Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 49 (6.12.1901)
- Date
- 1901-12-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 802 Dr. Vloch's Wochenjchrifl. Nr. 49 geworfen und neue Götzen bestiegen ihre Throne. An Stelle des Nationalismus trat der Chauvinismus, an Stelle des Freiheitsdranges das hohle Streberthum und. an Stelle des idealen Sinnes der Schein, die Prunk- und Ziersucht. Die Gedanken kamen aus der Mode. Man begnügte sich mit billigen Phrasen und glaubte durch Lärmen und Trinken sein Germanenthum zu bekunden. Germanisch galt jetzt als das höchste Epitheton und man schuf einen neuen germanischen Cultus. Dieser neue Germanismus war aber im Grunde eine Rückkehr von der Vernunft zum Instinct, vom klaren Nationalismus zu tiner falsch verstandenen Romaunk. Zu dieser neuen so bequemen Weltanschauung paßten der national verbrämte Antisemitismus und die Treilfchke'sche Lehre von «Wirths- und Gastvölkern" ausgezeichnet. Oder richtiger: Diese neue, mit soviel trivialen Tiraden verkündete germanische Lebensauffassung war nur das Feigenblatt für den mstiuctiven Judenhaß. Die innere Abneigung war latent stets vorhanden, aber — während man sie früher als ein Rudiment fuifiteier Zeiten betrachtete, sich ihrer schämte und gegen sie anzukämpfen suchte, proelamirte man jetzt die Herrschaft des Ji.snuctes als das ^.esen des Deutschthums. Der früher sorgfältig vervorgene Antisemitismus wurde nun zu einem modernen Sport uud man kokettirte öffentlich mit seinen atavistischen Trieben. So sehen wir in den letzten 20 Jahren die deutschen Studenten im Reiche und in Oesterreich häufig als die treueste Schaar der Reaction, und sie gerathen immer mehr auf die Bahn der Verrohung und der Entartung. Die Burschenschaften, die einst die Stätten der Freiheit waren, sind heute stolz darauf, das Ideal der Judenrelnheit erlangt zu haben. Die Berbuidungen, die die Tapferkeit pflegen sollen, verweigern heute den jüdischen Commilttonen die Sarrsfication, das heißt, sie beleidigen sie, ohne ihnen Genugthuung zu geben. Und dieses von den deutschen Rittern Liebermann v. Sonnenberg und Schönerer verordneteRecept der F-igyeit nennen die Jünglinge germanisch! Die Reihen der libeialen Studenten wurden in der letzten Zeit immer mehr gelichtet und die liberale Weltanschauung hat heute in der deutschen Studentenschaft wenig Einfluß. (Ein Schlußartikel folgt.) Galijische» Ete«b. Wieder einmal hat die «Oesterreichische Wochenschrift" der galizischen Brüder gedacht und ihnen in der letzten Nummer an erster Stelle einen eingehenden Artikel gewidmet, der hoffentlich seme Wirkung mcht verfehlen wird.*) Ich hatte schon früher die. Absicht, dieses traurige Thema zum Gegenstände einer Besprechung zu machen, wurde aver durch ein schweres Familienunglück daran gehindert. 'Es war mir unbegreiflich, daß dem steigenden Elend m Galizien weniger Theilnayme und Hilfe zugewendet werde», als seinerzeit den von dem edlen Grasen Jgnaneff aus Rußland vertriebenen Juden. Wie ein erschütterndes Erdoeben gmg es damals durch den ganzen Westen Europas und sämmtlrche jüdische Wohlthätigkettsvereine wurden mobittsirt. Die Alliance Jsraelite Universelle und Baron Hirsch in Paris; die Israelitische Allianz und ein von Baron Leitenberger geleitetes Comittz in Wien; das Mansion-House-Connte in London; die Hebrew-EmigrantS-Aid-Society in Newyork; die Hilfsvereme in Berlin, Leipzig, Hamburg und Amsterdam fchoffen sehr bedeutende Beträge zusammen, um die armen Emigranten in eine erträglichere Lebensstellung und in gastlichere Lander zu bringen. Und das Rettungswerk gelang. Ein Therl der Emigranten fand in Amerika und Argenttnien eine freundliche Ausnahme und Erwerb, ein anderer Theil konnte repatriirt werden, da mittlerwette die rufflschen Machthaber vor der allgemeinen Entrüstung der gebildeten Welt gewichen und die Brutalität der Kazapen gezügelt wurde. Nach kurzer Rast wurde die Judenverfolgung von der polnischen Schlacht« zu einem dauernden Gastspiel nach Galizien eingeladen; jedoch an der Landesgrenze ein wenig europäisirt; der struppige Bart wurde gestutzt, der Talggeruch entfernt; die , Keule durch einen Spazierstock ersetzt, die schwieligen Hänoe in Glacehandschuhe gesteckt und ein leises, vorsichtiges, salonmäßiges Auftreten empfohlen, so sachte, daß Herr v. Jaworsky in der Delegation, ohne überwiesen werden zu können, behaupten durfte, daß es in Galizien keine» Antisemitismus gebe. Aller¬ *) Der «Hilfsverein der deutschen Juden" hat in letzter Sitzung ei« Specialcomitd eingesetzt zum Studium dieser Frage. dings war er damals nvch^nicht sichtbar, aber bereits fühlbar — eine infectiöse Krankheit im ersten Stadium, aber bereits bösartig bei steigender Temperatur. Die kleinen Verfolgungen, wie sie im uncivilisirten Rußland inscenirt waren und so viel Lärm machten, das Plündern der Laven, das Ausstößen der Wein- und Schnapsfässer, das Anzünden der Häuser, das Entehren von Frauen und das Erschlagen einzelner wehrloser Juden wurde als unpraktisch verworfen — zu viel Geräusch und ungenügender Erfolg! In Galizien wurde nach Regeln der Kriegskunst vorgegangen. Der Feind sollte ausgehungert werden. Und so geschaht. Zuerst ging man systematisch daran, die Quelle abzuleiteu, aus der der Jude seine Nahrung schöpfte; man errichtete Concurrenzgeschäfte, zumeist aus Geldern der Banken, Sparcassen und Creditvereine. Der einzige Gewinn, auf den diese Unternehmungen speculiren, ist die Verdrängung ver jüdischen Kaufleute, die diesen vereinten Kräften nicht Stand halten können. Die Polen trompeten nicht, wie die Alldeutschen in den Straßen: «Kaufet nicht bei den Juden!" aber sie kaufen tatsächlich nicht, außer etwa sie haben kein Geld und müssen borgen. Wie im Handel, so im Gewerbe. Die Vornehmen -lassen ihre Einrichtungs- und Kleidungsstücke von Auswärts kommen, die mittlere Schichte bestellt sie bei christlichen Handwerkern, die kleinen Leute beglücken wohl die Jude», bestellen, handeln, beschimpfen und bezahlen — nicht. Dann ging man weiter. Der galizische Landesausschuß riß den Salzhandel an sich. Die österreichische Regierung, welche den Sirenengesängen der Polen nicht widerstehen kann, gab ihn. So wurde auch dieser den Juden entrungen und verkrachten Existenzen in der Tschamara übertragen. Dw kleinen Krämer in den Marktorten, die Arendatore in den Dörfern, bei denen die Bauern ihren Salzbedm s zu holen und bei dieser Gelegenheit Petroleum, Talglichter, Zündhölzel, Wagenschmiere, Stricke u. dgl. zu kaufen pflegten, haben ihre Kundschaft verloren, die nicht baar zahlte, aber schließlich die Schuld mit Geflügel, Eiern, mit einem Sack Getreide, einem Kalb oder Füllen beglich. Nun kam die Reihe an die Propination. Die Gutsherren ließen sich dies Regal reichlich ablösen und pachteten es, während früher die Pächter fast ausschließlich Juden waren. Dabei kamen viele Tausend Juden um ihren Erwerb, denn wenn sie auch hie und da von den Pächtern das Gefälle pachteten, so konnten sie nicht mehr ihr Auslangen finden und in den Gast- und Wirthshäusern sitzt jetzt ein Proletariat, das zu Gunsten der Edelleute hungert. Die öffentlichen, zum großen Theile aus jüdischen Steuergeldern besoldeten Posten sind den Juden absolut unzugänglich, in erster Linie den Söhnen, in zweiter Linie den Proteges des Adels Vorbehalten. Wovon sollen die Juden in diesem industriearmen Lande leben? Schon früher war die Noth keine geringe; die Menschenkraft hat dort eben keinen Werth; für zwei oder drei Nickelmünzen miethen sie einen Mann, der vierzehn Stunden lang im Sonnenbrand oder in Winterkälte unausgefitzt arbeitet, härter als die ehemaligen Sclaven in den Plantagen oder die Sträflinge in den Zuchthäusern, und diese Arbeit ist' selten, dies billige Menschenmaterial liegt brach. Früher gab es einen Mittelstand, der die Noth der Armen ein wenig lindern konnte; jetzt ist dieser selbst hilfsbedürftig. Der Antisemitismus hat sie Alle gleich gemacht. Nur von Auswärts kann Hilfe kommen, wenn die glücklicher situirten Juden des Westens sich ihrer unglücklichen Brüder im Osten that- und geldkräftig annehmen. Nicht um Almosen handelt es sich, welche die Geber ermüden und die Nehmer demoralisiren, sondern um Arbett, welche die Kraft stählt und den Muth hebt. F a b r i k s- und Hausarbeit. Großindustrie und Kleingewerbe: Web- und Wirkwaaren, Spielwaaren, Bürstenbinderei, Korbflechterei, Spinnerei, hölzerne Hausgeräthe. Diese Industrien könnten gar viele Hände beschäftigen und bei guter commeecieller Leitung lohnenden Absatz finden. Sind die Absichten und die Mittel vorhanden, in dieser Richtung vorzugehen, so darf die Hilfsaction nicht in die größer» Städte getragen werden, sondern soll über kleinere Orte die gemeiniglich die Sammelplätze des Elends sind, verbreitet werden. Baron Hirsch hatte in Lemberg und Krakau Stationen für seine Unterstützungen errichtet und sie mit fünf Millionen Gulden dotirt. Durch diese Landescomitds hätten die Aushilfen nach allen Richtungen abfließen sollen. Der Absicht des edlen Spenders wurde nur in sehr geringem Maße entsprochen, es wurde Protection geübt, Anhänger wurden begünstigt und das meiste Geld btleb in dreien beroen wohlhabenden Städten, während die Pro-