Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 48 (29.11.1901)
- Date
- 1901-11-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 786 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 48 Dazu kamen die verderblichen Nachwirkungen des famosen Geschäftes, welches die Schlachta mit der Ablösung der Propiuatiou gemacht hatte. Die 62 Millionen, welche das Land für die Ueberlassung der Schankgerechtigkeit bezahlt hatte, wurden in kurzer Zeit verjubelt. Nun mußte der. A>er die Ohren verschuldete Großgrundbesitz für die Prvpiuattou eineu hohen Pacht bezahlen, und um diesen herauszuschlvgen, steigerte er den jüdischen Subpächler ins Maßlose. Der Jude, der früher von dem Ertrage der Sck änke sein bescheidenes aber ruhiges Auskommen hatte, mußte nun, um bestehen zu können, zu allen möglichen und immöglicheu Nebeugeschäften seine Zuflucht nehmen und zog füll so den Haß der bäuerlichen Bevölkerung zu. Die Juden waren der Schwamm, mit dessen Hilfe die Schlachta den Bauern das Mark aus dem Leibe preßte, und alle Erbitterung entlud sich auf die unglücklichen Handlanger des gewissenlosen Adels. Derselbe Adel aber, der sich der Juden zur Aussaugung des Landes bediente, schürte unausgesetzt dni Haß gegen ft. Der vom Jesuitenpater Badeni, einem Vetter des Laudmarschalls, gepredigte Asemitismus wurde zum leitenden Principe der autonomen Landesverwaltuug und der Starrsbehörde. Man entzog den Juden die Mauthpachten, den Salzhaudel, die Tabak-Trafiken, man belegte sie mit unerschwinglichen Steuern, entzog ihnen alle concessionirten Gewerbe und schloß sie von allen Lieferungen und Coucursausschreibuugeu aus. Charakteristisch ist das taort des zurückgetretenen Laudmarschalls Grafen Stanislaus Badein in Bezug auf die Juden: „Man nehme der Biene den Honig und sie wird von selber crepiren." Das ist das politische und wirthschaftliche Programm der Schlachta gegenüber den Juden. Daß im Post- und Eiseubahudienste, in den öffentlichen Creditinstituten, in den staatlichen und commnualeu Aemtern Juden keine Anstellung fanden, ist tiiie selbstverständliche Sache. Der Hals wurde ihnen zugeschnürt, und wenn mau deu leitenden Persönlichkeiten die Frage vorlegt«', wovon denn mehr als eine halbe Million Menschen leben solle, zuckten die Herren lächelnd die Achseln und antworteten mit dem bekannten * Ausspruche Napoleons: „Je n’en voi pas la necessiteoder sie ertheilten, wie der derzeitige Statthalter Graf Pininski, den ebenso billigen als heuchlerischen Rath: „Beschäftigen Sie sich mit der Frage der Emigration". Der Rath war heuchlerisch, denn es gibt aus dem ganzen Erdball keinen Menschen, der mit innigerer Liebe au seiuem Vaterlande hängt, als der galizische Jude. Wenn dem,och der Zuzug des galizisch-jüdischen Proletariates nach dem Westen, Und namentlich nach Wien sich von Jahr zu Jahr ins Abgemessene steigert, so daß diese Fluth die alten jüdischen Culturstätten zu verschlingen droht, so mag mau darin einen Maßstab für das grauenhafte Judenelend in Galizien erblicken. Tatsächlich steht die Judenschaft Mittel- und Westösterreichs vor einer. furchtbaren Gefahr. Nicht allein, daß wir mehr und mehr von galizischen Elementen instttrirt werden und daß diese Elen,eute einen fortdauernden, sich stets erneuernden Anreiz für deu Antisemitismus bilden, so sind wir nun bereits außer Stande, die Last, die uns die Erhaltung dieser Einwanderer auferlegt, zu ertragen. Das Armeubudget der Wiener Cultusgemeinde ist so hoch gestiegen, daß alle Steuererhöhungen sich wirkungslos erweisen uud daß die Gemeinde ihren statutenmäßigen Aufgaben nicht mehr gerecht zu werden vermag. Aus den Pröviuzgemeindeu kommen Klagen über die exorbitante Zunahme des jüdischen Wauderbettels. Weit hinaus nach Norduud Süddeutschland, ja bis Frankreich geht dieser Strom des galizisch-jüdischen Proletariats, der nur noch in der Massenauswanderung der galizischen Bauern seines Gleichen hat. Was HUft es, daß das mittel- und westeuropäische Judenthum sich auf eine hohe Stufe der Bildung und Gesittung erhoben, daß es durch glänzende Geistesthaten sich ein Anrecht auf Gleichberechtigung und Gleichwerthigkeit mit anderen Culturnationen erworben hat, wenn von Galizien her immer neue Schaann herandrängen, deren Sitten und sociale Anschauungen uns genau so fremd sind, wie jene der Herren Krapulinski uud Waschlapski? Das soll kein Vorwurf gegen die armen Juden sein, die unter deni grausamen Drucke ihrer Umgebung' verkümmert sind. Wenn darin ein Vorwurf liegt, so richtet er sich gegen das polnische Halbasiatenthum und gegen die österreichische Regierung, die nichts gethan hat, um diese traurigen Zustände zu ändern und die galizischen Juden zu einem menschenwürdigen Dasein emporzuhebeu, obwohl das Beispiel der Juden in Russisch-Polen sie lehren konnte, was aus diesen geistig so hochbegabten Menschen zu machen wäre. Um der drohenden Gefahr, die wir wahrhaftig noch nicht grell genug geschildert haben, zu begegnen, gibt es nur ein einziges Mittel: deu galizischen Juden im Lande selbst Arbeit und Verdienst zu schaffen, sie aus dem Handel, der, sie nicht mehr ernährt, hinüberzuführen in neue Erwerbsrhätigkeiten. Diese große Aufgabe hat sich der vor Jahresfrist gegründete g a l i zisch e H ilss ver ein gestellt, der unter der Leitung seines ausgezeichneten Präsidenten, >>errn Moxiniilian Paut-Schiff, trotz der kurzen Zeit seines Bestandes bereits namhafte Erfolge zu verzeichnen hat. Der galizische Hilfsverein ist aus dem Zusammenwirken der Humanitätsvereine Bne Britta hervorgegangen und vornehmlich eine Schöpmug der Wiener Loge uud ihres unermüdlichen Apostels Dr. Edmund K o h n. Dem Beginne seiner Thätigkeit sind gründliche Erhebungen über die wirthschaftlichen und culturellen Verhältnisse der galizischen Juden und über die Ursachen ihrer Nothlage vorausgegangen. Aus diesen Erhebungen gewann der Verein die Erkenntniß, daß die Bestrebungen, die galizischen Juden zu Ackerbauern zu machen, sowohl mit Rücksicht aufdie Eifersucht, mit welcher der Pole seinen „nationalen Grund und Boden" vertheidigt, in absehbarer Zeit kaum zu. uenneuswerthen Resultaten führen könnten. Dagegen steht der Uebersührung der jüdischen Bevölkerung zur industriellen Lohnarbeit kein erhebliches Hinderniß im Wege, seit die Schlachta selbst zur Einsicht gelangt ist, daß ihr eigener Untergang nur durch die Jndustrialisirung des Landes verhindert werden kann. Lange Zeit haben sich die Grundbesitzer dagegen gesträubt, aus dieser Einsicht die praktischen Conseqnenzen zu ziehen, weil sie befürchteten, daß durch die höheren Löhne der industriellen Production auch die erbärmlichen landwirthschastlichen Löhne in die Höhe getrieben würden. Aber die finanziellen Katastrophen der jüngsten Zeit, die auch alte und vornehme Geschlechter in Mitleidenschaft zogen, haben einen Wandel in diesen avitischen Anschauungen herbeigeführt. Für den Anfang muß sich der galizische Hilfsverein ans mannigfachen Gründen allerdings auf die Einführung und Förderung von H a u si ndustrie n beschränken. Erst wenn den galizischen Inden der Segen manueller Arbeit durch kleinere, aber erfolgreiche Unternehmungen demonstrirt sein wird, wird man an größere industrielle Unternehmungen in Anlehnung an die Urproduction des Landes denken können. Es ist klar, daß zu . alledem sehr bedeutende Mittel erforderlich sind, die nicht von Einzelnen, sondern nur durch die Macht der Organisation aufgebracht werden können. Der galizische Hilfsvereinmuß daher an oen Opfermuth der Glaubensgenossen der ganzen Welt, vor Allem aber an jenen der öfterreichlichen Juden appelliren, die von der galizischen Gefahr zunächst bedroht sind. Es ist ein Gebot der Selbsterhaltung, durch den Beitritt zu diesem Vereine und die Entrichtung des gering bemessenen Mit^liedsbeitrages von 4 Kronen an der Verbesserung der Lage der galizischen Juden miizuhelfen. Man gebe diesen armen, niedergetretenen, halbverhungerten Menschen nur erst Brot, und man wird staunen, wie rasch auch die geistige und sittliche Erhebung der galizischen Juden von statten gehen wird. Die erziehliche Wirkung der