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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-11-22 · 47 (22.11.1901) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
47 (22.11.1901)
Date
1901-11-22
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 47 Dr. BLoch's Wochenschrift. Seite 783 Alexander durfte das Bewußisern haben, daß er sein Schicksal selbst geschmiedet. „Ich komme als Untersuchungsrichter des Bezirksgerichtes in Angelegenheit der russischen Reichsschatzscheine/ sagte er in kaltem, fremdem Tone zu Simon; „wo ist die Frau Pereles?" „Verreist, Euer Gnaden." „Wohin?" „Wie soll ich es wissen?" „Sie sind ja der Verwalter." „Ich bin nur ein Diener, in der Brennerei angestellt und kann dem Herrn Rechter gar keine Auskunft geben." „Sucht mich nicht zu betrügen". brauste der Beamte aus. „Die Leute sagten mir, daß Sie hier Alles sind und Alles wissen müssen." „Man thut mir Unrecht; die Leute wollen mich ins Unglück bringen. Ich schwöre Ihnen bei Gott —" „Schwören Sie nicht falsch! Worauf wollen Sie schwören?" Der Verwalter wurde ganz coiisus. „Ich wollte nicht schwören. Es ist nur so eine Redensart, wie man fügt, meine Frau soll mir so leben, oder ich schwöre bei meinem Kopfe, oder so wahr heule Dienstag ist; aber schwören wollte ich nicht; für das Crinilnal oin ich zu arl." „So sagt ohne Schwur die Wahrheit, wo sich Frau Pereles gegenwärtig befindet." „Kann man es bei ihr wissen? Sie betrügt ja alle Weit! Sagt sie, daß sie nach Rußland fährt, so reist sie nach BreSlau; kommt eia Brief aus Berdyczew, so ist sie in Hotzenplotz." „Schön, aber ich glaube Ihnen nicht ein Wort", verfitzte Doctor Perlowski geärgert. „Ich werde schon die Wahrheit herauSbringen. Ich werde Sie einladen, mit mir für einige Atonale nach S. zu fahren." „Gerechter Gott, Herr Richter, Sie wollen mich doch nicht auch einjperren? Es gehl hier ja die ganze Wirthschasl zu Grunde, wenn ich fort bin!“ „So antworten Sie die Wahrheit." „Alles, was Sie wollen." „Wo ist Frau Pereles?" „Ich müßte einen so vornehmen und edlen Herrii, die rechte Hand unseres gilädlgen Kaisers, belügen und betrügen, wenn ich sagen würdeda und dort, weil ich es einfach urchl weiß; ich kann nur sagen, ich veruruthe, sie ist in Rußland, iveil unten, in Zytomrr, in Kiew, noch weiter. Mein Gott, die Angst, eingefperrt zu werden, kann Einen bis Sibirien treiben. Rußland ist groß", versetzte der schlaue Brenner. „Auf mich macht es den Eindruck, lieber Mann", sagte der Adjunct strenge, „daß Sie bei dieser Sache nicht gar so nnbetheiligt sind, als Sie sich stellen, und geriebener sind, als Sie ausseyen. Sagen Sie mir, wer hat Beschwerde in Lemberg geführt, daß die Untersuchung so lange dauert?" Simon begann zu zittern; er wurde immer kleiner. ' „Der Advocat", erwiderte er. „Wir haben, das heißt, die Frau Pereles hat einen elenden Advocaten; er hat nichts zu lhun, schreibt er, klagt er. Wie kann man über ein Hohes kaiserliches Amt klagen? Mich können Sie einsperren, werde ich sitzen, so lang Sie wollen; nur vergeffen Sie nicht, Herr Richler, in der Brennerei das Feuer austöschen zu lassen, welches dem Kaiser, soll leben, jährlich bald zehntausend»Gulden einträgt. Aber wofür eigentlich soll ich eingesperrt werden? Habe ich gestohlen, geraubt, gemordet?" „Wegen der Mitwisseuschaft." „Sehen Sie, hochgeborener Herr Adjunct, so soll ich wissen von Gliederreißen und Magenkrämpfen uno Kopfweh, wie ich etwas weiß von dieser Sache. Nun, glauben Sie schon?" „Nicht ganz. Sie sind hier im Hause Alles, Sie müssen von Allem wissen, was hier vorgeht, folglich auch von den Papierrubeln, dre mau hier erwischt hat." „Nu, was ist? Erstens sind die Rubel nicht salfch, dann wenn sie auch falsch wären, sind es ja nicht unsere Noten; dann wer soll wissen, ob sie gut oder schlecht sind? Wenn aus Berlin oder Paris russisches Papiergeld kommt, um dafür Getreide oder Spiritus zu kaufen — fami man es prüfen? Können wrr lese».? Gerade so toic der Herr Richter ein hebräisches Buch lesen würde. Wir sehen ein rothes Papier mit einem Kopf darauf und Hundert, so wissen wir, daß es eine Hunderlrubelnoie ist; die Schrift, die Zeichnung, das Papier können wir nicht beurtyeilen. Ich bin gewiß Ihnen gegenüber, Herr Adjunct, ein dummes Vieh, aber auch Sie werden es nicht beurtyeilen können und dafür sitzt der arme, fromme, unschuldige Sohn monatelang zwischen Dieben Rändern im finstern Kasten, daß es einen Stein erbarmen müßte." Und in der That rannen zwei dicke Thränen über die gefurchten Wangen des kleinen Männchens hinunter. Diese Anhänglichkeit, diese schlichte Treue rührte den Beamten. Er kannte ihn ja aus früheren Jahren und hörte ihn immer als einen biederen, verläßlichen Menschen loben, der dem Brotherrn und der ganzen Familie ergeben und nicht auf eigenen Vortheil erpicht ist. Er schien es durch die lange Zeit geblieben nnd auch jetzt noch unverändert zu sein, wo sein Brotherr längst lodt, die Tochter geflüchtet, ihr Sohn im Gefängniß ist. Dies alte, schwächliche Männchen hielt in unabsehbarer Abwesenheit der Eigenthümer die ganze große Wirtschaft zusammen und verhütete den Zusammenbruch des herrenlosen Hauses. Mancher politische Edelmann früherer Zeiten, der sich wegen politischer Umtriebe nach Paris flüchtete und erst nach Jahren aus dem fernen Exil zurückkehrle, faiid seinen Besitz durch seinen Pächter oder Factor besser verwaltet, als er es feldst gethan. Daher ist auch der Antisemitismus bei den älteren Herren, die unter dem früheren Regime viel gelitten und bei Inden manche Hilfe fanden, viel geringer als bei der jungen Welt, die uneiilgedenk der früheren Verhältnisse, die aus dem Westen eingeschleppte Seuche gierig ausnimmt, und die jüdischen Landsleute, deren Schicksal der Entrechtung, Bedrückung und Hintansetzung ihre Väter noch an sich selbst erfuhren, als fremdes und feindliches Element behandelt. Alexander blickte lange gerührt auf dies antike Erbstück seines verstorbenen Schwiegervaters, als wollte er nochmals etwas in seinem Herzen oder Gehirn Nachlesen, als wollte er prüfen, oo nicht die alte Treue durch Falschheit angerostet, die frühere Wahrheitsliebe hritfällig geworden — seine Menschenkenntniß sagte ihm, daß dies zufammengeschrumpfte Dorfjüdelchen keiner Lüge und keines Verrathes fähig sei. Es ist Verleumdung, wenn man den Juden nachfagt, sie feien verschmitzt und käuflich; sic sind nicht anders als die anderen Erdenmenfchen, die Einen gut. die Andern bös. Auch nicht alle Christelk sind pure Tugend, Ehrenhaftigkeit und Lauterkeit. Da wie dort bescheint die Sonne die Schurken an der Seite ehrlicher Männer, die überall Ui der Minor uät sind. „Ich habe mit Euch zu reden", sagte der Beamte, „doch nicht hier. Habt ihr nicht ein entlegenem Z'.mmer?" „Gewiß!", erwiderte eifrig Simon, „gewiß!" Ec schritt voran, Alexander folgte. Als sie die Schwelle eines entlegenen Zimmers üoerschritten, blickte dieser erstaunt auf. Es war dasselbe kleine Zimmer, in welchem ehemals der nun verschollene Lutwak hauste; Alles noch wie damals, unbewohnt, frauvoeocckr, von Spinngeweben eingesponne», mit jenem dumpfen Modergeruch erfüllt, welcher stets unbewohnten und ungelüfleteu Räumen eigen ist, tn denen in Ermanglung des Lebens die Verwesung still zerstöct, was Menschenhände geräuschvoll geschaffen. Abermals stürzten Erinnerungen auf Alexander ern; ferne schweren Anfänge, ferne harten Kämpfe, feine Conflicte uno verstohlenes Rrugen, als es galt, zuerst geführt vom wackeren Koref, dre ersten Schritte aus der Bahn zu machen, die nach einer entsernten Richtung führen sollte. Die nächtlichen Stunden, die er, von Wissensdurst und Ungeduld verzehrt, hier wachte, scheu der Frau entrollnen, die ihn bedrängte und kränkte und ihn wie einen erkauften Sclaven an der Kette hielt. Sein unablässig Streben nach Freiheit und Licht. Sein vehementer Ausbruch aus dem Gefängnisse und Hniausstürmen in die fremde, weite W.lt. Einst hier enr stiller Dulder, jetzt ein mächtiger, zedierender Herr — früher ein getretener, bescheidener Sender Pereles und fctzt ein Doctor Alexander Pertowskr! Welch' gewaltige Veränderung! „Hier sieht und hört uns kein Mensch", sagte Simon, der sich in größter Spannung befand, mir den Schößen seines langen Rockes den Stauo von einem Holzseffel avwifchend, dem er beit Beamten ehrerbietig zuschob. Dieser legte den Ftnger aus die Lippen und sagte leise: „Pst! Kein Wort; Sie bleiben verschwiegeu wie das Grab! In mir sehen Sle den ehemaligen Gatten Esthers — ich bin Sender." „Großer Gott im Himmel! Senderl!", rief Jener mit dem Ausdrucke fast ungläubigen Staunens. „Nur ruhig, lieber Simon!" „Aber — — — grschmatt?", frug dieser zögernd. „Nein, nicht g e f ch m a t t, ein Jude wie Ihr und doch, wie Ihr seht, Beamter."

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