Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 45 (8.11.1901)
- Date
- 1901-11-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 45 Dr. Blach's Wochenschrift. Sette 74g beeinflußen ließ. Sein ältester Adjunct war ein Pedant erster Gilde, der im Amte pünktlich wie ein Chronometer um neun Uhr erschien, bis zehne seinen Gehrvck gegen den Amtskittel vertauschte, seine Schreibrequisiten, die er unter sorgfältigem Verschlüsse hielt, auskramte, die Federn probirte, die Pfeife stopfte und sie am offenen Fenster rauchte. Von zehn bis elf Uhr Acten las und Cigaretten wickelte, und von da ab bis zwölf Parteien vorließ, die auf neun Uhr Morgens vorgeladen waren, somit zwei Stunden, Winter wie Sommer, im Vorhause warteten, in welchem sich zu diesem Zwecke eine lange Holzbank befand. Nachmittags war der Herr Richter höchst selten in der Verfassung, des Amtes zu walten. Der zweite Adjunct war ein Graf, der Sohn eines Reichsabgeordneten, der bei jeder parlamentarischen Krisis die Hand nach einem Ministerportefeuille ausstreckre, fouttt vor einer offenen und ebenen Carriere stand und fast immun war; überdies der hübschen, ziemlich reifen Tochter des Amtsvorstehers den Hof machte und in der Familie die Hoffnung erweckte, daß die blondhaarige und blauäugige Hedwig in nicht mehr ferner Zeit Gräfin Lekarska werden würde. Ein solch gestellter Beauter müßte nicht jung, nicht gescheidt sein, wenn er arbeiten würde; reicht doch die Zeit vom späten Morgen bis später Nacht kaum hin, um Toilette zu machen, Hof zu machen, zu kutschiren, zu reiten, zu diniren und zu soupiren; gewiß gebieterische Nothwendigkeiten des Lebens. Man verkehrt doch angenehmer mit den adeligen Cavallerieofficieren der kleinen Garnison und mit den hübschen Töchtern der Beamten und der benachbarten Gutsbesitzer, als mit Dieben, Schmugglern und Betrügern, die der Untersuchung harren. Nichtsdestoweniger gestattete Graf Lekarskl dem Herrn Bezirksrichter, ihm einige Referate zuzuweisen, die der junge, arbeitswillige Edelmann von seinem noch jüngeren Auskultanten machen ließ und ohne zu lesen unterschrieb. War es ein Unsinn, so beutelte man den Auseultanten, der der Sohn eines Schusters war und keinen Anspruch aus zarte Behandlung machen konnte. Als Alexander in das Amt eintrat, war er sofort mit Arbeiten für eine geraume Zeit liebreich versorgt, indem ihm fast alle Rückstände zugeschoben wurden, die sich auf seinem Tische zu einem grauen, moderig duftenden Berge thürmten. Er wurde das Lastthier, das Zugvieh seines Gerichtes und daher von seinen Cvllegen das »jüdische Kameel" geheißen, die Nichtslhun für vornehmer hielten; aber Adjunct Perlowski gehörte nicht zur vornehmen, begünstigten Claffe und hielt es für seine Pflicht, die ihm gewordenen Zuweisungen aufzuarbeiten, ohne sich um die hämischen Witze seiner Amtsgenoffen zu kümmern, die ihn für einen Streber, für einen ehrgeizigen Menschen hielten, der über ihre Köpfe emporklettern möchte. Sie mußten seinen Fleiß und seine Tüchtigkeit anerkennen, aber leiden mochten sie ihn nicht und hänselten ihn bei jeder Gelegenheit, besonders der alte Adjunct, ein roher Mensch mit plebejischen Manieren, pflegte ihn nach einem ausgiebigen Trünke im jüdischen Jargon anzureden, den er so correct wie ein Dorfjude sprach, und ihn überflüssigerweise näselte. Alexander wies ihn mit Entrüstung zurück, obschon er wußte, daß es im unzurechnungsfähigen Zustande geschehe und wieder geschehen werde, da dieser Zustand häufig genug wiederkehrte. Aber mit gleicher Entschiedenheit, wie die Hänseleien seiner Cvllegen, wies er die heuchlerische Freundlichkeit und die Versuchungen der Gutsbesitzer zurück, die sich ihm näherten, so oft ein Proceß von ihnen in seiner Hand lag. Mit äußerster Rigorosität wich er jeder Annäherung und Aufmerksamkeit aus; er wußte, daß ein jüdischer Beamter jeder noch so entfernten Verdächtigung vorsichtig aus dem Wege gehen müsse, daß er mehr als jeder Andere von Neid, Bosheit, niedriger Gesinnung und Verleumdung umlauert wird. Freundlich, gefällig, aber kühl und reservirt, ging er einsam seinen Weg, den. Weg der Pflicht und arbeitete unverdrossen im tiefen Schachte der Rückstände, eine Notorität seines Bezirksgerichtes. Eines Tages fand Alexander seinen Vorgesetzten in großer Aufregung. »Denken Sie sich", sagte er ihm, »diese Gemeinheit von irgend einem jüdischen Winkel sch reib er, bei der Oberbehörde Beschwerde zu führen, daß wir einen Menschen, der der Fälschung öffentlicher Creditpapiere beschuldigt ist, längere Zeit in Untersuchungshaft behalten, ohne vorwärts zu kommen. Die Herren oben glauben, daß wir hier spazieren gehen und echauffiren sich, wenn so ein Kerl noch einige Monate seines unnützen Lebens hier zubringt! Je länger solche Leute sitzen, desto beffer für die Menschheit. Dies sieht so ein verschrobener Oberlandesgerichtsrath nicht ein. Also machen wir ihnen den Gefallen und erledigen wir vor Allem den urgirten Gegenstand, den ich Ihnen hiermit dringlich auftrage." »Aber Herr Gerichtsvorsteher, Sie wiffen doch, was Sie niir bereits zurheilten —" „Ja wohl, aber es muß sein. Auf Herrn Sicherowski ist nicht viel zu rechnen, er ist ein Trinker, ein Stänkerer und ein Faulpelz, man muß ihn nehmen, wie er ist; nur noch drei oder vier Jahre und er kann, nach vollendeter vierzigjähriger Dienstzeit, gehen. Den Herrn Grafen kann man nicht brüskiren, sein Vater ist Abgeordneter, er selbst kann es morgen werden. Es ist ja eine große Liebenswürdigkeit von solchen Herren, bei uns zu dienen, sie bilden ja im Status der Gerichts- und politischen Behörde unsere Zierde und müffen sehr schonend behandelt werden, sonst kommt man in Verruf, ein Demokrat zu sein und da hat man im Polenclub lauter Feinde. Also, lieber Herr Adjunct, laffen Sie Alles liegen und stehen und machen Sie sich an die Affaire der falschen ruffischen Rubel. Es ist dabei wohl auch ein russischer Orden zu verdienen." »Ist nicht mein Ehrgeiz, Herr Vorsteher. Aber wenn Sie befehlen —" „Ja, ich muß sehr darum bitten. Lassen Sie dagegen Andere warten, so lang Sie wollen. Wenn Sie einen Bauer zwei Jahre in der Voruntersuchung sitzen lassen, sagt er kein Wort. Wir haben hier Einen, dessen Acten in Verstoß gerathen — natürlich waren sie in der Hand des Herrn Sicherowski, der sich sogar erinnern will, einen Einsts llungsantrag gestellt zu haben — und der Kerl wartet geduldig auf die große Räumerei, wo sich sein Fascikel finden dürfte. Neulich srug ich ihn bei der Visitation, ob er schon hinaus möchte. „Es hat keine Eile", erwiderte er, »was soll ich denn zu Hause machen? Mich von meinem Weibe schlagen und verhungern laffen?" „Ist schon in der Angelegenheit der falschen Rubel was geschehen?", frug der Adjunct. „Aber noch gar nichts, es war ja nicht so brennend. Das erste Protokoll und der Polizeibericht, alles Uebrige machen Sie. Die beschlagnahmten dreitausend Rubel befinden sich bei mir und können Sie sie im Laufe der Untersuchung beheben." Dr. Perlowski nahm die Papiere und ging, bereichert um eine weitere Criminalaffaire, in sein Bureau. Kaum aber warf der Richter einen Blick in die wenigen Blätter, als ihm ein Ausruf jähen Schreckens entfuhr, das Blut aus Wangen und Lippen wich und die Augen fast aus den Höhlen traten. Zwei, drei, vier Mal las er die Aufschrift, deren einzelne Buchstaben wie boshafte Kobolde vor ihm tanzten — immer las er dasselbe: der des Handels mit falschen Rubeln beschuldigte, in Haft befindliche junge Mensch hieß Chaim Pereles — mitangeklagt des Verbrechens war Esther Pereles, die sich der Haft durch die Flucht entzogen — sein eigener Sohn, seine ehemalige Frau! „Großer Gott! Ist dies möglich!", rief der arme Mann jammervoll und rang die Hände. Aber es stand unerbittlich vor ihm, in festen, leserlichen, unverwischbaren Zügen, daß ein entlassener Propinationsschreiber vor seinem Abgang der Polizei die verbürgte, durch Beweise erhärtete Mittheilung machte, daß sehr oft an die Frau Esther Pereles durch die Post oder fremde Personen Geldsendungen gelangten, die falsche ruffische Reichsschatzscheine enthielten, mit welchen entweder Frau Pereles oder deren Sohn Chaim nach Rußland zu reisen pflegten, wo die Falsificate umgesetzt oder bei Getreideeinkäufen verausgabt wurden; daß die Frau Pereles Wind bekommen und sich geflüchtet habe, während der junge Pereles bei seiner Rückkehr aus Rußland ergriffen wurde und man bei ihm bei einer Leibesvisitation dreitausend Rubel in Bankbillets gefunden. Ein Zweifel an der Identität war ausgeschlossen. Es war ein harter, schwerer Schlag für Alexander, der ihm die Besinnung raubte. »Großer Gott! Großer Gott!", winselte er, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. An ein Arbeiten war nicht zu denken; es duldete ihn nicht einen Moment an seinen Schreibtisch, halb wahnsinnig rannte er im Zimmer herum. Erst nach einer Weile läutete er dem Amtsdiener. »Wenn der Gerichtsvorsteh-r nach mir fragen sollte", sagt er ihm. »so sagen Sie ihm, daß ich wegen heftiger Kopfschmerzen nach Hause gehen mußte. Schicken Sie mir noch den Gefangenaufseher."