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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-12-13 · 50 (13.12.1901) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
50 (13.12.1901)
Date
1901-12-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 818 Nr. 50 Dr. Bloches Wochenschrift. Nun ist aber die Theorie der Racen und Racenmischung das ganze Um und Auf von Chamberlain's „Grundlagen", mit ihr steht und fällt seine ganze Weltanschauung und Geschichtsconstruction. Aber dieses Steckenpferd, mit dem er so kühne und schöne Reiterkünste macht, hat schon vor fünfzig Jahren der Franzose Graf Gobineau in seinem „Essai sur i’inegalite des ras.es humaines* * dem europäischen Publicum vorg< führt. Und dieses undankbare Publicum lachte und ging fort. Aber in einem halben Jahrhundert ändert sich gar Vieles, am meisten der Geschmack. Das hat Chamberlain erfaßt und benützt. Mit einer mystisch-christlichen Schabracke geschmückt, mit allerlei moder,inatuxwissenschaftlichem Kram aufgeputzt, führt er uns das alte Steckenpferd vor. Und man muß ihm zugestehrn, daß er seine Sache besser zu machen versteht als Gobineau, seine Kunststücke sind eleganter und überraschender. Er hat manches Veraltete und Abgeschmackte w^ggelassLN und hat auch seinem Pferdchen allerlei schöne neue Künste eingelernt, so daß selbst der mürrischeste und tadelsüchtigste Kritiker manchmal entzückt Beifall klatscht. Auf sein Verhäliniß zu Gobineau werden wir noch zurückkommen. Hier haben wir noch etwas Anderes hervorzuheben: „WM Ihr zugleich den Kindern der Welt und den Frommen gefallen? Malet die Wollust — nur malet den Teufel dazu." hat der Dichter gesagt. Chamberlain hat nach diesem Recept den halbheidnischen Alldeutschen und den clericalen Christlich Socialen zu gefallen verstanden. Er verbindet überschwängliche christliche Mystik mit antlsefliitischen Schmähungen der Bibel und des Katholizismus. Und dies erklärt zum großen Theil das ihm von entgegenges'tzten Seiten gespendete reiche Lob. Clericale, die sonst, wenn vor einer Procession nicht der Hut gezogen oder von irgend einem Pfaffen eine schlimme Anekdote erzählt wird, über Beschimpfung oder Bedrohung der christlichen Religion gewaltigen Lärm schlagen, soffen den „Heiden" Chamberlain mit Sammthändschuheu au, oder machen vor ihm ihre Reverenz. „Du hast gehaßt (die Juden), so wird Dir viel verziehen werden". Und gar erst die hypergermanischen Kritiker! Die werfen mit ihrem „voll und ganz", „kühn und groß", „unvergleichliches Buch", „wurzelfest und groß" „germanischer Vollmensch" u. s. w. nur so herum. Selbst Profeffor Albert Erhard, der (in der clericalen Z itschrift „Die Cultur", Jahrgang II, Heft 6. 7), wo er von den die christliche Religion beha 'beluden Partien des Buches spricht, mit „Jrrthümern, Wahnvorstellungen, Widersprach n und Ungereimtheiten" Chamberlain's nicht sparsam ist, empfi hlt das Capirel, „worin die Judenfrage in ihrer moderner! Bedeutung leidenschaftslos (?) gewürdigt wird", besonderer Biachtung. Er findet darin „eine sehr interessante Erklärung der Entstehung der Mischen Race" und eine Würdigung derselben, „die wohl in den Racenantisemitismus einmündet, aber sehr lebhaft zum Bewußtsein bringt, welche enorme Gefahren uns von Seite dieses fremden Volkes drohen". Also lauter Jrrthum, wo von christlicher Religion, lyuter Wahrheit, wo von Juden die Rede ist. Deßhalb sind wir auch dem Verleger Chamberlain's dafür dankbar, daß er eine Aus-wahl der über die „Grundlagen" erschienenen Kritiker in einer besonderen Broschüre veröffentlicht hat. Ja, er hat darin sogar einigen Renommirtadel ausgenommen, darunter auch auf eine Seite reducirt, die in der „Gestllichafl" enthaltene vierzig Leiten starke Kritik „vom einseitig jüdischen Standpunkt". (!) Doch kehren wir zur Racentheorie zurück. In früheren Zeiten pflegten phantasiebegabte Ethnologen gern mit Pelasgern und Etruskern zu manipuliren, Gobineau handhabt weiße, gelbe und schwarze — nicht Bälle — sondern Racen. wie der geschickteste Jongleur. Dann kamen die Sumer-Akkadier in Mode, die auch Chamberlain gern aufmarschiren läßt, wenn es gilt, den Semiten etwas am Zeug zu flicken. Aber sein Lieblingsvolk sind die Hethiter. Da man so wenig von ihnen weiß, kann man umsomehr von ihnen reden. Einen lebenden Hethiter hat er freilich ebensowenig gesehen, als irgend ein Anderer in den letzten fünfzehn oder zwanzig Jahrhunderten, aber er gibt uns doch (Seite 361) das Porträt eines solchen. Er stützt sich dabei auf aufgefundene Schädel und die Mittheilungen des Proseffors von Luschan, der deren 60.000 gemessen haben soll. Waren es lauter Hethiterschädel und trug jeder von ihnen eine Etiquette, die ihn als solchen bezeichnete? Aber Chamberlain manipulirt noch immer mit Schädeln, obwohl der Werth der Schädelmessung für die Bestimmung der Race jetzt schon sehr zweifelhaft und die Eintheilung in Brachycephale und Dolichocephale eine ziemlich willkürliche ist. Es läßt sich leicht sagen, ein Index von über 80 Procent macht den Rundkopf, von 74 und darunter den Langkopf: aber die Natur hält sich nicht an diese scharfe Abgrenzung und schafft zahllose Zwischenstufen?) Und dann läßt sich fast nie mit einiger Sicherheit angeben, welchem Volke ein seit ein paar tausend Jahren in der Erde ruhender Schädel angehört. Aber Chamberll in steht sich auch die Nasen an und entdeckt, daß die „Judennase ein hethitisches Erbstück ist." „Der Israelit", sagt er (S. 361), „hat nun durch die immerwährende Vermengung mit dem rundköpfigen Typus des fremden Volkes nach und nach seinen schmalen, langen Beduinenkopf eingebüßt und als Ersatz die sogenannte Judennase zum Geschenk bekommen." Und ferner: „Auf die Nase allein darf man sich bei der Diagnostik betreffs der Angehörigkeit zum jüdischen Stamm durchaus nicht verlassen." — Was werden die antisemitischen Witzlinge sagen, wenn ihnen ein so billiges Sujet zur Verspottung der Juden genommen wird? Den'-! die Hethiter waren, nach Chamberlain, ein achtungswerthes, tapferes Volk, unter dem sich Männer mit so prächtigem männlichen Benehmen wie Uria fanden. (S. 376.) Merkwürdig, dgß die Juden nur die Nase und nicht auch alle guten Eigenschaften der Hethiter geerbt haben. Freilich nach der Art, wie Chamberlain Racen bildet, mischt und modelt, ist Alles möglich. „Pyramiden", sagt er (Vorrede zur 3. Auflage, S. 16), „werden von der Spitze nach abwärts zu gebaut"?Ob die Architekten mit dieser Bauweise einverstanden sind, weiß ich nicht, aber seine ..Grundlagen" scheint er nach diesem System construirt zu haben. Die Spitze, die Krönung des Gebäudes, war für ihn der Ausgangspunkt, die Beweise und Fundamente, das Material zum Aufbau und das „staubige Gerüst" wurden erst nach und nach zusämmengesucht, zugestutzt und dem Zwecke angepaßt. Und was ist nun diese- Spitze? Die Darstellung der Germanen als des edelsten, besten, zur Beherrschung der Welt berufenen Volkes (S. 687), dem nur aus der Verunreinigung und Bastardirung durch andere Völker Gefahr und Corruption drohe. Und das schlimmste, gerade wegen einiger guten Eigenschaften gefährlichste, am schärfsten zu bekämpfende, aus der germanischen Welt herauszudrängende oder unschädlich zu machende Volk ist das jüdische. Wer die deutsch-natiorlalen Antisemitenblätter fleißig li,ft, wird in diesem System und in dieser Tendenz kaum etwas Neues finden. DaA ist Fllisch von unserem Fleisch, Bein von unserem Bein könnten vielleicht die. Schönerer, Wolf und Consorten ausrufen. Neu, und so weit es nicht von Andern, die den Begriff des Arierthnms wissenschaftlich zu begründen suchten, geborgt ist, ist eigentlich nur die systematische Anordnung, sind aufdringlich zur Schau getragene Belesenheit2) und die trotz einiger Geschmacklosigkeiten schöne, frische, den Leser fesselnde Darstellungsweise, sowie die mitunter verblüffenden, als feststehende Ergebnisse gründlicher Forschung vorgetragenen kühnen Hypothesen. (Fortsetzung folgt.) Die deutsche akademische Jagend. Von Fabius Schach in Karlsruhe i. B. II. Die kleinen Erscheinungen charakterisiren oft unser Leben mehr als die großen, aber wir schenken ihnen keine Beachtung. Wir schließen die Augen vor den Symptomen, bis die Krankhert im Stadium der Unheilbarkeit ist. Jüngst ereignete, sich in einem Lehrsaal der Berliner Universität eine kleine Episode, von der die Außenwelt wenig Notiz nahm und die doch den Geist unserer. Studentenschaft mit ') Dies gesteht freilich Chamberlain selbst auf Seite 495. Da hatte er, wie es scheint, das auf Seite 360 Gesagte vergessen. Seine auch sonst zahlreichen Widersprüche lasse ich hier unerwähnt, da sie ihm bereits von anderer Seite vorgehalten wurden. *) Er scheint aber nicht alle Bücher gelesen zu haben, die er citirt. So sagt er z. B. S. 952, daß bei Dante „der Name Christi consequenter Weise gar nicht einmal genannt wird." In der That ist Christus in der „Göttlichen Komödie" ungefähr zwei Dutzendmal erwähnt, im zwölften Gesänge des Paradieses sogar dreimal hintereinander.

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