Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 49 (6.12.1901)
- Date
- 1901-12-06
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr 49 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 815 war jedoch nicht immer und überall ver Fall. Manche nahmen sich das Egyptische, aber nicht das Jüdische an Joseph zum Muster, und dachten nur an das allgemein Menschliche, aber nicht an das Israelitische. Sie glichen den Griechenlingen der Makkabäerzeit. Da mußte Juda Makkabi erscheinen, eine neue Richtung, die den Gegensatz vertritt. Das Hasmonäergeschlecht vertheidigte unerschrocken die Güter Israels und Juda Makkabi siegte. Zur Erinnerung an diesen Sieg steckten wir die Lichtlein an; zur Erinnerung solcher Siege muß Licht verbreitet werden! All die Jugendvereine, die der Culturzionismus ins Leben gerufen, und _ die jüdischen Lolksvereine sind dem Chanukageist geweiht. O, daß die Lichtgestalten Joseph's und Juda Makkabi's vereint leuchten sollen im Heiligthum Israels! Aus dem galizischen Kebe«. Ein Bild von Leo Herzberg-Krankel. (Schluß.) Ec hatte noch die wunderbare Energie, die Verhandlung ruhig, als ob nichts vorgefallen wäre, zu Ende zu führen, zur Aufregung des Publicums vornehm zu lächeln und seine Papiere wie gewöhnlich zu ordnen. Erst als er aus dem Verhanotungssaal in seine Kanzlei gelangte, brach er hier kraftlos zusammen. Wie ein vom Sturm aufgewühltes Meer wogten und wirvetten die Gedanken in seinem glühenden Kopfe. Ec konnte Jemen Entschluß fassen. Immer aber kehlte der adgewehrte Gedanke an Selbstmord wieder. Es schien ihm die einzige Erlösung, der einzige Ausgang aus einem schwierigen, kampfreichen Dasein. Al'xander suchte diesen Gedanken zu verscheuchen, er dachte an das Schicksal seiner hilflosen Fcau und seines Kindes, aber er kam wieder und nistete sich in seinem Gehirn fest. Sich gewaltsam aufraffend, wankte er wie ein Trunkener zur Thüre, schob den Riegel vor und zog aus der Lade seiner Tisches eine kleine Pistole. „Das Leben ist des Lebens nicht werth", sagte er die Waffe prüfend, lieber ein Ende mit Schrecken, als Schrecken und Kampf ohne Ende. Wozu dies schwere Ringen und Winden unter der zermalmenden Wucht eines erbarmungslosen Geschickes, wenn das friedliche Asyl des Grabes offen steht? Weid und Kmd? Ja, Weib und Kind! Das mache das Scheiden bitter, das erschwert die Flucht aus dem jättlmerlicheu Dasein! — Ist es Egoismus, wenn ich gehe? Ist es Feigheit, wenn ich bleibe? Soll ich Weib und Kind büßen lassen für die Teufelei eines niederträchtigen Weibes? Soll ich unter Hohn und Schande an den Strängen eines fluchbeladenen Lebens ziehen?" Es dürfte noch kein Mensch bei normaler geistiger Fanction leichten Ganges aus dem Leben geschieden haben. Der letzte Moment vor dem Sprung ins Wasser oder dem Druck auf den Hahn der Pistole muß tausend Gedanken widerstreitender Art gebären, die den Kampf vermehren — de or not to de, that is the question und zwar eine sehr schwer wiegende Frage und diejenigen, die in den Tod gegangen, erzählen nicht mehr, was es sie gekostet, mit der süßen Gewohnheit des Daselils zu brechen! Ein rasches Klopfen an der Thüre, daun ein lebhaftes Rütteln unterbrachen den Todescandivaten in seinen Reflexionen. Wäre er zur Thal bereits entschlossen gewesen, so hätte er, ohne zu öffnen, die Waffe auf sich rasch abfeuern und seinem Leven ein Ende machen können. Aber noch hing er zu sehr an dem diesseitigen Jammerthal, um es vorschnell zu verlassen und so öffnete er die Thür, durch welche der Gerichtsvorsteyer eintrat. „Ich habe Sie erwartet und Sie kamen nicht", sagte er, „man theilte mir mit, daß Sie sich in Ihrem Zimmer eingeschloffen haben, was mich stutzig machte. Ich finde Sie in der That verstört. War der eben gegen Sie geführte Streich die Ausgeburt eines Wahnsinnigen oder hatte er eine Berechtigung? Und hier sehe ich eine Pistole? Ich fürchte, dag die Keule, die gegen Sie geschwungen wurde, nicht ein Verrückter führte." „Nein. Das Werkzeug war so willenlos, wie ein Knüttel, aber von verruchter Hand geführt, und der Schlag so wuchtig, daß ich die Besinnung verloren. Es war ein teuflisch ersonnener Racheact. Hören Sie mich, Herr Gerichtsvorsteher." Alexander holte einige Sekunden tief Athem, strich mit der Hand über den Kopf, wie um seine aufgeregten Gedanken zu beschwichtigen, und fuhr dann fort: „Ich war in früher Jugend Heimat- und hilflos, ohne Vater, ohne Vermögen und Wiffen. Da wurde ich von feindseligen Verhältnissen gezwungen, mich an eine Frau zu ketten, deren Wohlstand mich retten sollte. Ich war unerfahren, ohne Menschenkenntniß und hatte keine Ahnung, welcher Boshett und Niedertracht dies Weib fähig sei. Ich erlebte Höllenqualen und mußte endlich das Baud zerreißen, obschon ich Vater eines Kindes wurde. Ich ging in die Fremde, um unter harten Entbehrungen zu studieren. Ich habe Frau und Kind nie wieder gesehen, nie von ihnen gehört. Ich machte meinen Weg bis hieher. Als Sie mir die Sache der angeblich falschen Rubel üvertrugen, wußte ich nicht, wer die Beschuldigten seien, und als ich dies dann erfuhr, war ich so bestürzt, daß ich nicht die Eventualität überdachte. Ihnen meine früheren Beziehungen zur Fcau Pereles, meine so nahe Verwandtschaft mit ihrem Sohne zu gestehen. Es war auch Scham, die mich zurückhielt. Sie weroen es begrerfen, da Sie die Personen kennen. Früher und später bar ich Ste, mir diese für mich fatale Angelegenheit abzunehmen. Sle wiesen mich ab. Nach dem Befunde der Expertencommlssion erfolgte die Enthaftung der Beschuldigten. Meine ehemalige Gattin, die mich tödlich haßt, sann im Momente, wo sie frei wurde und von mir nichts mehr zu besorgen hatte, auf einen bösen Streich; ihre infernalische Bosheit gab ihr das ein, was sie heule ausführte, mich dem Spotte und der Verdächtigung auszusetzen und so meine Existenz zu vernichten, die ich so schwer aufgevaut. In meiner Verzweiflung sah ich nur den einen Ausweg, den Weg der Vernichtung." Der Gerichtsvorsteher hörte theilnahmsvoll zu; er gehörte noch der älteren Schule an, an der der Antisemitismus kein Glaubenssatz ist, überdies schätzte er in Alexander einen fleißigen, willigen Arbeiter von gediegenem juridischen Wiffen und conciliantem Charakter. In freundlicher, leutseliger Weise sagte er, den erschöpften Adjuncten in einen Seffel niederdruckend: „Sie thälen sich und Ihrer unschuldigen Familie Unrecht, wenn Sie eine That vollbrächten, die Sie allerdings von jedem Kummer befreien, Jene aber dem Elende preisgeben würde. Betrachten Sie die Sache ruhig. Daß Sie Jude fiab, weiß hier Jedermann und Sie. haben dies auch niemals verheimlichen wollen. Es ist m unserer Zeit des aufgewühlten Religions- und Racenhusses kein Vortheil, aber nur m den Augen von Narren und ungebildeten Menschen eilte Schande. Als solcher haben Sie sich in Ihrer Jugend von einer mißliebigen Frau geschieden, um einen Bcloungsweg zu gehen. Daß Ihr Sohn von der Natur schlecht bedacht, von der Mutter schlecht erzogen wurde, ist ebensowenig ihre Schuld, als der Proceß, der ihnen angehängt wurde und übrigens mit einem Freispruch endigte. Auch liegt es klar zu Tage, daß Ihre ehemalige Fcau einen Schlag gegen Sie sühren. Sie lächerlich machen wollte. Man schickt sonst mcht eine Bestechung in eme öffentliche Verhandlung und sucht nicht aus purer Erkenntlichkeit den Vater durch den Sohn zu compromittiren. Sie können der Frau Pereles eine Verleumdungsklage aufhalsen. Bei alldem ist es aber auch richtig, daß Ihr Ansehen hier in Folge dieses Vorfalles gelitten haben dürfte und Ihr Verbleib in diesem Gerichte Ihnen manche Kränkung bring-n könnte. Dies ist aber entschieden kem Grund, aus dem Leben und selbst nicht aus dem Staatsdienste zu treten. Berlaffen Sie sich darauf, daß ich dem Präsidium einen ihrer Person und Ihren Fähigkeiten günstigen Bericht erstatten werde, und wenn Sie persönlich beim Präsidenten vorstellig .werden, so ist es ganz zweifellos, daß er Sie nach WestgaUzien transferiren oder beim Justizministerium Ihre Versetzung in eine andere Provinz beantragen werde. So werden Sie dem Leben und Ihrer Familie erhalten bleiben." Alexander ergriff gerührt die Hand seines Vorgesetzten und sagte mit Thränen der Rührung im Auge: „Dank, herzinnigen Dank für Ihr Wohlwollen; ich war und werde me unwürdig desselben fern. Mögen Sie den Lohn m dem Bewußisem finden, daß Sie die Zerstörung einer Familie verhütet und schuldlose Menschen vor dem Untergang« gerettet haben!" Alexander nahm einen Urlaub und fuhr nach Lemberg, wo er beim Overlandesgerichts-Pcäsidenten eine Audienz nahm und eine freundliche Aufnahme fand. „Ich bin von der Sache unterrichtet", sagte die Excellenz, „Sie triffc kein Vorwurf, noch weniger eine Schuld, aber ich kann Sie zu meinem aufrichtigen Bedauern in meinem Sprengel nicht ohile Nachtheil für Sie selbst verwenden. Die polnischen Blätter haben sich dieser Affaire in feindseliger Weise bemächtigt. Sce hätten, so unschuldig und so fähig Sie auch find, hier im Lande keine ruhige Existenz; ich will aber Ihretwegen an den Justizminister wegen einer anderweitigen Verwendung schreiben."