Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 48 (29.11.1901)
- Date
- 1901-11-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 792 Dr. Bloch's Wochrnschrifk. Nr. 48 Abgeordneter Dr. GmU Dyk gegen Ernst Schneider. Aus dem stenographischen Protokoll des Reichsrathes vom 25. November. Vicepräsident Kaiser: Zu einer thatsächlichen Berichtigung ertheile ich dem Herrn Abgeordneten .Dr. Byk das Wort. Abgeordneter Dr. Byk: In der langwierigen Debatte über diesen Gegenstand hat auch der Abgeordnete Schneider gesprochen, und wenn.ich sage, es hat der Abgeordnete Schneider gesprochen, so glaube ich, daß Jedem bereits der Inhalt dessen, was er gesagt hat, bekannt ist, denn die Reden dieses Abgeordneten sind merkwürdig stereotyp. Jede folgende Rede gleicht der früheren wie ein Ei dem andern. Er verfügt nur über ein Leitmotiv, das ist die Judenfrage, und die treibende Kraft seiner ganzen Beredsamkeit ist ein unbändiger und fanatischer, ein unmenschlicher und ich.kann wohl sagen ein unchristlicher Haß. (So ist es!) Dieser Redner hat sich seine parlamentarische Beredsamkeit sehr leicht und bequem gemacht. Er hat sich nach berühmten Mustern, nach Eisenmenger und anderen Judenfressern, eine Rede formirt, und dabei sich gewiß Citate herausgeschrieben, die er bei jeder Gelegenheit, ob es sich nun um die Congregationen, um die Börse, um das Gewerbegesetz, den Terminhandel oder welchen Gegenstand immer handelt, herunterrecitirt. Das hat er auch bei dieser Debatte gethan. Wenn es auch meine Pflicht wäre, dagegen zu polemisiren, so kann ich das im gegenwärtigen Stadium der Debatte nicht thun, und ich will es auch nicht mit Rücksicht auf das Niveau und den trivialen Standpunkt, den dieser Redner eingenommen hat. (Sehr richtig!) Auch ist es mir klar, daß in diesem hohen Hause der Abgeordnete Schneider von Niemandem ernst genommen wird. Doch haben seine aufreizenden Worte Bedeutung, wenn sie unter dem Schutze der Immunität hinausgehen und weite Bevölkerungsschichten demoralisiren. Vicepräsident Kaiser: Ich bitte thatsächlich zu berichtigen. Abgeordneter Dr. Byk: Ich gehe gleich zur thatsächlichen Berichtigung über. Es wäre an gezeigt gewesen, auch damals, wie dieser Redner gesprochen hat, darauf zu achten, wie wenig er zum Gegenstände gesprochen hat. (Sehr richtig.) Ich sagte, es Hat diesem Redner gefallen, eine Frage in diese Debatte zu ziehen, die nicht dazugehört, und, um zur thatsächlichen Berichtigung zu kommen, Thatsachen zu behaupten, die ganz gewiß vor dem Richterstuhl der Wahrheit die Probe nicht bestehen können. Gleich zu Beginn seiner Rede hat er gesagt (liest): „Alle diese Juden, sie arbeiten alle nichts, alle diese Leute speculiren und mehr oder weniger betrügen sie; sie machen früher oder später eine große oder kleine Platte, aber arbeiten habe ich noch keinen gesehen, und ich zweifle nicht, es werden mir in dieser Beziehung die Alldeutschen und Liberalen, Czechen und Polen, und alle anderen Recht geben, wenn ich sage, daß diese Leute nichts arbeiten/ Es sei mir dem gegenüber gestattet, auf jene Tausende und Abertausende von jüdischen Handwerkern, ihre Lehrlinge und Gesellen, auf die vielen Tausende von jüdischen Arbeitern, welche Lasten tragen, die Fuhrleute, Bergarbeiter, alle jene Arbeiter, die sich im Schweiße ihres Angesichtes in schwerer physischer Arbeit ihr tägliches Brot verdienen, aber auch auf alle jene geistigen Arbeiter, wie Anwälte, Lehrer, Privatbeamte, Handlungsgehilfen, Kaufleute und Gewerbetreibende u. s. w. hinzuweisen und auf jene Tausende von Personen, die nach Arbeit streben und sie nicht erhalten. Alle diese sind ein lebender Protest, alle diese zeihen den Abgeordneten Schneider der Lüge. (Bravo!) Der Abgeordnete Schneider beschäftigt sich aber nicht blos mit Reden, er stellt auch hie und da Anträge. Das sind so kleine Allotria, denn diese Anträge kommen doch nie zur geschästsordnungsmäßigen Verhandlung; und so stellt er in jeder Session derarttge Anträge, einmal auf die Confiscation des Vermögens der Juden — er hat in seiner letzten Rede auch ausgerechnet, wieviel das Vermögen der Rothschilds ausmachen würde, wenn man es rechtzeitig confiscirt hätte — das anderemal auf Austreibung der Juden, ein drittesmal auf Beschränkung ihrer Rechte. In der gegenwärtigen Seflion hat er das Haus durch den Antrag überrascht, man möge den Juden verbieten, Cultusgemeinden zu bilden. Die Staatsgrundgesetze, das übersieht er, überlassen jeder Confession die Ordnung ihrer eigenen Angelegenheiten. Er wünscht vielleicht, daß diese den Agenden des Gemeinderathes einverleibt werden. Das steht ja auf dem Programme der Antisemiten, daß die Agenden der Cultusgemeinden den Agenden des Gemeinderathes einverleibt werden sollen, und es wird so manche Hoffnung daran geknüpft. Ich möchte aber darauf aufmerksam machen, daß der Schlußpassus des Antrages dahin geht, daß Juden und Jüdinnen, allen Judengemeinden und Verbindungen jeglicher Unterricht unbedingt untersagt werde. Also der Abgeordnete der Stadt Wien, jener kunstsinnigen, cultur- und bildungsfreundlichen Stadt, welche alljährlich so viele Millionen für die Schulbildung ausgibt.... Vicepräsident Kaiser (unterbrechend): Ich bitte sich auf eine thatsächliche Berichtigung zu beschränken. Abgeordneter Dr. Byk: Dieser Redner beantragt also, daß allen Juden und Jüdinnen, allen Judengemeinden und Verbindungen jeglicher Unterricht untersagt werde, und er sagt in diesem Anträge .... Vicepräsident Kaiser: Ich bitte, Herr Abgeordneter von diesem Anträge kann hier nicht die Rede sein. Es ist Ihnen nur zu einer thatsächlichen Berichtigung das Wort ertheilt worden. Abgeordneter Dr. Byk: Ich werde bald schließen. Ich berichtige das, was er gesagt hat, daß es sich bei den Juden.. Vicepräsident Kaiser: Ich bitte doch thatsächlich zu berichtigen! Abgeordneter Dr. Byk: Der Abgeordnete Schneider hat verlangt, daß die Juden den Eid auf die Staatsgrundgesetze auf Schweinsleder stehend zu leisten haben. Es ist dies ein unbegründetes und albernes Vorurtheil, welches bei den Juden nicht besteht. Ich constatire thatsächlich, daß die Herren Antisemiten, als sie in dieses Haus eingetreten sind, ein Gelöbniß auf die Beobachtung der Staatsgrundgesetze geleistet haben und ihr Chef, der Bürgermeister der Stadt Wien, den Eid auf die Staatsgrundgesetze in die Hände des Statthalters abgelegt hat. Vicepräsident Kaiser: Wenn Sie nicht thatsächlich berichtigen, so wäre ich gezwungen, Ihnen das Wort zu.entziehen. Abgeordneter Dr. Byk: Ich constatire thatsächlich, daß die Antisemiten diesen Eid nicht halten, ja, daß sie die Staatsgrundgesetze mit Füßen treten, jtnb ich möchte fragen, auf welchem Leder sie bei der Ablegung dieses Eides gestanden sind? (Heiterkeit.) Zum Schluffe seiner Rede hat der Abgeordnete Schneider den Bismarck gespielt, indem er zu Blut und Eisen griff. Er sagte, die Judenfrage müsse mit Blut und Eisen gelöst werden. Ich constatire thatsächlich, daß diese ganze Rede nichts anderes als Schmähungen, Verleumdung, Aufreizung zu Haß und Verachtung, zu Feindseligkeiten, ja zum Todtschlag enthält. Jeder andere Staatsbürger würde dafür zur Verantwortung gezogen werden. Vicepräsident Kaiser: Das ist keine thatsächliche Berichtigung, sondern eine Polemik. Ich bitte sich nur auf thatsächliche Berichtigungen zu beschränken. Abgeordneter Dr. Byk: Er hat das ja thatsächlich gesprochen. Er hat das unter dem Schutze der Immunität gethan. Es ist dies ein arger Mißbrauch der Immunität, und dagegen muß ich mich verwahren. Ich mache aber das hohe Präsidium darauf aufmerksam, daß der Abgeordnete Schneider in seiner ganzen Rede kein Wort von den Congregationen gesprochen hat, daß deffen Rede von A bis Z sich mit der Judenfrage beschäftigt hat, Schmähungen und Beleidigungen gegen die Juden enthielt, der Vorsitzende kein Wort gefunden hat, ihn zur Ordnung zu rufen. Vicepräsident Kaiser (unterbrechend): Es ist das keine thatsächliche Berichtigung; ich entziehe ihnen das Wort. Das Wort hat der Herr Abgeordnete Holansky. (Abgeordneter Dr. Byk spricht weiter.) Ich habe Ihnen das Wort entzogen, das Wort hat der Herr Abgeordnete Holansky. Abgeordneter Dr. Byk: Ich protestire gegen diese Ungleichheit der Behandlung und bitte, künftig lieber dem Abgeordneten Schneider das Wort zu entziehen. (Bravo!) Correspondenzen. Kranzablösungsspenden zu Gunsten der „Chewra-Kadischa" in Wien, I. Seilenstettengasse 4 sür arme kranke Glaubensgenossen. Anläßlich der. Beerdigung des seligen Herrn Leopold Spielmann: Von Frau Josefine Spielmann, II., Aloisgaffe 6, K 1.—; von Herrn Heinrich Fleischmann, EL, Pazmanitengasse 26, K 1.—; Lewi Bienenstock, II., Malzgasse K 1.—; Gustav Opiat,