Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 45 (8.11.1901)
- Date
- 1901-11-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021431--11289-3035818- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 746 Dr Bloches Wochenschrift. Nr. 45 Ad. Oppenheimer, Gotth. Utitz und Mvr. Theodor Weltsch wieder-, die Herren Carl Eisler und Richard Petschek neugewählt, dann als Ersatzmänner Herr Hermann Freund (neu) und die Herren Philipp Herschmann (Beneschau). Victor Sch lein (Teplitz), Ällvr. Filipp Stern und Leop. Thor sch (Schlan). Die Revisoren Herren Carl Flammerschein, Ignaz Karpeles, Siegmund Löwy, Siegmund Springer und Michael Wien wurden per acclawationern wiedergewählt. Prag. (Dr. Rieger über die Juden.) In einer Zuschrift an die Redaction der „Oeslry -lickovske Listy“ schreibt Herr Dr. Rieger: »Ich versichere auf mein Ehrenwort, daß ich von jeder Racenfeindschastgegenüber den Juden frei bin, daß ich immer bestrebt bin, den Juden gegenüber gerecht zu sein, daß ich wünschen würde, die Juden mögen aufhören, sich in unserem Vaterlande als Fremde zu betrachten. Ich glaube noch immer, daß sie unsere politische Stellung stärken würden, wenn sie wenigstens in dem Maße, indem sie durch ihr Talent und mit ihren Mitteln die Bestrebungen der Deutschen fördern, für unsere Nationalität eintreten würden. ... Ich halte dafür, daß, so oft bei uns eine Art Antisemitismus zum Vorscheine kam, er nie einen so grimmigen und doktrinären Charakter angenommen hat, wie er ihn bei den Deutschen zu tragen pflegt. Es hat sich oft bei Wahlen und Vertretungen in gesetzgebenden Körperschaften gezeigt, daß unsere jüdischen Freunde bereitwilligst gewählt wurden. Wo immer die Juden bei der Verth e id i gun g unserer Nationalität auf unsererSeite stehen werden, werden sie bald zur Ueberzeugung gelangen, daßsiemanchesVorurtheilundjedeAntipathie verschwinden machen, daß sie vielmehrvonuns geliebt und geschätzt fein werden. . . / Preßburg. (Dr. Funk, Rabbiner der israelitischen Religionsgemeinde alsDocentfür neuhebräische Literatur an der lutherisch-theologischen Akademie in Preßburg.) An der lutherischtheologischen Akademie, der einzigen lutherisch - theologischen Hochschule der ungarländischen Protestanten, docirt semitische Philologie Profeffor Hornyanszky. einer der besten Schüler Smend's und Wellhausen's. Professor Hornyanszky hat nun zum Beginne des diesjährigen Schuljahres dem Profefforenkörper anheimgestellt, daß es in besonderem Jnteresie des Rufes und des Prestiges der theologischen Akademie wäre, wenn den ins Leben hinaustretenden Pastoren nebst der Kenntniß der alttestamentlichen Literatur während ihres Studienganges auch Gelegenheit zur Kenntniß des nachbiblischen Judenthums und seiner Literatur geboten werde, zumal Dr. Funk, Rabbiner der israelitischen Religionsgemeinde, welcher den Religionsunterricht in Bezug auf die nachbiblische Geschichte und Literatur — wie es die alljährigen Schulprüfungen gezeigt — auf ein höheres Niveau gebracht hat, eine sehr geeignete Kraft wäre, da auch Dr. Funk durch seinen persönlichen toleranten Charakter diesem Ansuchen gerne Folge leisten werde. Der Intervention Prof. Hornyanszky's zufolge hat nun Dr. Funk die Vorlesungen begonnen, u. zw. in diesem Semester „Sprüche der Väter" und „Theorie der talmudischen Exgetik." M. Ehrenthal Lehrer der israel. Religions gemeinde. Budapest. (Antisemitische Strömungen im Budapester Rathhause.) Im Rathhause der Haupt- und Residenzstadt Budapest machen sich neuestens antisemitische Strömungen geltend, die, anfänglich gar nicht ernst genommen, schon jetzt böse Früchte zeitigen. Die Strömungen gehen vom Magi st rate aus, der in der Vorwoche die Repräsentanz förmlich überrumpelte, indem ein ganz geheim vorbereiteter Antrag, der Grazer Lazzaristencongregation zu Zwecken einer in der Hauptstadt zu erbauenden Kirche und eines K l o st e r s eine Subvention von 100.000 Kronen zu votiren, in der Generalversammlung durchgepeitscht wurde. Gegen diesen Beschluß hat nun am 4. November der Abgeordnete Karl Eötvös einen Recurs an den Minister des Innern eingebracht. In sieben Punkten erbringt Eötvös den Nachweis, daß die Repräsentanz unüberlegt und übereilt gehandelt und sich auf ein gefährliches Gebiet begeben habe, indem sie ihre Hand bietet, die Einwanderung fremder Orden in die Hauptstadt zu ermöglichen.- Zum Schluffe seines Recurses macht Eötvös Anspielungen auf die antisemitischen Strömungen im Stadthause und fajjt: „Nur die Achtung vor der Generalversammlung hält mich davon ab, gegen den gravaminösen Beschluß noch mehr und noch schwerwiegendere Gründe anzuführen. Auch soviel erachte ich für genügend und bitte um Annullirung des Beschlusses/ — Am selben Tage, da Eötvös diesen Recurs einreichte, beschloß aber die Hauptstadt, dem Philharmonischen Verein, der ersten künstlerischen Vereinigung des Landes, mit Hinweis auf die ungünstige Finanzlage der Hauptstadt, die jährliche Subvention von 3000 Gulden zu verweigern. Der Verein zählt eine überwiegende Anzahl Wiener zu seinen Mitgliedern. Oedenburg. In der letzten Nummer dieses Blattes wurde mit trockener Objectivität festgestellt, daß an all dem seit vielen Jahren betriebenen Unfug in der Bau- und Bodencreditbank kein einziger Jude activ betheiligt war. Seither hat sich eine Unmasse von verbrecherischenThaten bei dieser rein christlichen Bank herausgestellt. Glücklicherweise läßt sich nicht die entfernte st e Verbindung aller dieser Verbrechen auch nur mit einem einzigen Juden oder Judenst ä m m l i n g behaupten. Nichtsdestoweniger hat sich a n t isemitische Schurkerei der Sache mit der ihr eigenen Unverschämtheit bemächtigt. Der racen stolze, ur arische, römisch-katholische Director Schladerer wurde obducirt. Bei dieser Gelegenheit wollte der judenliberale, christlich-social-antisemitischeStadtPhysikus Dr. Greilinger in das Protokoll die Bemerkung hineinfälschen, daß Schladerer ein geborener Jude gewesen wäre. Nur mit dem Aufgebote der größten Energie konnte der zweite städtische Arzt Dr. Schönberger dies verhindern, indem er ein jedes einzelne Commissionsmitglied vom Vorhandensein des Präputiums überzeugte und gegen eine etwaige Fälschung des Protokolls in geeigneter Weise protestirte. Effegg. Am 6. d. M. fanden hier die Wahlen für den croatisch-slavonischen Landtag statt. Im vierten Wahlbezirk Essegg-Oberstad.t candidirte die Nationalpartei (liberal) den croatisch-slavonischen Minister am ungarischen Reichstage, Se. Excellenz Herrn Ervin v. Cseh, dessen Wahl einstimmig erfolgte. Im fünften Wahlbezirh'Essegg-Unterstadt candidirte die Nationalpartei (liberal) den bisherigen, sich der herzlichsten Sympathien erfreuenden Abgeordneten Herrn Ivan v. Adamovich. j Ein kleines Häuflein Wähler, das sich bei jeder, welchen Namen immer führenden Wahl bemerkbar macht, stellte in der Person des hiesigen Advocaten Dr. Carl Neumann einen Gegencandi- , daten mit dem Programm der coalirten Opposition, sprich magyarenfeindlich, clerical-antisemitisch, auf, jedoch vergeblich, da der j größte Theil der Wähler viel zu intelligent ist, um sich mit dem 1 Programm der coalirten Opposition zu identificiren und welche, l nebenbei bemerkt, bis heute mit ihrem Programm noch keine , Katze aus dem Ofen zu locken vermochte. R? Bukarest. (Darlehensbanken in Rumänien.) Man geht mit der Absicht um, in Rumänien Darlehensbanken für jüdische Handwerker und Arbeiter zu begründen, die den Handwerkern den Erwerb von Werkzeugen und Materiah den Dorfbewohnern den Ankauf von Kühen ermöglichen sollen. In Galizien und anderwärts haben solche Bankinstitute sehr segensreich gewirkt, und für Rumänien ist die Situation augenblicklich günstig, weil eben jetzt angemessene Leitung und Aufsicht für solche Banken vorhanden ist und die schlechte Geschäftslage eine wirksame Unterstützung der armen Juden erfordert. Für den Anfang sind nach deutschem Geld nur 30.000 Mark erforderlich. Davon gibt die Alliance Israelite Universelle 10.000 Mark; weitere 10.000 Mark sind in Frankfurt a. M. aufgebracht worden, und die dritten 10.000 Mark will Herr Claude Montefiore in London flüssig machen. In der letzten Sitzung der Anglo Jewish Association in London, deren Präsident er ist, sagte Herr Claude Montefiore, indem er zu Beiträgen für diesen guten Zweck aufforderte: „Die Führer der englischen Juden haben im Vergangenen Jahre am lautesten gegen die regellose und unvernünftige Auswanderung der rumänischen Juden protestirt, an ihnen ist es auch, der Alliance Israelite in dem Bestreben behilflich zu sein, den darbenden Juden in ihrer rumänischen Heimat ein menschenwürdiges Dasein zu schaffen. Es ist ja sehr schön, wenn wir über das traurige Los der Armen betrübt sind; aber, wie der Amerikaner zu sagen pflegt: „Für wieviel sind Sie betrübt?" Herrn Claude Montefiore sind bereits verschiedene Beiträge für seine Sammlung zugegangen.