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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-11-29 · 48 (29.11.1901) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
48 (29.11.1901)
Date
1901-11-29
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 48 Dr. Blorh's WorlrensrlrrE. Seite 799 „Schon fort?", ri'f ihm eine Stimme entgegen. „ Freilich, sonst wäre ich ja nicht hier. Aber denkt nur Esther, wer hier war?" „Nun ich sah ihn ja kommen, ein Gerichtsbeamter." „Ja, aber wer?" „Weiß ich wer? Ich habe ihn nicht einmal angesehen. Wie nian mir gesagt hat, es fährt ein fremder Wagen her, eilte ich sofort hieher." „Sie werden sich vor Staunen nicht fassen können, ich traue kaum meinen eigenen Augen und Ohren, was sie gesehen und g-hört. Der Gerichtsbeamte, der hier war, ist-Ihr gewesener Mann!" „Sender!", kreischte Esther, daß man ihre liebliche Stimme im ganzen Dorfe hören konnte, „der lumpige, schuftige Sender! Der Meschumed! Der Schlag soll ihn treffen!" „Kern Meschumed, vorläufig wenigstens noch nicht. Freilich eine Sorte Jud, wie sie nicht gedacht werden soll, aber nicht getauft. Wahrscheinlich ist er noch nicht reif oder hat man ihm einen zu billigen Preis angeboten", lachte Simon. „Sender!", wiederholte Esther langsam und den Kops mitleidsvoll wiegend, „ich habe ja gewußt, daß die Sache bös enden, werde. Gott sei Dank, daß Chaiinl nicht weiß, was aus seinem Vater geworden! Und dieser Bösewicht wird sich jetzt an uns rächen wollen!" „Im Gegentheile", bemerkte Simon, „er will zur Befreiung Chaims mith lfeu, wie er mir sagte, nur muß es ein Geheimniß bleiben, daß er mit Ihnen verheiratet war." „So? Ec schämt sich wohl meiner, dieser hergelaufene Mensch? Justament schreie ich es überall aus, eben weil er nicht will. Er haßt mich, nun soll er mich auch fürchten!", schrie die geschiedene Frau wuthentbrannt. Sie halte das Aussehen-einer Furie; das hagere Gesicht, die vorstechenden Augen mit dem bösen Blick, das spitze, gebogene Kinn, die heisere schrille Stimme, häßlich und widerwärtig. „Sie spielen mit Feuer. Esther!", versetzte ihr Vertrauensmann. „Wenn man erfährt, daß er der Vater Chaims ist, so wird man einem Andern die Sache übertragen und dann sind Sie und Ihr Sohn verloren. Macht keine Dummheiten, was kümmert Euch ein fremder Mensch?" „Gut denn; zuerst werde ich Chaim herausbekommen", sagte das Weib nach einer Pause, „dann soll man mit Fingern auf ihn zeigen, Jud und Christ." Auf drängendes Zureden des alten Brenners fuhr Esther am nächsten Tag in die Stadt und begab sich in Begleitung ihres Rchtsconsulenten ins Gericht, direct ins Bureau des Gerichtsvo rstehe! s. „Das ist Frau Pereles, die vom Gerichte gesucht wird", sagte d-r Advocat, „sie war verreist, erkrankte in der Fremde und kehrte erst gestern zurück, wo sie.von der gegen sie erhobenen Beschuldigung und der Verhaftung ihres Sohnes erfuhr." „Aha, haben wir Sie endlich!", rief der Vorsteher, „wir werden Sie gleich hopp nehmen." Er läutete einem Gerichtsdiener. „Führen Sie die Frau zum Herrn Adjuncten Doctor Perlowski, sie ist als Gefangene zu behandeln." Vom Amtsdiener gefolgt, ging sie durch den langen, finstern Corridor. Haß und Rachewuth kochten in ihr — als Gefangene zu ihrem ehemaligen Gatten! Alexander war allein, als seine ehemalige Gattin ihm vorgeführt wurde. Seine Energie zusammenraffend und auf einen Kampf mit diesem Weibe, dessen Bosheit er zur Genüge kannte, gefaßt, ließ er den Gerichtsdiener abtreten. Niemand hätte glauben können, daß diese beiden Menschen je zu einem Paare vereint gewesen. Ec, das Bild kraftvoller Männlichkeit, elegant und von distingnnienr Aussehen. Sie, verhärmt, vernachlässigt, von hexenhaster Häßlichkeit und bettelhaft gekleidet. Esther fühlte den großen Abstand, den Zeit und Verhältnisse bewirkten - sie tief unten, er hoch oben; sie zurückgeblieben, er emporgestiegen. Dies demüthigcnde Bewußtsein vermehrte ihre Wuth, die sie kaum zurückhalteu konnte. , Sie sind Frau Esther Pereles, geborene Löw?" frug der Richter. „Das wissen Sie doch", erwiderte Esther höhnisch. „Ich weiß gar nichts", sagte der Adjunct in scharfem Ton. „Sie haben meine Fragen ohne jede Bemerkung zu beantworten. Sie sind beschuldigt, einen Handel mit falschen russischen Rubelscheinen betrieben zu haben?" -Ist nicht wahr l" „ Im Vereine mit Ihrem Sohne, bei dem man eine größer Summe Rubel vorgefunden und abgenommen?" „Ist abermals nicht wahr! Die Rubel sind ehrlich und echt." „Von wem hat er die Rubel?" „Von seinem Vater, Gott habe ihn selig. Er war ein reicher Mann; er hat seinen Glauben verhandelt und seinem Sohne das Vermögen hinterlassen." Alexander richtete sich auf; die innere Erregung trieb ihm das Blut ins Gesicht und sein Auge blitzte. „Hören Sie aufmerksam zu", sagte er in sehr ernstem, entschiedenem Tone. „Sie werden sich stets vor Augen zu hallen haben, daß Sie als Beschuldigte vor einem Richter stehen, vor einem Richter, der keine Gemeinschaft mit Ihnen und keine Erinnerung an die Vergangenheit hat. Zwingen Sie mich nicht, disc plinarisch gegen Sie vorzugehen oder die Sache in eine andere Hai'd übertragen zu kaffen." „O. ich fürchte Sie nicht im geringsten. Sie haben viel mehr mich zu fürchten, als ich Sie, und bei Gott, ich werde reden, wenn ich sekirt werde", polterte Esther. „Ich sekire Sie gewiß nicht", sagte etwas kleinlaut der Adjunct. „Wenn ich Fragen an Sie richte, so muß es sein, um das Protokoll machen zu können und nicht aus Neugierde. Ich möchte selbst die Sache los werden, die ich nicht suchte und die nur in keiner Weise ein Vergnügen macht." Aber es ging trotzdem nicht glatt. Esther war störrisch und boshaft, und als das leidige Protokoll endlich zu Stande kam, war Alexander physisch und moralisch erschöpft. Nichtsdestoweniger begab er sich ins Bureau des Gerichtsvorstehers. „Nun, wie steht es?" frug dieser. „Die Frau behauptet, daß das Gericht vom Angeber myüificirt worden sei, daß tue beschlagnahmten Creditbillets unbevingt echt wären. Es ist allerdings bis jetzt unterlassen worden, dieselben auf ihre Echtheit zu prüfen, was kuing-nd erforderlich ist, da man sonst nichts gefunden. Erweisen sich die Noten als eckt, so müssen die Beschuldigten aus Mangel eines Thatbestandes freigelaffen werden." „Und was beantragen Sie in dieser Richtung?" „Ich denke, eine Commission von Experten wäre einzuberuf n. In erster Linie den Zolleinnehmer des russischen Grenzzollamtes, den dortigen Gendarmeriecapitän und Postmeister, danil einen unserer Knnfleute, die einen Handelsverkehr mit Rußland unterhalten, somit das dortige Geld kennen." „Einverstanden", erwiderte der Gerichtsvorsteher. „Fertigen Sie die Einladungen aus." „Ich muß mir aber die Bitte erlauben, mir diese Sache abzunehmen und sie einem Andern zuzuweisen; es sind schwerwiegende Gründe, die mich zu diesem Ansuchen bestimmen, und wenn ich sie nennen könnte, würden Sie mich überhaupt eliminiren." „Aber keineswegs. Es hat lange genug gedauert, bis die Affaire in Fluß kam und nun abermals eine Unterbrechung und Verschleppung. Sie mögen welche Gründe immer ins Treffen führen, kann ich Sie nicht dispensiren. Machen Sie nur in gewohnter Weise rasch ein Ende." „Aber Herr Gerichtsvorsteher —" „Kein Aber, Adieu!" sagte dieser, den armen Adjuncten lachend zur Thüre hinauscomplimentirend und sie hinter ihm schließend. Schon am dritten Tage fanden sich die Experten ein. Der Gerichtsvor sicher und Adjunct Perlowski wohnten der fachmännischen Prüfung der vorgelegten, als Falsificate beanständeten russischen Noten bei. welche mit Hilfe einer Lupe untersucht und mit anderen von den rnssischen Beamten mitgebrachten unzweifelhaft echten Rubelnoten verglichen wurden; sie wurden einstimmig als richtige Reichsschatzscheine anerkannt und als echt befunden. Diesem competenten Ausspruche gegenüber mußte die sofortige Enthaftung von Mutter und Sohn erfolgen. Als Alexander ihnen die Befreiung ankündigle, vergnügte sich Esther ironisch und sagte mit einem diabolischen Lächeln im häßlichen Gesichte: „Morgen schicke ich meinen Sohn sich bei Ihnen bedanken." Alexander ahnte einen bösen Streich, aber lange nicht von jener bodenlosen Niederträchtigkeit, wie ihn dies Weib plante und verhängnißvoll ausführte. Am nächsten Tage fand eine Ehrenbeleidigungsverhandlung statt, die ein großes Publicum herbeizog. In das Gedränge hinein arbeitete sich rücksichtslos ein schäbiger und schmieriger Judenjüngel und wollte eben in den für den Richter, die Parteien und ihre Vertreter reservirten Raum dringen, als er vom Saaldiener gepackt wurde.

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