Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 47 (22.11.1901)
- Date
- 1901-11-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 47 Dr. Bloches Wochenschrift. Seite 771 Sie, Alois! Für eine solche niederträchtige Verleumdung verdienen Sie moralisch gezüchtigt zu werden. Sie sind Reserveofficier und ein solcher darf sich den Borwurf der Lüge nicht gefallen lassen; das darf höchstens der dermalige zweite Bicebürgermeister von Wien, der Dr. Josef Neumayer. Sie haben gelogen, als Sie diese Verleumdung der Juden in die Welt hinausschleuderten. Hören Sie! Sie haben gelogen! Nicht einmal Sie hassen wir, aber wir verachten Sie, weil Sie in der nichtswürdigen und boshaften Verfolgung des Judenthums, die Sie mangels einer anständigen Beschäftigung sich zur Profession gemacht, so gemeiner und nichtswürdiger Mittel sich bedienen. * * * Wie schön war es einstens, als Fürst Liechtenstein Arm in Arm mit Schönerer das JabrhUndert in die Schranken forderte. Damals war Schönerer sein Freund, mit dem er „Schulter an Schulter" kämpfte und nun ist der Schloßherr von Rosenau auch schon unter die Juden gegangen. Und Du, Karl Hermann Wolf, Du edler Cherusker von der Abonnenten brauchenden „Ostdeutschen Rundschau", auch Dich, mein Sohn, sieht Alois mitten unter den Juden als einen der Ihren. Das wäre so traurig und schaurig, wenn es nicht so lustig und schnurrig und so blitzdumm wäre. Und Aloisens Seherblick schweift hinüber nach England und seinen Colonien und nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Dort, sagt er, seien die Freimaurer zahlreich, aber sie entbehren der jüdischen Führung und darum genieße dort die katholische Kirche Ruhe, Freiheit und Frieden. Sehr richtig — in diesen Ländern wird die katholische Kirche und werden ihre Bekenner geachtet, aber auch alle anderen Bekenntnisse erfreuen sich der gleichen Rechte und keinem Juden geschieht um seines Glaubens willen auch nur der geringste Abbruch. In diesen Ländern gibt es keinen Antisemitismus, und eine Figur von dem Schlage des Alois Liechtenstein würde in New- Iork aus dem Kreise gebildeter Menschen weggewiesen werden. * * * Genug Alois — reden wir von etwas noch Traurigerem. Die antisemitische Partei beklagt schmerzlich das Verschwinden eines ihrer vielversprechendsten, strebsamsten Mitglieder, das ihr in der Blüthe seiner Defraudationen entrissen wurde. Ob, K e c ske möth y, der Du so schönals Führerder antisemitischen Studenten Ungarns begannest und nunmehr als 588.000 Kconen-Dieb entrannest. Die Hoffnungen der Christlich-Socialen ruhten auf ihm, der als Partisan Vergani's jenseits der Leitha zu wirken berufen schien und der nunmehr eine so groß: Defraudation beging, bevor sie noch verjährt war. Wie schön hätte die Zukunft dieses begabten jungen Mannes sich gestalten können, ohne dieses übergroße Mühldorf, das er angestellt. Eines Tages hätte er vielleicht ein „Ungarisches Volksblatt" gegründet, nach wenigen Jahren hätte auch Budapest einen Antisemitenhof gehabt, und Kecskemöthy wäre ein Ehrenmann geworden. I 8 e g r i m ui. Momrnsen über Universitäts-Unterricht und Consession. Der berühmte Historiker und Nestor der deutschen Unr'ver sitäts-Profefforen schreibt einem süddeutschen Blatte: Es geht durch die deutschen Universitätskreise das Gefühl der Degradirung. Unser Lebensnerv ist die voraussetzungslose Forschung, diejenige Forschung, die nicht das findet, was sie nach Zweckerwägungen und Rücksichtnahmen finden soll und finden möchte, was anderen außerhalb der Wissenschaft liegenden praktischen Zielen dient, sondern was logisch und historisch dem gewiffenhaften Forscher als das Richtige erscheint,, in ein Wort zusammengefaßt: die Wahrhaftigkeit. Auf der Wahrhaftigkeit beruht unsere Selbstachtung, unsere Standesehre, unser Einfluß auf die Jugend. Auf ihr ruht die deutsche Wissenschaft, die das Ihrige beigetragen hat zu der Größe und der Macht des deutschen Volkes. Wer daran rührt, der führt die Axt gegen den mächtigen Baum, in dessen Schatten und Schutz wir leben, besten Früchte die Welt erfreuen. Ein solcher Axtschlag ist jede Anstellung eines Universitätslehrers, dessen Forschungsfreiheit Schranken gezogen werden. Abgesehen von den theologischen Facultäten, ist derConfefsionalismus der Todfeind des Universitätswesens. Die Berufung eines Historikers oder eines Philosophen, welcher katholisch sein muß oder protestantisch sein muß und welcher dieser seiner Confessio» dienstbar sein soll, heißt doch nichts Anderes, als den also Berufenen verpflichten, seiner Arbeit da Grenzen zu setzen, wo die Ergebniffe einem confeffionellen Dogma unbequem werden könnten, dem protestantischen Historiker verbieten, das gewaltige Geisteswerk des Papstthums in volles Lich' zu setzen, dem katholischen, die tiefen Gedanken und ungeheure Bedeutung des Ketzerthums und des Protestantismus zu würdigen. In dem kläglichen Armuthszeugniß, das die Confessionen damit sich selbst ausstellen, wenn sie ihren Anhängern verbieten, Geschichte oder Philosophie bei einem Lehrer anderer Consession zu hören, und gegen etwaige Irrlehren das Mittel der Ohrenverstopfung verordnen, liegt zugleich eine der Allgemeinheit drohende Gefahr. In seinen Anfängen ist der Krebsschaden heilbar; späterhin ist er es nicht mehr. Möchte jeder junge Mann, den der Universiitätsberuf auf diese schwierigen Gebiete lockt, immer und vor Allem besten eingedenk bleiben, daß für den echten Erfolg die erste Bedingung der Muth der Wahrhaftigkeit ist. daß der Fanatiker, der die Wahrheit nicht zu begreifen vermag, nicht an die Universität gehört. noch weniger aber Derjenige, der insoweit confessionell ist, als er dabei zugleich ministeriell bleibt! Gewiß kann auch er als Gelehrter tüchtige Arbeit leisten; aber auf die Selbstachtung und aus die Achtung seiner Standes genossen und der für den Seelenhandel feinfühligen Jugend muß er verzichten. Möglichem Mißverständuiß zu begegnen, mag noch hinzugefüat werden, daß hier die Rede ist l-c"q>ich von den prinzipiellen Fragen, ob es gerechtfertigt ist, Universitäts-Professuren, außerhalb der theologischen Facn!täten, nach confeffionellen Rücksichten und mit confess onellem Rechts. svm zu vergeben. Wie in dem einzelnen Fall der Ernannte sich p l io.ilu& zu seiner Confeffion stellt, was er als Protestant oner als Kaiholik sein will oder sein soll oder sein kann, kommt dabei in keiner Weise in Betracht. Der Schlag gegen die Universitätsfreiheit bleibt der gleiche, mag er in der besonderen Anm ndung die eine oder die andere Confeffron, diese oder jene Richtung treffen. Möchte somit ein Jeder, der bei der Anstellung von Universitäts-Lehrern mitzuwirken berufen ist, dessen eingedenk bleiben, daß die voraussetzungslose Forschung, das heißt die Ehrlichkeit und die Wahrhaftigkeit des Forschers, das Palladium des Universitäts-Unterrichtes ist. und sich hüten vor dem, was nicht verziehen wird, vor der Verleitung zu der Sünde wider den heiligen Geist. Die Hoffnung wird vielleicht nicht täuschen, daß damit die Gesinnung unserer Collegen zum Ausdruck gebracht wird. Theodor Mommsen, ordentlicher öffentlicher Professor an der Friedrich Wilhelms-Universität in Berlin. * * * Theodor Mommsen erhielt darauf von den Professoren der Ludwig-Maximilians-Universität und der königlichen technischen Hochschule München das nachfolgende Schreiben: München, 16. November. Hochverehrter Herr Profeffor! Am Abend eines glörreichen, dem Dienste der Wiffenschaft gewidmeten Lebens sind Sie mit der Schärfe, Klarheit und dem Freimuth, denen Sie und die Welt die Erfolge Ihres Wirkens verdanken, dafür eingetreten, daß das Vermächtniß großer Vorfahren, das Princip, mit dem die Wiffenschaft steht und fällt, und welches die deutschen Universitäten zu den ersten der Welt gemacht hat, die Voraussetzungslosigkeit der Forschung, ungeschmälert Denen, die auf uns folgen, erhalten bleibe. Im Bewußtsein der Verantwortlichkeit, die wir tragen, dieses uns überkommene Erbe zu hüten, sagen wir Ihnen für Ihre That wärmsten Dank. In ausgezeichneter Hochachtung K. v. Amira. — O. v. Angerer. — A. v. Baeyer. — I. v. Bauer. — A. v. Bechmann. — K. Birkmeyer. — O. Bollinger. — A. v. Brauumühl. — L. Brentano. — H. W. Breymann. — H. Büchner. — I. Bühlmann. — A. Bumm. — I. Burmester. — W. v. Christ. — W. Dietz. — R. Graf Du Moulin Eckart. — E. Ebermayer. — H. Ebert. — M. Endres. — O. Eoersbusch. — Seb. Finsterwalder. — A. Föppl. — Joh. Friedrich. — A. Furtwängler. — K. Goebel. — O. v. Grove. — S. Günther. — M. Haushofer. — K. Th. v. Heigel. — C. Heinke. — Fr. Hellmann. — R. Hertwig. — W. v. Hertz. — A. Hilger. — C. Hocheder. — Fr. Hommel. — E. v. Hoher. — Fr. Kreuter. — K. Krumbacher. — E. Kuhn. — K. v. Kupffer. — C. v. Linde. — F. Lindemann. — C. L'ntner. — A. Lipp. — Th. Lipps. — Ferd. Loewe. — P. v. Loffow. — W. Lotz. — Wilhelm Lynen. — K. v. Maurer. — E. v. Mecenseffy. — Iwan v. Müller. — F. Muncker. — W. Muthmann. — K. Oebbeke. —