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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-11-29 · 48 (29.11.1901) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
48 (29.11.1901)
Date
1901-11-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 48 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 787 Arbeit wird hier Wunder thun und .hat sie schon gethan. Durch die erste Hausindustrie, die der galizische Hilfsverein neu eingeführt hat: die Herstellung von Stirnnetzen, sind bisher mehr als 700 Mädchen in Arbeit und Verdienst getreten und schon drängen sich Tausende heran, die in gleicher Weise beschäftigt sein wollen. Der Anfang entspricht den bisherigen bescheidenen Mitteln des Vereines. Soll das Rettnngswerk in großem Style in Angriff genommen werden,^dann ist biezu die werkthätige Mithilfe jedes Einzelnen unserer Glaubeusbrüder erforderlich. Das Almosen, das gegeben wird, züchtet nur immer neue Schaaren von Bettlern heran; der Betrag von jährlichen 4 Kronen, zur Begründung nützlicher und fruchtbringender Thätigkeit verwendet, macht aus den Bettlern, arbeitsame Menschen und staut die Fluth der galizischen Einwanderer zurück, diefrüher oder später auch uns in ihrElend hinein reißen würden. Vom Jahrmarkt des Levens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Eine Dankadresse an den Episcopat. — Christliche Liebe und antisemitische Hetze. — Lebhafter Beifall bei den Christlich-Socialen. — Zweierlei Maß und zweierlei Eid. — Eine Rede Strobach's. — Äxmann in der Geschichte Wiens. — Ein Freund Ver gäni's. — Es war nur ein Jud. — Donat Zifferer über die communale Finanzpolitik.)-'?, Wir möchten unseren Glaubensgenossen Vorschlägen, an den österreichischen Episcopat eine Dankadresse zu richten wegen der zum Herzen dringenden Worte, mit welchen die hochwürdigen Bischöfe allen Katholiken Oesterreichs die Lehren der christlichen Nächstenliebe ins Gedächtniß rufen. Wenn die christliche Bevölkerung sich diese Lehren zu Herzen nimmt und sie befolgt, dann hat das letzte Stündlein des Antisemitismus in Oesterreich geschlagen. Der Hirtenbrief spricht von der Liebe, die geduldig und gütig ist, die nickt beneidet, nicht unbescheiden handelt, nicht aufgeblasen, nicht ehrgeizig, nicht selbstsüchtig ist, die sich nicht erbittern läßt und nichts Arges denkt, die sich nicht der Ungerechtigkeit freut, aber Freude hat an der Wahrheit. Man vergleiche doch mit diesen von den Kirchenfürsten Oesterreichs formulirten Merkmalen der christlichen Liebe die Eigenschaften und das Betragen jener Leute, die bei uns im Vordergründe der antisemitischen Bewegung stehen und sich hiebei als Vertheidiger des Christenthums geriren. Sie sind weder geduldig, noch gütig, sie sind neidisch und unbescheiden, aufgeblasen, ehrgeizig und selbstsüchtig. Sie erfreuen sich der Ungerechtigkeit, die sie täglich begehen und haben keine Freude an der Wahrheit. Und noch eine Stelle aus dem Hirtenbriefe des hochwürdigen Episcopats sei hier citirt, die folgendermaßen lautet: ^Gewiß werden die österreichischen Katholiken ihren andersgläubigen Mitbürgern das hohe Gut des katholischen Glaubens, das sie selbst besitzen, in christlicher Nächstenliebe wünschen dürfen. Aber nie hat dieser Wunsch die Pflichten der Gerechtigkeit verletzt. Unter dem Schutze einer wahren Parität haben sich die Angehörigen jedes anderen christlichen Bekenntnisses in Oesterreich bisher eines ungetrübten Friedens zu erfreuen gehabt. Wo ist ein katholischer Priester, der diese Parität, diese Gleichstellung angetastet hätte oder den Bekennern einer anderen Confession lästig geworden wäre? Wann haben die österreichischen Katholiken auf ihren Versammlungen Schmähreden und verletzende Worte gegen ihre Mitbürger wegen der Verschiedenheit des christlichen Bekenntnisses gesprochen?" Diese Stelle ist für uns Juden sehr wichtig und sehr interessant. Wir wollen keineswegs verkennen, daß hier nur von der Duldung gegenüber christlichen Cvnfessionen die Rede ist und daß von denjenigen, die die Verfolgung der Juden als Geschäft betreiben, aus dieser Einschränkung gefolgert werden könnte, daß nach Ansicht des österreichischen Episcopats die Grundsätze der Gerechtigkeit gegenüber Andersgläubigen bezüglich der Juden keine Geltung haben. Darf irgend Jemand es wirklich wagen, den Kirchenfürsten zuzumuthen, daß sie die Gebote der Nächstenliebe, der Gerechtigkeit und der Duldung als die wichtigsten Merkmale christlicher Gesinnung hinstellen, die aber sofort gegenstandslos werden, wenn es sich um Nichtchristen handelt? Und weil wir das für unmöglich halten, möchten wir den hochwürdigsten Episcopat ehrerbietigst darauf aufmerksam machen, daß allerdings eme gewisse Sorte von Priestern den Bekennern der jüdischen Confession lästig zu werden bemüht ist, daß sie in Versammlungen Schmähreden und verletzende Worte gegen ihre jüdischen Mitbürger spricht, daß sie zum Hasse und zur Verachtung gegen die Juden aufzureizen bemüht ist. Wir wollen keine Namen n-nnen und brauchen sie nicht zu nennen; sie sind den hockwürdigeu Herren B schüfen ohnehin bekannt. Aber wir gehen noch Witter. Es ist uotoriick, daß die antisemitische Hetze in Österreich der angeblichen Bertheidigung des angeblich gefährdeten Christentliums als eines Borwandes sich bedient, um unter flagranter Berlitzung jener Grundsätze, die der Episcopat als den Inbegriff der christlichen Liebe proclamirt, die jüdische Bevölkerung zu verfolgen und sie dem künstlich erzeugten und mit Vorbedacht gesteigerten Hasse ihrer christlichen Mitbürger auszusetzen. Entspricht dieser Vorgang den Intentionen des Episcopats? Gewiß nicht. Aus diesem Grunde bedauern wir es lebhaft, daß in dem Hirtenbriefe die vorgeschriebene Duldung gegenüber den B kennern eines anderen Glaubens auf die ch.Wichen Confessiouen eing>-'chlänkt erscheint. In diesem Punkte wünschen wir dringend voll- Klarheit; es wäre eine große Beruhigung für uns imd würde g'Nviß aus die Bevölkerung, insoweit sie der Belehrung überhaupt zu?,mißlich sein will, großen Eindruck machen, wenn die hochwürdigsten Herren Bischöfe ausdrücklich erklären würden, daß die von ihnen proclamirten Grundsätze christlicher Nächstenliebe und Duldung gegen Andersgläubige auch hinsichtlich der Juden wirksam zu sein nicht aufhören. Das W rk des Hasses und der Bosheit zu verurtheilen, jede Gemeinschaft mit der antisemitischen Hetze ausdrücklich abzulehnen, wäre unserer Meinung und unserem dringenden Wunsche nach eine Ehrensache für den österreichischen Episcopat. * * * Ist der Pater Abel geduldig und gütig? Der Alois Liechtenstein „nicht unbescheiden", der Josef Strobach „nicht aufgeblasen?u Der Dr. Lueger „nicht ehrgeizig, der Herr Axmann nicht selbstsüchtig?" Hat der Ernst Schnerder „Freude an der Wahrheit?" An der Hand des bischöflichen Hirtenbriefes sollte man die Aickung dieser Patentchristen versuchen, und man hat einen beiläufigen Maßstab, um diese Erscheinungen nock ihrem wirklichen ethischen Werth richtig zu taxicen.. In dem Ensemble dieser Gesellschaft gilt bekanntlich Ernst Schneider als der Clown, an dessen Purzelbäumen der Pöbel seine helle Freude hat. Wenn er die Macht der Inquisitoren hätte, sagte dieser Trunkenbold in der Debatte über die Coimregationen, so wäre der Torquemada gegen ihn ein Schusterbub, und wenn er die Judentaufe durchführen würde, so würde er die Juden fünf Minuten lang unter Wasser halten. Wen solche Späße belustigen, haben wir soeben gesagt und thatsächlich bezeichnen die Parlamentsberichte: „Lebhafter Beifall bei den Christlich-Socialen." Daß ein Ernst Schneider im Abgeordnetenhause sitzt, ist im Allgemeinen eine Schande für Oesterreich. Daß die Christlich-Socialen ihm Beifall spenden, zeigt nur, daß er ihrer würdig ist und ist die ganze besondere Schande der Christlich-Socialen. * * * Es ist interessant, daß die „Rede" Schneider's, das ist die Aneinanderreihung einer Anzahl von gassenbübischen Hepp- Hepp-Rufen, dieses rhetorische Zungeherausstrecken eines Menschen, der aus jeder gesitteten Gemeinschaft hinausgeworfen werden müßte, vom Präsidenten ruhig angehört wurde, obgleich der „Judenpunkt" gar nicht Gegenstand der Verhandlung war. Viel eifriger war Herr Dr. Kaiser darauf bedacht, das Thema der Erörterung geschäflsordnunasmäßig abzugrenzn, als der Abgeordnete Dr. B Y k sich verpflichtet hielt, einige läppische Behauptungen des Ernst Schnerder als Lügen zu kennzeichnen. Die Bemerkungen des Dr. Byk waren durchaus maßvoll und sachlich. Er kennzeichnete es als eme crasft Unwahrheit, daß die Juden, wie der Meister Stampiglius beha, ptet, nichts arbeiten, weil ja Tausende jüdischer Arbeiter den Ernst Schneider lügen strafen. Er protestirte gegen die ebenso freche als erlogene Ausführung Schneider's bezüglich der Hinterhältigkeit der Juden bei der Ablegung eines Eides. Besonders treffend war der Hinweis des jüdischen Abgeordneten auf den Eid, den beispielsweise Doctor Lueger in zweifacher Eigenschaft schwören mußte, als Abgeordneter und als Bürgermeister der Stadt Wien, nämlich den Eid

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