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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-12-13 · 50 (13.12.1901) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
50 (13.12.1901)
Date
1901-12-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 60 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 819 Röntgen'schen Strahlen beleuchtet. Als Professor Köhler eines Tages in seiner Vorlesung den berühmten Commentar von Justizrath Lewy lobend erwähnte, scharrten die Hörer mit den Füßen zum Zeichen des Unwillens. Als der Professor aber forifuhr, daß das Werk leider unvollendet blieb, weil Lewy vor einigen Jahren ermordet wurde — da bekundeten btt edlen Jünger der Rechlsgelehrheit durch lautes Trampeln ihre Herzensfreude. Also, diese angehenden Juristen sind empört, daß ein jüdischer Gelehrter die Wissenschaft zu bereichern wagte, und entzückt, daß er meuchlings ermordet worden ist. Dieses Betragen kann man schlechterdings nur als thierisch bezeichnen. Und aus diesen Reihen soll der Staat seine Richter und Verwaltungsbeamte später nehmen! Eine traurige Aussicht für die Zukunft der deutschen Cultur. Die A ch t u n g vor der Wissenschaft ist das Hauptmerkmal des Gebildeten. Nur wer die Forschung verehrt, wird selber nach geistiger Größe streben. Diese Grundbedingung aber scheint bei einem großen Theile der deutschen akademischen Jugend zu fehlen. Eine germanische Nase bedeutet ihnen mehr, als ein gelehrter Kops. Ja, sie können den Juden das große Verbrechen nicht verzeihen, daß sie auf allen Gebieten der Wissenschaft Hervorragendes leisten. Daß die Juden Geld verdienen. ist schon schlimm, daß sie aber auch Denker und Dichter sind und der menschlichen Cultur große Dienste leisten — das ist gar nicht mehr zu ertragen. Wie soll in solchen vergifteten Seelen Platz für humane Gedanken sein? Wie soll in solchen verdrehten Köpfen das logische und gerechte Denken aufkommen? Wenn Professor M o m m s e n mit Recht in der confessionell beeinflußten Wissenschaft eine Gefahr erblickt, welche Gefahr liegt nun darin, daß die Studirenden mit der Gesinnung einer Bestie in den Tempel der Wissenschaft eintreten und ihren blinden Haß zur Norm der Beurtheilung machen? In einem Zeitalter der Humanität würde man über eine solche Erscheinung erschrecken. Wir aber leben in einer Zeit, wo nichts überrascht. Man begnügt sich, die Leidenschaften und Entartungen fein zu gruppiren und für sie wissenschaftliche Namen zu finden. Sie zu heilen und zu bekämpfen, daran denkt Niemand. So greift diese Krankheit immer mehr um sich und nimmt mit jedem Jahre größere Dimensionen an. Als Begleiterscheinung dieser neuen Gestaltung tritt in den letzten Jahren auch etwas auf, das ich als Militär isir ung der Studentenschaft bezeichnen möchte. Das Officiersthum scheint jetzt das höchste Ideal der akademischen Jugend, wenigstens der corporirten, zu sein. Man strebt nach Exclusivität und möchte sich mit dem Nimbus einer vornehmen, privilegirten Kaste umgeben. Kann man sich nicht gegenseitig „zur Rettung der Ehre"' zu Tode schießen, so will man wenigstens mit zerschnittenen Gesichtern renommiren. Man will etwas Anderes als die gewöhnlichen Bürger sein. Man hat andere Ehrbegriffe, andere Sitten und Gebräuche, und man schaut von der olympischen Höhe herab auf die Niedriggeborenen. So tritt an Stelle der ungezwungenen Fröhlichkeit ein steifes, komisches Gebühren, an Stelle lebendigen Humors hohles Pathos und an Stelle warmer Begeisterung ein abscheulicher Cynismus. Wie sehr dieses arrogante Gebühren dem eigentlichen Wesen des Studententhums widerspricht, kann man leicht begreifen. Der Student ist ein Lernender, und er soll aus dem wirklichen Leben ebenso viel wie aus den Wissenschaften lernen. Er sammelt ja seine Kenntnisse für das Volk, und er sollte zeitig suchen, mit dem Volke Fühlung zu gewinnen und seine socialen und culturellen Bedürfnisse zu verstehen. Wir leben in einer Zeit, wo die Versöhnung der Elasten das höchste Ideal bildet. Da ist die Wichtigthuerei und die ganze Schablone der Vornehmheit schlecht angebracht. Es ist beschämend, daß die heutigen deutschen Studenten den Studirenden anderer Nationen an idealem Streben häufig weit nachstehen. Während die dänischen Studenten den Arbeitern Unterricht ertheilen, laufen unsere Studenten in die antisemitischen Versammlungen, und zollen dem Märchen des Ritualmordes Beifall. Die russischen Studenten gehen in den Tod für die Freiheit und die unsrigen freuen sich, wenn sie einen armen jüdischen Hausirer quälen können. Wahrlich, da könnte man wehmüthig ausrufen: »O, alte Burschenherrlichkeit, Wohin bist Du geschwunden!" In den letzten Wochen ist es in Deutschland Mode, sich für die Buren zu begeistern und gegen die Engländer zu protestiren. Unsere Studenten thun natürlich tapfer mit und trampeln fleißig. Wie vielen unter ihnen mag es wirklich ernst mit der Idee sein! Kann man sich für die Freibeit eines andern Volkes begeistern, während man seinem Nachbar wegen seines Glauvens das Leben verkümmert? Kann man sich über Grausamkeiten im Kriege empören, während man im Frieden immermehr dem Bardarismus entgegensteuert? Ist es nicht eine Schmach, wenn die Chargirten vieler Vereine sich weigern, am Vircho w- C o m m e r s theilzunehmen, weil dieser Veteran der Wissenschaft auch ein Mann des Fortschritts ist? Virchow, dem die ganze Culturwelt zu seinem 80. Geburtstage gehuldigt hat, kann die Gunst dieser Jünglinge entbehren, aber welche Dreistigkeit und welche Anmaßung gehört zu einem solchen Betragen! Dem Forscher Virchow darf Niemand die höchste Verehrung versagen, aber auch dem Menschen und Politiker Virchow muß jeder gerechte Mensch Achtung entgegen bringen. Man braucht durchaus nicht seine politischen Ansichten zn theilen und kann doch einem Manne, der sechzig Jahre hindurch seiner polittschen Ueberzeugung treu blieb und für sie mit ehrlichen Mitteln kämpfte, gerecht werden. Aber der Rausch der Phrasen verscheucht das vernünftige ir.n gerechte Denken. Schon heute sind bei diesen jungen Leuten b;e Begriffe von Pflicht und Anstand sehr unklar, und ihre ganze W ltanschanung ist ein Chaos von Gefühlen und Justin cten. So liegen die Dinge und sie mahnen zum ernstlichen Nachdenken. Von dieser Se te droht lh^tächlich nicht allein der Judenheit. sondern der geistigen und ethischen Cultur Deutschlands eine große Gefahr. Diese Studenten sollen ja einst Lehrer, Richter und Leiter d^s Volk s werden, wie werden sich nun da die Verhältnisse gestalten? Es ist eine traurige Perspective in die Zukunft, die sich uns hier darbietet. Alle ethischen und geistigen Kräfte müffen dieser Gefahr - ntgegenarbeiten. Alle, die eine gesunde Entwicklung des Staates auf allen Gebieten des Lebens und des Wrffen wünschen, müss n danach streben, einen wirklichen Damm gegen Verrohung und Barbarei zu errichten. Vom Isbrmsrbt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (LassenSie das Parlament nicht schuldig werden.— Zwei Juden. — Die Weihnachts-Campagne beginnt. — Die Frau Ruziczka. — Von den p. t. Juden und vom p. t. Bürgermei st er. — D i e schwächere Intelligenz.) »Lassen Sie das Parlament nicht schuldig werden", sagte Dr. Körber. Das österreichische Parlament ist aber längst schuldig geworden und hat in seiner Sündensülle das Existenzrecht verwirkt. Einzelne Mitglieder und ganze Parteien haben seine Privilegien zur Mißhandlung des Schwachen, zur Knebelung der Ohnmächtigen, zur Beschimpfung der Abwesenden und .Wehrlosen, ja selbst zur Einschüchterung der Organe der Justiz und Administration mißbraucht. Es war der Schauplatz von Rede-Excessen und Ausschreitungen, wie keine zweite Volksvertretung in der Geschichte. Die Herren Parlamentarier waren ob der freimüthigen Worte des Ministerpräsidenten erschrocken und beruhigten sich erst, als er die bestimmte Versicherung gab, er habe »keine Drohung" beabfichttgt. Gewiß, »Drohungen" entsprechen nicht seiner Gewohnheit und wären heute auch nicht zeitgemäß. Allein die unerbittliche Logik der Thatsachen, das Gottesgericht der Geschichte läßt sich nicht hemmen und aufhalten. Die unausgesetze Entwicklung eilt ihrem Abschlüsse zu, und an diesem Parlament, welches geschaffen worden als Hort der Gerechtigkeit, als Schutz der Freiheit und zu einer Stätte antisemitisch-demagogischer Tyrannei entartet ist, muß und wird sich das Geschick erfüllen. * * * Die Erinnerung an Eduard Laster und Ludwig Bamberg e r wurde in diesen Tagen aufgefrischt durch die Einweihung ihres gemeinsamen Grabdenkmales, dessen Inschrift lautet: »Hier ruhen im Tode vereint, die im Leben gemeinsames Streben für Deutschlands Ehre und Freiheit verband." Die politische Bedeutung dieser beiden Männer, ihre Genialität und ihre Charaktergröße ist anerkannt und geehrt vom ganzen deutschen Volke, und Bismarck selbst hat der Verehrung vor diesen großen Parlamentariern oft genug seinen Tribut gezollt. Die Namen Laster und Bamberger gehören der Geschichte an, und anläßlich der Denkmalseinweihung konnte der Reichstagsabgeordnete Schräder Lasker als den Mann feiern, der als Bolkstribun bestimmend auf die Entwicklung der deutschen Reichs-

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