Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 47 (22.11.1901)
- Date
- 1901-11-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 778 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 47 seinen Feldern den Armen und Bedürftigen zu überlassen. Gehet hin und thut desgleichen; dann wird der armen Menschheit geholfen sein. Preßburg. Anläßlich der Ueberreichung der .Martinigänse" wurde am 14. d. M. eine Deputation der Preßburger israelitischen Cultusgemeinde, bestehend aus den Herren Lazar Gestettner, Ignatz Herz feld und Dr. Leopold Stein, von Sr. Majestät in Audienz empfangen. Der Führer der Deputation, königl. Comitats-Physicus Dr. Leopold Stein, hielt folgende Ansprache: Ew. kais. u. apostolische königl. Majestät! Allergnädigster Herr! „Getreu der traditionellen Gepflogenheit, entsendet uns die Preßburger israel. Cultusgemeinde an die Stufen des Allerhöchsten Thrones mit dem uns überaus ehrenden Aufträge, die Gefühle unwandelbarer, angestammter Treue und Hingebung, unerschütterlicher Liebe und Anhänglichkeit an die erhabene, geheiligte Person Ew. Majestät, welche uns, sowie alle unsere Glaubensbrüder beseelen, ehrfurchtsvoll zum Ausdruck zu bringen. Geruhen Ew. Majestät unsere ehrerbietigste Huldigung allergnädigst entgegenzunehmen, und uns, wie bisher, auch fernerhin Allerhöchst Ihrer Huld und Gnade zu würdigen, und uns Allerhöchst Ihren mächtigen Schutz angedeihen zu lasten. Geruhen Ew. Majestät, zu gestatten, daß wir, dem Drange unseres Herzens folgend, anläßlich der jüngst erfolgten Verlobung Allerhöchst Ihrer geliebten Enkelin, - Ihrer k. u. k. Hoheit der durchlauchtigsten Frau Erzherzogin Elis abeth-Marie unsere innigsten Glückwünsche darbringen. Möge dieser Herzensbund dem erlauchten Brautpaare zum Heile und Segen, Ew. Majestät zur ungetrübten Freude, dem Allerhöchsten Herrscherhause zum Segen gereichen. Wir wünschen aus tiefstem Herzen und beten zu Gott dem Allmächtigen, daß er von Ew. Majestät jede Sorge und jeden Kummer fernhalte und daß er Ew. Majestät in voller Rüstigkeit und Geistesfrische noch lange, lange Jahre im Vollbesitze der Kraft leben laste, als leuchtendes Vorbild wahrer Herrschertugenden, zum Heile Allerhöchst Ihrer treu ergebenen Völker. Gott erhalte, Gott schütze, Gott segne Ew. Majestät und das glorreiche Herrscherhaus." Seine Majestät, welcher die Ansprache aufmerksam anhörte, sprach sowohl für die dargebrachte Huldigung, als auch für die Glückwünsche seinen Allerhöchsten Dank aus, ließ sich über die Spitals- und Wohlthätigkeits-Anstalten der Gemeinde berichten, sprach über dieselben seine Allerhöchste Anerkennung aus und entließ die Deputation in huldvollster Weise. Frankfurt a. M. Am 13. d. M. starb der hochangesehene Herr Jacob Goldschmidt im ehrenvollen Alter von 85 Jahren. Der Verblichene war eine der bekanntesten und verevrtesten Persönlichkeiten Frankfurts a. M.; der Begründer und Senior-Chef der bekannten Fellfirma Goldschmidt & Co., eine Stütze der orthodoxen Partei, der seinen großen Einfluß und seine allgemeine Beliebtheit nicht zumindest der außerordentlichen Wohlthätigkeit verdankte, die er gegen alle Armen, ohne jeden Unterschied, im reichsten Maße übte. Für das Gedeihen und Emporblühen der orthodoxen Gemeinde und ihrer gemeinnützigen Institutionen hat er jederzeit die größten Opfer gebracht. Er wird aber auch von den vielen Hilfesuchenden, denen er ein nie versagender Tröster und Berather war, wie ein Vater betrauert. Das Leichenbegängniß, das am 15. d. M. stattfand, gestaltete sich zu einem imposanten Schauspiel, das ein deutliches Zeugniß von der Verehrung gab, die der Dahingeschiedene genoß. Alle Kreise der Bevölkerung hatten sich vereint, um ihre aufrichtige Trauer und Theilnahme zu bekunden, die Hauptgemeinde war durch ihre Vorstände vertreten und die Lehrbachstraße, durch die sich der Trauerzug bewegte, war von Leidtragenden dicht gefüllt. Der Verewigte wird von seinen 5 Kindern, Schwiegersöhnen, Enkeln und Urenkeln tief betrauert. Einer seiner Schwiegersöhne ist der geachtete Wiener Banquier Moriz Freund, langjähriger Vorstand ine Tempelvereine des IX. Bezirkes. 'i'uch die „Oesterreichische Wochenschrift" verliert in dem Heimgegangenen einen großmüthigen Gönner und Förderer und wir werden ihm allzeit ein treues Gedenken bewahren. Friede seiner Asche! Frankfurt aur Main. (Aus dem Literaturverein.) Der „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" eröffnete am 4. d. seine Wintersaison mit einem Vortrag des Herrn Rechtsanwalts Dr. Ludwig Fuld aus Mainz über Gabriel Rießer. Der Name dieses Mannes ist selbst unter seinen Glaubensgenossen nicht mehr nach seinem Verdienst bekannt, obgleich Undankbarkeit sonst nicht eine Eigenschaft des jüdischen Stammes ist. Haben wir doch vor Allem ihm das bischen Emancipation zu verdanken, das wir wenigstens auf dem Papier besitzen! Geboren am 2. April 1806 in Altona (Meyer's Conversationslexikon gibt Hamburg an), widmete er sich juristischen Studien und machte in Heidelberg seine Prüfung. Die akademische Laufbahn war ihm als Juden verschlossen und so wurde er Rechtsanwalt und Notar. Seine Sehnsucht nach der politischen Einheit Deutschlands ging mit der Sehnsucht nach der Gleichberechtigung der Juden Hand in Hand. Er trat bereits für das allgemeine Wahlrecht, für Arbeiterfürsorge ein. Er erhob schon damals seine warnende Stimme dagegen, wirthschaftliche Interessen zum Mittelpunkt des politischen Kampfes zu machen. Im Jahre 1848 zum Abgeordneten für das früher den Juden verschlossene Herzogthum Lauenburg in das deutsche Parlament gewählt, lenkte er durch seine begeisterte Rede am 29. August gegen den Antrag von Moriz Mohl, der den Juden zwar actives und passives Wahlrecht lassen, sonst aber eine Art Fremdenrecht für sie Vorbehalten wollte, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich und trat mit einem Schlag in die Reihe der ersten Redner des Parlaments. Sein Wort klang wie der Aufschrei einer seit Jahrhunderten geknechteten Volksseele. Der Antrag Mohl wurde denn auch mit überwältigender Mehrheit abgelehnt. Kurz darauf wählte die Versammlung Rießer mit 225 von 263 Stimmen zum' ersten Vicepräsidenten; der Vorsitzende war Eduard Simon, ein getanfler Jude. Rießer verfocht stets die Einigung Deutschlands unter dem preußischen König als Kaiser. Als er einen dahinzielenden Antrag Welcker's in einer vortrefflichen Rede befürwortet hatte, brach allgemeiner Enthusiasmus aus; Reichs minister von Gagern und Gabriel Rießer lagen sich in den Armen. Auch der Deputation, die Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone anbot, gehörte Rießer an. Die ablehnende Antwort (bekanntlich soll der König gesagt haben, er wolle keine beschnittene Krone. Der Ref.) machte auf die Deputirten einen Niederschlage, den Eindruck. Rießer aber ließ Muth und Hoffnung nicht sinken. Am 26. Mai 1849 schied er aus der Versammlung. Im folgenden Jahre wurde er von Hamburg in das Erfurter Parlament gewählt, wo er sich Bismarck's Anerkennung errang. Als auch dieser Versuch scheiterte, widmete er sich seiner Vaterstadt. Im Jahre 1859 wurde er Bicepräsident der Hamburger Bürgerschaft, 1860 wurde er ins Hanseatische Obergericht berufen, der erste deutsche Jude, der ein so hohes Richteramt bekleidete. Ec starb am 22. April 1863. Sein Charakter war mild und versöhnlich, das Gemeine war ihm fremd. Als Schriftsteller war er von großer Gedankenfülle und Klarheit, sein Stil ist theilweise geradezu classisch. Schade, daß noch nicht von jüdischer Seite eine Auslese aus seinen Schriften.getroffen worden ist, die als jüdisches Volksbuch verwerthet werden könnte! Seine sittliche und politische Größe hat auch seine Gegner bezwungen. Sagt doch Treitschke von ihm, daß in ihm das Recht zum Gemüth geworden. Vergessen wir nicht die Verdienste der Männer von 1848, vergessen wir deutschen Juden vor allem nicht Gabriel Rießer, der mit Wort nnd Schrift für seine Glaubensgenossen gewirkt, der keine Zeile geschrieben und kein Wort gesprochen, das nicht von deutschen Geist durchweht war, auf den wir uns berufen können, wenn man uns die Zugehöcigkeit zum deutschen Volk bestreitet, der gezeigt hat, daß Deutschthum und Judenthum zwei Zwillingsschwestern sind am Baum der Cultur. Magdeburg. (Vom Literaturverein.) Der erste Vortragsabend im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" fand am Dienstag Abend in der „Freundschaft" statt. Herr Rabbiner Dr. Rahmer hielt eine Rückschau auf die Vereinsthätigkeit während der sieben Jahre des Bestehens und gedachte des im Frühjahr verstorbenen, verdienstvollen Förderers der Bereinsbestrebungen, Herrn Singer, in einem ehrenden Nachruf. Sodann hielt Herr Dr. Rahmer einen Ausblick in das ausgestellte Winterprogramm. Der Vortragende Herr Dr. Pick-Berlin hatte als Thema „Die jüdische Geschichte der neueren Zeit" gewählt. In bilderreicher Ausführung entrollte Redner ein vier Jahrhunderte umfassendes Stück Religions- und Culturgeschichte der Juden. Eine zwanglose Aussprache beschloß den Abend.