Lueger und Dr. Neumayer diesmal an den Unrechten gerathen und haben sich damit eine Lection zugezogen, die zum Bedauern jedes denkenden Wieners mit dem Ansehen der Bürgermeisterschaft einer Weltstadt in traurigem Gegensätze steht. Isegrimm. Die Judenüberfluthung Wiens. Stampiglius Schneider hat jüngst im Abgeordneienhause des österreichischen Parlaments wieder eine giftgeschwollene Hetzrede gehalten und das Thema der Ueberfluthung Wiens zur Sprache gebracht, und da er hiebei auch von anderer Seite