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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-11-29 · 48 (29.11.1901) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
48 (29.11.1901)
Date
1901-11-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 788 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 48 auf die Beobachtung der Staatsgrundgesetze, welche die Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Unterschied der Confession seststellen. Dieses Gesetz und dieser Eid werden von Dr. Lueger und zahlreichen Genossen mit Füßen getreten. Diese pflichtgemäße Abwehr eines jüdischen Abgeordneten gegen die gemeinen Angriffe des christlichsocialen Parlamentsclowns behagte dem Herrn Präsidenten nicht. Da paßte der Herr Dr. Kaiser curios auf, daß der „Rahmen" einer thatsächlichen Berichtigung nicht überschritten werde, und schließlich entzog er Dr. Byk das Wort. Man sieht, daß die „Parlamentarier" von der Sorte eines Ernst Schneider, dermalen einen entsprechenden „Präsidenten" besitzen. * * * In derselben Sitzung unter dem Vorsitze des Herrn Dr. Kaiser wäre es übrigens bald zu einer Prügelei zwischen den Alldeutschen und den Christlich-Socialen gekommen. Herr Malik rief dem Dr. Lueger zu: „Sie feiger Kerl, Sie Frechling, Sie Lump." Herr Eisenkolb erinnerte den Alois Liechtenstein an einige Details aus dem volkswirthschaftlichen Aufschwünge seiner Ahnen; etwas Falschmünzerei, ein wenig Straßenraub, wie er auch in besseren Familien schon vorgekommen ist, und an ähnliche Grundlagen des Liechtenstein'schen Wohlstandes. Dann hielt ein kurz gerathener dicker Mensch, mit einem Stiernacken, nämlich der Herr Josef Strobach, eine grob angelegte Rede, die wir im vollen Wortlaute wiedergeben, weil sie, wenn wir uns nicht irren, die größte Rede ist, die der würdevolle erste Bicebürgermeister von Wien jemals im Reichsrathe gehalten hat. Diese Rede lautet: „Sie gemeiner Schuft! Sie Lausbub! Sie Lump! Bei den Ohren soll man den Kerl nehmen!" Die Stenographen scheinen da etwas übersehenzu haben, denn wir vermissen da bei der Wiedergabe der Rede Strobach's den „lebhaften Beifall bei den Christlich-Socialen", und doch ist der Josef Strobach das charakteristische Prototyp der Gesellen, die heutzutage in Wien tonangebend sind. Man vergleiche nun dieses Benehmen der Alldeutschen und der Christlich-Socialen gegen einander im Parlament einerseits und ihre brüderliche Cooperation bei der Wahl des Gehilfenausschusses des Handelsgremiums zum Schutze des in seiner Position unmöglichen Axmann, und man weiß ungefähr was man von der Gesinnungstüchtigkeit und dem Charakter der beiden antisemitischen Parteien zu halten hat. Die wurzelhaften Alldeutschen sind dem christlich-socialen Axmann zu H^fe geeilt. Wie ein durchgefallener Obmann Jahre hindurch gegen Gesetz und Recht seine Stelle behält und jede Neuwahl nach Belieben vereitelt, das ist eines der lustigsten Capitel in der Geschichte der christlich-socialen Parteiherrschaft in Wien und verdient eine ausführliche Schilderung in dem voraussichtlich erscheinenden Werke:„Das christlich-sociale Wien in Wort und Schimpf." ->° * * Die Blätter berichteten dieser Tage über die Verhandlung gegen den Glasschleifer Johann Zerlinger aus Polna, welcher in dem Proceffe gegen Hilsner darüber aussagen sollte, daß er mit Hilsner nach der Ermordung der Agnes Hruza Karten gespielt habe. Dieser Zerlinger ist wiederholt abgestraft und hat neuerdings eine Majestätsbeleidigung begangen. Das „Deutsche Volksblatt" gibt dem allen Blättern zugekvmmenen gleichlautenden Berichte den eigenen Titel: „Ein Freund Hilsner's". Nun wird in diesem selben Berichte auch im „Deutschen Volksblatt" erzählt, daß Zerlinger an den Excessen gegen die Polnaer Judenschaft theilgenommen hat und deshalb zu acht Monaten schweren Kerkers verurtheilt wurde. Zerlinger ist also, wie aus diesen Thatsachen hervorgeht, ein enragirter Antisemit, ein Märtyrer der antisemitischen Propaganda. Das „Deutsche Volksblatt" hat sich also entschieden vergriffen, als es den erwähnten Titel wählte. „Ein Freund Verganis", das wäre viel zutreffender gewesen, oder noch besser „Ein Freund des Hans Arnold Schwer", das ist jenes Individuums, welches in der Polnaer Affaire eine so verächtliche Rolle spielte, daß ihn die christlich-sociale Partei in Wien sofort würdig hielt, dem derzeitigen Gemeinderathe incorporirt zu werden. * * * Ein strammer Gesinnungsgenosse Vergani's und Schweres ist auch ein gewisser Josef B o u z e k in Prag, der dem jüdischen Arbeiter Alois Glas nach einem Streite auflauerte und ihn durch mehrere Messerstiche, von denen einer in das Herz drang, tödtete. Er rühmte sich in einer Branntweinschänke nach der That mit den Worten: „Ich bin froh, daß es ein Jude ist, wenigstens krieg ich nicht so viel, wenn ich ihn todtgestocheu Hab". Dieses vereinzelte Vorkommniß ist ungemein lehrreich. Es zeigt, welche Meinungen und Ansichten in den unteren Volksschichten durch die antisemitische Propaganda erzeugt werden. Der Todtschläger, der überzeugt ist, daß er „weniger kriegt", wenn sein Opfer ein Jude ist, ist ein gelehriger Zögling aus der Schule Ernst Schneider's, der ein Schußgeld für Juden verlangt hat und der die Juden, wie er selbst erklärt, am liebsten allesammt ersäufen würde. Ein interessantes Sympton ist es nun, daß dieser Todtschläger die Meinung hegte, das Leben eines Juden werde auch von den Richtern für minderwerthig gehalten, so daß die Strafe für einen an einem Juden begangenen Todtschlag milder ausfallen dürfte, als wenn der Ermordete ein Christ gewesen wäre. Der Mann wurde zu achtzehn Monaten schweren Kerkers verurtheilt. Als Nichtjurist maße ich mir kein Urtheil darüber an, ob dieses Strafausmaß den Erwartungen des Angeklagten entsprochen oder ihn enttäuscht hat. J-denfalls kann Ernst Schneider an einem solchen Parteigänger seine Herzensfreude haben und er hat es gewiß mit congenialem Vergnügen gelesen, daß dieser Josef Bouzek an demselben Tage, an welchem er den Todtschlag beging, eine Katze gefangen und ihr die Füße entzweigebrochen hat. Wer da noch nicht begreift, wie der Antisemitismus die Herzen veredelt, und welche herrliches Culturelement er darstelll, hat derzeit sehr geringe Chancen, in Wien Gemeinderath zu werden. * * * Die Früchte der kommunalen Mißwirtschaft in Wien werden reif und sie fallen den Steuerträgern nicht in den Schoß, sondern auf den Kopf, daß ihnen Hören und Sehen vergeht, aber leider nicht das Zahlen. Für das klaffende Deficit des städtischen Budgets haben die Herren bekanntlich ein prachtvolles Schlagwort geprägt: „Ausgaben-Ueber schuß". Für ihre neueste finanzpolitische That, die Erhöhung der Umlagen, die durch eine minime Ermäßigung der Zinsheller beschönigt wird, suchen die Herren noch nach einem paffenden Vexir-Ausdruck. Das Foppen der Steuerträger hat ihnen Donat Ziffer er mit seiner so bescheiden porgetragenen und dennoch den Kern der Sache bloßlegenden Kritik gründlich vereitelt. Zrfferer ist seinen christlich-socialen „Collegen" im Gemeinderathe ein Dorn im Auge. Er entwickelt kein Pathos, er perorirt nicht; er arbeitet mit Thatsachen und Ziffern, mit nüchterner, überzeugender Logik. Unerbittlich zerstörte er die vom Stadtrathe unternommene Verschleierung des wahren Sachverhaltes und wies nach, daß die Wiener Hausbesitzer, nota bene mit Ausnahme der „steuerfreien", empfindlich mehr zu zahlen haben und daß der stadträthliche Antrag den Besitz der Hausherren um circa 5 Percent entmerthete. Daß die Anträge des Stadtrathes die nöthige Majorität fanden, ist selbstverständlich, denn wozu wären sonst die Barriörestöcke im neunzehnten Jahrhundert erfunden worden. Sie bilden ja ein Seitenstück zur drahtlosen Telegraphie; sie repräsentiren die mundlose Rhetorik. Damit haben wir der städtischen Finänzverwaltung noch immer nicht das Pendant zum „Ausgaben-Ueberschuß" geliefert. Vielleicht geht es mit „Ermäßigung der Steuernachlässe". I s 6 g r i m m. Plündernde Missionäre. Wien, 26. November. Gestern sind in der französischen Deputirtenkammer zwei Anträge auf Veröffentlichung des geheimenBer i ch t e s des Generals V o y r o n an den Marineminister L a n e s s a n über die von französischen Missionären mit Unterstützung französischerSoldaten ausgeführten Plünderungen in Peking gestellt worden. Beide Anträge wurden abgelehnt. Mittlerweile hat Clemenceau in seinem Blatte „Bloc" einige Stellen aus diesem Bericht publicirt. Am 14. August, schreibt Clemenceau, also zwei Tage nach dem Einzug der Europäer in Peking, wurden die Dämme der Mannszucht plötzlich durch das Beispiel der Eollectivplünderung der Mönche unter der Leitung des für diese That von Delcasse decorirten Paters F a v i e r durchbrochen. Der General V o y r o n berichtet nämlich, daß man am 17. August vor. dem Palast des kaiserlichen Prinzen Li einen langen Zug von vierzig Wagen und Karren unter der Leitung des Bischofs Favier und seiner Mönche in Begleitung von dreihundert bis vierhundert christlichen Eingeborenen, ferner von französischen Soldaten und Matrosen,, deren Ziffer abzuschätzen der General sich hütet, halten sah. Die Fuhrwerke luden Silberbarren auf, deren Gesammtwerth General Voyron auf 300.000 bis 40O.000 Francs schätzt. Diese Summe ist jedoch wahrscheinlich ungenau, doch wäre sie vielleicht festzustelleu, wenn man wüßte, wie viel Soldaten und Matrosen sich an der Plün-

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