Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-11-29 · 48 (29.11.1901) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
48 (29.11.1901)
Date
1901-11-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021385-3021434--11336-3035868
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 790 Dr. Bloches Wochenfchrisr. Nr. 48 für dessen hingebungvolles Wirken den wärmsten Dank aus. Zum Schlüsse richtete der Präsident Dr. Klemperer einen Appell an die Mitglieder, unermüdlich im Vereinsinteresse thätig zu sein, was im allgemeinen Interesse liege, da der Verein in vielfacher Beziehung große Aufgaben erfülle. Er zerstöre vollständig das Vorurtheil, daß die Juden vor schwerer Arbeit zurückschrecken, seine Tabellen erweisen, daß es kein noch so schweres Arbeitsgebiet gibt, auf dem sich nicht die Juden bethätigen würden. Die vom Vereine gepflogenen Erhebungen führen den Beweis, daß die Juden die nüchternsten, fleißigsten, tüchtigsten Arbeiter sind. Mit den angestrengtesten Bemühungen seien 1690 Arbeitsuchende placirt worden — hiedurch werde schlagend die Fabel von der „Macht der Juden" widerlegt. Er wiederholte den Appell an die eifrigste Mitwirkung, um den Arbeitsuchenden Arbeit zu verschaffen. Lebhafter Beifall folgte seinen Worten. Mit der Annahme der Berichte und Ertheilung des Absolutoriums wurde die Versammlung geschlossen. König Dalles' Reich» Vor Kurzem erschien in der Verlagsanstalt und Druckerei A. G. (vormals I. F. Richter) in Hamburg eine anonyme Broschüre mit dem vielsagenden Titel „König Dalles", einem Titel, der leicht zu der Bermulhung führen könnte, daß es sich hier um irgend eine im Jargon gehaltene Parodie oder Satyre oder gar ein antisemitisches Machwerk schlimmerer Art bandle; solche Folgerung wäre jedoch grundfalsch. Denn hier fi ioen wir eine sehr lcsenswerthe, geistreiche und in glänzender Diction gehaltene Abhandlung — sie selbst nennt sich eine nationalökonomische Phantasie — über die wirthschaftlichen Zustände auf der dreigetheilten Insel Mß:opß, in deren einem Theile König Dalles, die Armuth, herrscht, während in dem zweiten Theile verzog Wo-k. die Arbeit, das Scepter führt und im dritten Theite, der Capitale, Ueberfluß und Wohlleben walten. Aus dem kernig-glatten Stil, sowie aus den in dieser Broschüre zum Ausdruck gebrachten Ideen läßt sich der Verfasser uicht schwer errathen, und wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir als solchen einen der höchsten Finanzbeamten Cisleithaniens, der auch als '.lationalökoiiomischer Schriftsteller einen ausgezeichneten Namen hat, vermuthen. An dieses Königs Dalles' Reich mit seinem vielfachen, durch nichis gemilderten Elend und seiner mannigfachen Noth ohne jede Aussicht auf Rettung oder Hilfe erinnerte uns lebhaft der soeben zur Ausgabe gelangte Bericht des Brigittenauer israel. Frauen- Wohlthätigkeitsverein es über seine Thätigkeit im verflossenen Vereinsjahre, mit dem Untersch e^e jedoch, daß dieser Verein unter der Leitu> g der Präsidentin F: au Therese Spitz, der Vicepräsideniin Frau Marie Kohn und der Vorstandsdamen Frau Lu'se Gallia, Anna G o l d n e r, Katharina Kohn, Mathilde O t t e, Anna Pollat sch ek, Adele Stern. Clotilde Rosner, Johanna Renner und Dr. Emilie W e i ß'unausgesetzt und nicht ohne Erfolg bemüht ist. in der Brigittenau, einen der ärmsten Bezirke Wiens, die Schreckniffe der Armuth unter unseren Glaubensgenossen nach Möglichkeit zu mildern. Um den armen Wöchnerinnen eine ausgiebigere Hilfe zutheil werden lassen zu können, hat dieser Verein sich dem unter der Aegide des Cultusvorstandes gebildeten und fuiiclionirende» „Centralverband zur Unterstützung armer israel. Wöchnerinnen" mit einem Jahresbeiträge von 600 K angeschlossen, hilfsbereit die statistischen Erhebungen über die mehr als 250 Unterstützungsgesuche erstattet und die entsprechenden Anträge an das Executivcomits dieses Verbandes gestellt. In Folge dessen erhielten im Berichtsjahre 243 Wöchnerinnen in der Brigittenau, abgesehen von der Naturalunterstützung an Kindswäsche, Utensilien und dergleichen und abgesehen von dem Honorar für die Hebamme und für die ärztliche Geburtshilfe, bar 2675 K, eine Leistung, über welche freudige Genugthuung zu empfinden nicht nur der Verband, sondern auch der vermittelnde Bezirksverein volles Recht hat. Ueberhaupt finden wir diesen Verein in der Brigittenau überall dort thätig, wo es gilt, wohlthätige Werke zu fördern oder zu verrichten. Arbeitsfreudig stellte er sich im Frühjahr in den Dienst des verehrlichen israel. Ferien-Colonien-Bereines und besorgte für denselben die zahlreichen Recherchen, welche vor der Aufnahme von kränklichen oder schwachen Kindern in die Ferienheime nöthig sind. Zu Beginn der rauhen Witterung unternahm er es, den ärmsten Schulkindern in der Brigittenau — die Religionslehrer führten über 500 Kinder an, von denen die Vorstandsdamen nach ihrer Kenntniß von Personen und Dingen und gezwungen durch ihren Cassastand 220 auswählten — gute Schuhe zu verschaffen, was ihm auch mittelst einer ausgiebigen Subvention des löblichen Cultusvorstandes vollkommen gelang. Dabei verlor er aber seine eigentliche statutenmäßige Aufgabe, die momentane Unterstützung insbesondere von Witwen und Waisen, sowie Arbeitsunfähigen überhaupt, niemals aus den Augen und führte in dem Berichtsjahre diesem Zwecke den gewiß nicht unbedeutenden Betrag von 6152 K zu. Unter den von diesem Verein unterstützten Armen finden sich Hilfsbedürftige jeder Art und jeden Charakters. Nebst 259 Witwen und eheverlassenen Frauen auch eine kleine Anzahl Bräute; nebst zahlreichen unmündigen Waisenkindern viele hochbetagte, jeder Stütze entbehrende Greise; nebst Arbeitsunfähigen und Gebrechlichen auch einige Kranke,' denen die Kosten zu Badereisen beigestellt wurden; nebst verschämten Armen, soweit der Verein von solchen Kenntniß erhielt, da solche Personen oft lieber hungern als um Unterstützungen werben, sicher trotz aller Nachforschungen auch sogenannte Berufsschnorrer, welche nicht selten Forderungen stellen, als ob für sie Gelddepots kn Verwahrung wären. Dabei hielt der Verein immer fest an der einzig bewährten Methode der Jndividualisirung jedes einzelnen Unterstützungsfalles. wodurch es zuweilen auch gelang, der Noth vorzubeugen oder dieselbe zu beseitigen; da zu Actionen letzterer Art immer größere Geldbeträge nothwendig sind, wurde in solchen Fällen ein Zusammenwirken mit anderen israel. Frauenvereinen angestrebt und auch erzielt. Auf diese Weise gelang es, um nur einige Beispiele anzuführen, einer Witwe, welche durch längere Zeit vom Vereine eine monatliche Unterstützung erhielt, einen Ernährer zu verschaffen, indem der Verein einem Sohne derselben zur Selbstständigmachung verhalf; so konnten einer Mutter für sich und deren sechs Kinder die Mittel zustande gebracht werden. damit sie zu ihrem Manne nach'Amerika reise, wo derselbe sich mittlerweile eine Existenz verschafft hatte; so wurde es ermöglicht, einem braven Familienvater, der sich hier nur äußerst kümmerlich erhalten hatte, aber in einer ziemlich entlegenen, ungarischen Stadt Arbeit und Erwerb hätte finden können, die Uebersiedlungskosten dahin und noch einen kleinen Subsiftenzfond für die erste Zeit zu übermitteln. Während seines nahezu sechsjährigen Bestandes hat der Verein —' es ergibt sich dies klar aus einer ziffermäßigen Zusammenstellung — von Jahr zu Jahr eine größere, immer aber eine segensreiche Thätigkeit entfaltet und so nahezu 28.400 K für wohlthätige Zwecke verwendet. So schön diese Erfolge auch sein mögen, so sind sie doch gleich einem Tropfen auf einem glühenden Eisen angesichts des gräßlichen Elends unter einem großen Theile der jüdischen Bewohner der Brigittenau, eines Elends, das umso bitterer empfunden wird, als es in vielen, vielen Fällen ein unverschuldetes ist. Unablässig sind nämlich diese Armen brutalem Haß und roher Berfolgungssucht ausgesetzt und darum auch unabläffig von wirthschaftlicher Schädigung bedroht. Dazu kommt noch, daß in Folge der Noth der Zeit, insbesondere aus den östlichen Provinzen, wo der Pauperismus immer mehr zunimmt, zahlreiche Israeliten zumeist ohne genügende Mittel zur Gründung einer neuen Lebensstellung nach Wien kommen, sich zu einem großen Theile in der Brigittenau ansiedeln und so die Reihen der hilfsbedürftigen Armen gewaltig vermehren. Wie gerne würde der so überaus humanitär wirkende Vorstand des Frauen-Wohlthätigkeitsvereines all' diesen Unglücklichen und Bedrängten zurufen: „Jeder, der hungrig ist, komme zu uns und sättige sich!" Allein der Bethätigung dieses Wollens steht ein unüberwindlicher Schranken im Wege, die Knappheit der Bereinscassa, und darum wird in warmen Worten das Mitgefühl angerufen aller edlen Menschenfreunde, opferfreudig ein Scherflein beizutragen zur Linderung der so außerordentlichen Noth unserer armen Glaubensgenossen. Möge dieser vom Herzen kommende Appell die Herzen aller jüdischen Wohlthäter rühren und zu Nutz und Frommen der Armen in der Brigittenau, dem Wiener Territorium des Königs Dalles, von reichlichem Erfolge begleitet sein. I. K.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.