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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-11-14 · 46 (14.11.1901) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
46 (14.11.1901)
Date
1901-11-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite E Vr. Bloches Wochvnschrift. Nr. 46 Herr Wendlandt wies darauf hin, daß schon vor Jahren socialdemokratische Redner versucht hätten, junge Kaufleute in ihre Arme zu ziehen, daß ihnen dies erfreulicherweise aber nicht gelungen sei. Jetzt hätte der deutschnationale Handlungsgehilfenverband nicht ohne Erfolg versucht, durch Appell an die jüngsten Commis und Lehrlinge — pochend auf Deutschthum und Judenhaß — Zwiespalt zwischen Principal und Angestellten hervorzurufen. . . . Die Werbungen für den Verein werden auf bunten Ansichtskarten auf's Eifrigste betrieben. Diese Karten stellen oft in schamlosester Weise den kaufmännischen Angestellten betreffs Behandlung, Wohnung, Bezahlung rc. unter den Arbeiter und Schneidergesellen. Geschäftsreisende üben ferner einen Druck auf das junge kaufmännische Personal aus, um dieses als Mitglieder des Vereines zu gewinnen, und anderseits wirkt das Personal auf die Reisenden in demselben Sinne ein. Die' schädlichste Einrichtung des Vereins ist die Errichtung einer Auskunftei auf Grund der wahrheitsgetreuen Auskünfte der jungen Angestelltem Jedes Mitglied-bekommt'eine Anzahl „mit deutschem Gruß" Unterzeichnete Fragebogen und soll darin 14 Fragen über seinen Principal beantworten. . . . Schmerzlich wird die Anfrage vermißt, ob man in dem betreffenden Hause etwas lernen könne. Das sollte doch die wichtigste Sache für diese Jünglinge sein; muß doch der erfahrenste Kaufmann noch täglich lernen und zum Theil Erfahrungen der traurigsten Art hinsichtlich der Behandlung seines Standes machen. Wie ist es aber mit den w a h rheitsget'reuen Berichten? Ein entlassener Commis klagte beispielsweise kostenfrei durch den Verein seinen früheren Principal, ,der gegnerische Anwalt mußte in dem betreffenden Falle zugeben, noch nie mit einer Klage so gründlich hereingefallen zu sein, wie mit dieser vom Verein übernommenen Sache. Ein zweiter Commis erklärt in der Auskunft wahrheitswidrig, daß er gekündigt hätte, während die Principale gekündigt hatten, und gibt als. Grund des Austrittes an, er hätte Kohlen schieben müssen. Das ganze „Kohlenschieben" war das Hereinschieben eines Kastens mit Anthracitkohle mit Hilfe eines Arbeitsmannes, weil der sonst helfende zweite Arbeitsmann erkrankt war. Ein dritter Angehöriger des deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes hatte sich nach der Kündigung seitens seines Chefs gegenüber einem College» dahin ausgesprochen, er könne seinen Chef ins Zuchtshaus bringen,' dieser habe vor ihm auf den Knien gelegen und um Verzeihung gebeten. Als der betreffende Chef nach Fortgang des . jungen Mannes von diesem Gerede hörte, forderte er ihn schriftlich zur Richtigstellung auf, worauf der Betreffende einen langen und wehuiüthigen Brief schrieb, worin es unter Anderm heißt: „Wie können Sie denken, daß ich bei „nüchternem Verstände solche Reden führen könnte, ich war damals noch zu u n r e i f, um die Bedeutung, meiner unwahren Reden übersehen zu können." Solche Elemente geben nun das wahrheitsgetreue Auskunftsmaterial an die Auskunftei und sollen ein richtiges Urtheil über ein Handelshaus fällen können! Schon andere Vereine haben Stellung gegen diese Bestrebungen des deutschnationalen Verbandes genommen und Beschlüsse dahin gefaßt, daß junge Leute, welche dem Verbände angehören, gekündigt werden sollten, falls sie nicht austreten wollen, und daß für die Folge nur solche Gehilfen angestellt werden, die dem Verbände nicht angehören. Dahingehende Beschlüsse haben unter Anderen gefaßt: Der Drogursten-Berein in Leipzig, der kaufmännische Verein in Meißen, der Verband der Kaufleute der Provinz Sachsen, Anhalt und Braunschweig, der Verband der Colonialwaareuhändler von 1872 zu Hamburg. Auf Vorschlag des Referenten wurde, nachdem von verschiedenen Seiten ähnliche Klagen erhoben waren, so von den Herren Senator Schulze-Gifhorn, Behrmaun-Harburg. Wolters- Hannöver, Dr. Rocke-Hanuover, folgende R e s o l u t i o n einstimmig angenommen: ■ „Der Verein von Kaufleuten der Provinz Hannover und der angrenzenden Länder beschließt, Mitglieder des deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes nicht zu ,, e n g a g i r e n." * * Unter Vorsitz des Herrn Hermann Gabriel hielt der Verein jüdischer Kaufleute in Berlin am 29. Oktober seine zweite Sitzung im großen Saale des Hotels „König von Portugal" ab. Herr Professor Dr. Martin Philipp so n hielt einen Bortrag über; i e I u d e n i ttr h e u ti g e n D e u t s ch l a n d". In einstündiger, formvollendeter Rede entrollte der bekannte Gelehrte die Geschichte des Judenthums vom Mittelalter bis zum heutigen Tage. Es sind traurige Blätter der jüdischen Geschichte, die nur wenige Lichtpunkte zu verzeichnen haben. Der Redner betonte, daß trotz aller Verfolgungen die Juden an ihrem Glauben und an ihren traditionellen Ueberlieferungen festgehalten, während wir heute erleben müssen, daß so viele fahnenflüchtig werden und den Glauben ihrer Väter verließen, meist in der Sucht, für sich oder für ihre Nachkommen Gewinn, äußerliche Ehren oder ein besseres Fortkommen zu erhaschen. Mit markiger, zündender Beredsamkeit schilderte der Herr Vortragende das Verwerfliche solcher Bestrebungen, die ihre Wurzel in der Unkenntniß unserer jüdischen Geschichte haben. Die Unkenntniß rührt daher, weil der Religionsunterricht noch viel zu wünschen übrig läßt, und besonders in kleinen Gemeinden, in Preußen allein 500, die Mittel fehlen, um Cultusbeamte anstellen zu können. In Süddeutschland ist der jüdische Cultus geregelt, die Cultusbeamten sind vom Staate angestellt; in Preußen dagegen gab man den Gemeinden zwar volle Freiheit, ohne sich weiter um sie zu kümmern. Die Zustände werden von Jahr zu Jahr schlechter, durch Uebersiedlung wohlhabender Juden nach den Großstädten, wodurch Gemeinden, die bisher Rabbiner, Lehrer und Cantoren besolden konnten, der Auflösung nahe gebracht werden. Die in solchen Gemeinden Heranwachsende Jugend entbehrt des Religionsunterrichtes, erhält keine Kenntniß von der jüdischen Geschichte und stellt somit das große Contingent der Ignoranten und Indifferenten, die dem Judenthum zu großem Schaden gereichen. Soll das Judenthum wieder Selbstbewußtsein erlangen, um seine Gegner mit Nachdruck bekämpfen zu können, muß vor allen Dingen der Jndifferentismus beseitigt werden. Seit einiger Zeit ist etwas Wandel geschaffen, gerade in den letzten Jahren sind jüdische Vereine wie: Studentenver-ine, kaufmännische, Turn- und Frauenvereine entstanden, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das Judenthum zu heben. Auch der Zionismus,' der von vielen Juden als Utopie bezeichnet werde, zu welcher Ansicht auch der Redner sich bekennt, habe sich unzweifelhaft durch die in die Reihen der jüdischen Jugend getragene Begeisterung um das Judenthum große Verdienste erworben. Die zahlreich erschienenen Zuhörer folgten dem Vortrage mit großer Spannung und spendeten dem Herrn Vortragenden wohlverdienten Beifall. Der Zweck des Vereins, seinen Mitgliedern Unterhaltung, Belehrung und Unterstützung zu gewähren, weiteren Kreisen bekannt zu geben, ist an diesem Abend erfüllt worden, indem mehrere Neuaufnahmen erfolgten. Der dritte Vortragsabend fand am Mittwoch den 13. November, Abends 8l/2 Uhr, in Dräsel's Festsälen statt. Herr Direktor Gottschalk hat über das sehr interessante Thema „Credit und Rechtsverhältnisse im kaufmännischen Leben" gesprochen. Die Arnmth der Jude» in Rumänien. Nach der Volkszählung von 1899 gibt es in Rumänien ungefähr 269.000 Juden, die aus 97 größere und kleinere Städte vertheilt sind'. Die meisten von ihnen sind Handwerker, Schneider, Klempner, Bortenwirker u. s. w. Sie üben auch die mühseligsten und verschiedenartigsten Beruse aus. Was ihr Elend anbetrifft, so führen wir hier das Zeugniß des judenfeindlichen Schriftstellers Rudolf B e r g n e r an: „Auf unserer Reise kamen wir auch durch Targuli- Frumos und Podu-Hoci, elende Löcher ohne einen einzigen Baum. Hier hausen zusammengepfercht die Juden in der Nachbarschaft von Krähen. Das Innere von Jassy sieht aus wie die Wohnung von zahllosen Vampyren, die durch nichts, was wir bisher gesehen haben, an Elend und Jammer übertroffen werden können (Rumänien)." Die schlechte Ernte vom Jahre 1899 hat das Elend der rumänischen Juden bis zum höchsten Grade gesteigert. Im Moldaubezirk, der besonders von der landwirthschaftlichen Krisis betroffen wurde, müssen Tausende von Juden ihr Brod erbetteln. Zu dieser w t r t h s ch a s t l ich e n N o t h tritt die Fei n d s e l i g feit d e r R e g i e r u n g und der Gesetze. Der Berliner Vertrag bestätigt/die rumänische Nationalität' der Juden. Das Parlament Hai jedoch

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