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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-11-08 · 45 (8.11.1901) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
45 (8.11.1901)
Date
1901-11-08
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 750 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 45 Wenige Minuten darauf erschien der Mann in der düstern Uniform, ein ehemaliger Corporal, mit harten Zügen, einen großen klirrenden Schlüsselbund in der Hand. „Sie haben", redete ihn der Adjuncl an, „unter Ihren Gefangenen einen jungen Menschen — es kostete ihm eine große Anstrengung, den Namen auszusprechen — Namens Pereles?" „Jawohl, Herr Adjunct; seit Monaten." „Ich führe jetzt die Untersuchung. Sie werden morgen Früh um neun Uhr den Gefangenen vorführen." „Ganz wohl, Herr Adjunct." „Kennen Sie diesen Häftling?" „Freilich, Herr Richter." „Was ist das für ein Mensch?" „Ein dummer Kerl, Herr Adjunct." „Was macht er die ganze Zeit?" „Er betet, fastet und dient zum Zeitvertreib der Andern." „Kommt Jemand zu ihm?" „Nicht eine menschliche Seele. Das Essen wird ihm aus einer jüdischen Restauration gebracht; wer es bezahlt, weiß ich nicht/ „Schon gut; ich wollte Einiges über ihn wissen, bevor ich morgen das Verhör vornehme. Auf neun Uhr also." Mit wirbelndem Kopfe und rathlos ging Alexander nach Hause, um diesen tragischen Fall seiner Frau mitzuth eilen, zu deren Verstand and Herzen er volles Vertrauen besaß. Diese wußte von der Existenz eines Sohnes aus erster Ehe und verargte es sogar ihrem Gatten, daß er sich niemals um das Schicksal desselben erkundigte. Dieser lehnte es jedoch immer ab. „An wen und wozu soll ich schreiben?" erwiderte er jedesmal. „Der Schwiegervater ist todt, der gute Pfarrer lebt nicht mehr; der brave Lutwak ist längst fort und an meine ehemalige Frau mag ich nicht schreiben, sie würde auch nicht antworten. Und Einfluß hätte ich auch keinen; im Gegentheile, es würde just das geschehen, was ich verhüten wollte." So blieb der Vater in vollständiger Unkenntniß über das Befinden und den Lebensgang seines Sohnes, der sich ebenso wenig um den Vater kümmerte, von dem er nicht wußte, ob er überhaupt noch am Leben. Zeit und Entfernung lockern auch die Bande der Natur, zumal sie so schwach waren. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Luach Achiasaf für das Jahr 5562, 1901/2 9. Jahrgang. Verlag „Achiasaf", Warschau. VI. 438 S. Eigentlich paßt zu diesem umfang- und inhaltsreichen Werke der Titelname „Kalender" nicht ganz. Es sollte vielmehr „Literarisches Jahrbuch" heißen. Schon seit längerer Zeit ist es üblich, jedem Kalender außer dem Kalendarium noch einen literarischen Beitrag für Unterhaltung und Belehrung bekzufügen. Aber meistentheils enthält solcher Kalender nur Seichtes, Leichtfaßliches, Unstichhältiges, kurz Solches, was wir gewöhnlich „Eintags-Lectüre" zu nennen belieben, die blos dazu da ist, um Langeweile zu vertreiben, eine Mußestunde zu tilgen, eine Wintergesellschaft aufzuheitern und um mehr zu unterhatten als zu belehren. Der Achiasaf-Kalender unterscheidet sich hingegen von allen anderen, indem er ein Volksbuch im wahrsten Sinne dieses Wottes ist, welches Herz und Kopf zugleich Rechnung trägt. Er enthalt belletristische und kulturhistorische, wissenschaftliche und ltterarische Beiträge aus der Feder der namhaftesten hebräischen Schriftsteller, die den Leser durch den Scharfsinn ihres Geistes oder durch die Eleganz ihres Styles zu fesseln verstehen. Auch die Ordnung ist eine musterhafte. Das soll an dieser Stelle ganz separat diesem Kalender nachgerühmt werden. Manche Kalender-Herausgeber theilen die literarischen Arbeiten, wie die Zoologen das Thierreich in der vordarwiuischen Zeit, in gesondette Elasten und Arten: die wissenschaftlichen Aufsätze werden durch ein dazwischengedrucktes Titelblatt von den belletristischen geschieden, die Prosa von der Poesie. Im Achiasaf- Kalender löst ein schwungvolles, in lyrische Empfindsamkeit sich ergießendes Gedicht ein trockenes, culturhistorisches Essay ab, eine humorvolle, Gemüth erheiternde Erzählung eine empirisch-philosophische Abhandlung. So soll es auch sein. Dies Verfahren läßt den Leser nicht ermüden. Das heißt, nach der Arbeit den Erholungstrank reichen. Die neuhebräische Ltteratur ist noch so jung, kaum den Kinderschuhen entwachsen, und junge Neuhebräer verstehen es bereits, Wochen- und Monatsschriften, Jahrbücher und Kalender zu redigiren, die vor solchen in europäischen Sprachen sich absolut nicht in den Hintergrund verkriechen dürfen. Das ist ein gutes Zeichen, läßt viel Ersprießliches von der Zukunft erwarten. Schon der Anfang klingt gut. Er beginnt mit einem witzreichen, in mancher Hinsicht auch lehrreichen Gedichte: einem Briefe, gerichtet au den Achiasaf-Kalender nebst Antwott. Es ist dies eine bissige Satyre auf alle neuzeitlichen Strömungen im Judenthume, auf wirthschastlichem, sowohl als literarischem Gebiete, von dem utopischen Zionismus einiger Schwärmer bis;um neuen Curs der Decadenten. Man muß mit den Strömungen des letzten Jahrzehnts vertraut sein, um das Witzelnde und Stichelnde, aus welchem eine beißende Ironie Frischmann'scher Observanz herauslugt, mit einem gewissen Grade innern Genusses herausfinden zu können. — „Krieg im Frieden" betitelt sich ein culturhistorisches Essay aus der Feder des bekannten Culturhistorikers Dr. S. Bernfeld. Dr. Vernfeld ist wohl in der Jetztzeit der Einzige, der auf dem noch immer unergründeten und nicht genügend bearbeiteten Gebiete der jüdischen Geschichte und seiner Cultur etwas Großes zu leisten sich vornimmt. Man sieht ihn darauf Hinsteuern, ein jüdischer Ranke zu werden, zu welchem ihm auch die günstige Gelegenheit, da ihm doch kein Zweiter gleichthut, verhelfen wird. Zwar wird diese jüdische Geschichte, wie jedes Riesenwerk, das einer einzelnen Kraft zur Ausführung überlassen wird, manche Mängel aufzuweisen haben. Aber er wird das Fundament legen, zu dessen Weiterbau künftige Gelehrte das Ihrige beizutragen haben werden. Auch in diesem Essay führt uns Bernfeld ein Stück jüdischer Culturgeschichte, von Esra und Nehemia bis nachhasmonäischer Zeit, vor und sucht aus den gegebenen Thatsachen heraus die Ursache ausfindig zu machen, die den Ausiösungsproceß der politischen Selbstständigkeit herbeiführte. Er weist nach, daß die Wechselwirkungen mehrerer Individualitäten mit divergirenden Schattirungen, jedoch in einem einzelnen Punkte auf's Innigste vereinigt, eine Cultur schaffen, hingegen extremer Individualismus, der, selbst wo es sich um die natürliche Entwicklung der Allgemeinheit handelt, keine Concessionen sich machen läßt, eine solche zugrunde richtet. Durch eben solchen extremen. Individualismus, führt er aus, ist die politische Selbstständigkeit des jüdischen Volkes in Stücke gegangen. — S. L. Citr o n liefert einen sehr beachtenswerthen Artikel a. T. „Zur Erziehung des Volkes", ein Capitel zur jüdischen Pädagogik. Anlehnend an Pestalozzi kommt er zum Schluffe, daß Schule und Buch die Grundelemente der Erziehung der Jugend bilden. Schule und Buch müssen darauf bedacht sein, in den Herzen der Jugend neben den individuellen auch sociale Jnstincte wachzurufen. Wollen wir uns ein Volk erziehen, so müssen wir bei der keimenden Generation anfangen: wir müssen die Schule reformiren, eine neue Lehrweise einführen; die Bücher sollen solchen Lehrstoff enthalten, die Liebe zum Volksthum, Aufopferungsfähigkeit für dasselbe im jungen Herzen lebendig zu machen im Stande sein; auch die Kinderspiele sollen eines nationalen Charakters nicht entbehren. Zu diesem überaus wichtigen Punkte habe ich den Vorschlag zu machen, eine für die erwachsene äugend unter dem Gesammttitel Oiboro hä—am periodisch erscheinende Collection, nach der Art der in Berlin vom Verlage „Aufklärung" herausgegebenen Hefte „Helden der Menschheit" — herauszugeben.*) Herr I. Klausner rollte das alte Thema über Gelehrsamkeit und Intelligenz „geistige Vervollkommnung und moralische Erkenntnis" auf. Man kann durch und durch gelehrt sein, ohne darum intelligent sein zu. müssen. Man kann einen erheblichen Vorrath von fremden Ideen sich angeeignet haben, ohne irgend welches Ideal zu besitzen. Man kann alle Moralisten gelesen haben, ohne selbst moralisch zu sein. Hiezu bedarf es einer selbstständigen geistigen Centralisation aller fremden und eigenen Ideen, um auf diese Weise im Innern eine moralische Erkenntniß zu erzeugen, der sich alle seinen Handlungen anpassen sollen. Der Schritt muß vom Objektiven zum Subjektiven gemacht werden. Aus den Betrachtungen des Realen soll sich das Ideal entwickeln. Der Raum erlaubt es mir nicht, den ganzen Gedankenschatz ,dieses gedankenreichen Geistes hier wiederzugeben, ich müßte sonst den ganzen Artikel hiehersetzen. Weiters verdienen hier Erwähnung: die in classischem Hebräisch geschriebenen, überaus interessanten „Reminiscenzen" A. S. Friedberg's, die uns die Uranfänge der -zionistischen Bewegung und den Enthusiasmus, den dieselbe hervorrief, schildern; die „Splitter" A. Schulmann's, die uns etwas über jüdische Dämonologie, jüdische Dichtung, jüdische Bücherw ü r m e r e i zum Besten geben; ferner die kurze Abhandlung über das hebräische Alphabet und dessen Zahlenwerth und die Geistergespräche vom bekannten M. L. L i l i e n b l u m. Von den belletristischen Beiträgen sind besonders hervorzuheben: A. Singer's Erzählung „Der letze Trost". Eine fesselnde und rührende, fast auf die Thränendrüse einwirkende Schilderung des traurigen Lebens einer verlassenen Frau, deren Gatte infolge schlechter Lebensverhältnisse nach Amerika reist, in der Hoffnung, daselbst sein tägliches Brot verdienen zu können. Nach einer zweijährigen ununterbrochenen Correspendenz verstummt er plötzlich, ohne von sich ein Lebenszeichen mehr zu geben. Ein blondlockiges, rothwangiges und blauäugiges Mädchen, das Liebespfand ihres lebendig begrabenen Gatten, bildet den einzigen Trost dieser einsamen, kummervollen Frau. Aber der „Himmel kennt kein Erbarmen" und der Verfasser ist so grausam, das Kind und die Mutter sterben zu lassen und weiß uns vom traurigen Ende des Mannes nichts zu berichten. Die Skizze ,,'vv" von S. Ben-Zion ist traurig aber wahr. ^5N den grellsten Farben schildert er uns das Eheleben eines jungen Mannes, der eher zum Dichten und Philosophiren als zum Holzhandel und Buchführung veranlagt ist. Die zweite Ehehälfte ist sein Gegentheil, sie kennt nur das Geldverdienen und verhöhnt allen Bücherkram. *) Helden der Menschheit. Verlag „Aufklärung". Berlin W. 35, Prers pro Heft 20 Pf.

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