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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-11-29 · 48 (29.11.1901) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
48 (29.11.1901)
Date
1901-11-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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itr.S48 Dr. üloch’s Jahrgang XVIII Centrslorgan für die gessmmien Interrften des Iudenthums. =* K. ft. Postsparraffen-Amt Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Lrdartton und Administration: Viru IX/1, Berggaffe Nr. 39. Telephon Nr. 14.847.- Mien, 29. Uovemder 1901. Lrsch eint jeden Freitag. - ’M——^- Brief-Adreffe: Wien, IX/1, Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Dezugsprei» für Srsterrrtch: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller, Für's Amtland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die4malgespaltene Prtitzeile 24 Heller. m Inhalt. Leitartikel: Das Elend der galizischen Juden. — Vom Jahrmarkt des Lebe ns: Glossen zur Tagesgeschichte. — Plündernde Missionäre. — Der jüdische Arbeitsnachweis. — König Dalles' Reich. — Die Juden in Rumänien. — Abgeordneter Dr. Emil Byk gegen Ernst Schneider. — Correspondenzen:!:Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wren, Troppau, Leitmeritz, Budapest, Das neue Waisenhaus des Pester israelitischen Frauenvereines. Budapest, Dresden. Darmstadt, Eine jüdische Gemeinde auf Cuba. Die Grundsteinlegung der neuen Synagoge in Macon (Georgia). — Vermischtes: Wien, Floridsdorf, Auspitz, Falkenau a. d. Eger, Marienbad, Prag, Preßburg, Bielitz-Biala, Bukarest. — Feuilleton: Aus dem galizischen Leben. — Briefkasten. — Stimmen aus dem Publicum. — Inserate. Das Glend der gallischen Inden. Die Wanderzüge russischer und rumänischer Juden, die vor der nackten Gewalt flüchteten, haben die abendländische Judenschaft mit Schrecken und Mitleid erfüllt. Man sah sie leibhaftig vor Augen, die verzweifelnden Männer, die abgehärmten Frauen, die hungernden Kinder — zu Tausenden lagerten sie in Brody und Oswiecim, in Orsova und auf dem Wiener Praterquai, aus der Heimat vertrieben, dem Elend preisgegeben. Das griff uns ans Herz, das rührte an die Nerven und weckte werkthätiges Erbarmen. Die Noth der galizischen Juden ist von stillerer Art, aber weitaus schrecklicher. Man jagt sie nicht fort aus ihren angestammten Wohnsitzen, man duldet sie, aber man erwürgt sie langsam. Und weil wir die Unglücklichen nicht in Massen vor uns sehen, haben wir hier im Westen kaum eine annähernde Vorstellung von ihren Leiden. Der tückisch schleichende Antisemitismus der Schlachta hat die galizischen Juden zum Hungertode verurtheilt. Von Kasimir dem Großen ins Land gerufen, um als Händler und Vermittler den fehlenden Mittelstand zu ersetzen, waren sie Jahrhunderte lang auf den Handel als ihre ausschließliche Erwerbsquelle angewiesen. Und nun verlegt man ihnen systematisch diese Erwerbsquelle, nun nimmt man ihnen jede Möglichkeit der Existenz. Von den nahezu 800.000 Juden Galiziens fristen mehr als 500.000 ihr erbärmliches Dasein von Nahrungsmitteln, die als Hundefutter zu schlecht sind, und 10.000 sterben alljährlich am Hungertyphus. Ich habe Männer gekannt, auf deren Begabung, talmudisches Wissen und eminenten Fleiß ich in meiner frühesten Jugend mit Neid geblickt habe. Einer von diesen ist vor wenigen Jahren auf der Straße todt zusammengesuuken: er war buchstäblich verhungert. Und die Noth steigert sich von Tag zu Tag, der Hunger fordert immer gräßlichere Opfer unter Jungund Alt, und das innerhalb der Gemarkungen Oesterreichs. Man ist bei uns, auch in jüdischen Kreisen, geneigt, den galizischen Juden mit Antipathie zu begegnen. Aber nur Wenigen fällt es ein, den Ursachen seiner physischen und moralischen Degeneriruug nachzuforschen und sich zu sagen, daß Schmutz, Krankheit und sittliche Entartung in der ganzen Welt die Begleiterscheinungen des Elends sind und daß die abstoßenden Eigenschaften das nothwendige Product der Entrechtung und Unterdrückung sind. Der galizische Jude hat übrigens einen Leidensgenossen, den galizischen Bauer. Die jahrhundertlange Mißwirtschaft des Adels hat auch diesen zum Thiere herabgewürdigt. Und gerade aus diesem Bestreben einsichtiger Elemente, den Bauer wieder zum Menschen zu machen, entsprang eine Verschärfung der Nothlage der Juden. Maßregeln, welche die autonome Landesverwaltung zur Hebung der allgemeinen Volkswohlfahrt durchführte, kehrten in Folge der eigenartigen wirthschaftlichen und socialenVerhältnisse des Landes ihre Spitze gegen die Juden, ohne daß ihnen von Haus aus eine antisemitische " Tendenz zugeschrieben werden konnte. Galizien leidet im Verhältnisse zu seinen Hilfsquellen an einer argen Uebervölkerung. Es gibt kein Land der Welt, das bei einem so ausgesprochen agricolen Charakter eine solche Dichte der Bevölkerung auszuweisen hätte, wie Galizien. Mit anderen Worten: die Landwirtschaft allein, deren Betrieb überdies noch ein ungemein primitiver ist, kann die Bewohner des Landes nicht mehr ernähren. Außerdem haftet der Bauer mit beispielloser Zähigkeit an der Scholle. Die Folge davon ist eine unglaubliche Zerstückelung des Bodens in ertraglose Kleinwirthschaften und die zunehmende Verschuldung und Verarmung des Bauernstandes. Innerhalb dieser ärmlichen Landbevölkerung ist aber jeder achte Mensch ein Jude, d. i. ein Händler. Diesen abnormen Zustand erträgt für die Dauer kein Land. Um der Verarmung der bäuerlichen Bevölkerung entgegenzuwirken, hat man mit Unterstützung der autonomen Landesverwaltung Tausende landwirthschaftlicher Genossenschaften gegründet, welche Ein-und Verkauf gegen eine geringe Provision besorgen. Es ist keinDörstein so klein, in dem sich nicht eine solche kolka rolnice fände. Damit ist naturgemäß der Kleinhandel dem Juden aus der Hand genommen und die Tausende jüdischer Dorfkrämer wurden an den Bettelstab' gebracht. Durch den Ausbau der Eisenbahnen und Straßen wurde dem Bauer auch der directe Verkehr mit der Stadt erleichert und die Bedeutung der Märkte herabgedrückt. Die Vermittlung der Juden wurde entbehrlich und wieder andere Tausende, die als Fuhrwerker, als Händler mit Vieh, Eiern, Geflügel, Federn und Butter ihr Brot verdient hatten, verloren ihre Existenz.

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