Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 48 (29.11.1901)
- Date
- 1901-11-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 798 Dr. Bloch's Wochenschrrst. Nr. 48 zur Kohlenvertheiluug an Arme, dem orthodoxen Frauen-Verein je 200 Kronen, dem neologischeu Frauen-Verein, für eine arme Braut, dem Jugend-Verein je 100 Kronen und dem israelitischen Diaconiffinnenheim 50 Kronen, in Summa 2350 Kronen. Der Directionsausschuß der israelitischen Volksküche hat dem hochverdienten Philanthropen aus diesem Anlässe deputativ eine Festgabe überreicht; auch seitens der Repräsentanz der israelitischen Cultusgemeinde, sowie von den meisten anderen Wohlthätigkeitsanstalten waren Ovationen vorbereitet. Bekannt ist seine den armen Schulkindern seit mehr als 25 Jahren gewidmete besondere Obsorge. Seiner eifrigen Sammelthätigkeit ist es zu danke», daß alljährlich 40—50 Schulkinder mit completen Winteranzügen versehen werden, und hat Herr Weiner durch seine bei der Stadtgemeinde hinterlegten diesbezüglichen größeren Stiftungssummen diesem seinem verdienstvollen Werke auch für alle Zukunft eine Basis gegeben. Möge es dem greisen Jubilar gegönnt sein, zum Wähle der bedürftigen Mitmenschen noch viele Jahre wirken zu können! Bielitz-Biala. (Bielitz-Bialaer jüdischer Turnverein.) Bei der am 11. November d. I. unter zahlreicher Betheiligung zum Zwecke der Ergänzungswahl des Vorstandes abgehaltenen außerordentlichen Generalversammlung wurde zum Obmanne Herr Dr. Julius Haas und zum Cassierstellvertreter Herr Magister E. Silberbusch gewählt. Herr Dr. Haas entwickelte bei dieser Gelegenheit seine Anschauungen über das Wesen des jüdischen Turnvereines im Besonderen und Allgemeinen. Der jüdische Turnverein werde den Frieden zwischen der jüdischen Gemeinde und seinen eigenen Mitgliedern suchen, ohne darum auch nur das Mindeste von seinen überkommenen Grundsätzen auszugeben. Er müsse bleiben, was er war: Eine Schule für Diejenigen, welche bereits der Schule entwachsen, sich aber bewußt sind, noch immer etwas Neues und Schönes lernen zu können, ein Sammelpunkt makelloser Juden jeglicher Parteirichtung. Spott und Hohn werde ihn nicht bekümmern, denn beide seien morsche Waffen ohnmächtiger Schwächlinge. Das Recht auf die Oeffentlichkeit werde sich diese Körperschaft keinesfalls verkürzen lassen, da kein Grund vorhanden sei, die Blicke eines großen Publicums. zu scheuen. Dieses Princip dürfe nicht als Aufdringlichkeit gedeutet werden, weil dann jedwede strebsame Gesellschaftsclasse, welcher politischen Gesinnung immer, in ihrem Ringen nach Geltung dieser Vorwurf treffen müßte. Allein auch als Sucht nach Differenzirung sei solches Gebühren nicht auszulegen, da ja Turner jüdischer Abkunft abgesondert wurden, aber nicht sich absonderten. Tie Selbstachtung gebiete es logischerweise, nur dort einzukehren, wo man als gleichwertig erkannt werde und anderseits auch Gleichwerthige finde. Bukarest. In einer unserer letzten Nummern - haben wir einer Berliner Mittheilung Raum gegeben, derzufolge das rumänische Journal „Adeverul", das einzige in Bukarest erscheinende liberale Journal, jüdischerseits zum Zwecke des Emancipationskampfes angekauft worden wäre. Diese einem Berliner Blatte entnommene Mittheilung erweist sich als den Thatsachen durchaus nicht entsprechend und ist offenbar von einer nicht sehr wohlwollenden Seite ausgestreut worden. Wir müffen also diese Mtttheilung richtig stellen, daß die ganze Erzählung der thatsächlichen Grundlage entbehrt. Feuilleton. Au» dem galisischeu Leben. Ein Bild von Leo Herzberg-Frankel. (Fortsetzung.) Der gute alte Mann konnte sich an dem vornehmen Herrn vor ihm nicht satt sehen, dann sagte er mit freudiger Zuversicht: „Nicht wahr, jetzt wird unser Chaiml freikommen?" „Wenn seine Unschuld bewiesen wird/ „Wenn —?" „Ja, wenn! Ist er schuldig, so wird ein anderer Untersuchungsrichter die Sache übernehmen. Zu Gunsten eines Verbrechers werde ich das Recht nicht beugen und mich zum Mitschuldigen machen. Ist der junge Mensch aber unschuldig, so werde ich ihm helfen, es zu beweisen. Dies will ich von Euch erfahren; Ihr müßt aber wahr ' und offen sprechen; ohne jedes Hehl dem Vater sagen, was Ihr dem Richter nicht sagen würdet/ „Es ist ja Ihr eigen Fleisch und Blut/ „Darum eben müßt Ihr mir die volle Wahrheit sagen; keinen Hintergedanken und keine Verheimlichung. Wenn ein Arzt helfen soll, muß er die Krmnkheit kennen. Sagt somit auf Euer Gewiffen: Ist Chaim bei der Rubelgeschichte schuldig?" „Er? So wie ich und Sie! Was weiß dieser dumme Junge, was Rubel sind? Die Mutter, nur die Mutter!" platzte das erregte Männchen heraus, ohne zu wollen/ Die Mutter befiehlt und Chaim gehorcht; die Mutter schickt und Chaim geht; die Mutter hat ihn verheiratet; die Mutter hat die Partie aufgelöst und wenn sie ihm heute sagt: Chaim leb, da hast Du einen Strick, gehe hin und hänge Dich, so geht er sofort hin und knüpft sich auf." „Ist der Junge so dumm und willenlos?" „Aber schrecklich. Er war schon als Kind im Cheder sehr dumm, aber daß es fast bis zum Blödsinn kommen werde, habe ich nicht gedacht. Esther ließ nicht die kleinste Selbstständigkeit aufkommen; sie drückte jeden Willen nieder und erstickte jeden Gedanken; sie hat ihn zum Automaten gemacht, der nur ihr gehorcht; ihr mehr als Gott/ „Dann ist der arme Mensch ein Opfer und kein Verbrecher/ „Gewiß; er gehorchte, weil er mußte", bestätigte Simon. „Ich möchte aber doch genau wissen, wie es zugegangen." „Fremde Leute", erwiderte der Brenner, „kamen ins Haus und brachten wegen der Nähe der Grenze hieher russische Noten, mit denen Esther hinüberzufahren pflegte, um dagegen Getreide und Ochsen, zuweilen auch andere Artikel einzukaufen; manchmal blos uwzuwechseln, Rubel gegen Rubel. In einem benachbarten russischen Orte hatte sie ihre Vertrauensperson, die sie bei ihren Transactionen unterstützte. War Esther selbst an der Reise vrrhindert, so band sie dem Sohne das Papiergeld an den Leib und schickte ihn über die Grenze, wo ihn die Mittelsperson erwartete und ihm das Geld abnahm. Was es bedeute, wozu diese heimlichen Fahrten, hatte der dumme Junge keine Ahnung — er war nicht gewöhnt, zu denken, nur zu gehorchen. Als eines Tages, in Folge einer Anzeige, die Polizei hier war, kam just Chaim aus Rußland; er wurde untersucht, man fand an seinem Halse einen Beutel mit dreitausend Rubeln, welche mit ihm äbgeführt und dem Gerichte übergeben wurden. Esther, die damals zu Hause war, fand Zeit, sich in einer Bauernhütte zu verstecken und flüchtete dann über die Grenze, wo sie noch ist", sagte Simon zögernd. Alexander hörte aufmerksam zu und dachte eine Weile nach- „So", sagte er, „das wäre der reine Sachverhalt?" „Ja wohl." „Ist keine Hausdurchsuchung vorgenommen worden?" „Wie ein frommer Jud bodek Chumetz — in jedem Winkel man hat jedoch nichts gefunden." „Blos die Reichsnoten, die Chaim bei sich trug?" „Ja, die er aus Rußland mitbrachte/ „Nun, diese müssen ja unbedingt echt sein!" „Gewiß, sind sie echt", erwiderte Simon bestimmt. „Warum habt Ihr es nicht der Commission erklärt?" frug der Adjunct. „Man ließ uns ja nicht zu und am wenigsten zu Wort. Esther hatte sich versteckt, Chaim ist zu dumm; er weiß nicht, was für Geld er hin- und was für Geld er zurückgebracht. Der Beamte nahm ihm die Rubelscheine ab, der Gendarm legte ihm Handschellen an, ließ ihn gegenüber sitzen und überstellte ihn dem Gerichte, wo er noch sitzt." Nach einem längeren Schweigen nahm Alexander wieder das Wort: „Was Sie mir hier mitgetheilt haben, ist auch buchstäblich wahr, lieber Simon?" „So wahr Gott ist." „Nun sagt mir, aber ehrlich, kommt Esther zuweilen, natürlich heimlich, hieher?" Simon nickte. „So sagt ihr dann in meinem Namen, sie müsse um Gotteswillen meinen früheren Namen und die verwandtschaftlichen Beziehungen geheim halten. Kein Mensch darf die leiseste Ahnung haben, wer und was ich war. Sie melde sich, je eher, desto besser, bei Gericht und frage, weshalb man sie suche, weshalb man ihren Sohn gefangen halte? Selbstverständlich habe sie ihr Erstaunen darüber auszudrücken, daß man ihrem Sohne Geld abgenommen, das er in Rußland für sie eincassirt und das in guten, echten Scheinen der Rerchsbank besteht. Merkt Euch dies!" Er reichte dem Alten die Hand und ging. Als Alexander in den Wagen stieg und dieser aus dem Hofe fuhr, zündete Simon seine Pfeife an und begab sich, still in sich hineinlachend, in ein nahes Bauernhaus, deffen Thür von Innen mit einem großen Holzriegel verschlossen war, den man von Außen durch eine heraushängende Schnur öffnen konnte.