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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-11-14 · 46 (14.11.1901) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
46 (14.11.1901)
Date
1901-11-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 756 Dr. Bloches Wochenschrift. Nr. 46 wiß nicht abgeneigt, dem Matador der antisemitischen Presse die kleine Freude zu bereiten und jenen schmalen dreieckigen Raum „Vergani-Hos" zu taufen. Kurzer erläuternder Text: „Hier wurden schon Bessere gehenkt/ I s'e g r i m m. Die Ausräubung der armen Juden in Galizien durch die Uni» catholica. Zm österreichischen Abgeordnetenhause brachte Abgeordneter Breiter die Ausbeutung der armen Bevölkerung durch Versicherungsgesellschaften zur Sprache und führte als Schulbeispiel die Unio catholica vor. Bor Jahren wurde mit großem Lärm eine Filiale der Unio catholica in Lemberg gegründet. Nach den Statuten können ihr nur Katholiken angehören. Der jeweilige Erzbischof von Wien ist laut der Statuten Ehrenpräsident. Geschäftsleiter war Baron Kalbermatten. Bersicherungstarife besitzt die „Unio" nicht. So merkwürdig die Statuten aber sind, wurden sie doch vom Ministerium genehmigt, obwohl jeder Sachverständige auf den ersten Blick sehen konnte, daß dies eigentlich keine Versicherungsstatuten sind. Aber die Macht der Protection des Erzbischofs von Wien und anderer clericaler Größen ist stärker als die Standhaftigkeit der Regierung. Es wurden ungeheuere Mengen Druckschriften unter den Bauern verbreitet, auf denen überall die Mutter Gottes, aus einer Mondsichel stehend, und ein Cardinalshut mit verschiedenen Inschriften abgebildet ist. Außerdem hat man zahlreichen Circularen den päpstlichen Segen als Reclame beigedruckt. Die „Unio" hat aber fast ausschließlich jüdische Agenten und Repräsentanten angestellt. Die galizischen orthodoxen Juden wurden versichert und specielle Tarife für die Versicherung der Juden verwendet; denn es handelte sich der „Unio" nur darum, Geld für die leeren Cassen ihrer Direktoren zu bekommen. Wenn bei einem Juden ein Schadensfall sich ereignete, berief man sich auf Punkt 1 der Statuten und man verweigerte einfach die Bezahlung. Redner weist eine Polizze vor, die für einen P i n k a s L. ausgestellt und von einem Agenten i Namens Moses H. vermittelt ist. Auf der Polizze ist der Segen des Papstes für die „Unio" aufgedruckt. (Heiterkeit.) Es wurde eine Menge von Bauern und kleinen Städtern versichert, aus einmal verkrachte die ganze Filiale. Baron Kalb ermatten hat das Geld aus Galizien eingesteckt, die Cautionen der Agenten wurden gestohlen, es entstand ein Scandal, es kam zu einem Proceß, ein gewisser Thumen, der nichts Anderes war als das Werkzeug der Clericalen, wurde eingesperrt, verschiedene clericale Größenaber, wie Baron Kalbermatten, P. Olszewsky, der Advocat Dr. Starzewski, sind gänzlich unbestraft geblieben. Biele von den versicherten Bauern wurden nun durch Bränd'e beschädigt. Die Agenten sagten ihnen, die Gesellschaft sei verkracht und die Polizzen werthlos. Redner verlangt die Vorlage eines allgemeinen Zwangsversicheruagsgesetzes. (Beifall.) Zur Geschichte der Juden in Brünn. Der bekannte Culturhistoriker Dr. W. Schramm veröffentlicht im Brünner „Tagesbote" folgende interessante Notiz (Eine Synagoge in der „Neuen Welt" aus der Krö n a.) Im Jahre 1706 kam es dem Brünner Rathe zu Ohren, daß ern gewisser Salomon Deutsch in dem bekannten Etnkehrgasthause zur „Neuen Welt" eine Synagoge halte. Aus diesem Anlässe kam folgender, die damalige Zeit charakterisirender Beschluß zustande: „Die Juden überfallen zu lassen, die zehn Gebote einzusperren und zu verpetschiren. Herr Heinz, Herr Metzger mit dem Wachtmeister und die Stadtgerichte sollen dies ausführen." Dies geschah am 4. Juni, und am 8. Juni berichteten bereits die Commissäre, „daß mit Aussetzung der 10 Gebot gegen 40 Juden, Manns- und Weibspersonen und der Deutsch inäutus habitu, mithin foimata synagoga befunden, btt 10 Gebot ihnen aber versiegelt worden." Auf diesen Bericht hin wurde beschlossen, dem Salomon Deutsch und dem Juden-sollicttator zu bedeuten, daß den Juden bei einer Strafe von 100 Reichsthalern untersagt sei, auf der Kröna im Wirthshaus oder sonst in Häusern, eine solche öffentliche Zusammenkunft und Synagog zu halten. Deutsch bat nun um Ausfolgung der 10 Gebote und um die Bewilligung, daß ungefähr sechs Personen bei ihm zusammenkommen dürfen. Die 10 Gebote wurden ihm ausgefolgt mit dem Bedeuten, daß er privatim mit seinen Leuten sein Gebet verrichten könne; eine Zusammenkunft mitdenlOGeboten dürfe er jedoch nicht halten, cum res .sapiat synagogam. Zu Ende des Jahres wurde eine Zählung der Juden, welche aus der Kröna wohnten, vorgenommen und die Zahl von 52 Personen constatirt. lieber die Verwilderung des politischen Tones in Oesterreich in der antisemitischen Aera schreibt Fr. Hertz in der November-Nummer der „Social. Monatshefte", Seite 854: „Ein charakteristischer Zug im öffentlichen Leben Oesterreichs ist die anderswo unerhörte V e r p ö b e l u n g. Es ist kaum möglich, dem Auslande verständlich zu machen, wie excessiv die Rohheit, wie erfinderisch die Gemeinheit, wie scrupellos die Lüge und Verleumdung sich in Oesterreich entwickelt, wie sie Rechtsgefühl und politischen Anstand corrumpirt und eine fast unumschränkte Gewaltherrschaft sich erobert haben. Diesen Umgangsformen unseres politischen Lebens fällt eine große Verantwortung für seine Unfruchtbarkeit und Leerheit zu. Sie verhindern, daß sich kenntnisreiche und ehrenhafte Männer der politischen Vertretung des Bürgerthums zuwenden, sie haben dieses dadurch selbst auf das tiefste Niveau politischen Unverstandes gebracht. Bürgerliche Talente, an denen Oesterreich nicht arm ist und die anderswo Zierden des öffentlichen Lebens geworden wären, ziehen es vor, die Beschimpfungen und Verleumdungen, die einem Politiker nicht erspart bleiben, zu vermeiden, und bleiben theils im Privatleben, theils suchen sie ihren Thätigkeitsdrang im Staatsdienst wirksam zu machen. Daher auch die sonderbare Erscheinung, daß wohl keine Bureaukcatineben den unfähigsten, durch Geburt und Protection emporgehobenen Gliedern auch so tüchtige, ehrenwerthe und gesunde Elemente aufweist, wie die österreichische. Ein Vergleich mit dem deutschen Durchschnitt würde wohl nicht zu unseren Ungunsten ausfallen. Das sachliche Argument hat heute im politischen Leben Oesterreichs jeden Werth verloren. Die größten Schreier tragen den Sieg davon. Und das unter der Herrschaft eines Wahlrechts, das ein Hohn aus die Demokratie ist, indem das allgemeine Wahlrecht als Decorationsstück verwendet wird und gerade vorsintfluthliche Formen der Ständevertretung herrschen! Wohl kein Schimpfwort.war aber wohl „österreichischer", als das Dictum des christlich-socialen Wäschehändlers Gregorig, der Professor Philippovich im niederösterreichischen Landtag „Bildungsprotz" titulirte. Ist es nicht angesichts dieser kleinbürgerlichen Schreckensherrschaft erklärlich, daß bei den letzten Wahlen der höchste Richter und größte Jurist Oesterreichs, Josef Unger, gemeinsam mit gewesenen Ministern seinen Stimmzettel offen für den Socialdemokraten abgab? Man erlaube uns nur noch zur näheren Charakterisirung der geschilderten Zustände einigt Zwischenrufe aus dem niederösterreichischen Landtag, wiederzugeben, die meist getreulich in den Protokollen verzeichnet sind.*) Die ch r i st l i ch - s o c i a l e n Abgeordneten : S t e i n e r: Schuft, frecher Bursche, hinausschmeiffen, Gemeinheit, Frechheit. Bergani: Gezahlter Provocateur, elender Denunciant, Spitzbube, Maul halten! u. s. w. Andere christlichsociale Volksvertreter: Schuft, Schurke, Landstreicher, erbärmlicher Gauner, Spitzbub, schlagts ihn nieder! hängts ihn auf! u. s. w. G r e g o r i g : (zu Philippovich): Profefforenprotz, Crowot, Professorenflegel. Schneider: Schönererbagage, Judenknecht, Lausbuben, Schußgeld für Juden. Juden vertilgen. Schöffel: Ganz gemeiner elendiger Mensch, Du armselige Kanaille. Strohbach, Vicebürgermeister von Wien, (im Reichsrath zu Wolf): Dummer Junge, Schandbube, Cognacsäufer, Bordellritter, Buben, Kusch, Hanswurst u. s. w. Abgeordneter S ch n e i d e r (im Landtag zu Kronawetter): Narrischer Tonl. Derselbe: Lausbub, krauperter, Gesindel, Fallot, Rotzkerl, Binkeljud, jüdische Lumpen, Jnsectenknabe, Wl u. s. w. Den Justizm i n i st e r nennt derselbe Schneider einen von Juden bestochenen Lumpen, einen der höchsten Richter, den Hofrath Burkhard, nennt Lueger Spitzbub, Schurke u. s. w. Natürlich alles unter dem Deckmantel der Immunität. Der Antisemit Pfarrer Kröfell-Kloxin wegen Hausfriedensbruchs vor Gericht. Der Pfarrer Krösell aus Kloxin, der als antisemitischer Wanderredner, besonders in Sachen des bekannten Konitzer Mordes, sowie als Veranstalter antisemitischer Versammlungen *) Vide stenographische Protokolle, II. Session, VI1L Wahlperiode, 1.—34. Sitzung und „Neue Freie Presse" oder Wiener „Arbeiterzeitung", Februar—März 1898.

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