Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 48 (29.11.1901)
- Date
- 1901-11-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 48 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 789 derung betheiligt haben, da jeder von ihnen einen Check von 2000 Francs, zahlbar durch die Congregatlon der frommen Schwestern von Saint-Vincent de Paul, als „Trinkgeld" ausgefolgt erhielt. Als dies bekannt wurde, begann eine allgemeine Plünderung, und da sich viele Soldaten beklagten, daß sie keinen Antkieil an den Checks erhalten hatten, so ließ General Voyron endlich den Artikel de- Militärstrafgesetzbuches über die Plünderung zur Anwendung bringen. Das Ausland habe mit dem Bericht Vohron's nichts zu thun — dies hat bekanntlich Waldeck-Roussean in der Kammer behauptet. Nur an einer Stelle macht der General die Bemerkung, daß die Soldaten einer gewissen Nation noch schlimmer gehaust hätten als die Franzosen. Die Mittheilung wird, wie man uns aus Paris telegraphirt, in der heutigen „Petite Republique" und „Aurore" b e st ä t i g t. Das Blatt erzählt noch, daß sich die Soldaten, die nicht für den Pater F a v i e r zu plündern hatten, auf eigene Faust einer Anzahl Silberbarren bemächtigt haben, die sie an Private, an den Restaurateur Chamot in Peking und den Pore Procureur der Mrssion gegen Checks abtraten, da sie das ungemünzte Silber nicht zu verwerten vermochten. Die Marinesoldaten, denen man diese Checks abzunehmen versuchte, hätten deren Herausgabe verweigert und sie auch schließlich behalten. Der Bericht sagt noch, ein Check auf 5000 Francs sei auf den Namen des Monsignore Favier ausgestellt gewesen, als Entschädigung für die von der Mission ausgegebenen Checks, die an die Soldaten als Entlohnung für ihre Hilfeleistung vertheilt worden seien. Der jüdische Arbeitsnachweis. Vor wenig Tagen hat der „Verein für unentgeltliche Arbeitsvermittlung" seine Jahresversammlung abgehalten, der wir in einer der früheren Nummern ein Präludium vorausgesendet haben. Der Verein hat 1600 Mitglieder — das ist relativ eine sehr hohe Zahl, die umso größeren Werth hat, als diese 1600 begeisterte, eifrige Anhänger sind, unermüdlich für die Ausbreitung der Idee sorgen und sich nicht mit der Beitragsleistung allein begnügen. Aber wenn wir 30.000 jüdische Steuerträger haben und ins Auge fassen, daß der Verein für jeden Einzelnen nützlich ist, jeder Familie, jedem Gewerbe, jedem Arbeiter dient, sind wir nicht berechtigt, zu fordern, daß jeder Haushalt, jede Unternehmung, ja jeder Arbeiter diesem Vereine angehöre und, sei es materiell, sei es moralisch, ihn unterstützt? So wie jetzt nahezu 10.000 Arbeiter sich an den Verein um Arbeitszuweisung gewendet haben, so müßten sich auch mindestens zehntausend Arbeitgeber seine Vermittlung erbieten, dann wird er nicht blos einer größeren Zahl von Arbeitern Beschäftigung zuweisen, sondern er wird seine ethischen und socialen Ausgaben in weit größerem Umfange als bisher erfüllen. Der Jahresbericht zeigt, wie viel des Guten gsechassen wurde. Den Juden nahezulegen, daß sie es bewirken müssen, ihn zu noch weit erfolgreicherer Thätigkeit zu bringen, darf man nicht müde werden. Die Generalversammlung fand Samstag Abends im Lesesaale des Wiener kaufmännischen Vereines statt und war ungemein zahlreich besucht. Als Vertreter der Cultusgemeinde war Landesschnlrath Dr. Gustav K o h n, als Vertreter des israelitischen Humanitätsvereins B. B. Herr Telisch er, als Vertreter des Vereins zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Gewerbetreibender Baurath W. S t i a ß n y, als Vertreter des Vereins zur Hebung der Gewerbe Herr S. B r o d anwesend. Der Präsident Dr. Klemperer begrüßte mit herzlicher Ansprache die Gäste und die Vereinsmilglieder. Der Präsident des Executivcomites Herr Eduard Wiener trug den Geschäftsbericht vor, dem wir nachstehende besonders interessante Details entnehmen: Der Verein hat sich nicht auf die intensive Arbeit des Bureaus beschränkt, sondern verschiedene Maßnahmen ergriffen , um sowohl Arbeitnehmer als besonders Arbeitgeber herauzuziehen. Es wurden Besprechungen veranstaltet, um die große Zahl der jüdischen Arbeitgeber für die Benützung unserer Vermittlungsthätigkeit zu gewinnen und wir müssen hiebei besonders die Versammlung von Architekten, Baumeistern und baugewerblichen Unternehmern hervorheben, welche in Gemeinschaft mit dem „Verein zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Kleingewerbetreibender" einberufen worden. Die Versammlung, um deren Zustandekommen und befriedigenden Verlauf sich besonders die Herren k. k. Oberbaurath Sigmund T a u s s i g, k. k. Baurath Wilhelm S t i a ß n y, die Architekten Max Fleischer und Friedrich Schön dankenswerthe Verdienste erwarben, hat dem Vereine Kreise erschlossen,, die ihm bis dahin ferne gestanden waren, und hat in weiterer Folge dahin geführt, daß nicht nur viele Bauhandwerker, sondern auch zahlreiche nicht qualificirte Arbeiter als Handlanger und H ilfsarbeiter untergebracht werden konnten. Es ist eine bekannte Thatsache, daß manche jüdische Handwerksgehilfen nur dadurch veranlaßt werden, sich selbstständig zu machen, weil es ihnen nicht möglich ist, als Gehilfen dauernde Arbeit zu erlangen, und es ist nicht zu leugnen, daß solche Handwerker ohne genügende Schulung und Betriebscapital durch minderwerthige Arbeit die Concurrenz solider jüdischer Meister zu unterbieten suchen. Solch' unreeller Wettbewerb trägt viel dazu bei, den guten Ruf der jüdischen Handwerker zu schädigen, und es ist deshalb nicht blos ein Gebot der Humanität, sondern auch ein Act der Klugheit, wenn jüdische Gewerbetreibende ihre Betriebe den arbeitenden Glaubensgenossen öffnen. Wir wirken bewußt zu Gunsten der jüdischen Arbeiter, aber sicherlich auch im Sinne der israelitischen Arbeitgeber, indem wir der Vermehrung des jüdischen Proletariats entgegenarbeiten, wir sind überzeugt, daß diese Anschauung immer mehr an Verbreitung gewinnen und sich als werthvoller Factor zur Förderung unserer Bestrebungen erweisen wird. Der Redner dankte der Wiener jüdischen Publicistik für ihre werthvolle Unterstützung und berief sich weiter auf die Veröffentlichung des Ausweises des Vereines in den Monatsheften der „Socialen Rundschau", des k. k. Arbeitsstatistischen Amtes im Handelsministerium sowie ans die Theilnahme an der Conferenz zur Ausgestaltung der Arbeitsvermittlungs-Statistik. Der Redner dankte ferner der Thätigkeit des Bureaus, insbesondere auch den Vereinsmitgliedern und Gönnern für die wohlwollende Förderung seitens der Wiener israelitischen Cultusgemeinde und dem Bankhaus Rosenfeld & C o., welches im Sinne seines verewigten Gründers dem Vereine fortdauernd seine selbstlose Hilfe leiht. Soll der Verein den steigenden Ansprüchen genügen, welche die traurigen Verhältnisse unserer Glaubensgenossen an ihn stellen, so ist es nöthig, daß neue Mitglieder und neue Auftraggeber gewonnen werden. Der Bericht wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen, ebenso der vom Schriftführer Dr. Lang st ein vorgetragene Bericht über die Anmeldungen, die Berufsstatistik und die Landesangehörigkeit und der vom Cassier Dr. Bela T a u s s i g mitgetheilte Cassenbericht, aus dem wir erwähnen, daß die Gesammteinnahmen 40.109 K betrugen, die Ausgaben ohne das vorjährige Gebahrungsdeficit und das diesjährige Saldo 28.000 X. Die Zahl der Anmeldungen von Arbeitnehmern hat 7200, von Arbeitgebern 3291, der Zuweisungen 6822, der Vormerkungen 1690 betragen. Der Vertreter der Cultusgemeinde Dr. Gustav Kohn sprach dem Wirken das vollste Lob aus und appellirte an alle Gemeindemitglieder, sich das Gedeihen dieses socialpolitisch so hochbedeutsamen Vereines angelegen sein zu lassen. Er hob auch die großen Verdienste des israel. Humanitätsvereines B. B. hervor und gab dem Wunsche Ausdruck, daß dieser Verein seine edlen Ziele in vollem Umfange erreichen möge. Der Präsident des Vereines zur Unterstützung der israelitischen Handwerker und Gewerbetreibenden Baurath Stiaßny betonte, daß aus der Mitte dieses Vereines der Gedinke zur Schaffung eines jüdischen Arbeitsnachweises hervorgegangen ist und sprach dem Vereinsvorstande