Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 46 (14.11.1901)
- Date
- 1901-11-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 46 Sette 787 Dr. Bloch's Wochenschrift. in der Provinz Pommern und darüber hinaus von sich reden gemacht hat, hatte sich am 1. d. M. vor der I. Strafkammer des königlichen Landgerichts zu Stettin als Berufungsinstanz in bekannter Hausfriedensbruchs-Affaire zu verantworten. Zur näheren Orientirung sei der der Anklage zu Grunde liegende Thatbestand noch einmal kurz recapitulirt: K. war am 30. Jänner im Dorfe Woltersdorf im Greifen» bagener Kreise des Abends in das Haus eines ihm bekannten Herrn Sp. gekommen, um dort Quartier für die Nacht zu finden. Er hatte bei dieser Gelegenheit, wie er angibt, um zu bestellen, wann er am andern Morgen geweckt zu sein wünschte, an der Stubenthür des im Hause befindlichen Wirthschaftsfräulcins geklopft und war darauf in das Zimmer eingetreten. Obwohl das Fräulein bereits im Bette lag und dem Eindringling in nicht mißzuverstehender Weise die Thür wies, verlieb der Herr Pastor doch nicht das Zimmer, sondern soll, nach Aussage des Fräuleins, sogar noch näher auf das Bett zugekommen sein. Das Fräulein mußte die Aufforderung an den Herrn Pastor, das Zimmer zu verlassen, daher nochmals wiederholen. Es wurde Strafantrag auf Hausfriedensbruch gegen den Pastor gestellt und dieser am 27. August vom Schöffengericht in Greifenhagen zu 30 Mark Geldstrafe verurtheilt. Pfarrer Krösell legte gegen dieses Urtheil Berufung ein, weshalb die Angelegenheit am 1. d. M. vor dem Landgericht verhandelt wurde. Das Gericht kam auf Grund der Beweisaufnahme zu einer Berurtheilung des Angeklagten. Das Gericht nahm zwar nicht an, daß unsittliche Motive die Veranlassung zum Eindriugen in das Zimmer gewesen wären, ein Hausfriedensbruch liege aber dennoch vor; denn der Mann mußte als Mann von Bildung die Peinlichkeit der Situation sofort erkennen und das Zimmer ohne weitere Aufforderung verlassen. Die Berufung des Angeklagten war daher zu verwerfen. Zur Naturgeschichte des Ritualmordes. Nürnberg. Eine dunkle Affaire, die seinerzeit zu Volksunruhen und Excessen führte, hat nunmehr durch ein Geständniß auf dem Sterbebette ihre sensationelle Aufklärung gefunden. Vor etwa sechs Jahren verschwand aus dem Dorfe M i e n k e n im Arnswalder Kreise das dreijährige Söhnchen des Wirthschaftsbesitzers I e n s k e auf spurlose Weise. Antisemitische Hetzer machten sich den geheimnißvollen Fund zu Nutzen und brachten in die Landbevölkerung den Glauben, daß der Knabe einem Ritualmorde zum Opfer gefallen sei. Es kam gegen die im Arnswalder Kreise wohnhaften Juden zu Ausschreitungen, welche erst durch die energischen Maßnahmen der Behörden unterdrückt werden konnten. Jetzt erst, nach sechs Jahren, hellt sich das traurige Schicksal des kleinen Jenske auf. Auf dem Sterbebette gestand ein Förster Ranke, daß er das im Walde nächst Mienken spielende Kind für ein Wild gehalten und erschossen habe. Aus dlngst, verhaftet und bestraft zu werden, habe er die Leiche des Kleinen im Walde vergraben. Der Sterbende gab auch die Stelle an, und die Behörde, welcher das Geständniß des Försters bckanntgegeben wurde, leitete sofort die nothwendigen Nachforschungen ein. Der jüdische Arbeitsnachweis. Warum das Diug nicht beim rechten Namen nennen? Der Verein, der in den nächsten Tagen seine Generalver-. sammlung abhält, heißt wohl der Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, aber in Wirklichkeit dient er nicht blos zur Vermittlung der Arbeit von Juden und für Juden, sondern er muß seine Thätigkeit in diesem Sinne entwickeln. Nicht durch freie Wahl ist er dazu gelangt, sondern durch die zwingende Notwendigkeit. Die Nichtjuden haben es den Juden zur Pflicht gemacht, sich ihrer Stammes- und Glaubensgenossen anzunehmen. So wie die Juden bisher ihre großen Opfer auf den allgemeinen Altar der Wohlthätigkeit niederlegten und den Unterschied der Confession bei Vertheilung ihrer Gaben nicht haben gelten lassen, so waren sie auch bei der Zuwendung von Arbeit außerordentlich neutral und haben wahrlich am allerwenigsten darauf Gewicht gelegt, ihre Arbeiten nur von Juden ausführen zu lassen, ihre Bestellungen nur Juden zu übertragen. Der allgemein menschliche Zug, das Wohlwollen für Alle liegt ihnen so im Blute, daß sie erst mit Gewalt, Gewalt der Nichtjuden, gezwungen werden mußten, sich doch endlich auch der Juden anzunehmeu. die jüdische Arbeit nicht nur nicht auszuschließen, sondern sie pur oxesUones zu berücksichtigen. Diesem Zwange gehorchend, gründeten einsichtsvolle und opfermuthige Männer den Verein für freiwilligen Arbeitsnachweis, der nun einen 2 ^jährigen Bestand hinter sich hat. Zagend, aber nicht hoffnungslos waren sie ans Werk gegangen. In den mannigfaltigsten Formen war ihnen die Noth Derjenigen vor Augen getreten, die arbeiten wollten, aber wegen ihres Glaubens und ihrer Nationalität von der Arbeit zurückgestoßen wurden; die Arbeitgeber, die keine Bestellung erhielten, weil sie Juden sind; die Unternehmer, die von Lieferungen ausgeschlossen wurden, weil sie Juden sind; die Arbeitnehmer, welche in Geschäften, in Gewerben, in Fabriken nicht ausgenommen oder entlassen wurden, weil sie Juden sind; die Arbeitsuchenden, die im städtischen Arbeitswachweis, der aus den Steuergeldern der Juden ebenso erhalten wird, wie aus den der Nichtjuden, unberücksichtigt gelassen werden. Und es zeigte sich kein anderes Mittel, diesen tüchtigen und willigen, dem Staate und der Gesellschaft gleich werthvollen Elementen die Existenz zu sichern, als indem man ihnen bei Juden Arbeit verschaffte, nichts als Arbeit. Nicht Unterstützung-, nicht Almosen-Vertheilung war und ist der Zweck des Vereines, sondern die edelste Form brüderlicher Hilfeleistung, die der Arbeitsvermittlung. Haben die traurigen Erfahrungen die Nothwendigkeit eines solchen Vereines begründet, so erweisen die günstigen Erfahrungen eines nun mehr als zweijährigen Bestandes, daß eine ungemein segensreiche Thätigkeit entfaltet werden konnte. Ueber 80.000 Arbeitnehmer und nahe an 10.000 Arbeitgeber haben sich angemeldet und rund 3000 Arbeitsvermittlungen wurden zustande gebracht. Angesichts des specifischen Charakters des Vereines, angesichts der kurzen Dauer seines Bestandes, angesichts der relativ kleinen Zahl von Arbeitsgelegenheit, die sich unter so exclusiven Verhältnissen bietet, sind die Leistungen dieses Vereines wahrhaft große und für Diejenigen, denen er mit Erfolg helfen konnte, thatsächlich segenbringende gewesen. So befriedigend in dieser Beziehung die Ergebnisse auch gewesen sind, gibt sich doch die Leitung-mit denselben nicht zufrieden, sondern strebt unermüdlich an, die Zahl der Vermittlungen vergrößern zu können Die steigende Zahl der Arbeitsgeber läßt erwarten, daß in immer weitere Kreise die Erkenntniß von der Nützlichkeit und Nothwendigkeit dieser Institution dringt, die erst dann aus der vollen Höhe ihrer Mission angelangt sein wird, bis sie es erreicht haben wird, daß alle Arbeitsbesteller oder Arbeitsgeber jeglicher Art sich ihrer bedienen, wenn sie eines Arbeiters bedürfen. So lange die Verhältnisse andauern, durch welche die selbstständige Organisirung dieser Arbeitsvermittlung bedingt worden ist, muß diese Institution nicht nur erhalten, sondern sie muß immer mehr ausgeweitet werden, sie muß die nachhaltigste Unterstützung aller jüdischen Kreise, aller Gewerbetreibenden, aller Familien finden, weil sie nur so ihrer großen sittlichen und materiellen Aufgabe gerecht werden kann. Wie sich die Dinge in unserem Vaterlande gestalten, haben wir noch keine Aussicht, des jüdischen Arbeitsnachweises entbehren zu können. Nunmehr tritt demnach an die Juden die Pflicht heran, diese hervorragend gemeinnützige Anstalt mit allen Kräften zu fördern. J. L. Der Antisemitismus in den kaufmännische« Kreisen Dentschtands und die Admehrnersnche. Mit den Bestrebungen des deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes beschäftigte sich auch der diesjährige Berbandstag des .Verbandes von Kaufleuten der Provinz Hannover und der angrenzenden Länder.* Aus dem vom Verein herausgegebeuen Protokoll über diese Verhandlungen seien folgende Ausführungen des Berichterstatters Otto Wendlandt-Uelzen hier wiedergegeben: