Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 49 (6.12.1901)
- Date
- 1901-12-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 49 Dr. Bloch's Wochenschrift Sette 808 Diu; »ü<iniq von diesen Wohlthaten genoß, so daß Baron Hirsch seine Capitalien zurückzog. Für das erste Eingreifen wäre Ostgalizien, jenseits Lemberg, zu empfehlen, wo die Arbeitskräfte und die Rohmaterialien am billigsten, die Noth am größten ist. Viele sumpfige Strecken liefern reichlich die geschmeidige Weideruthe für die Korbflechterei; die ausgedehnten Nadelwälder das erforderliche weiche Holz zur Erzeugung von Spielsachen und Wirthschaftsgeräthen. Hier wird viel Flachs und Hanf gebaut, die gesponnen und gewoben werden; hier gibt es auch große Schweinezüchtereien, welche die Bürstenbindereien gut versorgen, könnten. Ob derartige Jndustrieunternehmungen zu Gunsten der Juden in Galizien die Unterstützung der dortigen politischen Behörden finden oder just Schwierigkeiten begegnen werden, ist i ine Frage, die nicht beantwortet werden kann, weil dies von der Person und der Gesinnung des jeweiligen Statthalters abhängt, der in diesem Lande fast Vice-König ist und stets mit dem Polenclub marschirt, der einige jüdische Günstlinge aber keine Guttst für Juden hat. Zu den ersten Schritten müßte jener gehören, die Bewilligung zur Sonntagsarbeit zu erlangen. Dies ist von Wichtigkeit, denn die Juden in Galizien, gemeiniglich religiös, stellen Freitag Nachmittag den gewerblichen Betrieb ein, sperren die Läden und Werkstätten; dadurch sind sie, wenn sie auch den Sonntag feiern müssen, gegenüber christlichen Gewerbsleuten um gut zwanzig Percent an Zeit und Production im Nachtheil. In England, wo die Sonntagsruhe sehr rigoros eingehalten wird, dürfen Fabriken an Sonntagen ungestört arbeiten, wenn nachgewiesen wird, daß sämmtliche darin beschäftigte Arbeiter Juden sind, die den Samstag feiern. Dies ist gerecht und billig. Teplitz. LeoHerzberg-Fränkel. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Im wunderschönen Monat Nebelung. —Der Kessel und der Ofentopf. — Ein Justizminister, der das Gesetz umgeht. — Nicht Wahrheit, aber Klarheit.— Die nothleidenden Kinder und der Bürgermei st er.) Der 28. Nebelung des Jahres 1901 also ist das historische Datum.' an welchem der Teutone K. H. Wolf sich seitwärts in die Büsche schlug. Wer nicht weiß, was „Nebelung" heißt, dem wollen wir es sagen; im ostdeutschen oder alldeutschen Jargon ist das die Bezeichnung für den Monat November. An diesem Tage hat, wie Schmul Leb Kohn's Ur-Schwiegersohn in dem von ihm herausgegebenen Blatte der Welt mittheilte, die historisch denkwürdige Sitzung der Alldeutschen beim Riedhof stattgefunden, welcher K. H. Wolf mittheilte, daß er seine Mandate niederlege. Ob an diesem 28. Nebelung vor Freude über diesen Sieg eine Benebelung des Rwalen Wolf's stattgefunden bat, darüber weiß die zeitgenössische Chronik nichts zu melden. Bergani und Consorten jubeln; sie bilden sich etwas darauf ein, daß es nicht dlos bei den christlich-socialen Antisemiten inwendig Geflickte gibt, daß auch einem Deutschnationalen ein Fleck auf der Ehr' haften bleibt. Dabei bietet sich uns das urkomische Schauspiel, daß die Christlich-Socialen diesen 28. „Nebelung" zu einem Tag der Trauer für die Juden stempeln wollen, als hätten sie an K. H. Wolf einen parlamentarischen Anwalt verloren.' Die Wahrheit ist, daß die beiden Spielarten des Antisemitismus einander stets an forcirten Leistungen in der Judenhetze zu überbieten suchten K. H. Wolf aber war den Christlich-Socialen überlegen, weil er außer dem agitatorisch wirkenden Antisemitismus auch noch mit dem nationalen Chauvinismus arbeitete und deshalb größeren Einfluß auf die urtheilslosen Massen zu gewinnen drohte. Auf die Ursachen, welche den Mann nöthigten, auf die Pose des Bolkstribunen zu verzichten, wollen wir nicht eingehen. Ob er wirklich, wie ein aufflatterndes Witzmort meinte, eine Anklage wegen „unlauteren Bettbewerbes" zu fürchten hatte oder nicht, ist nebensächlich. Gewiß ist, daß er mindestens ein ebenso großes Quantum an Sittlichkeit besitzt, wie die Herren Purscht und Gregorig, diese Leuchten der christlich-socialen Partei, und wenn uns in den „Unverfälschten deutschen Worten" gesagt wird, daß die Alldeutsche Vereinigung darauf bestand, daß auch Herr Tschan, der Schwiegervater des Duellgegners Wolf's, in diesem Verbände nicht bleiben durfte, und wenn ein Secundant Wolf's öffentlich erklärt, der ganze Vorfall beziehe sich auf eine Z-it, wo die betreffende Dame, um die es sich handelt, weder Braut noch Frau war, so überlaff m wir es ohnewriters den Parteigängern des B^rganismus, auf die moralische Co.npromittirung Wolf's stolz zu sein. Für uns steht die Sache sehr kinsach. Auch wenn K. H. Wolf in seinem Privatleben sich jederzeit noch so mustergiltig betragen haben sollte, so war und ist er jederzeii eine Figur, die als Politiker einen widerlichen Eindruck macht. Seitdem er öffentlich aufgetreten ist, hat dieser Mann r.ieuia's ein nützliches Wort gesprochen. Krakehl und Scandal. Hetzen und Schimpfen, Raufen und Jnsultiren, das füllte das Wirken dieses Menschen aus, dessen ganzer geistiger Foird in einer Anzahl chauvinistischer Phrasen besteht. Seine Reden erhoben sich uiemals über das Niveau eines Bierschwefels. Ja einer Körperschaft, in welcher es nicht auf Anmaßung und Vordringlichkeit, sondern auf gediegenes Wissen und gereifte Einsicht ankommt, wäre Herr K. H. Wolf immer das geblieben, was er eigentlich ist, nämlich eine complete Null. Die Christlich-Socialen bezeichnen als Grund, warum ihnen der K. H. Wolf so zuwider ist, daß er die antisemitische Bewegung „aufgehalten" habe. Das vermag aber der K. H. Wolf nicht, auch wenn er es wirklich wollte. Die antisemitische Bewegung kann nur aufgehalten werden durch das Wiedererwachen des corrumpirten Rechtsgefühls im Volke, durch die Wiederckehr der verscheuchten Menschlichkeit. Wir von unserem Standpunkte ^betrachten den Rücktritt des großmäuligen Ostdeutschen überhaupt als ein uns sehr gleichgiltiges Eceigniß, und man kann nicht einmal sagen, daß es vom Standpunkte des guten Geschmacks gar so nothwendig war, das Parlament von ihm zu befreien, infolange auf den Bänken der Christlich-Socialen Gestalten sich breit machen, deren Anwesenheit im Hause aus Gründen der politischen und bürgerlichen Reinlichkeit ausgeschlossen sein sollte. * * * Am 29. November ist die Mandatsniederlegung K. H. Wolf's bekannt geworden, und jubelnd erklärt das „Deutsche Volksblatt" diesen Tag als einen „schwarzen Freitag" der Juden. Es hätte uns nicht gewundert, die Fenster des Antisemitenhofes am Abend jenes Tages illuminirt zu sehen. Welche Freude, daß endlich auch einmal ein Anderer ohne jedes Mühldorf im Lichte eines schäbigen Charakters dasteht. . . Schwarzer Freitag also bei den Juden, erstens wegen des Sturzes des K. H. Wolf — mit diesem Unglücksfall werden wir uns abzuftuben wissen — zweitens wegen der im Abgeordnetenhause erfolgten Annahme des Antrages, betreffend das gänzliche Verbot des Terminhandels an den Productenbö-sen. Wir werden uns auch darüber wahrscheinlich nicht echaufsiren. Seit zwanzig Jahren ist das wirthschaftliche L.ben in OÖsterreich das Opfer einer reactionären Gesetzgebung. Wohin wir damit gekommen find, weiß nicht blos die jüdische Geschäftswelt und Industrie. Es ist allerdings dahin gekommen, daß Niemand mehr es wagt, seine Ueberzeugung auszusprechen, und so wird dr.nn auch in Oesterreich eine Maßregel ins Weck gesetzt werden, die man in Deutschland als nachtheilig zurückgenommen hat. Mag sein — unter den Folgen einer verfehlten WirthschaftspoliNk haben Alle, Juden und Cyristen, gleichmäßig zu leiden. Da gibts nichts, als abwarten, bis die Rückständigkeit sich selbst ad absurdum führt. Als das dritte Ereigniß an jenem „schwarzen Freitag" feiert das Antifemitenblatt den Beschluß der baierischen Abgeordnetenkammer, daß jüdische Richter nur in jener Anzahl ernannt werden dürfen, als diM Percentsatze der jüdischen Bevölkerung zur christlichen entspricht. Was uns daran betrübt, ist nicht der Umstand, daß die Juden in Baiern darauf verzichten sollen, Richter zu werden; die Juden haben schon ganz andere Verfolgungen und Bedrückungen über sich ergehen lassen und ausgehalten, als die Verschließung der richterlichen Carrisre. Es hat uns auch nicht überrascht, daß in der Debatte über diesen Antrag einzelne Abgeordnete in den pöbelhaftesten Ausdrücken über die Juden sprachen und dabei eine staunenswerthe Dummheit und Rohheit betätigten. Auch Baiern hat seine Strobachs und Gregorigs. Was uns aber wirklich empört, daß ist das Verhalten des Justizministers. Dieser rechtskundige und die Rechtspflege seines Landes verwaltende Mann schämte sich nicht, zu sagen, daß er den Antrag aus gesetzlichen Gründen nicht annehmen könne, daß er aber der Tendenz des Antrages, welcher der allgemeinen Volks st römung entspreche, so weit als nur möglich Rechnung tragen werde.