Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 49 (6.12.1901)
- Date
- 1901-12-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 49 Dr. Bloch’s Kahrs«»- nin ♦ Eentrslorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. Wie«, 6. Deremker 1901. Erscheint jeden Freitag. -4—»"»—i.- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Verggafse 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift» Wien» Inhalt. Leitartikel: Die deutsche akademische Jugend. — Galizisckies Elend. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Die Juden in Rumänien. — Handwerkerschule „Ciocanul" in Bukarest. — Die commercielle Zukunft Palästina's. — Nehemias und seine social-politischen Bestrebungen. — Correspondenzen: Kranzablöiungsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien, Die Heimatsberechtigung des Rabbiners. Wien Beraun, Teplitz, Mährisch-Ostrau, Essegg, Troppau, Tyrnau, Lemberg, Czernowitz, Agram, London. — Vermischtes: Wien, Kattowitz, Groß-Kanizsa. — Feuilleton: Lichterfest und Lichtgestalten. Aus,dem galizischen Leben. — Literatur. — Briefkasten. — Stimmen aus dem Publicum. — Inserate. M - -N B. ft. Postsparcsssen-Amr Clearing-Verkehr Nr. 610.976. Nrdartion und Administration: Wir» IX/1, Berggalse Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. s - —* -= Bcjugapreia für Sesterrrtch: Haldjährip 8 Krone». Einzelexemplare 50 Heller. Wr'» Ausland: Halbjährig 10 Krone». Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. - — -.' ■-■= - —=m Die deutsche akademische Jugend. Von Fabius Schach. I. Die Jugend ist der Stolz und die Hoffiungeiner jeden Nation. J?de ideale Bewegung stützt sich auf sie und nimmt zu ihr ihre Zuflucht. D nn jedes wirklich große menschliche W rk ist für die Zukunft bestimmt, und die Zukuilft gehört der kraftstrotzenden aufwärtsstrebenden Jugend. Speciell die akademische Jugend gilt als die Blüthe eines jeden Volkes. Denn in ihr denken wir uns verkörpert: idealer Sinn, Liebe zur Gerechtigkeit, frisches pulsirendes Leben und warme Begeisterung für alles Gute und Schöne. Hier wirkt noch das heilige F-uer ungehemmt, hier tobt und stürmt die innere Kraft und quillt der mächtige Drang nach Hoheit und Vollkommenheit. Was uns zu erreichen nicht vergönrrt war. ihr soll es zu Theil werden. Sie soll unsere Ideale zur herrlichen Wirklichkeit machen. Sie soll das ererbte Gut der Väter auf sittlichem und geistigem Gebiete wahren und vermehren. Wer von uns erinnert sich nicht gern der herrlichen Studentenzeit, wo das Herz voll seligen Höffens und der Kopf voll schöner Träume war, wo wir den höchsten Zielen entgegensteuerten? Da gab es keine Hindernisse und keine Unmöglichkeiten, keine Halbheiten und Opportunismen, da thronte noch der große allbezwingende Wille in seiner ganzen Majestät. Von einem grenzenlosen Optimismus beseelt, glaubte man in diesen glückliche Jahren Alles erreichen zu können und Alles erschien uns da idealisirt und verschönert durch den Glauben an uns, unser Wollen und Können. Mag die gährende Kraft der Musensöhne auch zuweilen in Uebermuth ausarten, wer darf diesen natürlichen Proceß ernstlich tadeln? Mag die überschäumende Lebensfreude auch hie und da einen dummen Streich begehen, — nur ein hartgesottener Philister kann sich darüber aufregen. Die Jugend soll jung und frisch sein und sie soll auch uns jung machen und vor Verknöcherung und Erstarrung bewahren. Die akademische Jugend war Jahrhunderte hindurch der Ruhm der deutschen Nation, und manches Volk beneidete Deutschland um die Träger seiner Zukunft. Wo es galt, für nationale und menschliche Ideale zu kämpfen, da standen die deutschen Studenten in den ersten Reihen. In den ersten Decennien des 19. Jahrhunderts, als die politische Lage Deutschlands den Tiefstand erreichte und das Reich in seiner Zerklüftung und Zertrümmerung ein trauriges Bild kleinlicher Jntereffen darbot, war die akademische Jugend die Einzige, die den Traum der deutschen Einheit zu träumen wagt". Die Studenten waren es, die in einer trostlosen Zeit der Reaction an die Wiederauferstehung des Reiches glaubten und für Alles eintraten, was die Eire Deutschlands heben konnte. Gar oft wanderten sie als Märtyrer ihrer Ucbei z-mgung ins Geiängniß. gar oft wählten sie das Broü der B rbannung, ohne ihre Ideale preiszugeben. Im „tollen" Jahre 1848 trugen sie dre nationale Fahne und focht"« in d n ersten Rnhen füc Freiheit m d Meschenwücde, für das Glück des Einzelnen und der Nation. In kräftigen Worten und männlichen Thaten verherrlichten sie den deutschen Gedanken, der für sie auch zugleich der Gedanke der bürgerlichen Freiheit und des menschlichen Fortschritts war. In der deutschen Burschenschaft wurde das Eisen zur Bereinigung des Reiches geschmiedet. Hier herrschte eine echt demokratische G sinnung, hier fanden die Ideen unserer Denker und Dichter eine sichere Stätte, hier wurden die besten deutschen Jünglinge zur Freiheit, zur Männlichkeit und zum idealen Denken erzogen. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts vollzieht sich langsam eine Wandlung aus diesem Gebiete. Der Freiheitsrausch verliert an Intensität und der alte Rnbm erblaßt immer mehr. Während des großen Krieges von 1870/71 und in den Flitterwochen der neuerstandenen deutschen Einheit zehrt die deutsche akademische Jugend noch von ihrem alten Rufe, sie schwingt sich noch zu mancher frischen Empfindung hinauf und zeitigt manche ideale Blüthe. Aber schon Anfangs der Achtziger- Jahre ist der Idealismus bis zur N"ige ausg? kostet. Eine neue Erscheinung. die dem deutschen Wesen bisher fremd war, tritt jetzt auf: die Hohlheit, der Schein, das Pcunken mit Aeußerlichkeiten, das geistige Gigerlthum. Wie aut dem Gebiete der Kunst und Literatur die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts ein Zeitalter des Epigonenthums bilden, so begnügten sich auch unsere Studenten meistens damit, auf die großen Errungenschaften zu pochen, ohne danach zu streben, dieselben lebendig zu erhalten und weiter auszubauen. Aber jeder Stillstand trägt die Keime der Zersetzung und des Niederganges in sich und Stagnation ist die Mutter der Reaction. So kam hier eine Reaction, wie wir sie niemals für möglich gehalten hätten. Der Geist der Humanität wurde hinweggefegt von den neuen Strömungen der Zeit. Als Herr Stöcker zuerst» in Berlin seine Triumphe, unter den halbgebildeten und sensationslüsternen Elementen des Volkes feierte, waren es die Studenten, die ihm zujubelten, und die Lehrsäle des Professors Treitschke, des geistreichsten Antisemiten Deutschlands, füllten sich immer mehr. Die alten Ideale wurden in die Rumpelkammer