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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-12-06 · 49 (6.12.1901) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
49 (6.12.1901)
Date
1901-12-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 49 Dr. Wochenschrift. Seite 867 Urheimat ein Feld der Arbeit und Bethätigung finden wird, eine Stätte der Selbstbestimmung seiner Geschicke. Jetzt oder niemals kann das Land wieder sein eigen werden. Wenn der jetzige Moment ungenützt verstreicht, dann sei die Gelegenheit, zu gleicher Zeit das alte Land und das alte Volk zu regeneriren, für immer verscherzt. Der Redner fährt fort: Ich habe Ihnen den gegenwärtigen Stand des Landes skizzirt, es sei mir auch gestattet, kurz den Stand des Volkes zu skizziren. Vergessen Sie. meine Herren, für eine Weile der reichen Juden mit den großen Capitalien, die viele von Ihnen allein kennen, und denken Sie an die jüdischen Mafien. Die jüdische Gesammtbevölkerung der Erde beträgt 11*/* Millionen. Bon diesen leben' 6 Millionen, also mehr als die Hälfte, in Rußland. Das Gravitationscentrum der Judensrage ist also Rußland. In Oesterreich-Ungarn leben 1.800.000 Juden, in den Bereinigten Staaten mehr als eine Million, in der europäischen und asiatischen Türkei ungefähr eine halbe Million, in Rumänien eine Viertelmillion Juden. Die jüdische Bevölkerung Deutschlands, Frankreichs und Englands ist verhältnißmäßig unbedeutend. Ich bitte Sie also, die größte Aufmerksamkeit Rußland als dem größten und Rumänien als dem unglücklichsten jüdischen Centrum zuzuwenden. Der Redner schilderte nun an der Hand einer Abhandlung in der französischen Zeitschrift „La revue blanche“ die Lage des jüdischen Proletariats in Rußland und Rumänien. Auch auf die judenfeindliche Gesetzgebung in Rumänien kam der Redner ausführlich zu sprechen. Schon im Jahre 1879 erließ ein Comite von rumänischen Juden einen Aufruf, in dem es heißt: „Unsere Geduld ist erschöpft. Wir wollen das Land verlassen und uns nach Palästina wenden." Sodann ging Mr. Z a n g w i l l auf die Besprechung der Rothschild'schen Colonien in Palästina und der Baron Hirsch'schen Colonie in Argentinien über und kritisirte an der Hand von meisterhaft gruppirtem Thatsachenmaterial die bisherigen Colonisationsmethoden, indem er nachwies, daß nur eine Befreiung der Colonisten von jeder Bevormundung die gesunde Entwicklung der jüdischen Colonisten verbürgen könne. Er setzte sodann auseinander, daß es den Zionisten keineswegs darum zu tbun sei, aus dem jüdischen Volke ein ausschließlich ackerbautreibendes Volk zu machen. Wiewohl jedes gesunde Wirthschaftsleben einen gewißen Percentsatz von Ackerbauern und Landleut-n zur Voraussetzung hat, und obgleich die Juden sich an den verschiedenen Punkten der Erde als gute Landwirthe erwiesen haben, werde die Zukunft des jüdischen Volkes doch nicht eine ausschließlich ländliche sein. Vielmehr erstrebt der Zionismus, wie Mr. Zangwill ihn auffaßt, eine Regeneration des jüdischen Volkes in allen seinen Massen durch die Regeneration des Landes, die durch dessen industrielle und verkehrstechnische Hebung herbeigeführt werden soll. Zangwill's Rede klang in einen mächtigen Appell an die christliche Welt aus. „Die Sage erzählt, " so lautet der Schluß der Rede, „Ahasver wandere, weil er dem Heiland, der, unter der Last des Kreuzes gebeugt, an ihn herantrat, nicht erlauben wollte, bei seiner Hausthür auszuruhen. Heute wendet sich der ewige Jude, unter der Bürde seines Kreuzes keuchend, bittend an die Nachfolger Christi. Was er verlangt, ist so gering. Er bittet um ein Stückchen Boden, um einen Landstrich, nicht größer als Wales. „Gebt zurück", bittet er, „gebt das Land ohne Volk dem Volke ohne Land zurück". Denn wir Juden haben ebensowohl etwas zu geben, wie zu empfangen. Wir können die Wildniß in einen Rosengarten umwandeln und im Herzen der Welt eine neue Civilisation schaffen, die eine Mittlerin sein würde zwischen Ost und West. Denn wir haben alle Länder durchwandert und sind reich an jeder Art von menschlicher Erfahrung. „Helft uns," ruft Ahasver den Völkern zu, „ein Beginnen vollführen, das wie ein Stern über dem Sumpf unserer materialistischen Welt aufgeht; helft mit an unserem nationalen Erlösungswerke, auf daß einst wieder das Gesetz von Zion ausgehe und das Wort Gottes von Jerusalem." Mächtige Stürme von Applaus brausten durch den Saal, als Mr. Zangwill geendet hatte. Als der Sturm nach vielen Minuten sich endlich gelegt hatte, ertheilte der Vorsitzende dem bekannten englischen Schriftsteller Hall Caine das Wort. Derselbe führte aus. Mr. Zangwill's Rede wird einen guten Erfolg haben: sie wird den Jrrthum verscheuchen, als sei ein Schriftsteller unfähig, sich mit Geschäften abzugeben, und uns die Tbatsache vor Augen stellen, daß die Eigenschaft, welche die große Literatur macht, auch die großen Geschäfte macht, nämlich die Phantasie. Die Fähigkeit, zu schaffen und zu combiniren, ist die Grundlage großer Bücher und auch die großer Geschäfte. Mr. Zangwill's Worte von heute Abend werden der Welt beweisen, daß ein Mann, der große Romane schreibt, dies nicht blos deshalb thut, weil er zu nichts Anderem taugt. Wenn die kommerzielle Zukunft Palästinas einer großen Entwicklung fähig ist, freue ich mich, daß das jüdische Volk zu dieser Entwicklung beitragen wird. Ich bin gewiß kein gläubiger Anhänger der sogenannten Racentheorie, und ich weiß aus Reisen und Beobachtung, daß das, was wir so oft als Racenvortheil berechnen, wenig mehr find als die Bortheile, die sich aus den Verhältnissen. dem Klima, der Ernährungsweise, der Verfaffung ergeben. Ich bin Utopist genug, um an eine Zeit zu glauben, in der man nicht danach fragen wird, ob einer Jude oder Heide ist. sondern ob er Mensch ist. Nichtsdestoweniger werde ich es für ein großes Unglück halten, wenn die Colonisation Palästinas unter den uns vorgelegten Bedingungen von irgend einem anderen Volke als den Juden durchgeführt würde. Ich sage dies theils aus Gesühlsgründen. theils auS eommercieller Berechnung. Mein Gefüblsgrund beruht daraus, was ich bei den Juden in verschiedenen Theilen Europas beobachtet habe. Als das rusfisch-jüdiscke ComitS zur Zeit der schlimmsten Verfolgung der Juden in Rußland mich ersuchte, hinzukommen, um die Sache von einem christlichen Gefichtspuntte zu prüfen, war das ein Ding, das den klarsten Eindruck auf mich machte, und defien ich mich lebhaft entsinne, die glühende Hoffnung der armen Juden auf den Tag, an dem sie in das gelobte Land zurückkehren werden. Stets stand der Traum des Landes vor ihren Augen, wie arm und bedrückt sie auch sein mochten. Mag auch zuweilen ein kleines Wohlergehen sie veranlaffen. diese Hoffnung aufzugeben, und eine kleine Bildung sie verleiten, sie zu belächeln, so bringt ihn die Verfolgung doch bald schärfer und tiefer zu ihr zurück. In den Städten Galiziens, Polens und deS ruffischen Anfiedlungsbereiches mag dieses nationale Gefühl eines heimatlosen Volkes nur ein wechselvoller und wohl auch grausamer Traum sein; aber es ist ein Traum, der ihm die Seele lebendig erhält und der, wenn es in sein eigenes Land kommen wird, ihm mehr alles Andere helfen wird, Mühe und Qual zu ertragen. Ich habe all das, was Mr. Zangwill beschrieben hat. gesehen, vielleicht sogar mehr, und ich kann mir keine Armuth vorstellen, welche den Juden im Heiligen Lande befallen könnte, die sich auch nur veraleichen ließe mit der. unter der er leidet, während er träumt. Mag Erfolg oder Mißerfolg die zionistische Bewegung erwarten, so denke ich jedenfalls, daß wir die Möglichkeit des Juden als eines Ackerbauers nicht nach den bereits in Palästina bestehenden Colonien beurtheilen dürfen. Wir müffen die mangelhafte Vorbereitung des Juden für Ackerbauarbeiten bedenken, die durch so viele Jahre anderer Beschäftigungen bewirkt wurde. Dann müffen wir in Betracht ziehen, daß es für die Juden in Palästina andere Möglichkeiten gibt als blos agriculturelle: daß es industrielle Arbeiten gibt, für die sich das Land in hervorragender Weise eignet. Die geographische Lage Pcklä- 'tinas. zwischen Orient und Occident, scheint es vor allem anderen zum Abrechnungshause der Welt zu machen. Ich kann mir das jüdische Volk wohl in einem eigenen Lande als eine Gemeinschait vorstellen, die von den Mächten beschützt wird. Die Zukunft Palästinas ist für die Juden. Mögen sie nur ihr nationales Gefühl pflegen und entwickeln. Mr. Zangwill muß, wie wohl alle Zionisten es sind, darauf gefaßt sein, daß sein Plan utopisch genannt werde, aber Utopien ist kein unmöglicher Ort, und die Weltkarte, die Utopien nicht ausgenommen hat, ist nicht Werth, angesehen zu werden. Aus der Rede Mr. George Bernard Shaws. Die Sympathie, die ich für das jüdische Volk hege, ist eine tiefe; es ist eine Art von Bezauberung. Und meine Raee — die irische — hat viel Berührungspunkte mit den Juden. In welchem Berhältniffe werden wirklich geeignete Juden nach Palästina gehen? Die Unterdrücktesten find nicht das beste Material für eine Staatengründung. Sie müffen die besten Juden nehmen; Palästina bedarf einer großen Menge von Gehirn. Ackerbau ist jetzt eine Beschäftigung für ein stumpfsinnige- und vorurtheilvolles Volk. Aber in der Zukunft wird er zu einer hochorganisirten Industrie werden. Dann werden die Juden den Ackerbau zu einem intellectuellen Niveau erhoben finden, auf dem sie an ihm theilnehmen können. Auch gegen die Verfolgungen in den Balkanstaaten gibt es nur eine Hilfe: einen Judenstaat, der geachtet und gefürchtet wird. Die Mächte könnten eine Art platonischen Schutzcomitös

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