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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-11-14 · 46 (14.11.1901) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
46 (14.11.1901)
Date
1901-11-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 46 Dr- Blocht WochrnschrM Seite 755 hohnsprechendes parteiisches Gebühren, weil daraus auf das Vorhandensein der allgemein geltenden Norm geschloffen werden muß, Juden von allen wohlthätigen Stiftungen principiell auszuschließen. Wie käme sonst der Magistrat dazu, wenn er den Stiftbrief nicht gelesen hat, zu verfügen, daß die Stiftungsgelder nur an christliche Witwen vertheilt werden, die einen Taufschein vorzulegen haben? In dem einen wie in dem anderen Falle liegt ein Rechtsbruch vor, der, insoweit es sich um die derzeit ausgeschriebene Summe handelt, für dieses Jahr gar nicht wieder gut gemacht werden kann, weil es in der Bekanntmachung ausdrücklich steht, daß der 14. November 1901 als Einreichungstermin bestimmt wird und daß „mif verspätet überreichte oder nicht gehörig belegte 'Gesuche" keine Rücksicht genommen wird. Wir resumiren also .in aller Kürze den Sachverhalt: Katharina und Lazar Goldstein (!) üben einen Wohlthätigkeitsact zu Gunsten armer Witwen, insbesondere armer Rabbiners- und Lehrers-Witwen. Der Magistrat aber macht daraus eine Stiftung ausschließlich für christliche Witwen, die den Taufschein beizubringen haben. Wir nehmen aus der Bekanntmachung noch zur Kenntniß, daß die Vertheilung dieser Gelder durch den Bürgermeister erfolgt, und sehen dem Zeitpunkte dieser Bertheilung mit lebhaftem Interesse entgegen. * * * Arme jüdische Kinder, die Ihr ein Handwerk lernen wollt — wehe Euch, wenn Ihr das Unglück habt, christlich-socialen Meistern in die Hände zu gerathen! Wisset Ihr, was da Euer wartet? Fraget nur den Gehilfenobmann der Wiener Drechsler- Genossenschaft Herrn Karl Metschl, er wird es Euch sagen. Da liest man alle Tage in den blödesten antisemitischen Blättern den Vorwurf gegen die Juden, daß sie arbeitsscheu sind, daß sie auf Kosten der christlichen Bevölkerung ein üppiges Leben führen, daß sie schachern und wuchern, aber nicht arbeiten wollen, daß sie vor Allem, was Handwerk heißt, einen Abscheu haben. Da befaßt sich nun der Verein zur Förderung der Handwerke inländischer Israeliten damit, Judenkinder dem Handwerk zuzusühren. Hunderte von ihnen bringt er bei Wiener Handwerkern in der Lehre unter, darunter auch bei Drechslermeistern, und er hat damit sehr traurige Erfahrungen gemacht, die ihn veranlassen, beim Gehilfenobmann sich darüber zu erkundigen, ob die Klagen der jüdischen Lehrlinge begründet seien. Der Gehilfenobmann entwirft nun in einem Briefe an den jüdischen Verein eine Schilderung, die nur wenige Zeilen enthält, die aber jedem anständigen und fühlenden Menschen ans Herz greift. Es seien insbesondere „die Metall- und Hylzdrechslermeister, die ihre antisemitische Gesinnung durch die Aüsübung von Rohheitsacten .an den armen hilflosen jüdischen Lehrjungen äußern. Endlose Arbeitszeit, keineSonn tagsruhe, schlechte Kost, grobe, harte Behandlung, mangelhafte Fachausbildung". Wir wollen den Drechslermeistern nicht Unrecht thun und nicht von unserem speciellen Standpunkte aus Separatanklagen -gegen sie erheben, die auch im Namen ihrer christlichen Lehrlinge gegen sie erhoben werden. Es ist ja bekannt, daß ein Theil der Wiener Kleingewerbetreibenden, und zwar sind es diejenigen, die zur Fahne des Dr. Lueger schwören, auf einem beklagenswerth tiefen Niveau der fachlichen Tüchtigkeit und auf einem noch viel tieferen Niveau geistiger und commercieller Bildung steht. Das ist, abgesehen von den großen allgemeinen Ursachen, die das Kleingewerbe in seiner Concurrenz mit den Großbetrieben Niederhalten, mit ein Grund für seinen Niedergang, den der Judenhaß nicht.aufhalten kann. Viele von diesen Meistern leben selbst kümmerlich und darum geben fie häufig ihren Lehrlingen, auch den christlichen, eine Kost, die kaum als Hundefutter gut genug. Wie es mit der Unterkunft der Lehrlinge in vielen Kleinbetrieben bestellt ist, darüber findet man alljährlich in den Berichten der Gewerbeinspectoren haarsträubende Dinge. Daß die Lehrlinge vielfach die Arbeiten der Mägde und Kindermädchen verrichten müssen, ist bekannt. Schlechte Kost, grobe, harte Behandlung und mangelhafte Fachbildung — das Alles wird auch den christlich en Lehrlingen zutheil und Selbstmorde dieser unglücklichen Knaben sind leider keine Seltenheit. Sollen wir .also gerade für die jüdischen Lehrbuben, die das Schicksal ihrer Mitbrüder theilen, das öffentliche Mitleid anrufen? Ja, weil-sie noch unglücklicher sind, als ihre christlichen Brüder, weil zu aller sonstigen Bedrückung und Ausbeutung, die mit der Rückständigkeit und Verkommenheit dieser Meister" verbunden ist, auch noch jener schändliche Haß sich gesellt, den die antisemitischen Volksbetrüger erweckt haben und täglich von Neuem steigern. Wir rufen für diese gequälten armen jüdischen Lehrbuben nicht blos das öffentliche Mitleid an, sondern auch die öffentliche Entrüstung und das Recht. Herr Metschl sagt uns, daß an diesen armen Lehrjungen, diesen Opfern Ernst Schneider'scher Cultur, Rohheitsacte begangen werden, weil fie Juden sind. Wir ersuchen den Obmann des Gehilfenausschusses, jene rohen Menschen zu nennen, damit ihre Namen der öffentlichen Verachtung und ihre Personen dem Strafrichter ausgeliefert werden. * * * Diese Mißhandlung jüdischer Lehrlinge wird von den Anhängern einer Partei geübt, die sich als eine christliche bezeichnet, in Wahrheit aber das Christenthum, durch ihr Gebühren schändet. Den Kleingewerbetreibenden geht es schlecht, und da sie keinen Einblick in die wirthschaftlichen Zusammenhänge haben, war es leicht, sie über die Ursachen des Niederganges irrezuführen, ihnen die Wahnvorstellung beizubringen, der Jude sei schuld an allem N'bel, das sie gedrückt, und so wurden sie denn zum brutalen Judenhaß erzogen. Die Hetzer bleiben straflos; vor den Augen der Behörden darf täglich gegen die Juden zum Haffe, zur Boycottiruug und zur Greuelthat aufgereizt werden in Wort und Schrift. In Deutschland stellen sich die Behörden wenigstens so, als ob sie gegen die berufsmäßigen H tzer einschreiten wollten. Da haben sie vor einigen Tagen ein berüchtigtes Individuum, einen Grasen Pückler, der seit Jahren den Antisemitismus als Sport betreibt, zu einer Geldstrafe von 300 Mark verurtheilt, und zwar „wegen Aufreizung verschiedener Bwölkerungsclaffen in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise". Das geschieht in einem Lande, in welchem wegen Majestätsbeleidigung barbarische Strafen, oft^drei Jahre Zuchthaus, verhängt werden und wo in der vorigen Woche acht Landwehrsoldaten wegen Singens eines Liedes, das auf einen Lieutenant gemacht wurde, zu sechs Monaten Kerkers verurtheilt wurden. Auch ein Mitschuldiger, der das Lied versaffen geholfen, erhielt ein paar Monate Gefängniß. Der Pückler, das ist freilich ein Graf und er hat nicht die Ehrfurcht vor einem Lieutenant verletzt, sondern nur gegen die Juden gehetzt. Mit 300 Mark schützen sie in Preußen den gefährdeten öffentlichen Frieden. * * * Herr Dr. Lueger wünscht, daß das Andenken von Männern die sich um die Stadt verdient gemacht haben, durch die Benennung von Straßen und durch eine dem Namen beigefügte Erläuterung der Nachwelt erhalten bleibe. Wie wir unsere Pappenheimer kennen, die sich nicht blos aus die zeitliche, sondern auch auf die nachweltliche Reclame verstehen, werden di-e Namen der christlich-socialen Größen allesammt durch Straßenbenennüngen verewigt werden, und es wäre dabei interessant, wenn unbefangene Zeitgenossen den erläuternden Text schreiben würden. Herr Bielohlawek erklärte erst dieser Tage, wir dürfen Alle stolz darauf sein, Zeitgenossen des Dr. Lueger zu sein. Herr Bielohtawek ist kein Abgeordneter mehr, er ist nur mehr Stadtrath und „Zeitgenosse". Aber-auch wir sind Zeitgenoffen des Dr. Lueger, sind aber nicht stolz darauf und denken uns den erläuternden Text zur Tafel: „Dr. Lueger-Straße" folgendermaßen: Dr. Carl Lueger, anfänglich Demokrat mit jüdischer Busennadel, später clericaler Antisemit, war viel zu lange Bürgermeister. Unter seiner Verwaltung wurden die Finanzen der Stadt zerrüttet, die Bürgerschaft verhetzt, zahlreiche Geschäftsleute gingen zu Grunde. Die Straßen der Stadt befanden sich in einem Zustande . . . (Fortsetzung siehe Lueger-Hof, Lueger-Platz. Lueger- Boulevard, Lueger-Avenue in den Bezirken I—XX.) Die Verewigung des Josef Strobach auf einer Gtraßentafel wird den Wienern wahrhaftig nicht erspart , bleiben; als erläuternder Text dürften die Worte genügen: „Dick end, grob". Auf diesem Wege dürfte so manches, Herrn Dr. Hueger theueres Haupt der nachweltlichen Werthschätzüng. erhalten bleiben. Da wiffen wir beispielsweise einen von der' Außenwelt ahgegrenzten schmalen dreieckigen Hof, von hohen Mauern umgeben, nur bei besonders feierlichen Anläffen dem Publicum zugänglich, und weil die Vorschrift lautet, daß bei diesen Gelegenheiten achtbare Männer Zutritt finden dürfen, hat Ernst Bergani sich eines Tages um Einlaßkarten beworben und sie zu seiner angenehmen Ueberraschung auch erhalten. Seitdem hält er sich für einen achtbaren Mann, kann aber für diese Ansicht in Wen nicht die Majorität erlangen, weil den Leuten nicht bekannt ist,.chaß er jene Eintrittskarten bekommen hat. Herr Dr. Lueger wäre ge-

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