Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 47 (22.11.1901)
- Date
- 1901-11-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sem 770 Dr. Blockes Wochenschrift. 'Jtr. 47 gegebenen Commeutar als den besten. Bei dir 9ieunung des Namens L e v y gab ein allgemeines Scharren als Zeichen des Mißbehagens beredtes Zeugniß von dem in geivisseu studentischen Kreisen herrschenden Geiste. Das Unerhörte aber geschah, als Professor Köhler seinem Bedauern, darüber Ausdruck gab, daß der genannte Commeniar nicht in neuerer Auflage erschienen sei, da Wilmowski gestorben und Juftizrath Levy vor nicht langer Zeit e rmordet worden sei: — das Auditorium bekundete durch ohrenbetäubendes Trampeln sein Wohlgefallen, daß der verdiente jüdische Rechtsgelehrte in dieser Weise sein Ende gefunden habe. Das ist in Deutschland, in Berlin, der „Stadt der Intelligenz", geschehen. Was Wunder, wenn auch in Oesterreich die Verrohung gerade in den sogenannten gebildeten Kreisen erschreckende Fortschritte macht! Hier herrschen ja dieselben Zustände, noch verschärft durch die ungeheure Macht des römischen Clericalismus. Das Judenthum hat den österreichischen Universitäten eine Reihe .der tüchtigsten Lehrkräfte gestellt! Namen, wie U n g e r, Glaser, G r ü n h u t, M e n z e l, Stricker, Zuckerkands Neumann, Benedikt, Ehrmaun, Politzer, G o m p e r z, Lieben, Beer, Guido Adler haben den Ruhm österreichischer Forschung durch die ganze Welt verbreitet und sie haben dem Staate wahrhaftig tausendmal mehr gegeben, als der Staat ihnen zu breten vermag. Dennoch wird seir Jahren die unwürdigste Hetze gegen sie betrieben und geduldet. Die „Verjudung der Universität" ist zu einer stehenden Phrase geworden und die Coufessionatisirung des Geisteslebens ist eine der dringlichsten Forderungen der clericalen Partei in Oesterreich. Ausgezeichnete Männer, wie Lnjo Brentano, I e l l i u e k, Lustgarten und Andere, haben vor Jahren schon, angewidert von solchem Treiben, der Wiener Alma mater den Rücken gekehrt und sind ins Ausland gewandert. Der Verfall der Universitäten, die Stockung der wissenschaftlichen Forschung wird zu einer imminenten Gefahr. Ni.-ch schlimmer aber ist jene, die aus dem Uebertritt der an solchen Hochschulen herangebildeteu Generation ins praktische Leben droyr. In die Gesetzgebung, die Rechtspflege, die Verwaltung wird Rr Geist confessivneller Abfchließung und Unduldsamkeit, der Geist der Willfährigkeit und Unterwürfigkeit gegen das jeweilig herrschende System getragen. Wir sehen es ja schon an allen Ecken und Enden, wie das Gesetz gebeugt und ausgelegt wird Nach den Bedürfnissen des Tages, nach den Dictateu dieser oder jener politischen Partei, deren Einfluß gerade der mächtigere ist. Wie wir einst der deutschen Geistesfreiheit uachstrebten, so wetteifern wir jetzt mit Deutschland in der Beschränkung dieser Freiheit, in der Herabwürdigung der Wissenschaft zu ephemeren politischen Zwecken. Den Schaden davon wird auch hier nicht das Judeuthum haben, das stets die Freiheit der Lehre und Forschung hochgchalteu hat, sondern der Staat, der auf solche Weise die festen Grundlagen seiner ideellen und materiellen Entwicklung unterwühlen läßt. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Der Graf Pückler von Wien. — Unsere vnlcanische Gewalt. — Was derAlois zu s am men lügt. — Liech teuft ei n'sgeweseneFreunde. — Kecskemeti undNergani.) Das Sprichwort, daß die Lüge kurze Beine har, trifft nicht immer zu; der Fürst Älois L i e ch t e n st e l n zum Beispiel hat bekanntlich lange Beine. Diese Carricalur eines Politikers äfft den Grafen Pückler nach in der burschikosen Juoenhetze, mit dem einzigen Unterschiede, daß der preußische Junker m seiner Bornirtheit wenigstens poffirlich wirkt, mährend unser Alois durch den geheuchelten Ernst, mit welchem er seine albernen Verdächtigungen vorbringt, anwidert und langweilt. Die große Rede, die er kürzlich in der Festversammlung des katholischen Schulvereines hielt, war ein Rosenkranz von Dummheiten, den abzuhaspeln ihm viel Mühe verursacht haben mag; noch mühseliger ist es, dieses öde Geschwätz zu lesen, und. wir haben uns leider im Interesse der gerechten Würdigung dieses „Zeitgenossen" dieser Strapaze unterziehen müssen. * * * Diese Müdigkeit und Schläfrigkeit, in welche uns die Rede des lieben Alois versetzte, hat für uns und unsere Leser freilich auch ihre gute Seite. Wir brauchen nicht viel darüber zu schreiben und brauchen unsere geehrten Leser mit einer ausführlichen Wiedergabe dieser Rede nicht zu molestiren. Wir müssen von ihr nur rnsoferne Notiz nehmen, als sie zeigt, mit welchen vergisleten Waffen, mit welcher geistigen und sittlichen Verkommenheit die antisemitische Sache von einem österreichischen Junker geführt wird. Herr Alois behauptet nicht mehr und nicht weniger, als daß die Angriffe, die von den verschiedensten Seiten gegen die katholische Kirche gerichtet werden, — wobei er natürlich mit Absicht den Uitramontanismus, die Jesuiten 2c. mit der katholischen Kirche identrficirt — sammt und sonders von dem „international organisirten Judenthum" veranstaltet und geleitet werden. Die Alldeutschen und die Socialdemokraten, die Portugiesen, die Spanier und die Franzosen, sie Alle, Alle nehmen theil an dieser in allen Ländern wie auf Commando eingetretenen „israelitischen Schilderhebung", sie Alle sind Söioluige des jüdischen „Leihcapitals". Der Beweis für s ine Beyanprung, sagt der schwarze Prinz, sei leicht erbracht. Mein liebte Alois, es ist sehr unschön, wenn ein Fürst von Geblüt etwas schuldig bleibt und sec cs auch nur ein Beweis. Den bist Du aber, lieber Alois, vollstänoig schuldig geblieben. Was wären wir Inden doch, wenn unser heimisches Pücklerchen die Wahrheit spräcte, für eine furchtbare Macht in der Welt. Wir haben „die Herrschaft über die zumeist arischen, weit höher stehenden Culturvöiker des Continents errungen", wir sind eine „unterirdische vulcanische Gewalt", wir sind eine „vrganisirte Potenz, die universelle Wirkungen beliebig hervorbringen kann". Schau, schau, das haben wir bisher wirklich nicht gewußt. Wie würde es Nils freuen, wenn diese unsere furchtbare Macht nur auch dazu hinreichen könnte, die Hunverttausende galizischer und russischer Juoen aus dem furchtbaren Elend, in dem sie notorisch sich vlfinden, zu einer menschenwürdigen Existenz zu führen. Allein uiisere gejammte unterirdische vulcanische Gewalt und vrganisirte Potenz reicht nicht einmal hin, um uns vor täglicher Beschimpfung und Kränkung in unseren primitivsten bürgerlichen Rechten zu schützen. Brs h'.ehrr sind die Phantastereien unseres Alois, der an oen Ernst seiner Schilderungen selbst nicht glaubt, ein Capitel für elnen antisemitischen Fünfkceuzerroman, zur Colportage bei Severulusvrüdern geeignet. Was er aber weiter sagt, darüber kann man mit gletchmülhigem Spott nicht hinweggehen, denn es ist die frechste bübischeste Verleumdung, zu der sich nur ein jesuitischer Demagoge zu üerfteigen wagr. Er behauptet von den Juden, daß sie die chrlstliche Religion „mit wüthendem Hasse zertreten und ausrotten wollen". Sie, Alois! Mit welchem Rechte wagen Sie es, Ihren nwv.u oder, wenn sie auch solche Heuchler sind wie Sie, gleichgesinnlen Zuhörern das vorzulügen? Wo in aller Welt gibt es einen thatiächlichen Anhaltspunkt für eine solche Gesinnung der Juden? Hören Sie es, Sie fürstlicher Gamin, Sie lügen wissentlich, wenn Sie der christlichen Bevölkerung glauben machen wollen, daß wir Juden von Haß gegen die Christen und gegen die christliche Religion erfüllt sind. „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst"— diese Lehre ist der Grundpfeiler des jüdischen Glaubens und der jüdischen Lebensführung, und Andersgläubige zum Inder thum zu bekehren, ist uns durch unsere Religion ausdrücklich verboten. Warum sollten wir also das Christcnthum hassen und welches Interesse hätten wir daran, von ethischen und menschlichen Rücksichten ganz abgesehen, es auszilrotten? Gedrückt und dehmüthig, mit des Lebens Mühsal und Nothdurft kämpfend, schlimmer daran als alle Anderen, weil wir außer den allen gemeinschaftlichen socialen Uebeln auch noch die Verfolgungen zu erdulden haben, die uns von den Parteigängern und Grjchaftslntertffettten des Antisemitismus bereitet werden, gehen wir Juden ourch die Welt, und da strolcht ein durchlauchtiger Streber herum mit der schamlosen Behauptung, daß wir unsere christlichen Mitbürger Haffen, daß wir ihre Religion ausrotten wollen, eine Behauptung, die in der infernalischen Absicht ausgesprochen wird, den Haß dieser unserer christlichen Mitbürger gegen uns zu erregen.