Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 50 (13.12.1901)
- Date
- 1901-12-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021436--11365-3035899- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 50 Dr. Bloch’s Jahrgang XVIII Centralorgan für die gesammien Interessen des Iudenthums. --G- Mir«, 13. December 1901. Erscheint jeden Freitag. - >»» + •**“- Brief-Adresse: Wien, IX/1» Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift» Wien. « - R V. k. Postlxarc.ilfen-Vnrr Clearing-Verkehr Nr. 610.976. NrdscNon und Administration: Wien IX/1, Berggaffe Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. * - — -» SernASprri» für Lest erreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller, Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig- 20 » Anzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. w —= Inhalt. Leitartikel: Houston Stewart Chamberlain. — Die deutsche akademische Jugend. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Die Judenüberfluthung Wiens. Graf Dzieduszycki und die galizische Judennoth. Jacob L. Teilet der einzige jüdische Untersuchungsrichter in Rußland. Der Concurs des Dresdner Spar- und Vorschußvereines. Das Blutmärchen in China. Jüdische Gesandte. Zur Rabbinerwahl in Brünn. — Nehemias und seine social-politischen Bestrebungen. — Correspondenzen: Wien, Floridsdorf, Matzen, Ung.-Brod, Bisenz, O.-Becse Graz, Agram, Berlin, Breslau, Könitz. Warasdin. — Vermischtes: Israelitische Cultusgemeinde Wien. Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien, Bezedek, Strakonitz. — Feuilleton: Mein Engel. Hohe Feiertage — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Houston Stewart Ghambertai«.*) Es gibt Bücher, welche durch große neue Wahrheiten, die fie verkünden, durch auf gründliche, ehrliche, mit scharfsinniger Kritik verbundene Forschung beruhende Bereicherung des allgemeinen Wissens oder durch glänzenden, den Leser bezaubernden Styl Bewunderung und Verehrung verdienen, bei den Urtheilsfähigen erlangen. Andere Bücher wieder wirken auf die große Menge durch Verblüffung, durch Zurschaustellung eines auf umfangreiche, die verschiedenartigsten Materien betreffende Lectüre beruhenden oberflächlichen Wissens, durch kecke Paradoxa, durch die an Akrobaten und Seiltänzer erinnernde Kühnheit, mit der sie über die flagrantesten Widersprüche hinwegspringen oder auf dem fadenscheinigen Seil ihrer eigenen oder erborgter Theorien herumspazieren. Dienen solche Bücher noch dazu den Interessen oder Leidenschaften einer Partei oder Nationalität, schmeicheln sie ihr, beschimpfen und verleumden sie deren Gegner und Rivalen, dann ist ihr Erfolg um so gesicherter und ausgedehnter. Der kritische Leser fragt sich: beruht solche Schriftstellerei auf ehrlicher Selbsttäuschung und Naivetät oder liegt ihr böse Absicht, eitles Haschen nach Erfolg zu Grunde? Und der Verleger kündet mit Selbstzufriedenheit eine dritte Auflage an. Zu den Büchern der letzteren Art gehört ein Werk, von dem die erste Auflagedes ersten Bandes, über tausend Seiten stark, im Jahre 1899 in München erschienen ist. Sein kühner Titel lautet: „Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts", als Verfasser ist der sonst nur als Richard Wagner-Anbeter bekannte Houston Stewart Chamberlain genannt. Die Grundlagen eines ganzen Jahrhunderts mit allen seinen physischen und moralischen Erscheinungen, mit seinen Kämpfen, Entdeckungen und Entwicklungen in fünf Welttheilen zu erforschen und klarzulegen, ist ein Riesenunternehmen, für einen Menschen fast so schwierig, wie „den Grund des ganzen Weltalls zu beschreiben". „Das ist kein Kinderspiel, das ist eine sehr ernste Aufgabe, zu der man die Hilfe der Musen erbitten muß", hat schon Dante gesagt. Aber der Sänger der> „Göttlichen Komödie" hatte nicht das naive Selbstvertrauen Chamberlain's. „Er rühmt sich in der Vorrede seines Dilettantismus, aber er weiß selbst nicht, in welchem Maße er Dilettant ist", hat der scharfsinnige Kritiker seines Werkes in der Zeitschrift „Die Gesellschaft" gesagt. Und dies mag ihm zum Theil als Entschuldigung dienen. *) Wiewohl wir über das tendenziöse Buch bereits eine Besprechung publicirt haben, stehen wir nicht an, vorstehenden Beitrag eines geschätzten Mitarbeiters neuerdings unseren Lesern zu bieten. Der Name Chamberlain hat jetzt im continentalen Europa keinen guten Klang. Besonders bei den Pangermanen, den sogenannten Alldeutschen und unfern Christlich-Socialen ist der englische Colouialminister Joseph Chamberlain verhaßt. Ich muß gestehen, daß mir dieser Haß unbegreiflich ist. Ist doch dieser Mann die vollkommenste Verkörperung der Weltherrschaftsideen der Arier, ein kühner skrupelloser Vorkämpfer des germanischen Herrenvolkes. Eben weil eine solche Herrschaft sich nicht theilen läßt, führt er den Bernichtungskampf gegen die ebenfalls germanischen Holländer in Afrika — mit Blut und Eisen und nach dem Grundsatz: Macht geht vor Recht. Man wirft ihm freilich vor, daß er seine Stellung benütze, um seinen Verwandten einträgliche Lieferungen für die englische Armee und Flotte zuzuschanzen. Ob diese Anklagen berechtigt find, weiß ich nicht; aber unsere Christlich-Socialen sollten sich doch darüber nicht aufhalten, wenn Jemand seine amtliche Stellung benützt, um sich, seinen Verwandten und guten Freunden pecuniäre Vortheile zu verschaffen. Ob der in Wien lebende Verfasser der „Grundlagen" mit dem englischen Minister verwandt ist, weiß ich nicht, und wenn er versichern wird, daß er an diesen einträglichen Geschäften nicht betheiligt ist, werde ich es ihm gern glauben. Was aber sein Werk betrifft, so ist es zum großen Theil nur die Theorie zur Praxis seines jetzt die englische Politik leitenden Namensvetters. Wenn er aber sagt, daß „der abnorm entwickelte Wille", (S. 244 und 386) das Streben, „allen Völkern der Welt den Fuß auf den Nacken zu setzen" (S. 448), zu den vorherrschenden Charakterzügen der Juden gehören, wenn „alle Kriege unseres Jahrhunderts in so eigenthümlichem Connex mit jüdischen Finanzoperationen stehen" (S. 335) und man dabei an die Gold- und Diamantenminen Südafrikas, an den nach dem Mißlingen von Jameson's Einfall von Chamberlain mit den Mitteln des englischen Staates unternommenen Eroberungskrieg denkt, so muß man zu dem Schluß gelangen, daß die Familie Chamberlain jüdischer Abstammung ist. Und der Verfasser der Grundlagen ist der Sohn des englischen Admirals Chamberlain. — Aber dieser hält sich ja für einen echten reinen Germanen! Dann find es auch seine Namensvettern in England und das Streben nach Besitz und Macht sowie die von ihm den Juden zugeschriebene Lehre „Sünde ist jede Handlung, durch welche man im Unrechten sich befindet Jemanden gegenüber, der die Macht besitzt*) das Vergehen zu bestrafen", ist echt germanisch-arisch. *) Diese drei Worte sind bei Chamberlain gesperrt gedruckt.