Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 47 (22.11.1901)
- Date
- 1901-11-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 772 Dr. Bloches Wochenschrift. Nr. 47 H. Paul. — R. Poehlmann. — L. Radlkofer. — E. Ramann. — Joh. Ranke. — F. v. Reber. — S. v. Riezler. — W. K. Roentgen. — I. Rückert. — M. Schmidt. — G. Schultz. —. M. Schröter. — H. Seeliger. — L. v. Seuffert. — Fr. Soxhlet. — K. Freiherr v. Stengel. — H. v. Tappeiner. — Fr. v. Thiersch. — E. v. Ullmann. — G. Ultsch. — C. v. Voit. — E. Voit. — R. Weber. — F. v. Winckel. — E. v. Woelfflin. — H. v. Zimffen. — K. v. Zittel. Die guten Arier und die bösen Juden. In der ungarischen Haupt- und Residenzstadt hat die Defraudation beim Budapester Steueramt großes Aufsehen erregt und auch über die Grenzen Ungarns hinaus ist das Interesse für den entflohenen Verbrecher rege. Victor Kecskem^thy, der seine Vertrauensstellung als hauptstädtischer Caffenpraktikant zur Unterschlagung von 600.000 Kronen mißbrauchte und nach Verübung des Verbrechens entfloh, ist in gewissen Kreisen der ungarischen Hauptstadt ein bekannter und angesehener Mann gewesen, der in der antisemitisch-clericalen Partei eine große Rolle' spielte und sich rühmte, einer der Gründer des studentischen Antisemitismus zu sein. Bon dem Defraudanten, der mit beispiellosem Raffinement die Behörden irreführte, ist noch keine Spur, trotzdem angeblich 116 Mann zur Verfolgung Kecskemethy's mobilisirt sind. Victor Kecskemethy, der verehrte antisemitische Studentensührer, ist ein typisches Beispiel für jene bekannten Hetzer, die gegen jüdische Moral wettern und zur selbe» Zeit die corrumpirende Wirkung des Claffen- und Racenhaffes durch ähnliche Verbrechen beweisen. Victor Kecskemethy ist kein vereinzelter Fall; wie er, sind sie Alle. Wer denkt nicht noch an den Abgeordneten Verhovay, den Begründer des ungarischen Antisemitismus, der die CsLngüfouds defraudirte, jene für arme Hungernde bestimmte Sammlung, für seine kleinen Zerstreuungen verwendete. Während so die „guten Arier" ihr Möglichstes zur Hebung der Moral und Cultur thun, möge das Treiben der „bösen Juden" durch eine Reminiscenz illustrirt werden, die in dem Innsbrucker „Tiroler Wastl" — einer mit geißelndem Humor und sittlichem Ernst redigirten Wochenschrift — erwähnt und gewürdigt wird. R. Eh. Jenny, der Herausgeber dieser Zeitschrift, ein bekannter, verdienter Bekämpfer des empörenden Treibens der Tiroler Christlich-Socialen, erinnert unter Anderem daran, daß ein Jude es war, der seinerzeit als Mitglied des Gemeinderathes in Innsbruck nicht nur den ersten Turnverein Innsbrucks gründete, sondern auch mit Mühe und persönlichen Opfern die Errichtung der großen Turnhalle durchsetzte. Nun wird diese That damit gelohnt, daß kein Jude Mitglied dieser Turnhalle werden darf. Auch hier wieder ein beredtes Beispiel zu der alten Geschichte vom guten Arier und dem bösen Juden. Antisemitische Lügen. Ein reichsdeutscher Leser schreibt uns: In der „Israelitischen Wochenschrift" las ich eine Notiz über eine Schrift, die der rumänische Advocat Dr. Th. Lemenyi in Kronstadt unter dem Titel „ActivitHt oder Passivität" verfaßt haben soll. In dieser Schrift behauptet er, daß die Feindschaft zwischen Ungarn und Rumänien auf Machenschaften der Juden zurückzuführen sei, und ermahnt beide Nationen zur gegenseitigen Verständigung. Uns kann gewiß jede Verständigung zweier Nationen recht sein, denn der Nationalitätenhaß ist überall die Quelle des Antisemitismus. Es ist auch eine ganz infam'e Lüge, daß an der Entfremdung zwischen Rumänien und Ungarn Machenschaften der Juden schuld seien. Im Gegentheil, die famose „Culturliga", welche die Führerin der judenfeindlichen Bewegung in Rumänien ist, hat sich zugleich als Führerin der antiungarischen Bewegung gezeigt. Senator Urechia, der Vorsitzende der Culturliga. hat seinerzeit (1894) in den „Voci Latine“ und durch Agitation in den verschiedenen Parlamenten in allen romanischen Ländern gegen Ungarn gehetzt. Es war unter Anderem das Verdienst Ihres Herausgebers, daß er dieser Agitation seinerzeit entgegengetreten ist. Germanische Cultur. Berlin. Aus akademischen Kreisen wird dem „Vorwärts" geschrieben: „In seiner Vorlesung über den Rechts Civil-Proceß sprach Professor Köhler über die Literatur, die wir auf diesem Gebiete besitzen. Unter Anderem erwähnte er dabei als einen sehr brauchbaren und in der Praxis sehr verbreiteten Commentar, den von „Wilmowski und Levy". Kaum hatten die Zuhörer den Namen Levy gehört, als sie auch schon durch ein allgemeines Scharren mit den deutschen Füßen ihrem Mißfallen darüber Ausdruck gaben, daß ein Mann mit solchem Namen sich erlaubte, etwas wirklich Brauchbares zu schreiben. Doch dies war erst das Vorspiel; denn als Prof. Köhler bedauerte, daß dieser Commentar leider nicht in neuer Auflage zu haben sei, weil Wilmowski -gestorben und Levy, der bekannte Berliner Justizrath, vor noch gar nicht langer Zeit ermordet worden sei, da gab die Gesellschaft durch ein starkes, anhaltendes Trampeln ihrem Beifall darüber Ausdruck, daß der Mann mit dem jüdischen Namen ein solches Ende gefunden. Das ist die Blüthe der teutschen Jugend! Professor Dr. Masaryk über den Antisemitismus. Die „Ceskocidovske Listy" veröffentlicht einen Bericht über eine in Prag stattgehabte Vereinsversammlung, welche der Besprechung des Themas galt: „Sind die Juden ein zersetzendes Element?" Abgeordneter Professor Dr. Masaryk führ>e aus, die Aversion gegen das Judenthum sei eine Folge der clericalen Erziehung, sowie des Aberglaubens. Dieses Vorurtheil wurde beim Volke noch dadurch gestärkt, daß man bei uns seltener einen Juden bei schwerer Arbeit sehe. Und doch sei diese Annahme ganz hinfällig, wie er sich selbst anläßlich seiner Reisen in Rußland wiederholt zu überzeugen in der Lage war. wo er viele Tausende von Juden in Noth und Elend bei Verrichtung der schwer st e n Arbeiten zu bewundern Gelegenheit hatte. Die Ausführungen Dr. Masaryk's wurden von den Anwesenden mit stürmischem Beifalle ausgenommen Wdische Wchter in Kaiern «nd Hessen. München, 14. November. Der Finanzausschuß des baierischen Landtages tritt in die Berathung des Antrages des antisemitischen Centrumsabgeordneten Heim und Genossen, betreffend die Zulassung von Israeliten zum Richterstand, ein. Abg. Dr. Heim führt aus, daß durch seinen Antrag das Gesetz nicht verletzt werde, da Niemand ein Recht auf Anstellung habe. Er bitte um eine Statistik über den Procentsatz und die Anzahl der jüdischen Richter. Das Judenthum sei wirtschaftlich in besserer Lage, daher stelle es verhältuißmäßig mehr Studirende. Jüdische Beamte genießen überhaupt in der christlichen Bevölkerung wenig Vertrauen. Eine Eidesleistung vor einem Juden sei peinlich. Er erzählt dann ein Erlebniß vor einem jüdischen Richter, der ihn wegen des Ausdruckes „morgenländisch" hart angefahren hat. Der Justizminister betont vor Allem, daß das Anstellen von Beamten ein Recht der Krone sei. Es seien zur Zeit angestellt: 3 mosaische Räthe am Oberlandesgericht, 13 Landgerichtsräthe, 15 Amtsrichter, 10 Staatsanwälte, 3 land gerichtliche Secretäre, 4 Amtsgerichtssecretäre und 3 Notare, im Ganzen also 51 jüdische Justizbeamte. Er verweist sodann aus das, Reichsgesetz vom 3. Juli 1869, betreffend die Gleichberechtigung der Confessionen in staatsbürgerlicher Beziehung. Der Antrag sei daher unausführbar. Man nehme im Uebrigen auf die Volksstimmung bei der Anstellung jüdischer Richter Rücksicht. Dieselben seien aber vielfach sehr befähigt und machten der Verwaltung keinerlei Schwierigkeiten. Referent Lerno weist auf die Verfassung Tit. 4 § 5 hin und warnt vor dem Antrag Heim. Correferent Wagner schließt sich energisch dem an. Der Antrag ist ihm unbegreiflich; ebenso tritt Abg. Dr. C a s s e l m a n n kräftig den Antrag Heim entgegen, den er auf das Tiefste bedauert. Wohin komme man mit dieser konfessionellen Schnüffelei; er wolle nicht in die finsteren Zeiten der Intoleranz zurückkehren. Habe man doch schon verlangt, keine protestantischen Forstleute in Altbaiern anzustellen. Dr. Heim